Was macht Kinder glücklich? – Antworten auf 9 Fragen

Aus Ausgabe
07+08 / Juli+August 2026
Lesedauer: 6 min
Positive Glaubenssätze, bestimmte Charaktereigenschaften oder viel Geld? Expertinnen und Experten über Glücksmythen und was Gross und Klein effektiv zufrieden macht.
Aufgezeichnet von Virginia Nolan

Bild: Mara Truog / 13 Photo

1. Was macht Kinder glücklich?

Ihr Lieblingsessen; ihre Freunde und auch mal die Geschwister; anerkennende und liebe Worte der Eltern; die Freude, wenn sie das erste Mal etwas allein schaffen: Velo fahren, einkaufen, vom Sprungturm hüpfen. Kinder haben mir in all den Jahren, in denen ich sie zu ihrem Wohlbefinden befragte, eine lange Liste von Glücksfaktoren beschert.

Kinder finden ihr Glück im eigenen Tun – in Dingen, die sie sich erschaffen, nicht in dem, was wir ihnen auf dem Silbertablett servieren.

Anton Bucher, Pädagoge

Was ich zuvor nie geahnt hätte: Wie glücklich sie Tiere machen. Hund Bello, Vogel Tschipsi oder Kater Schnurrli kommen da meist noch vor den Eltern. Und auch für Kinder gilt im übertragenen Sinn, was ein französischer Philosoph einst als Bonmot prägte: Nichts macht glücklicher, als sich auf einen selbst gezimmerten Stuhl zu setzen. Kinder finden ihr Glück im eigenen Tun – in Dingen, die sie sich erschaffen, nicht in dem, was wir ihnen auf dem Silbertablett servieren.

Anton Bucher, Theologe, Pädagoge und Buchautor, Universität Salzburg

2. Glück beginnt im Kopf, heisst es. Was ist damit gemeint?

Wir neigen, überspitzt gesagt, zu Pessimismus: Negative Emotionen hinterlassen im Gehirn einen stärkeren und länger anhaltenden Eindruck als positive. Wir spüren sie etwa fünfmal stärker und über Probleme denken wir rund viermal öfter nach als über Erfreuliches. Aus evolutionärer Sicht ist das sinnvoll, weil wir so auf der Hut bleiben vor potenziellen Gefahren.

Für unser Gemüt ist es förderlich, wenn wir unser Gehirn auch in die andere Richtung trainieren – indem wir versuchen, Erfreuliches bewusst wahrzunehmen, wertzuschätzen und entsprechend zu verankern: eine unverhoffte nette Geste, die schönen Blumen am Strassenrand. Das hat nichts damit zu tun, sich krampfhaft ans Positive zu krallen und Unerfreuliches zu verdrängen. Vielmehr geht es darum, positive Gedanken zu kultivieren und dem Gehirn durch etwas Übung einfacher in entsprechende Muster zu verhelfen.

Barbara Studer, Gründerin Hirncoach AG, Psychologin und Neurowissenschaftlerin, Universität Bern

3. Inwiefern helfen Affirmationen – selbst bejahende Glaubenssätze, die wir einüben – dem Glück auf die Sprünge?

Grundsätzlich ist es förderlich, Dinge positiv zu formulieren. Also zum Beispiel: «Ich möchte mich fit fühlen» statt «Ich sollte weniger Süsses essen». Affirmationen allein wirken wenig. Fehlt es ihnen an Realitätsbezug, kann es passieren, dass wir uns selbst über- und äussere Umstände unterschätzen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es wirksamer, positive Überzeugungen zu haben – «Ich schaffe das!» –, sich aber gleichzeitig zu überlegen, welche Stolpersteine auf dem Weg zum Ziel auftreten könnten und wie wir mit ihnen umgehen wollen. Das nennen wir mentales Kontrastieren: Man kann sich gedanklich schon mal ein paar Strategien für potenzielle Herausforderungen zurechtlegen. Das federt, falls sie tatsächlich eintreffen, den Schrecken ab und schafft Handlungsenergie und Zuversicht.

Barbara Studer

Kann ein Kind seine ­individuellen Stärken ­ausleben, wirkt sich das ­positiv auf seine ­Lebenszufriedenheit aus.

Willibald Ruch, Psychologe

4. Was hilft Kindern, zu zufriedenen Erwachsenen heranzuwachsen?

Erfüllung verspürt, wer seine Stärken zur Geltung bringen kann. Jeder Mensch verfügt über drei bis sieben sogenannte Signaturstärken, also Charaktereigenschaften, die sich positiv auf die Lebenszufriedenheit auswirken und bei ihm besonders ausgeprägt sind. Diese zeigen sich früh. Je mehr Gelegenheit ein Kind hat, sie auszuleben, desto besser. Es geht darum, eine Passung zu schaffen zwischen dem, was das Kind ausmacht, und seiner Umwelt.

Wir können Kinder zudem ermutigen, Stärken auf eine neue Art und Weise einzusetzen. Ein neugieriges Kind etwa könnte sich ein Buch zu einem Thema ausleihen, mit dem es sich noch nie befasst hat, oder statt mit Lego zu spielen in der Küche etwas Neues ausprobieren. Oder man ändert gewohnte Wege immer mal wieder zugunsten einer unbekannten Route ab.

In einem neuen Kontext spüren Kinder die Kraft, die von ihren Stärken ausgeht, besonders stark. Familien können Charakterstärken fördern, indem sie versuchen, Freizeit und Ferien, Haushalts- oder andere Aufgaben so zu organisieren, dass alle ihre Stärken einbringen können.

Willibald Ruch, emeritierter Psychologe und Professor für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik an der Universität Zürich

5. Wie gelingt Glück in der Schule?

Unsere Forschung zeigt, dass Charakterstärken wie Ausdauer, Liebe zum Lernen, Neugier und Selbstregulation für Wohlbefinden und Erfolg in der Schule ausschlaggebend sind. Diese Stärken bringen vergleichsweise wenige Kinder mit, und leider sind andere Eigenschaften wie etwa Humor an der Schule oft nicht so gefragt. Natürlich ist es wichtig, dass sich Kinder auch in Selbstregulation oder Ausdauer üben, indem man sie vor Frust nicht verschont und ihnen zutraut, etwas zu schaffen, statt gleich einzugreifen. Trotzdem wäre es wünschenswert, dass Schulen mehr Gelegenheiten schaffen, bei denen unterschiedliche Charakterstärken gefragt sind, nicht nur solche, die für Lernerfolg relevant sind.

Willibald Ruch

Der Glückseffekt einer Gehaltserhöhung ist wie Pizzaessen: Das erste Stück schmeckt hervorragend, das fünfte bringt keinen zusätzlichen Genuss mehr.

Bruno S. Frey, Professor für Wirtschaftswissenschaften

6. Was macht glücklicher: sich auf bewährte Stärken zu konzentrieren oder neue zu erschliessen?

Das kommt auf die Situation und Person an. Erst mal sind Charakterstärken, die unser Glücksempfinden positiv beeinflussen, nicht bei allen Menschen gleich zahlreich vorhanden. Manche verfügen über viele, andere über wenige. Im Rahmen einer Studie haben wir Folgendes herausgefunden: Diejenigen, die wenige stark ausgeprägte Charakterstärken mitbringen oder gerade in einer schwierigen Lebenslage sind, konzentrieren sich am besten darauf, bereits vorhandene Stärken möglichst gut einzusetzen, um sich besser zu fühlen. Andere hingegen, die vergleichsweise viele Charakterstärken haben, profitieren in Sachen Lebenszufriedenheit, wenn sie bewusst Stärken trainieren, die bei ihnen noch nicht so ausgeprägt sind.

Willibald Ruch

7. Macht Geld glücklich?

Für Menschen mit geringem Einkommen führt mehr Geld zu einem erheblichen Gewinn an Lebenszufriedenheit, weil es ihnen existenzielle Sorgen nimmt. Wer finanziell bereits gut dasteht, zieht aus noch mehr Geld langfristig kaum zusätzliches Glück, denn Ansprüche steigen parallel zum Einkommen. Bei einer Gehaltserhöhung zum Beispiel ist der damit verbundene Glückseffekt nach einem Jahr bereits zu drei Vierteln verpufft. Menschen gewöhnen sich sehr schnell an einen höheren Lebensstandard. Es ist wie beim Pizzaessen: Das erste Stück schmeckt hervorragend, das fünfte bringt keinen zusätzlichen Genuss mehr.

Bruno S. Frey, Professor für Wirtschaftswissenschaften, Universität Basel, und Forschungsdirektor beim Center for Research in Economics, Management and the Arts, Zürich

Es ist nicht so wichtig, was wir tun – sich engagieren, darauf kommt es an.

Stefan Klein, Physiker und Philosoph

8. Glück wird oft mit süssem Nichtstun gleichgesetzt. Zu Recht?

Für das träge Leben sind wir nicht gemacht. Unser Gehirn bestraft uns hinterher regelrecht mit negativen Gefühlen wie Gereiztheit und Unlust. Klar tut es zwischendurch gut, auszuspannen. Aber der Schlüssel zum Glück ist Aktivität, körperliche wie geistige. Die guten Gefühle kommen, wenn wir uns Ziele setzen und versuchen, sie zu erreichen. Denn dabei entsteht Lust, etwas haben zu wollen. Neurobiologisch sind die Mechanismen für Lust und Neugier dieselben. Dabei ist es nicht so wichtig, was wir tun – den Garten umgraben, Freundinnen treffen, lesen. Sich engagieren, darauf kommt es an.

Stefan Klein, Physiker, Philosoph und Sachbuchautor, Berlin

9. «Glücklich sind die geistig Armen», sagt der Volksmund. Was hat es damit auf sich?

Nichts. Die Forschung zeigt klar: Glücklichsein hat nichts damit zu tun, wie intelligent jemand ist.

Willibald Ruch