Die ersten Hinweise werden leicht übersehen: Der Sohn konnte nicht alles von der Tafel abschreiben, weil «die Lehrerin so klein geschrieben hat». Die Tochter konnte das Schild nicht erkennen, weil «wir zu schnell dran vorbeigefahren sind».
Doch dann sitzt der Nachwuchs immer wieder zu nah vorm Fernseher, blinzelt viel und kneift irgendwie ständig die Augen zusammen. Spätestens jetzt ist es Zeit, bei einem Augenarzt vorbeizuschauen, denn das Kind könnte kurzsichtig sein: Es sieht in der Nähe scharf, erkennt weit entfernte Gegenstände aber nur verschwommen.
Erhöhtes Risiko für Erblindung
Weltweit steigt die Zahl kurzsichtiger Kinder seit Jahrzehnten deutlich an. Ein chinesisches Forschungsteam spricht von einem globalen Gesundheitsproblem: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben die Daten von 5- bis 19-Jährigen aus 50 Ländern analysiert. Demnach war vor 20 Jahren noch jedes vierte Kind kurzsichtig, inzwischen ist es jedes dritte. Fachleute gehen davon aus, dass diese Tendenz weiter steigt, im Jahr 2050 könnte dann jedes zweite Kind eine Brille brauchen.
Unter minus drei Dioptrien zu bleiben, ist von Vorteil, darüber steigt das Risiko für Folgeerkrankungen deutlich.
Anja Palmowski-Wolfe, Augenärztin
Ist ja nicht schlimm, könnte man denken, es gibt Schlimmeres, als eine Brille tragen zu müssen. Doch Kurzsichtigkeit, der Fachbegriff lautet Myopie, erhöht das Risiko für zahlreiche Augenerkrankungen, die unter anderem zur Erblindung führen können. Dazu gehören Netzhautablösung, Makuladegeneration, ein erhöhter Augeninnendruck, der Grüne Star und eine Linsentrübung, als Grauer Star bekannt.
«Es ist ein Unterschied, ob man mit 70, 80 Jahren eine Linsentrübung bekommt oder schon im Alter von 40, 50 Jahren», sagt Anja Palmowski-Wolfe, Leitende Ärztin an der Augenklinik des Universitätsspitals Basel. Im Prinzip sei das theoretische Ziel daher, dass niemand mehr kurzsichtig werde. «Das ist natürlich utopisch, daher versuchen wir wenigstens, unter minus drei Dioptrien zu bleiben, denn darüber steigt das Risiko für Folgeerkrankungen deutlich.»
Der Einfluss des Tageslichts
Ein entscheidender Faktor, um zu verhindern, dass sich eine Kurzsichtigkeit überhaupt erst entwickelt, ist Licht, vor allem das Tageslicht. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass es sich auf das Längenwachstum des Auges auswirkt – ein zu langer Augapfel führt zu Kurzsichtigkeit. «Hier etwas zu verändern, würde signifikant dazu beitragen, dass wir weniger kurzsichtige Kinder haben», sagt Palmowski-Wolfe.
In vielen Klassenzimmern herrschen schlechte Lichtverhältnisse mit einer Beleuchtungsstärke um 150 Lux. Untersuchungen haben Palmowski-Wolfe zufolge gezeigt, dass ein Anheben der Helligkeit auf Werte um 500 Lux bereits innerhalb eines Jahres bei Kindern im Alter zwischen 6 und 14 Jahren zu weniger neu auftretenden Kurzsichtigkeiten führt.
Möglich wäre das mit speziellen Tageslichtlampen, hellen Wänden und Möbeln und einer guten «Fensterhygiene» – grosse, saubere Scheiben, vor denen keine Bäume oder Jalousien Licht wegnehmen. «Ausreichend Helligkeit im Klassenzimmer ist tatsächlich eine der wirkungsvollsten Massnahmen gegen Myopie», sagt auch Hakan Kaymak vom Makula-Netzhaut-Myopie-Zentrum Düsseldorf, das sich als erstes Studienzentrum in Deutschland schwerpunktmässig mit der Prävention und Therapie von Kurzsichtigkeit beschäftigt. «Ich würde mir sehr wünschen, dass 1000 Lux in Klassenzimmern zum Standard werden.»
Zwei Stunden am Tag sollten Kinder mindestens im Freien verbringen, sagt die Wissenschaft, dort liegt die Helligkeit selbst an Regentagen bei mindestens 1000 bis 3000 Lux. Auch im Schatten oder wenn man mit einer Sonnenbrille unterwegs ist, bekommt man noch wesentlich mehr Licht ab als drinnen. «Dieser Effekt ist sehr stark», sagt Kaymak. «Wir wissen zum Beispiel, dass Kinder von Eltern, die beide kurzsichtig sind, mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent ebenfalls kurzsichtig werden. Diese kann jedoch durch zwei Stunden Rausgehen pro Tag um die Hälfte reduziert werden.»
Ein multifaktorieller Prozess
Obwohl die Beobachtungsdaten sehr eindeutig sind und auch Interventionsstudien zeigen, dass mehr Zeit im Freien das Risiko für die Entwicklung von Kurzsichtigkeit bei Kindern senken kann, wissen Fachleute noch nicht genau, wieso Licht vor Kurzsichtigkeit schützt. Es gibt allerdings einige Hypothesen. «Das Ganze ist sehr wahrscheinlich ein multifaktorieller Prozess», sagt Leila Eppenberger, die am Inselspital Bern Myopie bei Kindern und Jugendlichen therapiert und dazu forscht.
«Wir wissen mittlerweile, dass die Intensität des Lichts verschiedene biologische Signalwege beeinflusst, die das Längenwachstum des Auges regulieren.» Helles Licht scheint beispielsweise die Produktion von Dopamin im Auge zu fördern. Es wird angenommen, dass dieser Botenstoff wiederum verhindern kann, dass das Auge zu sehr in die Länge wächst. Zudem spielen vermutlich auch das Spektrum des Lichts, das Kontrastsehen und die visuelle Umgebung eine Rolle.
Nach 20 Minuten Lesen sollte man eine Pause machen und für eine Weile in die Ferne schauen.
Hakan Kaymak, Augenarzt
Eine aktuelle Studie des Suny College of Optometry der State University of New York kommt zum Schluss, dass es nicht nur das Licht ist, das einen Effekt hat, sondern auch die in Innenräumen verbreitete Naharbeit. Durch das lange Fokussieren auf nahe Objekte in eher schlecht beleuchteten Räumen gelangt weniger Licht auf die Netzhaut – mit der bekannten Folge für den Dopaminspiegel.
Zudem hat die Akkomodation des Auges an sich einen Einfluss auf die Kurzsichtigkeitsentwicklung, also die permanente Kontraktion bei Naharbeit. «Dem Auge ist es egal, ob man auf das Handy, einen Laptop oder in ein Buch schaut», sagt Kaymak, «wichtig ist, dass man beim Lesen genügend Abstand – etwa 30 Zentimeter – hält und nach 20, 25 Minuten eine Pause macht, in der man für eine Weile in die Ferne schaut.»
Spezielle Augentropfen
Um das Fortschreiten einer bestehenden Kurzsichtigkeit zu minimieren, rät Palmowski-Wolfe zu einer Brille mit sogenanntem peripherem Defokus. Bei einem lang gestreckten kurzsichtigen Auge bringt eine klassische Einstärkenbrille ein scharfes Bild auf die zentrale Netzhaut, in der Peripherie liegt der Abbildungspunkt dann jedoch jenseits der Netzhaut.
«Diese speziellen Brillengläser haben in der Peripherie nun Segmente, die punktuell ein scharfes Bild auch auf die periphere Netzhaut bringen, so dass das Längenwachstum des Auges gebremst wird», erklärt Palmowski-Wolfe.
Die Kosten für diese Brillen – etwa 350 Franken pro Glas – übernehmen die Krankenkassen noch nicht regulär. Bei Kindern mit überdurchschnittlicher Achsenlänge, bei denen ohne Einschreiten eine Kurzsichtigkeit erwartet wird, die höher ist als minus fünf Dioptrien, allerdings schon.
Die Brillen können Studien zufolge die Entwicklung der Myopie in drei Jahren um eine Dioptrie mindern. «Wenn eine solche Brille oder Kontaktlinsen nach diesem Prinzip nicht infrage kommen oder nicht den gewünschten Effekt zeigen, kann zusätzlich mit niedrig dosierten Atropin-Tropfen behandelt werden», sagt Palmowski-Wolfe.
Nachtlinsen verformen die Hornhaut
Das Medikament ist seit Jahrzehnten erprobt und hat vor allem in der niedrigen Dosierung kaum Nebenwirkungen. «Man muss es bis zum Alter von 15, 16 Jahren täglich jeden Abend anwenden», sagt der Düsseldorfer Augenarzt Kaymak, «wir haben damit gute Erfolge.» Erste Wahl für die Myopietherapie bei Kindern sei jedoch die Brille mit defokussierenden Gläsern. Hier sollte nach sechs und zwölf Monaten kontrolliert werden, ob das Auge wieder normal wächst. «Wird das Therapieziel mit der Brille nicht erreicht, kann 0,05-prozentiges Atropin ergänzend gegeben werden», sagt Kaymak.
Eine weitere Möglichkeit sind sogenannte Nachtlinsen. Diese Kontaktlinsen werden nachts ins Auge gelegt. Sie verformen die Hornhaut so, dass sich die Brechkraft verändert und man tagsüber keine Brille braucht. «Das ist fast schon ein kosmetisches Produkt, mit dem positiven Nebeneffekt, dass es das Fortschreiten der Myopie verlangsamt, weil es die Hornhaut manipuliert», sagt Kaymak. Nachteil: Es kann bei nicht ausreichender Hygiene zu Infektionen im Auge kommen. Zudem verformt sich die Hornhaut im Laufe des Tages wieder zurück, so dass man abends schlechter sieht als morgens.
Vorausschauend handeln
Die entscheidende Phase in der Entwicklung einer Kurzsichtigkeit liegt etwa zwischen 8 und 16 Jahren. Palmowski-Wolfe rät, durchaus schon mal früher beim Augenarzt vorstellig zu werden: «Wenn Eltern mit ihren drei- oder vierjährigen Kindern kommen, kann man schon mal schauen, wo das Kind steht, und die Basis für die Berechnungen zwei, drei Jahre später legen.» Es gibt auf Kinder spezialisierte Augenärzte, und falls sich tatsächlich eine Kurzsichtigkeit entwickelt hat, sind auf Myopie spezialisierte Praxen eine gute Anlaufstelle.
«Wichtig ist, dass die Augenärztin zwei Werte nimmt und im Laufe der Jahre die Achsenlänge und die Brechkraft ohne Einfluss der Akkommodation immer wieder kontrolliert», sagt Palmowski-Wolfe. Bei Kindern sollten diese Werte unter der sogenannten Zykloplegie gemessen werden. Dabei werden die Augen durch Augentropfen entspannt, sodass keine Akkommodation stattfinden kann, die die Messergebnisse verfälscht. Das ist wichtig, denn eine ungenaue Bestimmung der Sehstärke kann zu einer ungeeigneten Brillenkorrektur führen.
Die meisten Kinder sind bis zum Ende der Kindergartenzeit normalsichtig. Da sich eine Kurzsichtigkeit häufig erst mit Beginn der Schulzeit entwickelt, sprechen Fachleute auch von einer Schulmyopie.
Prävention in Familien und Schulen
Eine solche Untersuchung ist auch deshalb wichtig, weil nicht jede Myopie gleich ist. «Es gibt beispielsweise eine Kurzsichtigkeit, die ihre Ursache nicht in der Länge des Auges hat», sagt die Berner Augenärztin Eppenberger. In einem solchen Fall würden die klassischen Therapien nur eingeschränkt wirken. Hinzu komme, dass individuell geschaut werden muss, an welchem Punkt der Myopieentwicklung ein Kind gerade steht: «Dieses persönliche Risikoprofil ist ausschlaggebend dafür, welche und in welchem Umfang Massnahmen gegen das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit angewandt werden sollten», sagt Eppenberger.
Sie rät vor allem zur Prävention, die sowohl in Familien als auch in Schulen stattfinden kann. Kinder, die sich viel draussen bewegen und längere Naharbeit ohne Pausen vermeiden, haben gute Chancen, dass ihre Augen gesund bleiben. «Ein guter Ansatz dafür ist die 20:20:2-Regel: Nach 20 Minuten Lesen oder Naharbeit sollte man für 20 Sekunden in die Ferne schauen und zwei Stunden bei Tageslicht draussen verbringen – davon profitieren alle.»








