Susanna Valentin: Unser ältester Sohn schnuppert aktuell in einem Architekturbüro als Zeichner EFZ.
Stefan Michel: Wie erlebst du diese Phase der Berufswahl mit deinem Sohn?
Valentin: Lio ist es wichtig, sich selbständig auf die Schnupperlehren vorzubereiten und alleine hinzufahren. Anfangs habe ich dazu tendiert, nachzufragen, ob er alles im Griff hat. Mittlerweile bin ich gelassener geworden.
Michel: Nora kam von jeder Schnupperlehre als Fachfrau Betreuung total begeistert nach Hause und hätte am liebsten gleich mit der Arbeit begonnen. Sie freut sich auf den Arbeitsalltag; ihre Schulmüdigkeit hat sich in der 3. Oberstufe noch verstärkt.
Valentin: Diesen Gedanken kenne ich auch von Lio. Das Arbeitsleben verspricht Lohn, mehr Freiheit und mehr Selbständigkeit. Er hat aber in den Schnupperlehren auch gemerkt, dass Herausforderungen warten: Der Arbeitsweg braucht Zeit, die Arbeitstage können lang sein und die vielen Ferien fallen weg.
Wann soll ich anstupsen oder mitreden, wann lasse ich es lieber? Das ist für Eltern ein schmaler Grat.
Susanna Valentin
Michel: Das Schnuppern ermöglicht diesen «Realitycheck», das finde ich gut. Die Autonomie hingegen fordert mich manchmal heraus. Vielleicht sorge ich mich wieder einmal umsonst, aber bei der Verbindlichkeit habe ich manchmal Bedenken. Etwa, als Nora vor Kurzem einen Zahnarzttermin erst absagte, als es zu spät war. Ich kenne das Vor-mir-Herschieben-bis-es-zu-spät-ist aus meiner eigenen Jugend. Im Gymi und später an der Uni war das weniger schlimm. In der Lehre könnte das schlecht ankommen. Grundsätzlich ist unsere Tochter aber pflichtbewusst.
Valentin: In meiner Schulzeit habe auch ich vieles erst im letzten Moment erledigt. Aber klar, man möchte als Eltern doch immer, dass alles möglichst gut klappt und die Kinder keine Probleme haben. Es ist ein schmaler Grat zwischen Eigenverantwortung und Absicherung. Wann soll ich anstupsen oder mitreden, wann lasse ich es lieber?
Michel: Die Lehrstellensuche bei Nora verlief fast zu schnell, ehrlich gesagt. Ich hatte das Gefühl, wir waren eher Begleiter als wirklich Beteiligte. Nora hat in der Zeit bewiesen, dass sie sich selbst organisieren kann. Da waren wir Statisten. Sie gibt aber immer noch gern Verantwortung ab, wenn wir uns engagieren. Das kann zur Falle werden.
Valentin: Ja, wir sind Statisten und werden plötzlich zur Feuerwehr, wenns brennt. Hattet ihr so einen Moment?
Schon zehn Tage nach Öffnung der Stellenausschreibung nahm der Betrieb keine Bewerbungen mehr entgegen. Das war ein Schock
Stefan Michel
Michel: Der Schock kam bei der Abgabe ihres Dossiers für ihre ursprüngliche Wunschlehrstelle. Schon zehn Tage nach Öffnung der Stellenausschreibung – noch in den Sommerferien – nahm der Betrieb keine Bewerbungen mehr entgegen. Eigentlich hätte sie selber darauf achten müssen, ihr Dossier möglichst schnell nach der Aufschaltung über die Onlineplattform einzureichen. Weil wir in der Hinsicht zu wenig Druck gemacht haben, dachte sie wohl, so dringend sei das nicht. Ich habe mich in diesem Moment schuldig gefühlt.
Valentin: Wie hat sie ihre Lehrstelle gefunden?
Michel: Wir haben bei der Personalabteilung des Lehrbetriebs nachgefragt. Diese hat Nora gefragt, ob sie an einer Lehrstelle in einem Partnerbetrieb interessiert sei. Dieser gefällt ihr jetzt sogar noch besser und sie freut sich riesig auf die Lehre.
Valentin: Wie lief die Zusammenstellung des Dossiers? Hast du ihr dabei geholfen?
Michel: Natürlich unterstütze ich sie als Schreibprofi. Im Ernst, es war mir schon wichtig, dass sie diese Möglichkeit nutzt. Ihre Noten waren durchschnittlich, also musste sie mit ihrer Persönlichkeit überzeugen und ein Dossier vorlegen, das heraussticht.
Valentin: Wie hat sie das im Bewerbungsdossier umgesetzt, um sich überhaupt persönlich vorstellen zu können?
Michel: Sie hat mit Bildern und kurzen Sätzen beschrieben, was für ein Mensch sie ist, wie sie ihre Freizeit verbringt. Dass Sportklettern und das Sichern ihrer Seilpartnerin gute Beispiele sind für Verantwortung und Teamwork, war ihr nicht bewusst. Zudem haben wir sie motiviert, darüber zu schreiben, dass sie seit zwei Jahren zwei kleine Kinder in der Nachbarschaft hütet. Indem sie ihren Entwicklungsprozess in einfachen Sätzen beschrieb, zeigte sie, dass sie sich nicht erst mit diesem Thema beschäftigt, seit sie auf Lehrstellensuche ist.
Am Ende liegt die Verantwortung bei uns Eltern, dass unsere Kinder die Lehrstellensuche erfolgreich abschliessen.
Susanna Valentin
Valentin: Ein guter Hinweis! Lio kann sicher auch davon profitieren, dass er nicht nur sehr engagiert Unihockey spielt, sondern auch als Trainer von ganz jungen Spielern aktiv ist. Er übernimmt Verantwortung und spielt gern im Team. Eine Mitgliedschaft in Jugendvereinen wie der Jungwacht, in der er dabei ist, wird aus denselben Gründen gern gesehen.
Michel: Meine Partnerin und ich haben noch etwas gelernt: Die Schule übernimmt viel, es ist aber wichtig, dass sich Eltern auf dem Laufenden halten und beispielsweise Abgabefristen beachten. Die Klasse unserer Tochter hat im Fach Berufliche Orientierung die Dossiers fertiggestellt, als viele Betriebe bereits keine Bewerbungen mehr entgegennahmen.

Valentin: Du denkst, dass sich Eltern in falscher Sicherheit wiegen, weil die Schule sich ebenfalls um den Berufswahlprozess kümmert? Am Ende liegt die Verantwortung aber bei uns, dass unsere Kinder die Lehrstellensuche erfolgreich abschliessen – mit allen Zwischenschritten und Pflichtaufgaben, die dazugehören. Habt ihr Berufsberatung in Anspruch genommen?
Michel: Minimal. Da unsere Tochter wusste, was sie wollte, und wir selbst ziemlich viel Know-how besitzen, brauchte es diese Unterstützung nicht – abgesehen von einzelnen kurzen Treffen mit der Berufsberaterin in der Schule. Das kann für andere ganz anders aussehen. Ich weiss von Fällen, in denen die Berufsberatung eine entscheidende Rolle gespielt hat.
Ich wünsche mir manchmal die Zeit zurück, als Nora ein kleines Mädchen war und ich für sie der wichtigste, coolste, lustigste Mann in ihrem Leben.
Stefan Michel
Valentin: Hauptsache, alle finden die passende Lehrstelle für sich. Jetzt stehen unsere Ältesten schon bald im Berufsleben, die Zeit rast! Das macht etwas mit einem, oder?
Michel: Ich wünsche mir manchmal die Zeit zurück, als Nora ein kleines Mädchen war und ich für sie der wichtigste, coolste, lustigste Mann in ihrem Leben. Ich bin aber auch gespannt auf die Gespräche mit ihr, wenn sie von ihrem Berufsleben erzählt. Wie fühlt es sich für dich an?
Valentin: Ich finde es spannend, durch Lio eine für mich neue, aber sehr interessante Berufsrichtung kennenzulernen. Es macht mich schon stolz, zu sehen, wie er sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickelt.









