Frau Paz Castro, digitale Medien sind längst Teil des Alltags, auch bei Kindergartenkindern. Was bedeutet das für ihre Entwicklung?
Digitale Medien können Alltagssituationen ersetzen, die in diesem Alter entscheidend sind: das freie Spiel, den Kontakt zu Gleichaltrigen ausserhalb des Kindergartens oder körperliche Bewegung. Wenn das Kind einen grossen Teil seiner Freizeit am Bildschirm verbringt, kann es sein, dass genau diese wichtigen Erfahrungen zu kurz kommen. Gleichzeitig ist es wichtig, zu betonen: Der Grossteil der Eltern ist sensibilisiert. Die meisten Kinder in der Schweiz bewegen sich im vertretbaren Rahmen, bei Kindergartenkindern sind es zwischen dreissig Minuten und einer Stunde täglich, wie die Schweizer Swipe-Studie zeigt.
Mediennutzung sollte nicht nur dann stattfinden, wenn das Kind Frust äussert.
Das Kernproblem ist also nicht der Bildschirm an sich, sondern das, was durch ihn verpasst wird?
Richtig. In der Forschung nennt man dies die Verdrängungshypothese. Eine weitere Annahme: Wenn Kinder sich sehr früh an intensive, schnelle Reize gewöhnen, kann es sein, dass es ihnen später schwerer fällt, Langeweile auszuhalten oder sich auf ruhigere Aktivitäten einzulassen. Wissenschaftlich eindeutig belegt sind die beiden Annahmen noch nicht.
Generell ist die Forschungslage offenbar weniger eindeutig, als man erwarten würde.
Das ist richtig. Wir haben am Marie-Meierhofer-Institut für das Kind (MMI) eine Übersichtsarbeit über mehr als hundert Studien gemacht. Es hat sich gezeigt: Weltweit gibt es sehr wenige Untersuchungen über längere Zeit oder mit echten Experimenten, die zeigen, wie sich digitale Medien auf die Entwicklung von Kindern auswirken können. Dazu muss man noch sagen: Laborexperimente sind zwar methodisch interessant, aber sie bilden das echte Leben nicht ab.

Ein Kind, das mit seiner alleinerziehenden Mutter und mehreren Geschwistern aufwächst, erlebt eine völlig andere Realität als ein Einzelkind in einer gut situierten Familie. Das macht es so schwierig, isolierte Aussagen über digitale Medien zu treffen. Was man aber sagen kann: Die Wissenschaft ist sich einig, dass viel Medienkonsum schlechter ist als wenig. Aber wo genau die Grenze bei Kindergartenkindern liegt, lässt sich nicht auf eine genaue Zahl reduzieren.
In der Studie Kidim (Kinder und digitale Medien) wurden Familien über längere Zeit begleitet. Was hat sich dabei gezeigt?
Die Kidim-Studie hat Kinder zwischen 0 und 3 Jahren während eines Jahres begleitet. Das ist hilfreicher als eine einmalige Momentaufnahme. Was unsere Stichprobe zeigte: Eltern mit einer grundsätzlich kritischen Haltung gegenüber digitalen Medien setzen diese auch in Stressphasen nur zurückhaltend ein. Einstellung und Werte spielen also eine wichtige Rolle.
Begleiten heisst, dass Eltern wissen, was das Kind schaut, wie es ihm dabei geht und was es daraus mitnimmt.
Und welche Erkenntnisse gewannen Sie in Bezug auf die Kinder?
Nach einem Jahr zeigte sich kein negativer Effekt auf die Fähigkeit der Kinder, sich zu regulieren – unabhängig davon, wie hoch der Medienkonsum war. Kinder, die etwas frustrierter oder quengeliger waren, haben grundsätzlich etwas mehr Bildschirmzeit bekommen als andere. Daran zeigt sich, dass die Eltern überfordert sind. Im Schnitt belief sich der Konsum dieser Kinder aber auf dreissig bis vierzig Minuten täglich. Und: Wir haben nur die reine Bildschirmzeit erfasst, nicht, ob Eltern auf wertvolle Inhalte geachtet oder die Kinder während des restlichen Tages gut in ihrem Frust begleitet haben.
Was bedeutet das für Eltern von Kindergartenkindern, die ja etwas älter sind als Ihre Studienteilnehmenden?
Das Grundprinzip ist übertragbar. Wenn Kinder im Alltag genug Zeit haben, um Freunde zu treffen, sich zu bewegen, sich sprachlich auszudrücken und zu spielen, dann ist eine moderate Mediennutzung akzeptabel. Sie sollte einfach nicht nur dann stattfinden, wenn das Kind Frust äussert. Und wenn das, was sie schauen oder hören, begleitet passiert, die Eltern also wissen, was ihre Kinder machen, wenn darüber geredet wird, wenn es klare Regeln gibt, dann machen die Eltern sehr viel richtig.
Begleitung bedeutet dabei nicht, immer physisch danebenzusitzen. Mit vier oder fünf Jahren kann man das Kind durchaus etwas schauen lassen, ohne ihm dabei die ganze Zeit über die Schulter zu schauen. Aber man sollte wissen: Was schaut es? Wie geht es ihm dabei? Was nimmt es daraus mit? Das kann man erst dann, wenn man das Kind die ersten Male begleitet hat und sich selbst ein Bild davon machen konnte.
Organisationen wie Pro Juventute raten, die Bildschirmzeit bei Kindergartenkindern auf 30 bis 60 Minuten täglich zu begrenzen. Was halten Sie von solchen Richtlinien?
Als Wissenschaftlerin muss ich sagen: Auf die Minute genau lässt sich das nicht festlegen. Selbst wenn man die Grenze bei einer Stunde zieht, zeigen sich je nach Kind, Familiensituation oder Medieninhalt unterschiedliche Effekte. Das lässt sich nicht auf eine Zahl reduzieren. Trotzdem schätzen viele Eltern und Fachpersonen solche Richtlinien, weil sie Orientierung bieten. Gleichzeitig frage ich mich: Was macht es mit dem Schuldgefühl von Eltern, wenn die Stunde überschritten wird? Reichen dann schon zehn Minuten mehr, um die gesamte Erziehung infrage zu stellen? Das erforsche ich gerade. Was man aber sagen kann: Wie bei Zucker oder Salz gilt auch bei digitalen Medien – je weniger, desto besser.
«Paw Patrol» oder «Barbie»: Gibt es überhaupt «gute» und «schlechte» Medieninhalte für Kinder in diesem Alter?
Diese Frage beschäftigt uns gerade sehr und die Antwort ist weniger eindeutig, als man denkt. Wir haben im Rahmen der Kidim-Studie die 20 meistgenannten Medieninhalte genau unter die Lupe genommen. Diese kannten wir, weil die Eltern via Tagebuch protokolliert haben, was ihre Kinder schauen oder spielen. Wenn man sich beispielsweise «Paw Patrol» ansieht, findet man Problemlösungsstrategien, soziales Miteinander und Hilfsbereitschaft – aber keine Anregung, um sich zu bewegen oder mit dem Bildschirm zu interagieren. Bei einer reinen Tanzsendung hingegen geht es nur ums Tanzen.
Tiktok, Youtube und ähnliche Plattformen sind, wenn unbegleitet, kein kindgerechtes Umfeld.
Wie wählen Eltern also aus, was ihre Kinder schauen dürfen?
Was ich Eltern empfehle, ist, einen Schritt voraus zu sein. Inhalte, die auf Unterhaltung setzen, sind nicht per se schlecht, aber man sollte wissen, warum man sie zulässt. Bewegt sich mein Kind zu wenig? Dann finde ich eine Tanzsendung legitim. Möchte ich eine Verbindung schaffen zu meinen eigenen Kindheitshelden? Dann schauen wir gemeinsam «Asterix».
Möchte ich verhindern, dass mein Kind sozial ausgeschlossen wird, weil alle über eine bestimmte Serie reden? Auch das ist ein valider Grund. Nur dann schaue ich mir den Inhalt wirklich an, bevor ich zustimme. Und wenn ich dabei merke, dass Gewalt vorkommt, dass der Inhalt zu schnell ist oder das Kind danach nicht mehr loslässt, muss ich auch Grenzen ziehen können. Das gehört zur Begleitung dazu.
Bei welchen Entwicklungsbereichen sind Sie besonders aufmerksam?
Bei der Sprache. Kinder im Kindergartenalter können zwar schon viel von dem verstehen, was auf dem Bildschirm passiert, aber Sprache festigt sich durch soziale Interaktion. Das merke ich bei meinem eigenen fünfjährigen Sohn: Ich denke, er hat ein Wort verstanden, das er in einer Sendung gehört hat. Und dann stellt sich heraus, dass er es falsch abgespeichert hat, weil die Aussprache undeutlich war.
Erst wenn ich es ihm erkläre, er es von meinen Lippen ablesen kann und wir es ein paar Mal verwendet haben, sitzt es wirklich. Der Bildschirm liefert Input, aber der soziale Austausch verankert ihn. Der zweite Bereich ist der emotionale. Wenn Inhalte Angst machen, Gewalt zeigen oder Dinge, die Kinder überfordern, kann das nachwirken – gerade wenn man den Moment verpasst, das anzusprechen. Kinder in diesem Alter können Reales und Fiktives noch nicht immer klar trennen. Da ist Begleitung zentral.
Und welche Sendungen oder Formate sollten Eltern ihrem Kindergartenkind nicht erlauben?
Tiktok, Youtube und ähnliche Plattformen sind, wenn unbegleitet, kein kindgerechtes Umfeld. Ihre Algorithmen sind darauf ausgelegt, Nutzer möglichst lange zu halten. Wenn schon Erwachsene Schwierigkeiten haben, sich davon loszureissen – wie soll ein so junges Kind das regulieren können? Das ist nicht nur eine Aufgabe für Eltern, sondern für die ganze Gesellschaft.
Hilfreich ist, auch einem Kleinkind zu erklären, was man am Handy macht.
Die eigene Smartphonenutzung ist ein Thema, das viele Erwachsene beschäftigt. Was sagt die Forschung dazu?
Die eigene Mediennutzung verdrängt natürlich auch Momente mit dem Kind. Je mehr Zeit ich selbst am Bildschirm verbringe, desto weniger nehme ich mein Kind wahr und desto häufiger verpasse ich einen Moment, in dem ich reagieren müsste. Das ist keine Schuldzuweisung, denn wir alle erledigen über das Handy heute fast alles: Arbeit, Termine, soziale Kontakte. Aber es lohnt sich, von Zeit zu Zeit genau hinzuschauen: Wie viel davon könnte man streichen oder auf Randzeiten verschieben? Es gibt dazu eine bemerkenswerte Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), die Babys beobachtet hat. Man hat untersucht, was passiert, wenn die Bezugsperson nicht reagiert, weil sie aufs Handy schaut. Überraschenderweise reklamiert das Kind weniger, nicht mehr.
Aus welchem Grund?
Eine Hypothese ist, dass es lernt: In dieser Situation lohnt es sich nicht, nach Aufmerksamkeit zu verlangen, Mama oder Papa sind absorbiert in ihrer eigenen Welt. Die Studie ist noch nicht abgeschlossen, aber sie gibt zu denken. Je öfter das passiert, desto mehr könnte das Kind den Schluss ziehen, sich in solchen Momenten gar nicht erst zu melden. Das ist nicht die Absicht von Eltern. Aber es zeigt, wie genau bereits Babys wahrnehmen, ob wir wirklich verfügbar sind. Was ich sehr hilfreich finde, ist, dem Kind zu erklären, was man am Handy macht. Auch schon einem ganz jungen Kind. «Ich schaue gerade, wann wir Papa abholen», «Ich bestelle etwas für den Ausflug». Das ist auch Begleitung, und so versteht das Kind, was in der Welt der Erwachsenen mit diesen Geräten passiert.
Weitere Informationen zu den Studien
- Kidim: Längsschnittstudie des MMI (Start Februar 2021). Untersuchte den Einfluss digitaler und nicht digitaler Aktivitäten auf die Entwicklung von Kindern bis 36 Monate. Die Forschung wird in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Heilpädagogik (HfH) Zürich weitergeführt.
- Kidim-Coach: Um Familien individuelle Unterstützung anzubieten und die Ressourcen von Fachpersonen zu schonen, entwickelt das MMI in Kooperation mit dem Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung (ISGF) einen Leitfaden sowie den digitalen Elternratgeber Kidim-Coach. Der Leitfaden soll Fachpersonen darin unterstützen, Eltern in ihrem Umgang mit Bildschirmmedien zu begleiten. Er liefert interessierten Eltern via Whatsapp einmal pro Woche Informationen und Tipps – kostenlos und in leicht verständlicher Sprache. Zusätzlich erhalten Eltern individuelle Empfehlungen und können jederzeit Fachpersonen des MMI kontaktieren. Leitfaden und Kidim-Coach werden voraussichtlich bis Ende 2026 evaluiert; ab 2027 sollen sie weiterentwickelt werden und allen interessierten Fachpersonen sowie Familien zur Verfügung stehen.
- Swipe (Swiss Study on Preschool Screen Exposure): Schweizer Studie zur Mediennutzung von Kindern von 0 bis 5 Jahren (Februar 2023 bis Mai 2024, rund 4200 befragte Eltern). Gemeinsames Forschungsprojekt der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, der Haute école de travail social et de la santé Lausanne und der HfH Zürich.
- Bildschirmzeit-Empfehlung: Pro Juventute empfiehlt für Kinder zwischen 4 und 8 Jahren maximal 30 bis 60 Minuten täglich (Richtwert).
Was ist mit Familien, die kaum Ressourcen haben? Die erschöpft sind, kein Netzwerk haben?
Das ist eine Frage, die mir sehr am Herzen liegt und die wir erforscht haben. Wir sind in Stadtquartiere von Zürich gegangen, in Kinderarztpraxen und Familienzentren und haben Eltern mit unterschiedlichsten Ressourcen befragt, sprachunabhängig und niederschwellig. Das Ergebnis war aufschlussreich. Die grösste Sorge aller Eltern war, wie sich Regeln rund um die Nutzung digitaler Medien umsetzen lassen. Es gab aber auch grosse Unterschiede zwischen den Familien: Bei solchen mit weniger Ressourcen herrscht häufiger Uneinigkeit zwischen Vater, Mutter und Grosseltern darüber, was erlaubt ist.
Aus welchem Grund?
Es fehlt die Zeit und Energie, um gemeinsam eine klare Linie zu entwickeln. Bei Familien mit mehr Ressourcen war das weniger ein Thema, denn sie hatten wahrscheinlich mehr Zeit, sich abzusprechen. Interessant ist auch: Familien mit mehr Ressourcen beschäftigt es stärker, wenn ihre Kinder ungewollt mit Bildschirmen in Kontakt kommen – im Schuhgeschäft, beim Coiffeur – oder wenn sie selbst am Handy etwas erledigen müssen. Familien mit weniger Ressourcen hingegen beschäftigen sich mit der Frage, wie sie es schaffen, dass das Kind sich anzieht oder die Zähne putzt, ohne dass sie es mit einem Handyclip motivieren müssen. Das ist kein Versagen, das ist Realität unter Druck.
Die allermeisten Eltern auf dieser Welt wollen das Beste für ihr Kind, aber nicht alle Familien haben dieselben Rahmenbedingungen.
Was würde helfen?
Was Eltern sich wünschen, ist nicht ein erhobener Zeigefinger, sondern konkrete Unterstützung. Wie setzen wir gemeinsame Regeln durch? Wie nimmt man Druck aus dem Alltag? Wie schafft es mein Kind, vom Handyclip loszukommen? Dafür haben wir am MMI den Kidim-Coach entwickelt, ein niederschwelliges Begleitangebot über Whatsapp, das Fachpersonen wie die Mütter- und Väterberatung nutzen können, um Familien zwischen den Terminen zu unterstützen. Nicht als Ersatz für echte Begleitung, sondern als Brücke. Denn die allermeisten Eltern auf dieser Welt wollen das Beste für ihr Kind. Aber nicht alle Familien haben dieselben Rahmenbedingungen. Für viele ist es schwieriger, und das muss man anerkennen. Und dann fragen: Wo kann ich dich unterstützen? Wo möchtest du Informationen haben?
In vielen Familien betreuen die Grosseltern mit. Was, wenn diese nicht auf die Bildschirmzeiten und Inhalte achten?
Kinder können sehr gut zwischen verschiedenen Regelsystemen wechseln. Sie wissen, dass sie vielleicht bei Oma und Opa mehr dürfen und dass zu Hause andere Regeln gelten. Das ist nicht optimal, aber auch nicht dramatisch, solange die Ausnahme Ausnahme bleibt.
Sie forschen zu diesem Thema und haben selbst ein Kind im Kindergartenalter. Was wünschen Sie sich?
Es ist leider so, dass der Medienalltag in dieser Altersgruppe stark auseinandergeht. Manche Kinder dürfen so gut wie gar nichts schauen und das, was sie dürfen, ist gut begleitet. Andere bewegen sich schon auf Plattformen, die einem Vier- oder Fünfjährigen definitiv nicht gerecht werden. Ich wünsche mir, dass wir auf allen Ebenen – Forschung, Praxis und Politik – überlegen, wie wir diesen Graben verkleinern können und wie wir Familien mit schlechterem Zugang zu Wissen und Ressourcen helfen können, die zunehmende Digitalisierung unserer Gesellschaft zu meistern. Denn was Kinder brauchen, ist im Kern simpel: Zeit, den ganzen Tag lang viele Dinge zu erleben, zu spielen, sich zu bewegen, zu reden, sich auch zu langweilen – und bei ihrem Medienkonsum so gut es geht begleitet zu werden.
Buchtipps
- Patricia Cammarata: Dreissig Minuten, dann ist aber Schluss! Mit Kindern tiefenentspannt durch den Mediendschungel. Eichborn 2020, 320 S., ca. 20 Fr.
- Leonie Lutz und Anika Osthoff: Begleiten statt verbieten. Als Familie kompetent und sicher in die digitale Welt. Kösel 2022, 240 S., ca. 23 Fr.








