Teilen

Der Schulstart stellt ­die Inklusion auf die Probe

Lesedauer: 8 min
Für Kinder mit besonderem Förderbedarf und ihre Eltern ist der Übertritt in die ­Primarschule eine grosse Herausforderung. Damit dieser Schritt gelingt, braucht es klare Strukturen, eine offene Kommunikation und Menschen, die zusammenarbeiten.
Text: Michaela Davison

Bild: Kyla Ewert

Herzlich willkomme i oisem Chreis, i oisem Chreis, wo jede weiss: Ich ghöör dezue und du ghöörsch au dezue.» Die Kinder stehen im Kreis, singen Lieder von Andrew Bond und begleiten den Text mit Gebärdensprache – gemeinsam, konzentriert und ganz im Moment.

«Es war fast magisch», erinnert sich Kathrin Rüegger, ­Dozentin an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) Zürich, an diesen Augenblick im Kooperationskindergarten Schwamendingen ZH. «Alle Kinder konnten auf ihre Art mitmachen und so teilhaben.»

Solche Bilder gelebter Inklusion prägen die ehemalige schulische Heilpädagogin bis heute. Die Zusammenarbeit zwischen Regel- und Sonderpädagogik ist eines ihrer zentralen Arbeitsfelder an der Hochschule. Im Fokus steht die Frage: Wie können Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam lernen?

Hier spielt die integrative Förderung (IF) eine zentrale Rolle. Sie bietet Kindern mit besonderem Unterstützungsbedarf gezielte Begleitung im Schulalltag. IF-Lehrpersonen fördern individuell, arbeiten eng mit Klassenlehrpersonen zusammen und beraten Eltern sowie Fachstellen. Das gemeinsame Ziel: Jedes Kind soll, unabhängig von seinen Voraussetzungen, bestmöglich in die Klasse eingebunden werden.

Stabilität auf Zeit

Der Übergang vom Kindergarten in die Primarschule ist für alle Kinder ein Schlüsselmoment, besonders für jene mit Förderbedarf. Kathrin Rüegger weiss aus Erfahrung, wie entscheidend das Zusammenspiel zwischen Schule und Elternhaus in dieser Phase ist. Was im Kindergarten noch gemeinsam mit den Eltern aufgegleist werden konnte, steht nun auf dem Prüfstand.

Der Wechsel bedeutet nicht nur einen Neuanfang, sondern ist oft auch der Beginn eines komplexen Weges durch Abklärungen, Gesuche und Entscheidungen – ein Prozess, der organisatorisch und emotional viel Kraft kostet.

Wir müssen unglaublich viel leisten, damit unser Sohn den Schulstart meistern kann.

Claudia Emmenegger, Mutter eines Kindes mit Förderbedarf

Claudia Emmenegger* aus Bülach ZH kennt diese Belastung. Ihr Sohn hat eine globale Entwicklungsstörung, eine schwere Sprach­erwerbsstörung sowie eine moto­rische Beeinträchtigung. «Wir müssen unglaublich viel leisten, damit der Schulstart klappt», sagt sie. Ursprünglich war eine Sonderbeschulung vorgesehen, doch es gab keinen Platz. So kam er in den integrativen Regelkindergarten.

«Anfangs hatten wir kaum heilpädagogische Unterstützung – etwa zwei Stunden pro Woche», betont sie. Der Junge habe den Unterricht gestört, teilweise andere Kinder bedrängt. «Wenn man nicht sprechen kann, drückt man sich oft über den Körper aus», erklärt Emmenegger. Häufige Ausfälle und Stellvertretungen verschärften die Situation. «Kleine Veränderungen haben bei uns immer enorme Auswirkungen. Unser Sohn schläft dann schlechter oder macht wieder ins Bett.»

Sorge vor der Einschulung

Mit der Zeit kehrte Stabilität ein. «Das zweite Jahr war viel besser, er fühlte sich wohl im Kindergarten. Nun müssen wir uns schon wieder verabschieden», sagt die Mutter. Die Sorge vor der Einschulung ist gross: «Wie wird es für ihn sein, wenn er der Einzige ist, der nicht mithalten kann? Wenn er sieht: Alle lernen lesen und schreiben, nur ich kann das nicht?»

Auch die soziale Ebene beschäftigt die Familie. Einladungen zu Geburtstagen oder Spielnachmittagen wurden schon im zweiten Kindergartenjahr seltener. Angesichts des anstehenden Übertritts fühlt sich Claudia Emmenegger gegenüber der Schule zudem häufig wie eine Bittstellerin: «Wir haben das Gefühl, auf den guten Willen der Schule angewiesen zu sein – und sei es nur, das Schulzimmer schon vorab sehen zu dürfen.»

Rahmenbedingungen entscheidend für Inklusion

Auch wenn dieser Fall nicht verallgemeinert werden kann, zeigt er doch, wie viel Eltern betroffener Kinder in dieser Phase leisten – organisatorisch wie emotional.

Der Übertritt in die Primarschule bedeutet für alle Kinder einen gros­sen Schritt: ein neues Umfeld, neue Bezugspersonen, längere Lernphasen, weniger Spiel, mehr Struktur. Manche finden sich rasch zurecht, andere brauchen mehr Zeit und Unterstützung. Für Kinder mit Förderbedarf kann dieser Übergang besonders anspruchsvoll sein – vor allem dann, wenn vertraute Abläufe und Bezugspersonen wegfallen und sich ihr Alltag grundlegend ver­ändert.

Inklusion braucht die Haltung: Wir machen das gemeinsam.

Edith Niederbacher, Bildungswissenschaftlerin

Doch die Unterschiede sind gross. «Manche Kinder meistern den Übergang sehr gut, andere benötigen intensive Begleitung», sagt Edith Niederbacher, Dozentin und Forscherin für integrative Förderung und Elternzusammenarbeit an der Pädagogischen Hochschule (PH) Bern. Ausschlaggebend sei nicht die Diagnose, sondern das individuelle Kind mit seinen Ressourcen und Bedürfnissen – und ein Umfeld, das diese erkennt und fördert.

Christoph Suter, Leiter des Instituts für Professionalisierung und Systementwicklung an der HfH Zürich, ergänzt: «Aus Sicht der Kinder hängen die Herausforderungen weniger von ihren Voraussetzungen ab, sondern davon, welche Rahmenbedingungen sie in der Primarschule antreffen.» Entscheidend sei, wie gut Kommunikation, Zeitmanagement und pädagogische Konzepte vor Ort ineinandergreifen.

Ein Prüfstein für das Bildungssystem

Fehlen jedoch Zeit, klare Kommunikation oder definierte Zuständigkeiten, geraten auch Lehrpersonen unter Druck. Sie wollen den Übergang bestmöglich gestalten, doch oft fehlen verlässliche Abläufe oder Ressourcen. Der Übertritt wird so auch zum Prüfstein für das Bildungssystem: Wie gut gelingt es, Kontinuität zu schaffen, wenn Kinder eine neue Stufe erreichen?

«Aktuell ist der Mangel an ausgebildeten Heil- und Sonderpädagoginnen das grösste Problem», bringt Suter das übergreifende Dilemma auf den Punkt. Denn selbst die besten Konzepte nützen wenig, wenn nicht genug Fachpersonen da sind, um sie umzusetzen.

Zwar ist die Ausbildung praxisorientiert und vermittelt Kompetenzen in Diagnostik, Förderplanung, Beratung und Kooperation – genau das, was im Teamteaching und an Schnittstellen gebraucht wird.

Doch in der Realität stossen viele Lehrpersonen an Grenzen: zu wenig Zeit, zu viele Kinder pro Fachperson, zu hohe Erwartungen. Ihre Kompetenzen treffen auf enge Zeitbudgets, grosse Heterogenität und unklare Rollenerwartungen. Ohne klare Strukturen und Teamkultur verpufft im Alltag damit vieles von dem, was im Studium aufgebaut wurde.

Schulalltag als Realitäts-Check

Wie gut Integration letztlich gelingt, hängt von vielen Faktoren ab – und zeigt sich im Zusammenspiel von Struktur und Umsetzung. «Ausschlaggebend ist die Haltung des Kollegiums: Wie arbeitet das Team zusammen? Wie werden die vorhandenen Ressourcen ­genutzt?», betont Bildungswissenschaftlerin Niederbacher.

Sie verweist auf erste Ergebnisse der laufenden Studie Swing (2024–2028) der PH Bern. «Schulen mit denselben Rahmenbedingungen zeigen grosse Unterschiede. Bei den einen funktioniert Integration gut, andere sind stark belastet.» Entscheidend seien weniger formale Strukturen als vielmehr Teamkultur, Kommunikation und gemeinsame Verantwortung. «Es reicht nicht, ein Kind zu unterstützen, wenn das Umfeld nicht mitgedacht wird», sagt Niederbacher. «Es braucht die Haltung: Wir machen das gemeinsam.»

Strukturierte Übergaben zwischen Kindergarten und Primarschule sind wichtig. Nur so können Lehrpersonen rechtzeitig reagieren.

Laura Waldvogel, Primarlehrerin

Doch selbst mit der besten Einstellung stossen Lehrpersonen im Alltag an Grenzen. Stephanie Zwicky erlebte den Schulstart in ihrer Funktion als IF-Lehrperson an einer Zürcher Primarschule als Phase grosser Umstellung: «Die Kinder werden regelrecht überschwemmt mit neuen Eindrücken und Herausforderungen, gleichzeitig gibt es wenige Rückzugsorte im Klassenzimmer. Es braucht angepasste Lernräume, Plätze und Zeitfenster, besonders für jene, die mehr Unterstützung benötigen.»

Sie weiss auch, wie knapp die Zeit oft ist: «Mit zwei bis drei Stunden pro Woche fehlen einer IF-Lehrperson der Alltagsbezug, die Kontinuität und die Möglichkeit, soziale Themen in der Klasse aufzugreifen.» Gerade Kinder, die emotionale oder soziale Unterstützung brauchen, hätten zu wenig Begleitung. «Der Verlust der Bezugsperson ist für viele das Schwierigste.»

Eltern miteinbeziehen

Laura Waldvogel, Klassenlehrerin und Co-Präsidentin der Sektion Winterthur des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands, betont die Bedeutung einer guten Kommunikation: «Strukturierte Über­gaben zwischen Kindergarten und Primarschule sind besonders wichtig. Nur so können Lehrpersonen rechtzeitig reagieren.»

Damit dieser Wissenstransfer gelinge, brauche es Zeit und klare Absprachen. Fehle beides, könne der Schulstart schnell überfordern: «Einige Kinder sind bereits nach einer Unterrichts­lektion am Limit und haben ihre Energiereserven aufgebraucht», so Waldvogel.

Aus ihrer Sicht hängt eine gelingende Integration zudem stark von den Rahmenbedingungen ab – von Klassengrösse, Zusammensetzung, strukturellen Voraussetzungen und der verfügbaren Zeit. Und, ganz wichtig, von einem engagierten und eingespielten Team an schulischen Heilpädagoginnen. «Das entlastet uns Klassenlehrpersonen enorm.»

Nicht zuletzt funktioniert Integration nur, wenn Eltern und Schule an einem Strang ziehen. «Es ist essenziell, Eltern aktiv einzubeziehen – etwa durch runde Tische mit Kindergarten- und Primarschullehrpersonen», sagt Heilpädagogin Rüegger. HfH-Institutsleiter Suter sieht das ähnlich: «Der Einbezug der Eltern ist entscheidend. Das lässt sich schwer systemisch verankern, wichtig ist die konkrete Umsetzung vor Ort.»

Wir müssen nicht die Kinder ändern, sondern unser Verständnis von gemeinsamem Lernen.

Kathrin Rüegger, Heilpädagogin

Was im Klassenzimmer sichtbar wird, spiegelt letztlich auch grössere gesellschaftliche Fragen. Familien von Kindern mit besonderen Bedürfnissen tragen weit über den Schulalltag hinaus Verantwortung – doch Inklusion darf nicht allein ihre Aufgabe sein.

Kathrin Rüegger verweist auf eine der vier Unesco-Bedingungen für gelingende Inklusion: Akzeptanz. «Wir müssen nicht die Kinder ändern, sondern unser Verständnis von gemeinsamem Lernen. Jeder Mensch ist anders, und das ist gut so.»

Christoph Suter ergänzt: «Inklusion gehört zum Kernauftrag der Volksschule. Es ist eine gesellschaftlich unverzichtbare Funktion der öffentlichen Schule, dass zukünftige Staatsbürgerinnen und Staatsbürger miteinander in Kontakt kommen und voneinander lernen – unbesehen von Herkunft und Voraussetzungen.»

Inklusion ist tägliche Praxis

Am Ende erinnert die elterliche Perspektive daran, worum es wirklich geht. «Es gibt in jeder Kindergartenklasse Kinder, die auffallen», schildert Claudia Emmenegger die Erfahrungen, die sie mit ihrem Sohn macht. «Wichtig ist, dass man mit ihnen in Kontakt bleibt, damit sie Teil der normalen Gesellschaft sein können und nicht als Störfaktor wahrgenommen werden.»

Denn Inklusion ist keine ab­strakte Idee, sondern tägliche Praxis – getragen von Haltung, Zusammenarbeit und dem Willen, jedes Kind mitzunehmen.

* Name der Redaktion bekannt