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Inklusion: Auch Ben und Nina schwimmen mit

Lesedauer: 11 min
Ist Inklusion im Schwimmunterricht möglich? Und wie können die unterschiedlichen Bedürfnisse von Kindern erkannt und berücksichtigt werden? Unsere Autorin hat eine betroffene Mutter ins Hallenbad begleitet und gemerkt: Bereits kleine Gesten können viel bewirken.
Text: Sarah Ambroz

Bild: Adobe Stock

Eltern mit einem neurodivergenten Kind erleben in ihrem Familienalltag viele Hürden. Ähnlich geht es Familien, die ängstliche oder schüchterne Kinder begleiten. Eine dieser Herausforderungen ist, schwimmen zu lernen.

In meiner Arbeit als Kinderärztin begegnete ich in den letzten Jahren vermehrt Eltern, die mir frustriert berichten, dass sie den Schwimmkurs mit ihrem Kind abbrechen mussten. Zu starr seien die Regeln, zu wenig werde auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingegangen.

Das Kind hat Mühe mit Übergängen? Braucht daher Begleitung? Nicht möglich. Das Kind ist sensorisch überfordert? Will daher die Badekappe abziehen? Geht nicht.  

Wie könnte Inklusion im Schwimmunterricht gelingen? Was müsste eine Lehrperson mitbringen und was könnten Eltern tun, damit ihr Kind den Kurs bewältigen kann? Um diese Fragen zu beantworten, habe ich eine betroffene Mutter zu einem privaten Schwimmkurs mit Kindern zwischen sieben und acht Jahren begleitet.

Start mit Tränen

Was dort bereits mit wenigen Gesten und viel Empathie möglich war, hat mich tief berührt. Diese Erfahrung und meine fachliche Einordnung möchte ich gerne teilen.

Sieben Kinder sitzen wartend auf einer Bank am Beckenrand. Die meisten wirken entspannt, sehen interessiert dem Geschehen im Hallenbad zu. Miles* kaut etwas nervös an seinen Fingernägeln und lässt seine Beine hin und her baumeln. Nina* sitzt am Rand der Gruppe und klammert sich ängstlich an ihre Mutter.

Ben*, das achte Kind aus dieser Gruppe, ist noch nicht auf seinem Platz. Der Bub im Autismus-Spektrum versteckt sich hinter einer Säule und beobachtet die Szene aus einer sicheren Entfernung. Er gehört wie Nina zu den älteren dieser Gruppe. Neben einer Badehose trägt er ein langärmliges UV-Shirt und die Haare so lange, dass er sein Gesicht jederzeit darunter verstecken kann.

Frau Meier, die Schwimmlehrerin, beginnt nun, die Badekappen zu verteilen, und hilft den Kindern beim Anziehen. Die ersten fünf Kinder tragen nun neongrüne Kappen mit dem Logo der Schwimmschule und wirken zufrieden. Als Nina an die Reihe kommt, senkt sie ihren Kopf nach unten, eine Träne läuft ihr über die Wange.

Ben schwimmt jedes Mal über die vorgegebene Strecke hinaus. Es wirkt für ihn wie ein Ventil, da er seinem hohen Autonomiebedürfnis nachgehen kann.

«Wenn du keine Schwimmkappe anziehen möchtest, ist das okay. Aber wenn du willst, erklär ich dir kurz, wofür sie überhaupt gut ist», sagt die Schwimmlehrerin. Nina nickt vorsichtig. Frau Meier geht in die Hocke und erklärt ihr in wenigen Sätzen den Sinn dahinter. «Doch lieber ohne Kappe», meint Nina am Ende. Frau Meier nickt und gibt Nina das Gefühl, dass das wirklich in Ordnung ist.

Als Nächstes darf Miles die Kappe anziehen. Dafür hält er seine Hände vor das Gesicht, formt sie zu kleinen Fäusten und legt die Daumen nebeneinander; so wie er es beim letzten Kurs gelernt hat. Frau Meier stülpt die Schwimmkappe über seinen Kopf; sie sitzt und Miles ist bereit für den Kurs.

Loben, ermutigen und trösten

Ben, der sich mittlerweile aus seinem Versteck hinter der Säule hervorgetraut hat, sitzt nun etwas abseits von der Gruppe auf der Bank, hinter dem Rücken seiner Mutter versteckt. «Schön, dich zu sehen, Ben», ruft die Lehrerin. «Keine Kappe, stimmts? Das hab ich mir vom letzten Mal gemerkt», sagt sie und lächelt ihm zu.

Die ersten Übungen beginnen. Ben traut sich nur in Begleitung seiner Mutter an den Beckenrand, möchte dann jedoch als Erster die Übungen ausführen. Die Lehrerin lächelt ihn an und lobt ihn jedes Mal. «Super, Ben, das hast du echt toll gemacht.» Auch die anderen Kinder werden von ihr gelobt, ermutigt und getröstet, wenn etwas nicht so glatt läuft.

Es ist gar nicht so einfach, zu tauchen, dabei auszuatmen, die richtigen Arm- und Beinbewegungen zu machen und dann zum Einatmen wieder den Kopf zu heben, ohne dabei zu viel Wasser zu verschlucken. Die Kinder schwimmen zuerst fünf, dann acht und zuletzt zehn Meter und verlassen an der vorgegebenen Stelle das Becken, um sich wieder anzustellen.

Ausser Ben. Er schwimmt jedes Mal ein bisschen weiter, obwohl er weiss, wo die Strecke endet. Mit einem Augenzwinkern bemerkt Frau Meier: «Du machst das ja so toll, dass du sogar noch längere Strecken schwimmen kannst!» Sie weist ihn nicht zurecht.

Jedes Kind hat eigene Bedürfnisse

Nina ist noch nicht im Becken. Sie ist auf der Bank neben ihrer Mutter sitzen geblieben; ihr ängstliches Gesicht spricht Bände. «Wenn du möchtest, darfst du es gerne probieren. Es ist völlig in Ordnung, wenn du dabei nicht tauchst», ermuntert sie die Lehrerin. Nina hört aufmerksam zu. «Sie dürfen sie bei allem begleiten und auch ins Wasser kommen», fügt sie an Ninas Mutter gerichtet hinzu; «wichtig ist, dass Nina sich wohlfühlt.»

Bei jeder Übung achtet Ben darauf, dass er sie zuerst ausführen darf und ganz vorne rechts steht, wenn es zwei Gruppen gibt. Dies scheint ihm unglaublich wichtig zu sein. Wenn er an der Reihe ist, springt er voller Elan ins Wasser, nachdem er seine Schwimmbrille gerichtet hat, die er ausnahmsweise tragen darf.

Die empathische Schwimmlehrerin und die Anwesenheit der Mutter helfen Nina, sich ohne Druck dem Wasser zu nähern.

Miles, sein jüngerer Bruder, scheint sich nun richtig wohl in der Gruppe zu fühlen. Er spricht und lacht mit den anderen Kindern, während sie darauf warten, wieder ins Wasser gehen zu dürfen. Ben versteht nicht, warum. Er fragt seine Mutter, warum die Kinder nicht in geraden Reihen stehen und manchmal sogar die Seiten wechseln.

Beim Rückenschwimmen kommt nun auch Nina in Begleitung ihrer Mutter ins Wasser. Frau Meier begrüsst sie herzlich. Beide begleiten Nina beim Rückenschwimmen, und ein schüchternes Lächeln zeigt sich in ihrem Gesicht.

Eine beruhigende Geste

Wieder einmal hat Ben seine Bahn verlängert, diesmal sogar um die doppelte Länge. «Mama, ich kann nicht noch länger nur die Sachen machen, die die Lehrerin von uns möchte. Ich will endlich wieder alleine entscheiden können, was ich im Wasser mache. Ich kann mir doch das Schwimmen selbst beibringen», meint er, als er endlich aus dem Wasser herauskommt.

Nun könnte es schwierig werden, dass Ben den heutigen Kurs bis zum Ende durchsteht, weiss seine Mutter. Er wirkt angespannt und sieht auch schon etwas blass und müde aus. Als Ben zur Gruppe zurückkommt, merkt er, dass sich bereits alle aufgestellt haben und «sein Platz» besetzt ist. Enttäuschung und Überforderung machen sich in seinem Gesicht breit.

In diesem Moment sieht die Lehrerin ihn an und reagiert sofort. «Ben, wie schön, dass du zurück bist. Dein Platz ist doch dort vorne, stimmts? Kannst du gerade die Übung zuerst machen?»

Sofort verschwindet die Anspannung aus Bens Gesicht und weicht einer grossen Erleichterung. Er läuft, so schnell es ihm der nasse Boden erlaubt, zu dem Platz ganz vorne in der rechten Reihe und springt mit einer kräftigen Bombe ins Wasser. 

Gefühle benennen

Kurz vor dem Abschluss ruft die Schwimmlehrerin alle Kinder zusammen. «Hatte jemand von euch zwischendurch Angst?», fragt sie in die Runde. Ein paar Kinder nicken. «Gibt es jemanden, der traurig ist?». Nina hebt zögerlich die Hand. «Hat es jemandem Spass gemacht?» Die meisten Kinder lächeln bejahend.

«Ich möchte euch etwas ganz Wichtiges sagen: egal, ob ihr Angst habt, traurig seid oder gerade richtig viel Spass habt – ihr dürft mir das immer sagen. Diese Gefühle sind völlig okay. Und wenn ihr Hilfe braucht, dann bin ich für euch da.»

Die Schwimmlehrerin schaffte es, dem autistischen Jungen beides zu geben: Freiheit und Sicherheit.

Am Ende gibt es ein Spiel. Alle Kinder dürfen sich auf eine Schwimmnudel setzen und die ganze Beckenlänge «rudern». Auch Nina ist wieder dabei. Ihr Gesicht wirkt nun etwas gelöster, immer wieder lässt sich ein schüchternes Lächeln beobachten.

Miles ist mittendrin und hat Spass in der Gruppe. Für ihn könnte es noch lange weitergehen. Beim Rückweg gibt es ein kleines Wettrennen. Ben gewinnt. Er strahlt über das ganze Gesicht. 

Jedes Kind sehen und integrieren

Alle acht Kinder konnten – trotz ihrer unterschiedlichen Bedürfnisse, Stärken und Schwächen – am Schwimmkurs teilnehmen. Für die meisten war dies problemlos und ohne eine besondere Begleitung möglich.

Miles' anfängliche Nervosität verschwand sehr schnell, sobald die Gruppenaktivität startete. Er wollte Teil der Gruppe sein und störte sich nicht daran, dass Nina und Ben keine Kappe trugen und ausnahmsweise mit einer Schwimmbrille ins Wasser durften.

Ninas Start war von hohen Trennungsängsten und Panik vor dem Tauchen geprägt. Sie wurde von ihrer Mutter liebevoll und geduldig begleitet und Frau Meier konnte Nina den Raum geben, sich Schritt für Schritt den herausfordernden Situationen zu stellen. 

Umgang mit einem Kind im Autismus-Spektrum

Ben liebt es, ins Hallenbad zu gehen, dort zu tauchen, im Wasser zu spielen oder hineinzuspringen. In Gruppensituationen fühlt der Bub im Autismus-Spektrum sich jedoch häufig überfordert und reagiert schnell mit Rückzug. Er ist dann auf eine enge Begleitung, viel Verständnis und Geduld angewiesen. Verlässliche Abläufe, wie zum Beispiel an «seinem» Platz ganz vorne rechts in der Reihe zu stehen, vermitteln ihm Sicherheit.

Gleichzeitig ist es für ihn wichtig, seinem hohen Autonomiebedürfnis nachgehen zu dürfen und nicht gänzlich durch die Instruktionen des Kurses fremdbestimmt zu sein. Das Verlängern der Strecke beim Schwimmen scheint wie ein kleines Ventil zu wirken, in dem die Anspannung, welche die Teilnahme an einem Kurs für ihn mit sich bringt, wieder etwas abfallen darf.

Integration bedeutet nicht, alle Kinder gleich zu behandeln und dieselben Regeln geltend zu machen.

Ben ist ein intelligenter Junge, der sich gewählt ausdrücken kann, gleichzeitig jedoch Mühe hat, sich in die Perspektiven anderer hineinzuversetzen, wie zum Beispiel derjenigen der Lehrerin. Die unterschiedlichen Reize, die auf ihn einströmen und ihn umgeben, fordern ihn sehr. Das Tragen einer Schwimmbrille und Schwimmen ohne Badekappe helfen ihm dabei, diese Reize minimieren zu dürfen. Und seine langen Kleider lassen ihn sich weniger exponiert fühlen.

Empathische Lehrperson

Die einfühlsame Haltung der Lehrperson machte es allen Kindern möglich, am Schwimmkurs teilzunehmen. Auch Nina und Ben, die eine Begleitung durch einen Elternteil benötigten. Für die Mehrheit der Kinder stimmte das etablierte Setting und sie wirkten stolz und zufrieden, den Kurs schon ohne ihre Eltern und mit anderen Kindern absolvieren zu dürfen.

Nina jedoch brauchte die Anwesenheit ihrer Mutter, um sich in ihrem Tempo und auf ihre Weise dem Wasser anzunähern. Ermunternde Worte von Frau Meier und ihrer Mutter halfen ihr dabei, ohne dass dadurch Druck auf sie ausgeübt wurde.

Frau Meier konnte Ben mit ihrer positiven und flexiblen Art gut abholen. Sie verstand, dass Ben auf der einen Seite eine enge Begleitung und feste Abläufe benötigte, gleichzeitig jedoch auch seinem Autonomiebedürfnis nachkommen musste. Dabei schaffte sie, ihm beides zu geben: Freiheit und Sicherheit.

Kinder integrieren

6 Leitsätze für Eltern und Lehrpersonen

  1. Kinder zu integrieren, bedeutet nicht, alle Kinder gleich zu behandeln. Während das eine Kind noch dringend Begleitung braucht, ist ein anderes stolz darauf, es bereits alleine zu schaffen. 
  2. «Kids do well, if they can», sagte der amerikanische Kinderpsychologe Ross Greene – Kinder machen ihre Sache gut, wenn sie können. Nina und Ben haben diese herausfordernde Stunde so gut es ihnen möglich war, gemeistert. 
  3. Das Bedürfnis nach Geborgenheit ist von Kind zu Kind unterschiedlich und bei Nina und Ben besonders hoch. Das kann nicht abtrainiert werden, sondern braucht viel Unterstützung und Begleitung. 
  4. Für Lehrpersonen kann es hilfreich sein, wenn sie über besondere Bedürfnisse vorab informiert werden und erfahren, was in ähnlichen Situationen bereits geholfen hat. 
  5. In kleineren Gruppen ist es einfacher, auf individuelle Bedürfnisse von Kindern einzugehen. Gleichzeitig sind viele Anpassungen wie ein fester Platz oder eine Schwimmbrille auch in grossen Gruppen möglich. Was es hierfür braucht, sind Verständnis, Entgegenkommen und Flexibilität.
  6. Bereits Schulkinder können verstehen, dass manche Kinder besondere Bedürfnisse haben, so dass keine «Gefahr» besteht, dass dann alle Kinder besonders behandelt werden möchten. Sie erhalten die Chance, von uns Erwachsenen zu lernen, wie Integration aussehen kann.

Integration ist eine Haltung

Hätte die Schwimmlehrerin darauf bestanden, dass alle Kinder eine Kappe überziehen müssen, wäre es sehr wahrscheinlich weder Nina noch Ben möglich gewesen, am Schwimmkurs teilzunehmen. Und wäre sie nicht so einsichtig gewesen, Ben seinen Stammplatz zu sichern, hätte auch diese Situation problematisch werden können.

Integration bedeutet nicht, alle Kinder gleich zu behandeln und dieselben Regeln für alle Kinder geltend zu machen. Sie zeigt sich durch eine zugewandte Grundhaltung, in der verstanden wird, dass Kinder unterschiedlich sind und nicht dieselben Bedürfnisse, Stärken und Schwächen mitbringen. Diese schliesst zusätzliche Ressourcen nicht aus, kann es jedoch vielen Kindern mit besonderen Bedürfnissen ermöglichen, in reguläre Settings integriert zu werden.

Integration ist eine Haltung. Ganz nach dem Credo des Kinderarztes Remo Largo: Jedes Kind will lernen, aber in seinem Tempo und auf seine Weise.

*Die Namen der Kinder wurden von der Redaktion geändert.