So gelingt der Start ins Berufsleben auch mit Handicap

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Jugendliche mit ADHS oder Lese-Rechtschreib-Schwäche erhalten in der Schule und später in der Berufsfachschule oft einen Nachteilsausgleich. Bei der Lehrstellensuche können sie meist nicht darauf zählen. Umso wichtiger ist die passende Begleitung.
Text: Stefan Michel

Bild: Gabi Vogt / 13 Photo

In den letzten Jahren hat ADHS zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. In sozialen wie auch klassischen Medien wird die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyper­aktivitätsstörung dabei teilweise mit besonderen Stärken wie Kreativität, Unternehmergeist oder Führungsqualitäten in Verbindung gebracht. Diese Entwicklung sorgt jedoch auch für Kritik.

«Das wird vielen Betroffenen nicht gerecht», findet Susanne Spalinger, Co-Geschäftsleiterin von Elpos Schweiz, der ­Organisation für Menschen mit ADHS. «Positiv wäre, man könnte einfach sagen: ‹Ich habe ADHS.› Aber jetzt wird es als ‹Modedia­gnose› herabgewürdigt.» Sie erzählt von Jugendlichen, die sich wünschen, dass ihre all­täglichen Herausforderungen ernst genommen werden und ADHS nicht romantisiert wird.

Mit der richtigen Strategie und Unterstützung stehen ADHS- oder LRS-Betroffenen viele Wege offen.

Dieses Problem kennen Menschen mit LRS nicht. Die Lese-Rechtschreib-Schwäche ist ein Bremsklotz, nicht nur in der Schule, sondern besonders auch auf dem Weg in die Berufsbildung. Dabei gilt für beide Handicaps: Mit der richtigen Strategie und Unterstützung stehen den Betroffenen viele Wege offen.

Frustrierender Unterricht

Es gibt die Menschen, deren ADHS oder LRS wenig ausgeprägt ist, die dank ihrer Intelligenz Wege gefunden haben, ihre Schwäche zu kompensieren. Manche von ihnen schaffen es beruflich bis in intellektuell anspruchsvollste Sphären und in die Teppichetage.

Doch um sie geht es hier nicht, sondern um jene, die seit der Primarschule wegen ihrer Konzentrationsschwäche, ihrer besonders langsamen Fortschritte beim Lesen und Schreiben Kritik einstecken und den Unterricht als Abfolge frustrierender Momente erleben. So wie Bodo Berger, der hier seine Geschichte erzählt.

Der Nachteilsausgleich

Der Nachteilsausgleich, den es nach einer ärztlichen oder schulpsychologischen Diagnose für verschiedene Formen von Defiziten gibt, hilft, die Anforderungen der Schule zu meistern. Für LRS-Betroffene kann das die Möglichkeit sein, Prüfungen mündlich abzulegen, sich Aufgaben vorlesen zu lassen – es gibt dafür auch Vorlesestifte – oder mehr Zeit für das Lösen zu erhalten.

Kindern mit ADHS helfen ein Bereich, in dem sie weniger Reizen ausgesetzt sind, Ohrenschützer oder Eins-zu-Eins-Betreuung durch eine Lehrperson in gewissen Situationen. Dabei ist zu betonen, dass diese Jugendlichen in anderen Bereichen wie dem logisch-abstrakten Denken, dem räumlichen Vorstellungsvermögen, der Merkfähigkeit, der Kommunikation, der sozialen Intelligenz oder der Kreativität hervorragende Fähigkeiten haben können.

Ein schwieriger Übergang

Aber in einem spezifischen Feld haben sie eine Einschränkung. LRS-Lerntherapeutin Christine Brunner vergleicht den Nachteilsausgleich mit der Brille, die dafür sorgt, dass Kurzsichtige gleich viel sehen wie jene ohne Sehschwäche.

Die Berufsbildung ist für Jugendliche, die sich in der Schule wegen einer einzelnen Schwäche schwertun, eine grosse Chance. Der passende Beruf oder die passende Ausbildung ermöglicht dem jungen Menschen mit ADHS oder LRS endlich, seine Stärken zu zeigen und nicht mehr an seinen Fehlern gemessen zu werden.

Der Lehrbetrieb sollte über den Nachteilsausgleich informiert werden. Sonst sind die schulischen Herausforderungen der Lehre bei vielen nicht zu meistern.

Doch einfach ist der Übergang für viele nicht. Das haben Bodo und seine Eltern festgestellt, und diese Erfahrung machen auch viele Jugendliche mit ADHS. Manche Lehrbetriebe lassen ihre Bewerberinnen schriftliche Tests lösen oder stellen ihnen Aufgaben, bei denen sie aufgrund ihrer Konzentrationsschwäche schlecht abschneiden.

Just in dieser heiklen Phase müssen sich aber viele ohne Nachteilsausgleich behaupten, so hat es zumindest Bodo erlebt. Seine Mutter erzählt: «In der Schule hat er Nachteilsausgleich erhalten, nachdem wir uns dafür eingesetzt hatten, in der Berufsschule war es auch kein Problem, aber beim Übergang musste er ohne auskommen. Das hat dann auch nicht wunschgemäss geklappt.»

Wie transparent soll man sein?

Der naheliegende Tipp, den die ADHS-Expertin Susanne Spalinger und die LRS-Spezialistin Christine Brunner geben, ist, eine Tätigkeit zu suchen, bei der die Schwächen weniger ins Gewicht fallen; zum Beispiel etwas Handwerkliches oder Technisches für Jugendliche mit LRS und Berufe mit viel sozialer Interaktion und Kommunikation für Teenager mit ADHS. Doch zuerst müssen sie die Hürde des Bewerbungsprozesses nehmen.

Ganz wichtig für beide Gruppen ist deshalb die Schnupperlehre. Damit sie dort nicht wieder mit der Rechtschreibung oder der Konzentration bei repetitiven Aufgaben kämpfen, müssen sie vielleicht schon da ihre Schwäche offenlegen. Pflicht ist das nicht. «Ich empfehle, dass sie ihre Diagnose noch nicht erwähnen, sonst werden sie aufgrund ihrer Diagnose beurteilt», sagt Christine Brunner in Bezug auf LRS.

Susanne Spalinger rät: «Jene, die die Schule ohne unterstützende Massnahmen schaffen, müssen beim Bewerben nichts sagen. Wenn sie aber Begleitung haben, wird sich das früher oder später zeigen. In diesem Fall macht es Sinn, die Diagnose offenzulegen.»

Klar ist auch für Brunner, dass es der Lehrbetrieb wissen muss, wenn ihre Lernende oder ihr Lernender in der Berufsschule Nachteilsausgleich hat. ­Dieser sei für viele Betroffene entscheidend, um die schulischen Herausforderungen der Lehre zu meistern. «Zudem tritt LRS nicht selten zusammen mit anderen Auffälligkeiten auf, besonders ADHS.»

Die IV kann helfen

Die kantonalen IV-Stellen bieten Jugendlichen mit ADHS in der Berufswahl und bei der Lehrstellen­suche Unterstützung. Diese anzunehmen, bedeutet nicht, dass der junge Mensch IV-Rentner ist oder auf dem Weg, einer zu werden. Vielmehr geht es darum, Jugend­lichen mit diagnostiziertem Handicap einen guten Start in die Berufsbildung zu ermöglichen, sodass sie auf immer weniger Unterstützung angewiesen sind.

Nötig ist dafür eine Diagnose, die nicht älter als zwei Jahre ist. LRS-Betroffene müssen in ihrem Wohnkanton nach­fragen, ob sie ebenfalls ein ­Job-Coaching oder pädagogisch-therapeutische Unterstützung in Anspruch nehmen können.

Sich an den neuen Alltag und an lange Tage im Lehrbetrieb zu gewöhnen, ist für ADHS-Betroffene eine Herausforderung.

So sehr manche ADHS-Betroffene die Lehre herbeisehnen, weil sie von der Schule die Nase voll haben, so wichtig ist es, dass sie wirklich reif für diesen Schritt sind. Gerade der Übergang von der Schule in die Lehre sei für diese Jugendlichen eine besonders anspruchsvolle Anpassungsleistung, sagt Susanne Spalinger.

Viel möglich in einem Brückenjahr

«ADHS bringt eine verzögerte Entwicklung des Frontallappens mit sich, und die kann man nicht beschleunigen.» Das bedeutet, dass sich Abwägen, Organisieren und Impulskontrolle noch langsamer als bei anderen Pubertierenden entwickeln. Spalinger plädiert deshalb dafür, im Zweifelsfall ein Brückenangebot anzunehmen. «Es ist erstaunlich, was in einem Jahr möglich ist. Das bringt mehr, als nach drei Monaten die Lehre abzubrechen.»

Sie ist überzeugt, dass unter den 25 Prozent aller Lernenden, die ihre erste Lehre nicht abschliessen, ADHS-Betroffene überproportional vertreten sind. Das tiefere Einschulungsalter, das zu einem früheren Berufseinstieg führt, sei für manche ein Nachteil, urteilt die Expertin. Auf ein Brückenangebot hat sich auch Bodo eingelassen – in einer englischsprachigen Privatschule, in der er trotz LRS, aber mit Nachteilsausgleich richtig gute Noten schrieb und sogar Freude an der Schule und am Lernen bekam.

Begleitung auch in der Lehre

Der unterschriebene Lehrvertrag bedeutet besonders für Eltern von Jugendlichen mit ADHS oder LRS eine grosse Erleichterung. Doch Susanne Spalinger und Christine Brunner warnen: Die Zeit, in der ihre Kinder Begleitung brauchen, sei damit nicht vorbei. Sich an den neuen Alltag zu gewöhnen, an lange Tage im Lehrbetrieb, vielleicht an einen weiteren Weg oder die neue Klasse in der Berufsfachschule, an das selbständige Lernen – all das sei besonders für ADHS-Betroffene eine Herausforderung.

Spalinger erlebt es immer wieder, dass Eltern nach drei Monaten eine böse Überraschung erleben, wenn der Lehrbetrieb meldet, die Tochter oder der Sohn komme häufig zu spät, sei nicht bei der Sache und habe Mühe, die Erwartungen im Berufsalltag zu erfüllen.

Wenn Betroffene ihre Stärken zeigen und nutzen, spielen ihre Schwächen fast keine Rolle mehr.

Dabei bräuchten die Lernenden oft bloss ein leicht angepasstes ­Umfeld, zum Beispiel eine feste Bezugsperson, nicht mehr Abteilungswechsel innerhalb des Unternehmens als unbedingt nötig und Aufgaben, bei denen ihre Stärken zum Tragen kommen.

Spalinger nennt ein Beispiel: «Stundenlang alleine Karotten zu schälen, ist für einen Jugendlichen mit ADHS extrem schwierig, weil es so monoton und repetitiv ist. Wenn er zwischendurch Essen schöpfen kann, wo er seine Schnelligkeit und Belastbarkeit zeigen kann, ist allen geholfen.»

Die Stärken stärken

Das Job-Coaching der IV unterstützt nicht nur Lernende, sondern auch Lehrbetriebe im Umgang mit neurodivergenten Lernenden. Christine Brunner erinnert an den Polymechaniker mit LRS, der vor einem Jahr an dieser Stelle porträtiert wurde: «Er hat seine Lehre mit Bestnoten abgeschlossen. Aber er kam während der ganzen vier Jahre zwei Stunden pro Woche zu mir, um für die Schule zu lernen.»

Viele Menschen bekommen ihre ADHS oder LRS im Lauf der Jahre immer besser in den Griff. Sie lernen, Hilfsmittel zu nutzen, sie erkennen Situationen, in denen sie zu Fehlern neigen, und deshalb den Kontrollblick einer Kollegin brauchen. Noch wichtiger: Indem sie ihre Stärken zeigen und nutzen, bewegen sie sich mehr und mehr dorthin, wo sie ihr Potenzial nutzen können und ihre Schwächen fast keine Rolle mehr spielen.