«Die Bedeutung der Kindheit wird überschätzt»

Aus Ausgabe
07+08 / Juli+August 2026
Lesedauer: 6 min
Wie sehr stehen Eltern in der Verantwortung, wenn es um das spätere Lebensglück ihrer Kinder geht, und welche Ereignisse beeinflussen unser Wohlbefinden am stärksten? Persönlichkeitsforscherin Eva Asselmann ordnet ein.
Interview: Virginia Nolan

Bild: Mara Truog / 13 Photo

Frau Asselmann, wie prägen Erfahrungen, die Kinder mit uns Eltern machen, ihr späteres Lebensglück?

Sie legen einen wichtigen Grundstein. Wenn Kinder sich sicher fühlen und erleben, dass ihre Bedürfnisse ernst genommen werden, entwickeln sie Vertrauen in sich selbst und in andere. Das wirkt sich positiv auf spätere Beziehungen aus, die wiederum starken Einfluss auf unsere Lebenszufriedenheit haben.

Es heisst, eine gute Kindheit sei der Schlüssel für ein glückliches Leben.

So pauschal würde ich das nicht sagen. Früher dachte man, die Persönlichkeit sei im jungen Erwachsenenalter ausgereift. Heute wissen wir, dass sie sich ein Leben lang weiterentwickelt – durch die Erfahrungen, die wir machen. Selbst im hohen Alter können diese unsere Persönlichkeit prägen und verändern. Bei einer 50-jährigen Person ist es wahrscheinlich, dass für ihre Lebenszufriedenheit nicht nur die Kindheit, sondern vor allem auch Erfahrungen aus den vergangenen Jahrzehnten entscheidend waren.

Gute Beziehungen ausserhalb der Kernfamilie können ungünstige Startbedingungen abfedern, umgekehrt ist ein liebevolles Elternhaus kein Garant für Glück im Leben.

Eltern investieren heute viel in ihre Kinder – und haben dennoch Angst, dass sie schuld sind, wenn diese später unglücklich werden.

Dieser starke Fokus auf die Kindheit hat viel mit gesellschaftlichen Veränderungen zu tun. Kinder zu haben, ist heutzutage keine wirtschaftliche oder soziale Notwendigkeit mehr, vielmehr eine Art Projekt, eine Lebensart, für die man sich bewusst entscheidet. Das führt zu höheren Erwartungen an die Elternrolle, entsprechend werden Familienideale inszeniert und auch kommerzialisiert. Starke Ideale machen Eltern anfälliger für Ängste, damit lässt sich Geld verdienen. Die Bedeutung der Kindheit wird natürlich auch aus anderen Gründen hervorgehoben.

Nämlich?

Menschen kommen mit einem unfertigen Gehirn auf die Welt. Gerade in den ersten Lebensjahren ist die Gehirnentwicklung sehr plastisch, also formbar, und hängt stark von äusseren Einflüssen ab. In dieser sensiblen Phase können Erfahrungen, die wir machen, langfristige neurobiologische Folgen haben. Wer in der frühen Kindheit Traumatisches erlebt, etwa Gewalt oder Vernachlässigung, reagiert möglicherweise noch Jahrzehnte später anders und körperlich intensiver auf Stress als Menschen, die in einem behüteten Elternhaus aufgewachsen sind. Wir wissen auch, dass frühe und spätere Erfahrungen miteinander interagieren.

Eva Asselmann über den Einfluss der Kindheit für das spätere Lebensglück
Eva Asselmann ist Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der HMU Health and Medical University in Potsdam (D). Sie erforscht, wie sich Menschen im Lauf ihres Lebens wandeln und was sie in unsicheren Zeiten stärker macht.

Das heisst?

Dass wir neue Erfahrungen immer auch vor dem Hintergrund früherer Erlebnisse verarbeiten und einordnen. Wenn Menschen schon als Kind das Gefühl vermittelt bekommen, allein nichts schaffen zu können, trauen sie sich später oft weniger zu – und machen deshalb auch seltener die Erfahrung, etwas bewirken und positiv verändern zu können. Nichtsdestotrotz wird die Kindheit als Einflussfaktor überschätzt, wenn es um die Lebenszufriedenheit im Erwachsenenleben geht.

Warum?

Weil Kinder nicht nur von ihren Eltern lernen. Auch Erfahrungen in Kita, Schule und Freizeit, im Freundeskreis oder in der Berufsausbildung prägen sie: Gibt es da Vertrauenspersonen, auf die sie zählen, die ihnen als gutes Vorbild dienen können? Werden sie bestärkt oder entmutigt, ausgegrenzt oder geschätzt, gehört oder übergangen? Gute Beziehungen ausserhalb der Kernfamilie können ungünstige Startbedingungen abfedern, umgekehrt ist ein liebevolles Elternhaus kein Garant für Glück im Leben. Brüche und Krisen sind fast nie an einer einzigen Ursache festzumachen – an schlechten Eltern, falschen Freunden und so weiter. Da spielen immer viele Faktoren zusammen.

Der einzelne grosse Moment ist für unsere Lebenszufriedenheit weniger entscheidend als die Summe dessen, was wir täglich erleben.

Ich kann also auch mit einer unglücklichen Kindheit ein glücklicher Mensch werden?

Natürlich. Ich kann bis ins hohe Alter entscheiden, dass ich mir Unterstützung holen, mich mit unguten Erfahrungen und Verhaltensmustern auseinandersetzen und schauen will, was ich daraus für die Zukunft lernen kann. Kinder brauchen verlässliche, liebevolle Bezugspersonen. Von der Verantwortung will ich Eltern nicht freisprechen. Aber als Erwachsene sollten wir davon absehen, sie allein für unsere Lebensumstände verantwortlich zu machen. Im ersten Moment kann das entlasten, langfristig ist es fatal, weil wir uns damit zum Opfer äusserer Umstände erklären, die wir nicht kontrollieren können. Veränderungen stehen demnach nicht in unserer Macht. Das ist kein hilfreicher Ansatz für mehr Zufriedenheit.

Wie können wir unserem Glück dann auf die Sprünge helfen?

Ein grosser Teil unseres Wohlbefindens hängt davon ab, wie wir unseren Alltag gestalten. Zum Beispiel können wir uns bemühen, Dinge, die wir gut und gerne machen, regelmässig zu tun. Wir können in Beziehungen investieren, die uns aufbauen, unsere Aufmerksamkeit auf das lenken, was gut läuft, und Dankbarkeit kultivieren. Wir können Ziele verfolgen, die unseren eigenen Werten entsprechen, statt uns primär an äusseren Erwartungen zu orientieren. Es sind meist nicht die grossen Ereignisse, die unsere Zufriedenheit am stärksten prägen.

Erklären Sie.

Lebensereignisse, denen wir besonders viel Bedeutung beimessen – zum Beispiel Heirat, die Geburt eines Kindes, ein Lottogewinn –, beeinflussen unser Wohlbefinden langfristig oft weniger stark, als wir glauben. Solche Highlights lösen zunächst intensive Glücksgefühle aus, an die wir uns mit der Zeit jedoch gewöhnen. Gleichzeitig bewirken Veränderungen, die wir als positiv wahrnehmen, häufig auch Unsicherheit und Anpassungsdruck.

Umgekehrt zeigt die Forschung, dass viele Menschen selbst nach schweren Schicksalsschlägen langfristig wieder zu einem stabilen Wohlbefinden zurückfinden. Der einzelne grosse Moment ist für unsere Lebenszufriedenheit oft weniger entscheidend als die Summe dessen, was wir täglich erleben.

Auch unseren Einfluss als Eltern überschätzen wir offenbar gerne. Wie können wir unseren Kindern trotzdem helfen, zuversichtliche Erwachsene zu werden?

Wichtig ist vor allem, dass Kinder die Erfahrung einer sicheren, liebevollen und warmherzigen Bindung machen. Sie brauchen keine perfekten Eltern. Heute entsteht oft der Eindruck, jedes Abweichen von Erziehungsidealen könnte Kindern langfristig schaden. Doch es sind meist nicht Einzelereignisse, die Kinder prägen, sondern die Grundhaltung, mit der wir ihnen im Alltag begegnen. Eltern müssen nicht in jeder Situation optimal reagieren. Manchmal hilft es sogar, sich von all den Erziehungsidealen etwas zu lösen, wieder mehr auf das eigene Gefühl zu hören und einfach zu versuchen, dem Kind so gut wie möglich gerecht zu werden.