Wut im Bauch: So lernen Kinder ihre Emotionen zu regulieren
Psychologie

So unterstützen Sie Ihr Kind im Umgang mit Gefühlen

Sie toben, schreien und brüllen, dass es einem fast das Herz zerreisst:
Kinder und Jugendliche müssen erst lernen, wie sie mit ihren Gefühlen sozialverträglich umgehen. Dieser Prozess ist an die Hirnentwicklung gekoppelt – und er kann von den Eltern unterstützt werden.
Text: Mareike Groene
Bilder: Gabi Vogt / 13 Photos
Leon kommt nach Hause, knallt den Schulsack in die Ecke und schreit: «Juri ist so gemein! Er hat gesagt, ich darf heute Nachmittag mit in den Tierpark, jetzt nimmt er doch Samuel mit!» Füsse stampfen, Türen knallen. Leons Mutter seufzt. Auf dem Herd blubbert das Spaghettiwasser, im Kinderzimmer brüllt der kleine Bruder – von Leons Geschrei aus dem Mittagsschlaf gerissen. 
Tagtäglich sind wir damit beschäftigt, unsere innere Gefühlswelt so im Zaum zu halten, dass wir sie angemessen nach aussen transportieren können. Erwachsenen gelingt das meist ganz gut: Wir haben gelernt, unsere Gefühle zu regulieren und uns entsprechend dem sozialen Kontext zu verhalten. Dies geschieht ganz automatisch. Wie viel Energie uns diese Selbst­regulation eigentlich kostet, wird oft erst deutlich, wenn wir müde, gestresst oder hungrig sind. Dann kommt es vor, dass wir nicht mehr mit Engelsgeduld reagieren, wenn das Kind zum dritten Mal jammert, dass es den Schokoriegel an der Supermarktkasse unbedingt haben muss, oder am Abend nicht zu Bett gehen will. 
Es bedeutet Anstrengung für unser Gehirn, unangemessene Reaktionen zu unterdrücken und erfolgreiche Strategien anzuwenden, um mit Gefühlen so umzugehen, dass wir uns einerseits emotional ausgeglichen fühlen – nicht zu viel in uns hineinfressen – und uns andererseits sozial angepasst verhalten – niemanden anschreien.

Anforderungen werden komplexer

Die Fähigkeit zum kompetenten Umgang mit Emotionen ist an die Hirnentwicklung gekoppelt. Anfänglich ist ein Kind im Säuglingsalter auf die Regulation von aussen angewiesen, beispielsweise auf die Eltern, die es beruhigen, wenn es schreit. Erst mit der Zeit lernen Kinder, ihre Emotionen selbst zu regulieren, sich zu beruhigen, abzulenken, ein Problem selbst zu lösen. Denn dieser Fähigkeit liegen vor allem die sogenannten exekutiven Funktionen zugrunde, die sich teils schubartig im Vorschulalter und dann nochmals im Jugendalter entwickeln. Das sind jene geistigen Funktionen, mit denen Menschen ihr eigenes Verhalten steuern können. 
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Einem schulreifen Kind gelingt es, sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren, irrelevante Umweltreize auszublenden und die Aufmerksamkeit auf die ihm gestellte Aufgabe zu lenken. Auch die Gedächtnisleistung verbessert sich in diesem Alter enorm, sodass sich Schulkinder komplexere Aufgaben bereits deutlich besser merken können, als dies im Kindergarten der Fall war. 
Aufgaben, die emotional herausfordernd sind, können jedoch erst im Jugendalter erfolgreich gelöst werden. So fällt es dem siebenjährigen Leon noch schwer, sein Verhalten in einem Streit zu kontrollieren. Grund hierfür ist die in diesem Alter fehlende Vernetzung zweier Systeme: Das eine ist für die Kontrolle von Handlungen zuständig – das andere für emotionale Reaktionen. 
Die Fähigkeit, das Verhalten steuern zu können, entwickelt sich schubartig im Vorschul- und im Jugendalter.
Die Hirnstrukturen, die für emotionale Reaktionen wichtig sind, entwickeln sich früher als die Teile des Gehirns, die der Kontrolle von Handlungen, dem Unterdrücken von Impulsen, der Aufmerksamkeit und dem Gedächtnis zugrunde liegen. Die beiden Systeme verbinden sich erst im Laufe der Kindheit und erlauben Schritt für Schritt, Reize gemeinsam zu verarbeiten und damit auch in emotionalen Situationen einen Handlungsimpuls kon­trollieren zu können. 

Die eigenen Gefühle regulieren lernen

Kinder und Jugendliche handeln impulsiv, auch wenn ihnen ausserhalb einer emotionalen Situation bereits bewusst ist, dass ein solches Verhalten nicht opportun ist. Der Grund hierfür liegt in der noch nicht ausgereiften Verhaltenskontrolle des Vorderhirns. Es braucht Zeit und Übung, damit sich die Fähigkeiten zur Unterdrückung von Handlungsimpulsen und zu zielorientiertem Verhalten entwickeln können. Hinzu kommt, dass die Anforderungen der Umwelt an die Kinder und Jugendlichen immer komplexer werden. 
Jedoch verlangen komplexere Aufgaben auch komplexere Strategien, um Gefühle zu bewältigen und Handlungsimpulse zu kontrollieren. Solche Strategien sind mal mehr und mal weniger hilfreich. Kontraproduktiv wäre es beispielsweise, bestimmte Situationen immer zu vermeiden: Erst das Erleben verschiedener, teils herausfordernder Situationen ermöglicht es uns, den Umgang mit Gefühlen und Handlungsimpulsen zu üben. Eine schrittweise Annäherung kann daher helfen, Gefühle und Handlungsimpulse regulieren zu lernen. Dabei kann es förderlich sein, in einer für das Kind oder den Jugendlichen schwierigen Situation die Aufmerksamkeit von der Frustra­tionsquelle, beispielsweise dem Streit, abzuwenden und sich auf etwas Positives zu konzentrieren oder sich der Situation zu entziehen – sich abzuwenden, den Raum zu verlassen und sich an einem anderen Ort zu beruhigen. 
Allenfalls bedarf es in besonders emotionalen Situationen der Instruktion Erwachsener, damit Kinder und Jugendliche sich ablenken und beruhigen können. Zu den erfolgversprechenden Strategien gehören auch das Akzeptieren oder das aktive Ändern einer Bedingung. Beide Strategien müssen erprobt und erlernt werden und können erst im fortgeschrittenen Alter von einem Kind erwartet werden. 

Erwachsene dienen als Modelle

Das Umfeld des Kindes kann das Erlernen der Emotionsregulationsfähigkeit unterstützen. So dienen Eltern, Lehrkräfte, Geschwister und Bezugspersonen als Modelle, die das Kind nachahmt. Einerseits kopieren die Kinder die entsprechenden Verhaltensweisen ihrer Modelle im Umgang mit Emotionen, andererseits lernen sie aus den Reaktionen ihrer Mitmenschen auf ihre eigenen Emotionen.
Kinder, denen erfolgreiche Strategien im Umgang mit Emotionen fehlen, können sich in schwierigen Situationen nicht beruhigen, sind häufig angespannt, leicht reizbar und frustriert. Die Unfähigkeit, die eigenen Emotionen zu regulieren, erschwert den Kindern die soziale Kontaktaufnahme in der Schule und zu Hause. Kinder zeigen sich teils aggressiv und aufbrausend oder ängstlich und deprimiert. 
Kinder, denen Strategien im 
Umgang mit Emotionen fehlen, 
sind häufig angespannt, leicht 
reizbar und schnell frustiert.  
Eine bewusste Auseinandersetzung mit diesem Thema innerhalb der Familie, aber auch in Kindergärten und Schulen, ist daher wichtig, um solchen Problemen vorzubeugen (siehe Tipps am Ende dieses Artikels). Im alltäglichen Leben bieten sich genügend Möglichkeiten, die Fähigkeit, Emotionen richtig erkennen und regulieren zu können, spielerisch zu schulen, zum Beispiel mit Karten- und Brettspielen, mit Spielen wie «Ich packe meinen Koffer …» oder dem Stopptanz. Für viele Kinder stellt es eine ­grosse Herausforderung dar, die im Spiel erlebten Emotionen angemessen nach aussen zu tragen. Das kann sowohl die überschwängliche Freude des Gewinners sein als auch die extreme Frustration und Wut des Verlierers, der am liebsten das Spielbrett vom Tisch fegen würde. Solche Momente können genutzt werden, kontraproduktive Reaktionen zu besprechen und neue Strategien einzuüben und damit das gemeinsame Weiterspielen und die Handlungskontrolle zu fördern. Nur das aktive Erleben solcher Gefühle und das Üben im geschützten Rahmen erlauben dem Kind, sich überhaupt hilfreiche Strategien zur Emotionsregulation anzueignen und durch gezielte Handlungskontrolle Herr oder Herrin der eigenen Gefühle zu werden.

4 Tipps, wie Eltern die Emotionsregulation ihres Kindes fördern können 

  1. Seien Sie ein Vorbild! Kinder lernen primär über Nachahmung und suchen sich Vorbilder, von denen sie lernen, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten können und welcher Ausdruck von Emotionen angemessen ist. Achten Sie also darauf, wie Sie sich verhalten, wenn sie beispielsweise traurig oder frustriert sind. Welche Strategien wenden Sie bewusst oder auch unbewusst an, um damit umzugehen?
  2. Benennen Sie Ihre eigenen Emotionen und die des Kindes. Das hilft dem Kind, den eigenen Gefühlszustand zu erkennen, aber auch offen damit umzugehen. Die bewusste Wahrnehmung der Emotionen ist ein wichtiger Schritt, diese überhaupt regulieren zu können.
  3. Geben Sie dem Kind Raum und Zeit, das Ende der Welle intensiver Gefühle abzuwarten und sich zu beruhigen. Unterstützen Sie es dabei, wenn es selbst noch keine Strategien entwickelt hat, sich selbst zu beruhigen.
  4. Besprechen Sie mit dem Kind, welche Strategien es gibt, mit seinen Gefühlen in bestimmten Situationen umzugehen. Bei jüngeren Kindern kann es helfen, bestimmte Strategien vorzugeben und diese mit dem Kind zu üben. 
Das Erleben verschiedener 
herausfordernder Situationen ermöglicht es uns, den Umgang mit Gefühlen zu üben.
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Teilnehmer an Studie gesucht

Was braucht ein Kind, damit es die Fähigkeit, seine ­Emotionen zu regulieren, optimal entwickeln kann? Noch immer besteht Forschungsbedarf in dieser Frage.
Der Kindergarteneintritt und die Kindergartenzeit beinhalten Entwicklungsaufgaben, die unter anderem den Umgang mit Herausforderungen und Stress ­einschliessen. Diese Bedingungen werden aktuell bei Kindern vor und während der Kindergarteneintrittsphase an der Universität Freiburg in einem mehr­jährigen, vom ­Schweizerischen National­fonds ­finanzierten ­Forschungsprojekt ­untersucht. Haben Sie ein Kind, welches im Herbst 2019 neu in den Kindergarten eintreten wird, und möchten Sie mit Ihrer Teilnahme diese ­Forschung unterstützen? Dann schreiben Sie uns: stern@unifr.ch. Für die Teilnahme erhalten Sie eine Aufwands­entschädi­gung. 

<div><strong>Mareike Droene</strong> ist Doktorandin im Fachbereich für Klinische Kinderpsychologie und Biologische Psychologie an der Universität Freiburg und Mit­arbeiterin im STERN-Projekt (Stresserleben und Stress­regu­lation bei Vorschulkindern).</div>
Mareike Droene ist Doktorandin im Fachbereich für Klinische Kinderpsychologie und Biologische Psychologie an der Universität Freiburg und Mit­arbeiterin im STERN-Projekt (Stresserleben und Stress­regu­lation bei Vorschulkindern).

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