Ich bin Pazifist und habe die Armee stets gemieden – abgetan als etwas Schlechtes, Überflüssiges, das aufgelöst gehört. Meine Mutter predigte mir stets den Grundsatz: «Der Klügere gibt nach.» So stand ich auf dem Pausenhof, während ich geschubst wurde, und fragte mich, ob die Zeit der Raubtiere irgendwann vorbei sein würde.
Ich sagte mir, dass ich zwar nicht der Stärkere sein könne, aber wenigstens der Klügere. Und so hoffte ich, dass der Unklügere irgendwann zur Einsicht kommt. Im Prinzip bis heute.
Mein ältester Sohn – acht – ist ein anderes Kaliber. Er ist kein Schläger, aber sicher niemand, der sich alles gefallen lässt. Die Worte sind sein schärfstes Schwert. Wie bei mir. Während meine Eltern predigten, dass es sich lohne, jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen, bin ich mir da ehrlicherweise nicht sicher.
Was, wenn der Satz nicht mehr gilt? Wenn der Klügere zu passiv geworden ist und ständig nachgibt – in der Hoffnung auf etwas Gutes? Und sich dann, sagen wir, wie in der Globalpolitik zeigt, dass man fälschlicherweise davon ausgegangen ist, dass der andere auch ein rationales Wesen ist? Was, wenn der Klügere nachgibt, aber damit nur dem anderen Platz macht?
«Krieg ist, wenn zwei sich streiten»
Das Thema wurde neulich aktuell, als meine Söhne – der jüngere ist sechs – wissen wollten, was Krieg ist. Ich lebe von meiner Frau getrennt, sie ist der Meinung: keine Politik für Kinder. Ich hingegen finde, dass man die Fragen der Kinder so beantworten sollte, dass sie keine unnötige Angst bekommen. Einer der besten Freunde meines Ältesten kommt aus der Ukraine. Da ist das natürlich ein Thema.
«Was ist ein Krieg?», will er wissen. «Also ein Krieg ist», sage ich und versuche, meine Worte wohl zu dosieren, «Krieg ist, wenn zwei sich streiten.» – «Wie bei uns auf dem Schulhof?», hakt er nach. «Wenn zwei sich schlagen?» – «Eher so: Wenn zwei sich schlagen, es aber nicht darum geht, einen Konflikt zu lösen, sondern einen Anspruch zu markieren», sage ich.
Was, wenn der Klügere nachgibt, aber damit nur den anderen, den Raubtieren, Platz macht?
«Zum Beispiel: Niemand ausser mir darf auf das Klettergerüst. Alle Kinder, die kleiner sind als 1,60 Meter, dürfen den linken Teil des Schulhofs nicht mehr betreten. Oder alle Kinder, die anderes glauben als ich, dürfen nicht mehr mitspielen.» – «Das ist ja richtig fies», sagt mein Sohn. «Und was macht man, wenn der andere stärker ist – oder mehr Freunde hat?»
Ich erkläre ihm, was «institutionell eingeschränkt» bedeutet. «Es gibt immer jemanden, der noch etwas stärker ist und sich genau darum kümmert. Bei euch ist es die Pausenaufsicht oder die Schulleitung, im Alltag die Polizei. Bei einem Krieg ist es die Armee. Sie soll dafür sorgen, dass dir nichts passiert.»
Ich stutze. Habe ich das gerade gesagt? Ich, der Pazifist? Der bei der Einberufung beim Bund getönt hatte, er werde nie eine Waffe tragen? Der Soldatinnen und Soldaten eher mit rechter Gesinnung, Kriegsverbrechen oder völlig unnötigen Interventionen verband? Tornados über Afghanistan, die Bundeswehr in Mali mit Sonnenbrillen, der Zapfenstreich am Bendlerblock: War das alles wieder richtig?
Richtige Kriege? Die gibt es doch nicht mehr!
Meine Generation ist in dem Glauben aufgewachsen, dass echte Kriege vorbei sind. Nicht diese geopolitischen Kurzeinsätze, sondern die grossen, richtigen Kriege. Wir sind aufgewachsen mit «Nie wieder Auschwitz, nie wieder Krieg». Und jetzt sagen uns die Minister, wir müssten wieder «resilient» werden?
Was wissen wir denn über richtigen Krieg?
Ja, gut. Wir kennen den Krieg in der Ukraine und wir nennen ihn alle richtig schlimm. Als Fernsehzuschauer, eine Hand auf der Fernbedienung. Ich erinnere mich aber, wie ich bei meiner Grossmutter auf dem Polstersofa sass, als ich etwa so alt war wie mein Sohn jetzt. Sie schaute die Olympischen Winterspiele. In der Schule hatte ich gehört, dass es einen grossen Krieg gegeben habe – und dass ein Stein an der Kirche daran erinnere. Da meine Oma etwa so alt sein musste wie dieser Stein, dachte ich, sie sei bestimmt dabei gewesen.
«Wie war das im Krieg, Oma?», fragte ich sie. Aber meine Oma wollte vom Krieg nichts mehr wissen. Kurz bevor sie starb, überreichte sie mir eine Schatulle mit den Einsatzmedaillen meines Grossvaters, ein Buch mit Frontfotos: er in lackschwarzer Uniform, die Hände hinter dem Rücken, an der Ostfront.
Wenn du dich oder mich oder deinen Bruder retten musst, ist Schlagen erlaubt.
Mein Sohn in Uniform
In diesen Tagen reden wieder viele Väter davon, dass sie Angst haben, ihre Kinder könnten eines Tages zur Bundeswehr müssen – und in den Kampfeinsatz. Die Gefahr durch Russland, die Drohnensichtungen überall. Ist das ein Vorgeschmack? Erfährt das Wort «Ostfront» gerade eine Renaissance? Liegen in unseren Kellern die Werkzeuge der Barbarei, notdürftig verpackt, jederzeit bereit? Ist der Mantel der Zivilisation dünner als gedacht?
Was, wenn die Institutionen, die uns schützen sollten, längst versagt haben? Ist das Zeitalter der Raubtiere auf dem Schulhof nicht vorbei, sondern erst im Aufstieg?
Ich muss mein Brötchen erst mal absetzen, während mir ein Bild einschiesst: mein blonder Sohn mit 18 Jahren, strammstehend beim Fahnenappell.
Gewalt als Mittel akzeptieren?
«Mika sagt, Trump soll der Ukraine Raketen liefern, damit man Russland beschiessen kann. Stimmt das?», fragt mein Sohn und isst unbeirrt weiter. «Im Prinzip stimmt das», sage ich und denke, wie schnell doch unsere Geschichte in die Gegenwart hineinblutet.
«Weisst du», sage ich und lege mein Brot auf den Teller. «Viele Leute möchten, dass das aufhört. Manche sagen, mit Waffen könne man schneller gewinnen. Andere sagen, das mache alles nur schlimmer. Es ist ein Dilemma.» – «Was ist ein Dilemma?», fragt mein Sohn. «Wenn es keine einfachen Antworten gibt», sage ich.
«Aber du sagst doch, dass der Klügere nachgibt», sagt er. «Wenn ich sage, dass der Klügere nachgibt, meine ich nicht, dass der Klügere sich alles gefallen lassen muss. Ich meine, dass Streit nicht mit Schlägen gelöst werden sollte. Weil das meist die Ursache nicht beseitigt.» – «Und was heisst das jetzt?» – «Dass es sein kann, dass wir Menschen helfen müssen, wenn sie angegriffen werden», sage ich. «Damit die Schwächeren geschützt werden, wenn ihnen sonst niemand hilft.» – «Mit Gewalt?», fragt mein Sohn ungläubig.
Ich zögere und sage: «Ja, auch mit Gewalt.» – «Aber du sagst immer, Schlagen ist verboten!» – «Ja», sage ich. «Wenn du jemanden schlägst, weil du dich rächen oder ihn demütigen willst, dann ist Schlagen verboten. Wenn du dich oder mich oder deinen Bruder retten musst, ist Schlagen erlaubt.» – «Das hätte ich jetzt nicht gedacht», sagt mein Sohn und beisst ein Stück Brot ab. «Das hätte ich ehrlich gesagt auch nicht gedacht», sage ich, «dass ich so was je sagen würde.»
Eine der grössten Enttäuschungen
In den nächsten Tagen denke ich viel darüber nach. Es fühlt sich als Pazifist nicht gut an, Gewalt als Mittel zu akzeptieren. Wenn ich mich aber umschaue und abends die Nachrichten sehe – Ukraine, der Sudan, Gaza –, dann frage ich mich oft, was es heisst, ein Mensch zu sein. Und wann wir angefangen haben, die falschen Götzen anzubeten – Geld, das Recht des Stärkeren, das Dominanzgebaren mancher Männer in der Weltpolitik.
Es gibt nichts, was ich fürchte, kein Leid, das mir zustösst, aber ich fürchte um meine Kinder und dass ich sie nicht beschützen kann.
Ich habe immer die Hoffnung gehabt, diese Prinzipien würden im Laufe meines Lebens das Zeitliche segnen. Für mich als Mann ist das eine der grössten Enttäuschungen; dass wir wieder da sind, wo wir schon mal waren. Manchmal wünsche ich mir dann ernsthaft, ich hätte doch eine Grundausbildung bei der Armee gemacht.
Kamikazedrohne vor dem Fenster
Sie verteilen schon Hinweise, dass man batteriebetriebene Radios braucht, Lebensmittel für mindestens sieben Tage, eine geladene Powerbank und Kerzen. In Polen trainiert schon der zivile Widerstand: Partisanenkurse für Bürgerinnen und Bürger. In Bremerhaven, keine 40 Minuten von mir, wird täglich die kritische Infrastruktur ausgespäht. Werde ich das noch erleben, dass ich eine Kamikazedrohne vor dem Fenster habe, wenn ich morgens die Vorhänge aufziehe?
Muss ich Nahkontakte aufschreiben und mit meinen Kindern sprechen, was wir machen, falls wir getrennt werden? Ich habe grosse, grosse Angst, dass mein Leben doch nicht so friedlich verläuft wie gedacht. Oder, wie es meine Mutter sagen würde: «Wir haben euch in die Welt gesetzt in gutem Glauben. Wir wollten nicht mitansehen müssen, wie wir sterben und euch in eine gefährliche, ungewisse Zukunft schicken.»
Es gibt nichts, was ich fürchte, kein Leid, das mir zustösst, aber ich fürchte um meine Kinder und dass ich sie nicht beschützen kann.
«Papa, ich hab Angst, dass es Krieg gibt», sagt mein Sohn. «Ich verstehe, dass du Angst hast», sage ich. «Aber viele Menschen arbeiten daran, dass es nicht passiert.» Ich hoffe in diesem Moment so sehr, dass der Gedanke stimmt.
Verachtung weicht Dankbarkeit
Im Alltag bemerke ich, dass ich Soldaten und Soldatinnen anders anschaue. Früher war da eine leichte Mischung aus Verachtung und Unverständnis. Heute ist es Dankbarkeit. Ich lasse sie im Zug durch, wie ich auch Rettungskräfte durchlassen würde. Ich lese Publikationen wie «Hartpunkt» und versuche, mir einen Reim darauf zu machen, was unsere Regierung einkauft, ob das gut ist – und welcher Plan dahinterstecken könnte. Ich halte unser Land für ähnlich unvorbereitet wie mich.
«Vielleicht», sagt mein Sohn, «ist weglaufen besser, wenn es auf dem Schulhof Streit gibt.» – «Ja», sage ich. «Das ist immer die erste Möglichkeit. Wenn du kannst, lauf einfach weg. Aber wenn jemand deine Hilfe braucht und du helfen kannst, ohne dich in Gefahr zu bringen, stell dich in den Weg.» – «Hast du das gemacht?», fragt er. «Nein», sage ich ehrlich. «Viel zu lange nicht. Aber ich wünschte, es wäre anders.» Ich erkläre ihm, dass es mit Worten beginnt, und denke an die Nato-Soldaten im Osten: «Stopp – hier ist die Grenze!»
Wenn die Dunkelheit kommt, sei das Licht.
Das Konzept der Menschlichkeit
«Grenzen setzen ist wichtig, und diese Grenzen müssen eingehalten werden», sage ich. «Und wenn nicht?», fragt er. «Dann musst du entscheiden: Betrifft es nur dich und du kannst laufen: Lauf! Musst du helfen, weil du andere vielleicht schützen kannst, such dir Unterstützung; Freunde, die du aufmerksam machen kannst.» – «Ja, und dann?»
«Dann kämpfe. Bleib anständig, auch wenn es schwer ist. Wer am Boden liegt, darf nicht getreten werden. Schlag nicht ins Gesicht, schlag nicht mit einer Waffe. Und nur so lange, bis alle in Sicherheit sind, während du weiter versuchst, auf dich aufmerksam zu machen, bis dir wiederum jemand hilft.» – «Ist das alles?», fragt er mich.
«Das ist das Konzept der Menschlichkeit», sage ich und sehe mein jüngeres Ich auf dem Pausenhof vor mir. «Sie ist Vorsorge, sie ist Hilfe, manchmal das Zögern vor der Faust und manchmal der beherzte Einsatz, wenn sonst nichts hilft. Wenn die Dunkelheit kommt, sei das Licht.» – «Das klingt schön», sagt mein Sohn. «Ja», sage ich. «Das hätte ich gerne meinem Grossvater gesagt.»
Der Autor dieses Textes lebt in Deutschland. Der Text spiegelt die aktuelle gesellschaftliche Debatte in Deutschland wider, in der Themen wie die Wiedereinführung der Wehrpflicht und die Kriegstauglichkeit der Armee kontrovers diskutiert werden. Der Text thematisiert die innere Auseinandersetzung eines pazifistischen Vaters mit der Frage, wie er seinen Kindern den Krieg in der Ukraine erklären und auf ihre Ängste eingehen soll. Die Redaktion hat bewusst darauf verzichtet, den Text «einzuschweizern».








