Angst gehört zum Aufwachsen. Sie taucht nicht zufällig auf, sondern erfüllt eine wichtige Funktion: Sie schützt, ordnet ein und zeigt, wo ein Kind noch Unterstützung braucht. Viele Ängste sind entwicklungsbedingt: die Angst vor der Dunkelheit im Kindergartenalter, die Prüfungsangst in der Mittelstufe, die soziale Unsicherheit in der Pubertät.
Angst ist kein Defizit. Sie ist Teil der kindlichen Reifung und begleitet Kinder dabei, Schritt für Schritt selbständiger zu werden. Ausserdem hat die Angst eine Schutzfunktion. Sie sorgt dafür, dass wir nicht mit offenen Armen in jedes Messer rennen.
Angst ist nicht gleich Angststörung. Und eine Panikattacke bedeutet nicht automatisch eine schwere seelische Belastung.
Daneben gibt es aber Momente, in denen die Angst ihren Charakter verändert. Eltern bemerken es oft zuerst: Ein Kind hat immer öfter Bauchschmerzen, zieht sich zurück, schläft schlechter oder wirkt angespannter als sonst.
Jugendliche berichten von Herzklopfen, innerer Unruhe oder plötzlich auftretender Überforderung. Angst zeigt sich selten direkt, vielmehr über den Körper, über das Verhalten, über Gefühle, die auf den ersten Blick gar nicht nach Angst aussehen. Und es ist wichtig zu wissen: Nicht jedes Symptom ist sofort Ausdruck einer psychischen Störung.
Angst ist nicht gleich Angststörung. Und eine Panikattacke bedeutet nicht automatisch eine schwere seelische Belastung. Viele Attacken haben zunächst eine körperliche Ursache wie Übermüdung, Unterzuckerung, Stress, unregelmässige Atmung.
Darum lohnt sich ein ruhiger Blick: beobachten, einordnen, entlasten – und erst dann entscheiden, ob fachliche Unterstützung sinnvoll ist. Wenn sich die Problematik deutlich verstärkt oder den Alltag blockiert, sollte man nicht zögern, Fachpersonen und die Schule einzubeziehen. Frühe Gespräche verhindern, dass sich Muster verfestigen.
Wenn die Schule früh erfährt, dass ein Kind Mühe hat, kann die Angst proaktiv geschwächt werden und nimmt nicht überhand.
Schulangst aktiv angehen
Als fürsorgliche Eltern neigen wir im Reflex dazu, unsere Kinder zu schützen. Das ist natürlich, manchmal aber kontraproduktiv. Wir vermeiden intuitiv Situationen, die Angst machen, und befeuern so unbewusst die Ängste.
So ist es auch mit der Schulangst. Sie ist ein Beziehungsthema und muss unbedingt ernst genommen werden. Oft beginnt sie unauffällig: Bauchweh am Morgen, Tränen an der Haustür, Schweissausbrüche vor Prüfungen oder das Gefühl, «nicht mehr hingehen zu wollen».
Reflexartig versuchen wir vielleicht abzulenken oder zu verharmlosen («Du findest es doch immer lässig, in der Pause Fussball zu spielen» oder «Hab keine Angst, deine Sorgen gehen schon vorbei»). Doch es ist wichtig, dass Angstbeobachtungen mit den Lehrpersonen oder Sozialarbeitenden frühzeitig geteilt werden. So kann die Angst proaktiv geschwächt werden und nimmt nicht überhand.
Es ist der Anspruch aller, die an einer Schule tätig sind, dass sie ein Ort ist, der hält, verlässlich und stabil ist sowie Orientierung und Geborgenheit gibt. Diese Haltekraft entsteht aber nur, wenn wir – Schulleitende, Lehrpersonen, Schulsozialarbeiterinnen – früh erfahren, wenn ein Kind Mühe hat. Nicht erst, wenn es nicht mehr kommt und emotional überfrachtet ist.
Kindern etwas zutrauen
Neben der Unterstützung im Ernstfall stellt sich die Frage, wie wir die Kinder stark und resilient machen. Die Antwort ist im Kern einfach, aber im Alltag anspruchsvoll: Wir müssen ihnen etwas zutrauen – und ihnen das Bewältigen von Schwierigkeiten zumuten. Kinder wachsen an Erfahrungen, die herausfordernd, aber machbar sind. Entscheidend ist dabei unsere Begleitung.
Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen gut zusprechen und bei kleinen Schritten Zuversicht vermitteln. Es geht nicht darum, Kinder durch alles hindurchzupushen, sondern ihnen die Erfahrung zu ermöglichen: «Ich kann etwas bewältigen, das mir zuerst Unbehagen oder Angst gemacht hat.»
Ein Kind, das sich getragen fühlt, hat gute Chancen, den Mut wiederzufinden, der durch die Angst verdeckt war.
Leistung ist ein Teil des Lernens, aber sie braucht Augenmass. Anerkennung sollte sich auf die Anstrengung beziehen – nicht auf Talent. Ein Kind, das sich durch ein schwieriges Thema arbeitet, verdient Wertschätzung, unabhängig vom Resultat.
Leistungsanforderungen müssen altersgerecht sein: Ein Achtjähriger muss sich nicht wie ein Jugendlicher strukturieren können. Eine Zehnjährige darf Fehler machen, ohne dass daraus ein Charakterurteil wird. Dabei zeigen es Beispiele aus dem Alltag immer wieder: Ein Kind, das vor Präsentationen grosse Nervosität verspürt, braucht Zuspruch bei seinen Entwicklungsschritten und weniger Perfektionsdruck.
Konkrete Hilfe bei Ängsten
Wenn Angst da ist, helfen oft kleine, klare Schritte:
- Benennen und normalisieren: «Das ist Angst – sie fühlt sich schwer an, aber sie geht vorbei.»
- Gemeinsame Emotionsregulation: Langsames Atmen, ein kurzer Körpercheck, ein Moment an der frischen Luft, ein Ritual oder ein Notfallplan für schwierige Situationen (Was kann ich machen, wenn die Angst auftaucht?).
- Schrittweise Annäherung: Kein Kind sollte von 0 auf 100 irgendetwas müssen. Kleine Etappen wirken nachhaltiger als Vermeidung.
- Stärken sichtbar machen: Angst verengt den Blick. Erwachsene können helfen, indem sie dem Kind seine Fähigkeiten aufzeigen und gemeinsam Lösungen oder neue Wege finden.
- Frühzeitige Unterstützung: Wenn der Alltag beeinträchtigt ist, sollte man nicht zuwarten. Hilfe zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern zeugt von Verantwortung.
- Angst gehört zum Leben – auch zum Leben von Kindern. Aber sie darf es nicht bestimmen. Wenn Eltern, Schule und Fachpersonen gemeinsam hinschauen und sich gegenseitig unterstützen, entsteht ein Netz, das trägt. Und ein Kind, das sich getragen fühlt, hat gute Chancen, Schritt für Schritt den Mut wiederzufinden, der durch die Angst verdeckt war.







