Elternbildung

Wie gehen Eltern mit ihren Gefühlen um?

Der Alltag von Eltern gleicht einem Wechselbad der Gefühle. Freude, Angst, Wut, Stolz und Rührung folgen dicht aufeinander. Mit negativen Emotionen können Mütter und Väter oft schlecht umgehen. Dabei sind sie genauso wichtig wie die grossen Glücksmomente. Warum ist das so?
Text: Julia Meyer-Hermann   
Bilder: Ornella Cacace / 13 Photo
Beinahe hätte ich geweint. Vor Rührung, vor Stolz, auch aus Sorge. Da stand meine zehnjährige Tochter auf dem Bahnhofsvorplatz, auf dem Rücken trug sie meinen alten Backpacker-Rucksack mitsamt Iso-Matte und Schlafsack. Sie umarmte ihre Freundin, begrüsste die Leiter ihrer Ferienfreizeit, sprach andere Kinder aus der Gruppe an. Währenddessen wartete ich mit anderen Eltern am Rande, beobachtete die Szene. 
Vorbei die Zeit, in der meine Tochter in ähnlichen Situationen nicht von meiner Seite gewichen war. In der sie ein wenig ängstlich meine Hand gegriffen und ich ein «Du schaffst das» geflüstert hatte. Wie gross, souverän und selbständig dieses Mädchen war! Und ich, ich war das Gegenteil einer lässigen Mutter, so viel war sicher. «Gar nicht cool, Mama», hätte meine Tochter wohl gesagt, wenn sie mich denn beachtet hätte. 
Da ist dieser irrsinnige Drang, die Kinder zu beschützen. 
Die Sorge, ihnen könnte etwas
zustossen. Und die Angst, als Eltern nicht zu genügen.
14 Tage würde meine Grosse weg sein. Keine ewig lange Zeit, aber ein Novum für uns. Es würde keine Anrufe zwischendurch geben, nur eine Nachricht, nachdem die Gruppe gut angekommen war. In meinem Bauch grummelte es, meine Augen wurden feucht.

«Schon hart», sagte plötzlich die Mutter neben mir. «Ich freue mich eigentlich für meinen Sohn, aber so lange waren wir noch nie getrennt.» Sie schniefte. Ihr Mann drückte den Sohn an sich, vielleicht einen Hauch zu lang. «Lass mal, Papa», motzte der. Wir Eltern lächelten uns an. Für einen kurzen Moment waren wir eine Art emotionale Solidargemeinschaft. Und es war einfach ein gutes Gefühl, mit diesem Gefühlswirrwarr nicht allein zu sein. 

Mit der Geburt beginnt ein zuvor unbekanntes Wechselbad der Gefühle

So ist das halt mit den Kindern und diesen riesigen Gefühlen, die auf uns einstürzen mit dem Tag der Geburt. Die Bandbreite ist gross, oftmals grösser und auch anders, als man es erwartet hat. Der Ausdruck «Wechselbad der Gefühle» bekommt mit Kindern regelrecht eine neue Bedeutungsdimension.
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Da ist dieser irrsinnige Drang, sie zu beschützen. Die Sorgen, ihnen könnte etwas zustossen. Und die Angst, als Eltern nicht zu genügen. Es gibt die pure Freude daran, sie heranwachsen zu sehen. Manchmal die Einsamkeit und den Frust, weil man keine Zeit mehr für ein Sozialleben hat.

Auch das Befremden über manche Verhaltensweisen. Und natürlich ist da auch die Wut, wenn mal wieder nichts geht. Oder man zum gefühlt tausendsten Mal eine Frage, Bitte, Ermahnung geäussert hat.
Astrid Mitchell: «Beim Thema Hausaufgaben kracht es immer wieder».
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«Nichts bringt mich so schnell auf die Palme wie meine Kinder. Nicht mal mein Mann», sagte neulich meine Nachbarin. Sie stand auf der Strasse neben mir, sichtbar erschöpft vom Wutanfall, mit dem sie gerade ihren Sohn empfangen hatte. Die Schule war um 13 Uhr zu Ende gewesen, der Schulweg ist keine zehn Minuten lang. Als ich meine Nachbarin auf dem Trottoir ge­­troffen hatte, war es bereits 14 Uhr und der Drittklässler noch nicht aufgetaucht. 

Erst hatte meine Nachbarin in der Wohnung gewartet, wo ihr jüngerer Sohn gerade schlief. Irgendwann war sie auf die Strasse gegangen, um Ausschau zu halten. Ja, der Bub trödelte gerne etwas. Aber so lange? «Die Ampeln funktionieren auf dem Weg doch alle. Nein, da sind keine schlecht einsehbaren Baustellen. Der kommt gleich, wirst sehen», versuchte ich sie zu beruhigen.
Als der Neunjährige eine Viertelstunde später fröhlich pfeifend um die Ecke bog, verwandelte sich die Mutter-Angst von einer Sekunde auf die andere in ein Mutter-Wut-Inferno und entlud sich gewaltig über dem verdutzten Jungen.

Nein, meine Nachbarin hat ihren Sohn nicht geohrfeigt, natürlich nicht, das käme ihr nicht in den Sinn. Aber man konnte ihr ansehen, dass sie gern gegen etwas geschlagen oder getreten hätte, um den inneren Druck loszuwerden. 

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