Wie extremistische Inhalte clever verpackt werden

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Extremistische Inhalte kommen selten als offensichtliche Lüge daher. Viel wirkungsvoller ist eine andere Methode: echte Zahlen, falsch eingebettet. Wie das geht, zeigt unser Autor an zwei beliebten Fake News aus dem Asylwesen.
Text: Florin Schranz

Bild: Adobe Stock

Ferdinand Thies von der Berner Fachhochschule hat sich intensiv mit statistischer Manipulation beschäftigt. Er kennt drei Typen von Verbreitern falscher Information: Lügner, Bullshitter und Idiot.

Der Lügner weiss, dass er Informationen falsch weitergibt, und dreht sie aktiv, um seinen Punkt zu stützen. Dem Bullshitter ist es gleichgültig, ob eine Information stimmt oder nicht – solange sie seiner Sache dient. Der Idiot schliesslich – und das ist laut Thies oft der grösste Teil der Verteiler von Falschinformationen – ist nicht zwingend dumm, hinterfragt aber die Informationen, die er erhält, schlicht nicht aktiv.

Zwei typische Beispiele für Fake News:

1. Zahl der Asylsuchenden

Ein konkretes Beispiel aus der Schweiz macht das greifbar. In populistischen Beiträgen kursiert regelmässig die Zahl von 6'147 Asylsuchenden, die in einem Jahr mit der Justiz in Konflikt geraten seien. Das klingt beunruhigend – bis man genauer hinschaut. Denn diese Zahl bezieht sich auf Beschuldigungen, nicht auf Verurteilungen.

Man hört bei der Auswertung dort auf, wo die eigene, vorher geformte Meinung bestätigt wird.

Ferdinand Thies, Dozent an der Berner Fachhochule

Bei rund 200'000 Asylsuchenden entspricht das einer Quote von etwa 3 Prozent – 97 Prozent hatten keinerlei Konflikt mit der Justiz. Zudem sind Asylsuchende zu einem grossen Teil junge Männer – und
junge Männer begehen statistisch in allen Bevölkerungsgruppen häufiger Gewaltdelikte. Vergleicht man nur Schweizer Männer zwischen 18 und 24 Jahren, liegt deren Beschuldigungsquote bereits bei über 2 Prozent.

2. Kosten des Asylwesens

Ähnlich funktioniert das Argument, das Asylwesen koste jede vierköpfige Schweizer Familie 1'600 Franken pro Jahr. Diese Zahl entsteht, indem man Gesamtkosten durch alle Einwohner teilt – und dabei Unternehmenssteuer und andere Einnahmen schlicht weglässt. Ausgeblendet wird auch, dass ein Asylbewerber den Staat pro Jahr rund 17'000 Franken kostet – die Grundsicherung für eine arbeitslose Schweizer Person liegt bei knapp 30'000 Franken.

Die Beziehung zum Kind ist wichtiger als das Argument: Eltern sollten sich auf die Dinge konzentrieren, die noch funktionieren und an denen sie gemeinsam Freude haben.

Kaspar Padel, Experte Gewaltprävention

Hinzu kommt, dass Asylsuchende vergleichsweise rasch in den Arbeitsmarkt eintreten. Laut Thies erreicht die Erwerbsquote anerkannter Flüchtlinge nach fünf bis sieben Jahren rund 50 Prozent. Arbeitet die Hälfte der erwerbsfähigen Asylsuchenden zu einem Mindestlohn, generiert dies Steuer- und Sozialversicherungsbeiträge, die die ursprünglichen Kosten von rund 17'000 Franken pro Person innerhalb von zwei Jahren wieder einholen.

Eine reine Kostenbetrachtung greift daher zu kurz – sie blendet die Rückflüsse einer erfolgreichen Integration aus. «Man hört bei der Auswertung dort auf, wo die eigene, vorher geformte Meinung bestätigt wird», fasst Thies zusammen. Auf Tiktok bleibt für das Hinterfragen ohnehin keine Zeit: Man
ist längst beim nächsten Video – und mittendrin in der nächsten algorithmischen Verstärkungswelle.

4 Tipps

Was Eltern tun können

Wenn Eltern bemerken, dass ihr Kind in eine extremistische Richtung abdriftet, ist der erste Impuls oft Konfrontation. Doch genau das rät Kaspar Padel von der Fachstelle Radikalisierung und Gewaltprävention des Kantons Bern zu vermeiden.

  1. Die Beziehung ist wichtiger als das Argument. «Eltern sollten sich auf die Dinge konzentrieren, die noch funktionieren und an denen sie gemeinsam Freude haben», sagt er. Diese positiven Momente bieten dem Jugendlichen eine Alternative zur extremistischen Gemeinschaft – ohne dass es ausgesprochen werden muss.
  2. Echtes Interesse statt Belehrung. Wenn Diskussionen entstehen, empfiehlt Padel, zuerst aufrichtig nachzufragen: Was steckt hinter diesen Ansichten? Was geben sie dem Kind? Erst danach – und als Ich-Botschaft – die eigene Haltung einbringen: nicht «Aber in Wirklichkeit ist das so», sondern «Für mich stellt sich das so dar».
  3. Ambiguitätstoleranz als Ziel. Das Zauberwort in der Prävention heisst Ambiguitätstoleranz: die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, ohne sofort eine einfache Antwort zu brauchen. Wer das kann, ist widerstandsfähiger gegen radikale Weltbilder.
  4. Klare Grenzen bei rechtlichen Verstössen. «Wenn es zu rechtlichen Verstössen kommt, müssen Eltern klare, harte Grenzen ziehen», mahnt Padel. Das ist keine Verhandlungssache.

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