Meine damals sechsjährige Tochter schaute mich erwartungsvoll an, während ich das Buch aufschlug und vorzulesen begann: «Natürlich will Conni den Kindern im Kindergarten an ihrem Geburtstag nichts mitbringen. Am Tag davor weigert sie sich deshalb, mit Papa Bananen-Muffins zu backen. Conni hilft nicht mit, die Zutaten für die Muffins zu suchen und abzuwiegen. Den fertigen Teig schmeisst sie mit einem grossen Löffel in der Küche herum.»
Spätestens an diesem Punkt kugelte sie sich vor Lachen.
Meldoien absichtlich schräg singen
Viele Kinder im deutschen Sprachraum kennen Conni, das Mädchen mit der roten Schleife im Haar und dem Streifenpulli. Conni ist ein neugieriges, aber auch braves und kooperatives Kind. Conni-Geschichten erzählen von typischen Alltagssituationen, die das Mädchen mit ihrer Familie, ihren Freunden oder in der Schule erlebt. Die beliebten Kinderbücher erklären die Welt von Kindergarten- und Primarschulkindern einfach und mit dem pädagogischen Ziel, Orientierung und Sicherheit zu vermitteln.
Geschichten verkehrt herum zu erzählen, machte unseren Kindern riesig Spass. Das klappte vor allem dann, wenn sie vorher x-mal die ursprüngliche Version gehört hatten. Dasselbe galt für das Schlaflied, das wir abends am Bett sangen. Die Melodie absichtlich schräg zu singen und dabei gemeinsam furchtbare Harmonien zu kreieren, verwandelte das Einschlafritual in einen besonderen Glücksmoment. Etwas Respektlosigkeit gegenüber dem, was zu ernst und wohletabliert ist, fühlte sich an wie Kitzeln.
Bilderbuch-Eltern zu sein, ist für Väter und Mütter ein ebenso unerreichbares wie untaugliches Ziel.
Elternsein und Erziehung geraten zuweilen zu einer schrecklich ernsten Angelegenheit. Die meisten Eltern wissen, dass der perfekte Vater oder die perfekte Mutter nicht existiert. Dennoch werden wir regelmässig mit musterhaften Exemplaren konfrontiert. So wie Connis Eltern etwa: Diese reagieren jederzeit ruhig, verständnisvoll und perfekt abgestimmt.
Sie erklären alles geduldig, setzen klare, wohltemperierte Grenzen und sind emotional immer verfügbar. Zudem sind sie beruflich erfolgreich und glücklich verheiratet. Alltagsstress existiert höchstens in stark verdünnter Form und wird zuverlässig durch Gespräche, Verständnis und pädagogische Kompetenz aufgelöst. Und dieses Idealbild begegnet uns nicht bloss in Conni-Büchern.
Zum Glück verläuft kein Familienalltag so vorbildlich. Bilderbuch-Eltern zu sein, ist für Väter und Mütter ein ebenso unerreichbares wie untaugliches Ziel. Und obwohl die meisten von uns das Konzept des «good enough parent» längst verstanden haben, fühlen wir uns hin und wieder unzureichend.
Denn selbst das Ideal, nicht perfekt sein zu wollen, kann zur belastenden Messlatte werden. Nämlich dann, wenn selbst die gelassene Unvollkommenheit zum Anspruch wird. Dagegen dürfen wir uns auflehnen – am besten mit Humor.
Indem man ironisch Abstand zur Wirklichkeit, zu gesellschaftlichen Normen oder zu sich selbst schafft, befreit man sich.
Ironie erlaubt uns, übertriebenen Ernst zu entlarven. Der Philosoph Søren Kierkegaard beschrieb Ironie als Mittel, um Distanz zu schaffen, wenn etwas zu schwer, zu widersprüchlich oder zu absolut wird.
Indem man ironisch Abstand zur Wirklichkeit, zu gesellschaftlichen Normen oder zu sich selbst schafft, befreit man sich. Man muss sich nicht bedingungslos der Realität beugen, sondern kann sie hinterfragen und sich über sie erheben. In diesem Sinne wirkt Ironie als eine «Schutzwehr», die verhindert, dass man von der Schwere oder Absolutheit einer Situation erdrückt wird. Ironie zeigt, dass Dinge, die unbeweglich wirken, oft gar nicht so fest sind.
Ein Moment der Selbstbestimmung
Der Psychiater und Holocaust-Überlebende Viktor Frankl beschrieb Humor als einen Moment von Selbstbestimmung – selbst in Extremsituationen: Humor schafft einen winzigen inneren Raum zwischen dem Menschen und der Sachlage. In diesem Raum liegt Würde. Ironie ist in diesem Fall kein Spott, sondern Selbstbehauptung.
Für die meisten Väter und Mütter bedeutet Kindererziehen keine Extremsituation. Dennoch gelangen alle Eltern irgendwann an ihre Grenzen. An die ihrer Geduld, die der Empathie, die ihrer Aufmerksamkeit, die ihrer Selbstkontrolle, die der Belastbarkeit, die ihrer Selbstlosigkeit.
«Motherland»: lachen statt weinen
Wenn Eltern ihre eigene Unzulänglichkeit erleben, folgen oft Scham oder Schuldgefühle. In solch unausweichlichen elterlichen Erfahrungen kann es entlastend wirken, einen Schritt zurückzutreten und zu versuchen, das Absurde an der Situation zu erkennen. Dabei hilft uns auch Gesellschaftssatire.
Hier denke ich an meine gute Freundin, deren Familienleben oft besonders herausfordernd ist. Sie ist Mutter zweier adoptierter Kindergartenkinder, unfreiwillig alleinerziehend und teilzeitarbeitend. Der Alltag meiner Freundin bewegt sich regelmässig an ihrer Belastungsgrenze. Sie erzählte mir kürzlich, wie die ironisch-satirische britische Comedyserie «Motherland» ihr Trost spendete. Gewisse Szenen halfen ihr, ihre aufgestauten Tränen zu lachen, anstatt sie zu weinen.
Eltern stehen unter dem ständigen Druck, gleichzeitig präsent, beruflich erfolgreich, sozial engagiert und perfekt organisiert zu sein.
Die Serie zeigt den heutigen Familienalltag als satirischen Mikrokosmos. Sie macht sichtbar, wie unausgesprochene Erwartungen und soziale Vergleiche den Alltag von Eltern prägen. Eltern stehen unter dem ständigen Druck, gleichzeitig präsent, beruflich erfolgreich, sozial engagiert und perfekt organisiert zu sein.
Die Dynamiken in «Motherland» sind bewusst überzeichnet und decken die Absurdität vieler gesellschaftlicher Normen auf. Mit trockenem britischem Humor zeigt die Serie, wie belastend und gleichzeitig widersprüchlich die heutigen Ansprüche an Eltern geworden sind – und entlastet somit alle, die selbst unter dem Druck ächzen.
Provozierende Pippi Langstrumpf
Verschiedene Zeitalter bringen unterschiedliche Satire hervor. Was Motherland für heutige Eltern tut, tat Pippi auf andere Weise für Kinder. Als Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf 1945 in Schweden erschien, wurde die Figur auch als Provokation gegen die damaligen Vorstellungen von guter Kindererziehung wahrgenommen.
Gleichzeitig war sie bei Kindern enorm erfolgreich. Alle Aspekte, die Erwachsene als erzieherisch gefährlich betrachteten, wirkten auf Kinder befreiend: Pippi ist reich und körperlich stärker als jeder Erwachsene. Sie braucht keinen, der ihr sagt, wo es langgeht. Damit nahm Lindgren Erwachsenen praktisch jedes klassische Druckmittel: Geld, körperliche Überlegenheit, Autorität und Abhängigkeit – ein damals radikaler Gedanke.
Die Grenzen der Ironie
Noch einmal zurück zum Philosophen Kierkegaard. Für ihn ist echte Ironie kein Ziel an sich, sondern nur ein Zwischenschritt. Sie hilft uns, erst einmal Abstand zu nehmen und Luft zu schaffen, damit wir unser eigenes Leben führen können. So wie es zu uns selbst passt und nicht nur nach den Regeln oder Erwartungen anderer. Wer ständig ironisch bleibt, verbittert mit der Zeit. Kippt Ironie in Zynismus, verliert sie ihre befreiende Wirkung und bringt uns nicht mehr vorwärts.
Wenn wir Eltern unflexibel reagieren, legen unsere Teenager-Töchter den Starrsinn mit einer ironischen Bemerkung geschickt bloss.
Unsere zweite und jüngste Tochter fand die verkehrten Geschichten auch lustig. Sie war mit ihren vier Jahren jedoch noch nicht alt genug, um mehr als nur den Situationswitz zu erkennen. Die Kleine war vernarrt in Esel. Wenn es um ihr Lieblingstier ging, hörte bei ihr der Spass auf. Über das Grau-Ohr in ihrem liebsten Bilderbuch durfte nichts Freches gesagt werden. Anders als Conni vermittelte der Esel zudem keine moralische oder erzieherische Botschaft. Die geliebten Eselgeschichten zu verdrehen wäre nicht lustig gewesen. Unser Kind hätte es als abschätzig und gemein empfunden.
Im Familienalltag beweglich bleiben
Ironie spielt immer noch eine positive Rolle in unserem Familienleben. Heute geht sie vermehrt von unseren Teenager-Töchtern aus. Wenn wir Eltern uns in Ideen verstricken oder in ihren Augen unflexibel reagieren, wissen sie unseren Starrsinn mit einer lustigen Bemerkung blosszulegen. Unsere Werte dürfen infrage gestellt werden, um sie beweglich zu halten.
Verstehen Sie mich richtig: Nicht jedes erzieherische Idealbild ist grundsätzlich beengend. Ich hielt Conni-Geschichten damals für pädagogisch wertvoll – sie vermittelten etwas Beruhigendes. Trotzdem wirkt auf mich die Conni, die anstatt mitzuhelfen, den Teig in der Küche herumschmeisst, bis heute erfrischend.









