Radikalisierung: Was steckt hinter der Hetze im Netz?

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Radikalisierungen nehmen weltweit zu – insbesondere bei Jugendlichen. Das ist keineswegs ein neues Phänomen, sagen Experten. Die digitalen Medien eröffnen jedoch zusätzliche Wege der Verbreitung. Was können Eltern tun?
Text: Florin Schranz

Bild: Adobe Stock

Hinweis der Redaktion: Am vergangenen Wochenende hat ein 21-jähriger Deutscher und IS-Sympathisant in Berlin einen mutmasslich islamistischen Terroranschlag auf den Christopher Street Day verübt. Vor dem Hintergrund dieser schrecklichen Ereignisse publizieren wir heute eine bereits vor einigen Wochen abgeschlossene Recherche zum Thema Radikalisierung

Der vorliegende Text wurde unabhängig von und zeitlich vor dem Anschlag in Berlin verfasst und nimmt keinen direkten Bezug auf die Ereignisse vom Wochenende. Dennoch haben wir uns entschieden, den Text gerade jetzt zu veröffentlichen. Er bietet eine tiefergehende, psychologisch fundierte Einordnung darüber, wie Radikalisierungsprozesse – insbesondere bei Jugendlichen – ablaufen, wie soziale Medien als Brandbeschleuniger wirken und welche Präventionsmöglichkeiten für Eltern bestehen.

Es fängt oft harmlos an. Ein Video über Heimatliebe, ein Clip über gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, ein Kommentarbereich voller gleichgesinnter Stimmen. Der Algorithmus im Hintergrund analysiert, was einen hält, was einen fesselt – und liefert mehr davon, und extremer.

Was zunächst jugendlicher Neugier geschuldet ist, kann sich Schritt für Schritt zu einer festen Weltanschauung verfestigen. Die Ansichten werden extremer, radikaler und irgendwann prallen am Familientisch völlig gegensätzliche Wertvorstellungen aufeinander. 

Die Zahlen belegen, was im Alltag auf Social Media spürbar ist: In vielen Ländern nimmt die Zahl derjenigen Minderjährigen zu, die sich radikalisieren. Der MOTRA-Monitor ist ein umfassender wissenschaftlicher Jahresbericht, der das aktuelle Radikalisierungs-Geschehen sowie extremistische Tendenzen in Deutschland untersucht.

Das Internet – und insbesondere die Algorithmen sozialer Plattformen – wirkt als mächtiger Verstärker.

MOTRA steht für «Monitoringsystem und Transferplattform Radikalisierung». Ebendieser Monitor zeigt, dass die Offenheit gegenüber rechtsextremen Ideologien von 21,8 Prozent (2021) auf 29,6 Prozent (2025) gestiegen ist – besonders stark bei jüngeren Altersgruppen.

Auch in der Schweiz ist diese Entwicklung spürbar. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) schreibt hierzu: «Insbesondere im Bereich Dschihadismus, aber auch im Bereich des gewalttätigen Rechtsextremismus ist in der Schweiz eine Zunahme der Radikalisierung Minderjähriger festzustellen. Diese erfolgt online, in kurzer Zeit und kann bis zur Verübung eines Terroranschlags führen.»

Kein neues Phänomen – nur eine neue Plattform

Doch wer glaubt, das sei ein Problem unserer Zeit, irrt. Schon vor rund hundert Jahren entstanden in Deutschland sogenannte Jugendwanderclubs, die rechtsradikales Gedankengut mit Natur- und Heimatliebe verbanden. Sie sprachen verunsicherte Jugendliche gezielt an, boten einfache Erklärungen für eine beängstigende Welt – die Finanzkrise, die Industrialisierung, die Armut der Nachkriegszeit – und schufen Zugehörigkeit dort, wo Orientierungslosigkeit herrschte.

Kaspar Padel begleitet seit Jahren Menschen, die sich auf dem Weg in die Radikalisierung befinden – oder bereits mittendrin stecken. Als Experte der Fachstelle Radikalisierung und Gewaltprävention der Stadt Bern berät er Betroffene, Angehörige und Fachpersonen.

Diese Ideologien liefern einfache Antworten in einer komplexen Welt. Das fühlt sich für betroffene Jugendliche zunächst wie eine Befreiung an.

Kaspar Padel, Experte Gewaltprävention

Er zieht die historische Linie bis in die Gegenwart: «Gruppierungen wie die ‹Junge Tat› greifen ganz bewusst auf Naturverbundenheit, Heimatliebe und Zugehörigkeit zurück – ähnlich wie in der Entstehungszeit des Nationalsozialismus, als die idyllische Wanderjugend als Gegenpol zur beängstigenden Industrialisierung genutzt wurde.» Das Muster ist dasselbe. Nur die Plattform hat gewechselt.

Die «Junge Tat» ist dabei ein anschauliches Beispiel, wie Rekrutierung heute funktioniert: Die Ansprache beginnt im Netz – mit Naturvideos, Heimatgefühl, Gemeinschaftsbildern – und wird in einem zweiten Schritt in die analoge Welt überführt: Wanderungen, Lager, persönliche Begegnungen. Die Zielsetzung ist dieselbe wie früher. Doch die technischen Möglichkeiten erhöhen die Reichweite und erfassen Jugendliche noch perfider – und von Eltern oft unbemerkt.

Der Brandbeschleuniger: Algorithmus und Echokammer

Das Internet – und insbesondere die Algorithmen sozialer Plattformen – wirkt als mächtiger Verstärker. Wer einmal beginnt, entsprechende Inhalte zu konsumieren, wird unter Umständen in eine Echokammer gezogen, in der alternative Meinungen diskreditiert und Feindbilder zementiert werden.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt diesen Mechanismus präzise: Neben dem Konsum von Propaganda auf Instagram oder Tiktok sind einschlägige digitale Echokammern in Form von Chatgruppen und Foren von grosser Bedeutung. Sie fungieren als «Radikalisierungs-Katalysatoren» und können Personen in kurzer Zeit für extremistische Anschläge mobilisieren.

Im Netz finden sich rechtsextremistische Chatgruppen mit teilweise mehreren Tausend Mitgliedern, in denen extreme Gewaltfantasien, Folter- und Mordaufrufe sowie terroristische Umsturzvorstellungen geteilt werden. In manchen Foren werden Attentäter als «Saints» – also Heilige – gefeiert. So auch der Australier Brenton Tarrant, der 2019 in Christchurch, Neuseeland, 51 Menschen in einer Moschee ermordete.

Dass diese Verehrung kein abstrakt-digitales Phänomen bleibt, zeigte sich jüngst bei einem Vorfall in den USA: Am 18. Mai 2026 eröffneten zwei Teenager das Feuer auf die grösste Moschee von San Diego und töteten drei Menschen. In ihrem 75-seitigen Manifest, gefüllt mit rechtsextremem, antisemitischem und islamfeindlichem Gedankengut, nennen sie Brenton Tarrant explizit als einen ihrer Helden. Die Ermittler des FBI stellten fest, dass sich die beiden Täter – 17 und 18 Jahre alt – online kennengelernt und sich dort radikalisiert hatten.

Die Plattformen verdienen Geld mit Aufmerksamkeit – und Aufmerksamkeit erzeugen Inhalte, die Empörung, Angst oder Bestätigung auslösen. Für Radikalisierungsprozesse ist das ein idealer Nährboden: Wer sich in einem aufgewühlten, empörten Zustand befindet, ist empfänglicher für einfache Feindbilder und klare Weltbilder.

Jugendliche werden gezielt an den Bildschirm gefesselt

Gleichzeitig hat das Format selbst eine Wirkung: Auf Tiktok ist man in Sekunden beim nächsten Video. Zeit zum Nachdenken bleibt nicht. Und das ist kein Zufall. Laut dem Medienpsychologen Daniel Süss, Professor für Kommunikations- und Medienpsychologie, sind Mechanismen wie das «Infinite Scrolling» bewusst «Addictive by Design» konzipiert – also gezielt so gestaltet, dass sie süchtig machen können. Das System setzt die Hürde für den Ausstieg extrem hoch: Es kostet deutlich mehr Energie und Selbstkontrolle, die App zu schliessen, als einfach weiterzumachen.

Für die Zukunft warnt Padel vor einer noch grösseren Gefahr: «Algorithmen könnten den Suchverlauf und den psychischen Zustand eines Jugendlichen detailliert auslesen und vollautomatisiert massgeschneiderte, extremistische Inhalte generieren – nur um die Person an den Bildschirm zu fesseln.»

Die Frage ist nicht nur: Ist diese Haltung extrem? Sondern: Schadet sie dem Kind selbst, anderen – oder verbaut sie ihm die Zukunft?

Gerade in einer Zeit, in der Informationen zur wichtigsten Währung geworden sind, lohnt sich ein genauerer Blick auf das, was da eigentlich konsumiert wird. Denn nackte Zahlen wirken objektiv – sind es aber nicht zwingend. Ferdinand Thies von der Berner Fachhochschule, der sich intensiv mit statistischer Manipulation beschäftigt, weiss: «Wer Daten geschickt auswählt und einbettet, kann damit jede Geschichte erzählen – auch eine falsche.»

Warum Jugendliche besonders anfällig sind

Radikalisierung betrifft nicht nur «schwierige» Jugendliche. Sie trifft solche, die sich in einer Lebensphase befinden, die Padel als wackelig beschreibt: die Pubertät. Kommt dann noch ein kritisches Lebensereignis hinzu – der Tod eines geliebten Menschen, der Verlust des Ausbildungsplatzes, eine tiefe gesellschaftliche Erschütterung wie die Corona-Pandemie –, kann dies zum Auslöser für eine Radikalisierung werden.

«Jugendliche geraten ins Wanken und suchen nach neuem Halt», erklärt Padel. «Finden sie diesen nicht im direkten Umfeld, rutschen sie womöglich in depressive Verstimmungen ab – oder sie suchen sich neue Ankerpunkte.»

Extremistische Ideologien sind in diesem Moment verlockend. Sie bieten klare Regeln, ein eindeutiges Wir und Ihr sowie das Gefühl, endlich zu verstehen, wie die Welt wirklich funktioniert. «Diese Ideologien liefern einfache Antworten in einer komplexen Welt», sagt Padel. Für den Jugendlichen selbst fühlt sich das zunächst wie eine Befreiung an – weshalb er keinen Grund zur Veränderung sieht.

Nicht jede Radikalität ist gleich gefährlich

Das klingt alarmierend – trotzdem ist für Eltern beruhigend zu wissen: nicht jede extreme Haltung ist gefährlich. Hier trifft Padel eine wichtige Unterscheidung: Extreme Positionen auszuprobieren gehört zur Jugend dazu. Ein «radikaler Hippie», der bedingungslose Liebe predigt, richtet ebenso wenig Schaden an wie ein Jugendlicher, der sich die Haare grün färbt oder im Kaftan zur Schule geht, weil ihm das Freitagsgebet Struktur gibt.

Problematisch wird es laut Padel erst dann, «wenn das Verhalten selbstverletzend wird, andere gefährdet oder wenn sich Jugendliche durch starre Haltungen ihre eigene Zukunft verbauen». Er schildert das Beispiel eines jungen Mannes, der hervorragende Arbeit in Kitas leistete, durch eine religiöse Radikalisierung aber plötzlich entschied, nicht mehr mit Frauen zusammenzuarbeiten – und diesen Berufsweg damit aufgab. «Er hat sein Recht genutzt, aber sich massiv selbst geschadet», so Padel.

Die Frage ist also nicht nur: Ist diese Haltung extrem? Sondern: Schadet sie dem Kind selbst, anderen – oder verbaut sie ihm die Zukunft?

Eltern sollten sich auf die Dinge konzentrieren, die noch funktionieren und an denen sie gemeinsam Freude haben.

Kaspar Padel, Experte Gewaltprävention

Was Eltern tun können

Wenn Eltern bemerken, dass ihr Kind in eine extremistische Richtung abdriftet, ist der erste Impuls oft Konfrontation. Doch genau das rät Padel zu vermeiden. Wichtiger als das bessere Argument ist die Beziehung selbst. «Eltern sollten sich auf die Dinge konzentrieren, die noch funktionieren und an denen sie gemeinsam Freude haben», sagt er. Diese positiven Momente bieten dem Jugendlichen eine Alternative zur extremistischen Gemeinschaft – ohne dass es je ausgesprochen werden muss.

Wenn Diskussionen entstehen, empfiehlt Padel, zuerst aufrichtig nachzufragen: Was steckt hinter diesen Ansichten? Was geben sie dem Kind? Echtes Interesse statt Belehrung also. Erst danach – und als Ich-Botschaft – die eigene Haltung einbringen: nicht «Aber in Wirklichkeit ist das so», sondern «Für mich stellt sich das so dar». Dieser Unterschied klingt klein, ist aber entscheidend: Der Jugendliche fühlt sich nicht angegriffen, sondern gehört.

Das Ziel langfristiger Prävention fasst Padel in einem einzigen Wort zusammen: Ambiguitätstoleranz. Der Begriff stammt aus der Psychologie und beschreibt die Fähigkeit, Widersprüche und Uneindeutigkeit auszuhalten, ohne sofort eine einfache Antwort zu brauchen. Die Forscherin Else Frenkel-Brunswik prägte ihn in den 1940er-Jahren und stellte fest, dass Menschen mit geringer Ambiguitätstoleranz deutlich anfälliger für extremistische Weltbilder sind – ein Befund, der bis heute gilt.

Der Grund ist laut Padel einfach: Extremistische Ideologien bieten immer dasselbe an – Eindeutigkeit. Gut gegen Böse, wir gegen die. Das ist psychologisch entlastend, besonders in Phasen von Orientierungslosigkeit. Wer Graubereiche aushält, braucht dieses Angebot nicht.

Dabei ist Ambiguitätstoleranz kein Charakterzug, mit dem man geboren wird. Sie wächst – durch echte Begegnungen mit Menschen, die anders denken, durch Vorbilder, die Widersprüche zulassen, und durch eine offene Gesprächskultur. 

Eines jedoch duldet keine Grauzone: «Wenn es zu rechtlichen Verstössen kommt, müssen Eltern klare, harte Grenzen ziehen», mahnt Padel. Das ist keine Verhandlungssache.