Emma wirft den Elternbrief mit den Informationen zur Kindergartenreise ins Altpapier. Ihre Lehrerin meinte am Morgen, die Kinder bräuchten gutes Schuhwerk für den Ausflug, am besten Wanderschuhe. Emma hat keine Wanderschuhe. Würde sie den Brief ihrer Mutter geben, würde diese die Lippen zusammenpressen, tief einatmen und ganz still werden. Dann würde sie «Ach herrje» sagen und den ganzen Abend seltsam abwesend sein. Das ist immer so, wenn die Familie etwas braucht, das viel Geld kostet. Emmas Familie ist «knapp dran», «muss schauen», hat «enge finanzielle Verhältnisse».
Doch was genau versteht man unter «engen finanziellen Verhältnissen»? Wo beginnt Armut? Den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) zufolge liegt die Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern bei monatlich 4051 Franken. Was darunter ist, reicht nicht aus. Dabei sind die Ursachen für Armut vielschichtig.
Häufig spielen der Bildungshintergrund, der fehlende Zugang zu Bildung, die Folgen einer Scheidung oder einer Krankheit eine zentrale Rolle. Insbesondere Alleinerziehende sind in der Schweiz überdurchschnittlich oft von Armut betroffen.
Armutsbetroffene Kinder wachsen in einem chronisch gestressten Umfeld auf.
Andrea Schmid-Fischer, Budgetberaterin
Ein Blick in das Budget einer Familie, die nahe an der Sozialhilfegrenze lebt, verdeutlicht deren prekäre Lage: Bereits ein Geburtstagsgeschenk für 12 Franken oder ein Hotdog am Fussballmatch für 5.50 Franken sprengen den Rahmen – wenn das nicht schon durch andere unvorhersehbare Ausgaben wie eine Veloreparatur oder eine Busfahrt ins Spital geschehen ist.
«Armutsbetroffene Kinder wachsen in einem chronisch gestressten Umfeld auf», sagt Andrea Schmid-Fischer. Sie leitet die Budgetberatung der Frauenzentrale Luzern. «Jede Anfrage des Kindes – nach grösseren Turnschuhen oder einer Glace – ist mit Stress verbunden.»
Existenzielle Ängste
Dies bekommt auch die Sozialpädagogin Regula Schmid hautnah mit, wenn sie Familien begleitet. «Existenzielle Ängste treiben Eltern an die Grenze der Erschöpfung», sagt die Teamleiterin der Sozialpädagogischen Familienarbeit (Sofa) der Kinder- und Jugendsiedlung Utenberg in Luzern, einer ambulanten, aufsuchenden Unterstützung für Familien.
Sie kennt die Folgen dieser Ängste. Wenn man damit beschäftigt ist, auf der Arbeit zu funktionieren, um die Stelle nicht zu verlieren, sind die zu kleinen Turnschuhe Nebensache. Gleichzeitig reissen die Nachrichten aus Kindergarten und Schule nicht ab: Gestern war der Regenschutz nicht eingepackt, heute fehlte die Unterschrift von Mami.
«Und irgendwann lassen die Kinder das Infoblatt zur Schulreise verschwinden, weil sie wissen, dass sie keine Wanderschuhe haben», sagt Schmid. «Armutsbetroffene Familien leben daher oft sehr zurückgezogen.» Kinderthemen überlappten mit Erwachsenenthemen und die Eltern hätten kaum mehr die Kraft, sich den vermeintlichen Kleinigkeiten – wie den Turnschuhen – zu widmen.
Armut kommt nicht allein
«Armut kommt nicht allein», sagt Regula Schmid, «sondern führt in mehreren Bereichen zu Problemen – und schliesslich zu einer Überforderung. Eltern können ihre Kinder nicht mehr adäquat begleiten.» Darum kommt hier die sozialpädagogische Familienhilfe ins Spiel. Neben dem primären Auftrag des Familiencoachings in Erziehungsfragen kann sie den Familien zum Beispiel kostenlose Freizeitaktivitäten vermitteln, sie bei der Anmeldung für solche Angebote unterstützen oder der Lehrerin Regenhosen mitgeben, die diese dem Kind bei Bedarf aushändigen kann.
«Wir verstehen, vernetzen und sortieren», sagt Schmid. Viele Eltern hätten grosse Ängste, dass ihnen die Kinder von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) weggenommen werden könnten oder dass sie Sozialhilfe beziehen müssten. Zudem sei das Thema Armut mit sehr viel Scham verbunden. «Unsere Aufgabe ist es, als Erstes den Druck zu verringern.»
Uns werden finanziell enge Verhältnisse nicht gemeldet. Aber wir sind darin geschult, Stress bei Kindern zu erkennen.
Wendela Martens, Schulleiterin
Mit fehlenden Regenhosen und gestressten Kindern ist Wendela Martens, Schulleiterin des St.-Karli-Schulhauses in Luzern, bestens vertraut. Das Schulhaus am Reussufer vereint Kinder aus zwei Quartieren: dem gut situierten Bramberg mit Einfamilienhäusern und der Basel- und Bernstrasse, wo die Mieten tief sind und der Anteil der Familien mit Migrationshintergrund hoch.
Armutsbetroffene Kinder erkennen
«Uns werden finanziell enge Verhältnisse nicht gemeldet», sagt sie. «Aber wir sind darin geschult, Stress bei Kindern zu erkennen.» So seien belastete Kinder dünnhäutiger und entweder sehr zurückgezogen oder hyperaktiv. «In einem solchen Fall werden wir hellhörig», sagt sie. Manchmal hätten diese Kinder auch Mühe, sich von den Eltern zu trennen, weil sie für sie Verantwortung übernehmen und sich um sie sorgen.
Armutsbetroffene Kinder würden in der Tendenz früher in den Kindergarten geschickt. Ihre Motorik sei weniger weit entwickelt, da die Eltern seltener mit ihnen in der Natur unterwegs seien. «Da tut sich schon eine Schere auf», so Martens. «Kinder aus besser situierten Familien werden zu Hause stark gefördert und kommen in der Tendenz ein Jahr später – und besser gerüstet – in den Kindergarten.»

Was die Schule unternimmt
Genau dort setzt das Projekt «Hurlibus» der Schule St. Karli an: «Wir bieten den Familien kostenlose Unterstützung an bei Fragen rund um die Förderung des Kindes zu Hause, bei Fragen zum Schulsystem oder bei der sozialen Vernetzung der Familie mit Quartier und Schule», erläutert Martens. So besuchen die Lehrpersonen gemeinsam mit den Familien Spielplätze oder helfen ihnen, die Kinder bei den kostenlosen Freizeitangeboten oder bei der schulergänzenden Betreuung anzumelden. So können Mütter im Berufsleben eher wieder Fuss fassen.
«Wir leben in einer materialistischen Gesellschaft», sagt Andrea Schmid-Fischer von der Frauenzentrale. «Nur wer Geld hat, ist jemand.» Dabei verankert bereits die Verfassung, dass die Würde jedes Einzelnen zu achten und zu schützen ist – und zwar völlig ungeachtet des Einkommens oder anderer Faktoren. Dennoch zeigen sich in der Realität Unterschiede: «Geringes Selbstbewusstsein und geringe soziale Wertschätzung treten häufiger bei Kindern auf, die in Armut aufwachsen», betont Ingrid Hess, Mediensprecherin bei der Skos.
Perfektionierte Schnäppchenjagd
Zu wenig Geld zu haben, führe zuweilen auch zu paradoxen Situationen, sagt Andrea Schmid-Fischer. «Ein Jahresabo beispielsweise vergünstigt zwar den öffentlichen Verkehr, nur können armutsbetroffene Familien den hohen Betrag nicht auf einmal zahlen.» Also werden sie kreativ – und beziehen das Abo über einen Verwandten, dem sie es dann in Raten zurückzahlen. «Womit sich die Familien wiederum in eine Abhängigkeit begeben», so die Budgetberaterin.
Eigentlich leisteten diese Familien unglaublich viel, fügt sie an. «Sie könnten richtig stolz darauf sein, wie sie Kinder, Arbeit und das ständige Rechnen unter einen Hut bringen.» Stattdessen dominiere oft die Scham. «Viele Armutsbetroffene haben eine sehr hohe Konsumkompetenz und die Handhabung des Geldes perfektioniert», sagt Schmid-Fischer.
Es hilft, wenn Kinder an ihrem Geburtstag keine Kuchen oder Weggli mit in den Kindergarten bringen müssen.
Regula Schmid, Sozialpädagogin
«Sie wissen genau, wo sie wann was kaufen können, damit sie dafür möglichst wenig zahlen müssen. Sie haben das Schnäppchenjagen perfektioniert.» Nicht zuletzt würden sie für die auswärtige Verpflegung vorkochen – da dies viel günstiger sei als Convenience Food.
Wie kann man nun helfen – als Nachbar, als Eltern von Kindern, die mit armutsbetroffenen Kindern befreundet sind? Als Lehrperson?
Feingefühl ist entscheidend
«Auch wenn es lieb gemeint ist, hilft es nicht unbedingt, wenn man den Hotdog bezahlt», sagt Andrea Schmid-Fischer. «Die einen Familien schätzen eine solche Geste vielleicht, doch andere kann es stressen, weil sie sich nicht revanchieren können.» Dies baue den Druck eher noch auf. Es sei schon viel gewonnen, wenn das Umfeld die Situation verstehe. Darum brauche es vor allem Fingerspitzengefühl, ein Bewusstsein für die Situation und die Befindlichkeit der betroffenen Familie. «So kann man, wenn das zum Beispiel im Quartier so üblich ist, die Schienbeinschoner oder Fussballschuhe weiterreichen.»
Von Feingefühl spricht auch Schulleiterin Wendela Martens. «Es hilft den armutsbetroffenen Familien, wenn die Kinder bei den Geburtstagspartys keine Geschenke mitbringen müssen», sagt sie. «Oder die Party nicht in der Bowlinghalle stattfindet, für die man selbst Eintritt bezahlen muss, sondern im Wald.» Und auch die Schule kann aktiv werden. «Wir organisieren einen niederschwelligen Kleidertausch in der Turnhalle», so die Schulleiterin. Dabei könne jeder Kleider bringen, jeder Kleider holen, ohne Geld. Was übrig bleibt, werde gespendet. Der Event geht auf eine Initiative der Elternschaft zurück.
Armut in der Schweiz
Ein Blick auf die Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigt: 134 000 Kinder und Jugendliche leben in der Schweiz unter der Armutsgefährdungsgrenze. Dies entspricht 8,1 Prozent der ständigen Schweizer Wohnbevölkerung. Damit sind Kinder die grösste Gruppe, die hierzulande von Armut betroffen ist. Die Kantone Neuenburg, Genf und Basel-Stadt weisen dabei die grösste Sozialhilfequote bei Minderjährigen auf. Die Armutsbekämpfung ist Sache der Kantone. Je nachdem, wo man wohnt, wird man unterschiedlich stark unterstützt.
Weitere Infos dazu finden Sie in unserem Übersichtsartikel: Was macht die Politik für armutsbetroffene Kinder?
Gute Erlebnisse schaffen
Es helfe auch, wenn Kinder an ihrem Geburtstag keine Kuchen oder Weggli mit in den Kindergarten oder die Schule bringen müssen, führt Regula Schmid von der Sozialpädagogischen Familienarbeit ein weiteres Beispiel an. «Stattdessen könnte man dort gemeinsam Popcorn machen.» Oft gehe vergessen, dass das Backen eines Kuchens oder das Besorgen von 25 Weggli für arbeitstätige Mütter und Väter eine zusätzliche Belastung sei – nicht nur finanziell.
«Ebenso kann man bei den Kindern Verständnis schaffen, mit ihnen darüber reden und zum Beispiel ein Picknick zum Fussballmatch mitnehmen und zusammen teilen.» Man könne anbieten, das Nachbarskind zum kostenlosen Turnen mitzunehmen. «Es geht darum, mit den Kindern gute Erlebnisse zu schaffen», sagt Regula Schmid.
Es sind Glaubenssätze wie «Wenn man mehr gearbeitet hätte, wäre es nicht so» oder schlicht «Selber schuld, wenn man zu wenig verdient», die materielle auch zu einer emotionalen Armut machen. Glaubenssätze, die Lage für Lage abgetragen werden müssen – mit Empathie und Verständnis.
Guter Start mit «Gustaf»
Der Verein Nidwaldner Hebammen hat vom Gesundheitsamt den Auftrag erhalten, werdende Eltern in Belastungssituationen früh anzusprechen und bei Bedarf passende psychosoziale oder materielle Unterstützungen zu vermitteln. Das Projekt wird seit 2023 als ständiges Angebot weitergeführt.
Informationen, Hilfe und Beratung rund um das Thema (Familien-)Budget.







