Was macht stundenlanges Scrollen mit Jugendlichen?

Lesedauer: 15 min
Wenn sich Video an Video reiht, fällt es Jugendlichen schwer, das Smartphone beiseite zu legen. Doch welche Folgen hat das endlose Scrollen? Und wie können Eltern ihre Kinder im Medienalltag kompetent begleiten?
Text: Florin Schranz

Bild: Getty Images

Ein dunkles Zimmer. Blaues Licht im Gesicht. Der Daumen wischt schneller, als der Kopf denkt. Noch ein Video. Noch eins. Noch eins. 23:48 Uhr, irgendwo in einem Jugendzimmer. Das Licht ist aus, nur das Handy leuchtet. Gesichter tauchen auf und verschwinden wieder. Tanzen, lachen, ein Witz, ein Lifehack, eine Katze. Fünf Sekunden. Zehn Sekunden.

Eigentlich wollte der 14-Jährige das Handy schon vor einigen Videos weglegen. Doch jedes neue hält ihn ein bisschen länger fest – und schiebt den Schlaf weiter hinaus. Am nächsten Morgen klingelt der Wecker viel zu früh und er fragt sich schlaftrunken: Warum habe ich nicht früher Schluss gemacht?

Viele kennen das. Nur kurz schauen, was Freunde so machen – und plötzlich sind 40 Minuten vergangen. Oder mehr. Das Zeitgefühl geht irgendwo zwischen zwei Clips verloren. Dieses sogenannte «Infinite Scrolling» betrifft alle Altersgruppen. Für Jugendliche kann es jedoch besonders folgenreich sein, weil sich ihr Gehirn noch in der Entwicklung befindet.

Risiken auf verschiedenen Ebenen

Doch was macht es genau mit dem jugendlichen Gehirn, wenn ein Video dem nächsten folgt? Was sind die Gefahren des Scrollens und wer profitiert davon? Und wie können Eltern damit umgehen, wenn ihr Kind das Handy nicht weglegen kann oder will?

Um diese und weitere Fragen beantworten zu können, haben wir mit drei Experten gesprochen: Oliver Bilke-Hentsch, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Luzerner Psychiatrie, Daniel Wolff, Digitaltrainer und ehemaliger Silicon-Valley-Korrespondent, sowie Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW.

«Es kostet oft mehr Energie, die App zu schliessen, als einfach weiterzuschauen», sagt Medienpsychologe Daniel Süss.

Klar ist: Die intensive Nutzung digitaler Medien birgt Risiken auf verschiedenen Ebenen. Gemeinsam zeichnen die Experten ein Bild, in dem digitale Medien nicht nur Chancen bieten, sondern auch die Entwicklung, die Psyche und die sozialen Kompetenzen von Jugendlichen negativ beeinflussen. 

Die Mechanismen hinter dem Scrollen

«Mit der Smartphone-Benutzung haben wir seit ungefähr 15 Jahren ein neues grosses Problem», sagt Oliver Bilke-Hentsch. «Allerorts sehen wir, dass Menschen ständig mit ihren Geräten beschäftigt sind.» Hinter dem endlosen Scrollen steckt System. Laut Daniel Süss sind Funktionen wie «Infinite Scrolling» bewusst «addictive by design» – also so gestaltet, dass die Apps möglichst schwer zu verlassen sind. Tatsächlich kostet es oft mehr Energie, die App zu schliessen, als einfach weiterzuschauen.

Die Gewöhnung an kurze, emotional aufgeladene Inhalte erschwert es vielen Jugendlichen, sich länger auf komplexe Texte zu konzentrieren.

Oliver Bilke-Hentsch, Kinder- und Jugendpsychiater

Der Grund liegt im Gehirn: Kurze, emotional aufgeladene Inhalte aktivieren das Belohnungssystem und führen zur Ausschüttung des Glückshormons Dopamin. Die Folge: Der User möchte immer mehr davon und gerät in eine digitale Endlosschleife, in der er hängen bleibt. Besonders wirksam ist das Prinzip der intermittierenden Belohnung: Weil unklar ist, ob das nächste Video besonders interessant ist, entsteht eine Erwartung, die zum Weiterscrollen verleitet – ähnlich wie bei einem Spielautomaten.

Wie Kinderpsychiater Bilke-Hentsch betont, beginnt dieser Prozess sogar schon früher: Allein die Erwartung einer Belohnung löst im Gehirn eine Reaktion aus, noch bevor die App überhaupt geöffnet wurde. Das Kind wird hierbei quasi zu Pawlows Hund und das Handy zum Leckerli.

Was Scrollen im Hirn von Jugendlichen auslöst

Die grösste Herausforderung sehen Süss und Bilke-Hentsch im Bereich der kognitiven Entwicklung. Die Gewöhnung an kurze, emotional aufgeladene Inhalte erschwert es vielen Jugendlichen, sich länger auf komplexe Texte oder anspruchsvolle Aufgaben zu konzentrieren. Die Aufmerksamkeit springt schneller, die Geduld sinkt.

Bilke-Hentsch warnt davor, dass das ständige Scrollen den Ruhezustand des Gehirns unterbricht – jener Zustand, der notwendig ist, um Informationen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis zu übertragen.

Die Plattformen zielen darauf, die Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden und wirtschaftlich zu verwerten.

Daniel Wolff, Digitaltrainer

Auch das Sozialverhalten verändert sich. Durch den hohen Zeitaufwand vernachlässigen Teenager «echte Kontakte» und das Smartphone könne – insbesondere in Krisenzeiten – zwischenmenschliche Interaktionen sogar ganz ersetzen, so Bilke-Hentsch.

Scrollen: Elijah hat klar geregelte Bildschirmzeiten
«Wenn meine Bildschirmzeit aufgebraucht ist, bin ich manchmal zwar kurz genervt – aber gleichzeitig auch froh, dass ich dann nicht mehr am Handy bin», sagt der 13-jährige Elijah.

Der Kinderpsychiater spricht auch von einer möglichen emotionalen Abstumpfung durch extreme Inhalte sowie einer Flucht in berechenbare digitale Welten. Dabei sei das Risiko für Kinder und Jugendliche mit einer entsprechenden Veranlagung, wie zum Beispiel für Kinder aus einer Familie mit Suchtgeschichte, natürlich besonders hoch.

Starke Sogwirkung der Plattformen

Digitaltrainer Daniel Wolff beobachtet vor allem konkrete Folgen im Alltag. In seiner Arbeit mit Familien erlebt er, wie die starke Sogwirkung der Plattformen dazu führt, dass Kinder und Jugendliche ihre Geräte heimlich auch nachts nutzen, immer früher mit digitalen Medien in Kontakt kommen und dabei teilweise problematische Inhalte ausgespielt bekommen.

Diese frühen Erfahrungen prägen den Umgang mit digitalen Medien nachhaltig: Viele entwickeln ein Nutzungsverhalten, das stark auf schnelle Belohnung und ständige Verfügbarkeit ausgerichtet ist. Wolff spricht in diesem Zusammenhang von einer Fehlkonditionierung, bei der sich Gewohnheiten verfestigen, die später nur schwer zu durchbrechen sind.

Gleichzeitig kritisiert er die Rolle der Plattformen selbst. Diese seien gezielt darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden und damit wirtschaftlich zu verwerten. 

Auch Daniel Süss findet kritische Worte: Mechanismen wie «Infinite Scrolling» oder unregelmässige Belohnungen seien gezielt so gestaltet, dass sie Nutzer möglichst lange binden. Trotzdem zeichnet der Medienpsychologe eher ein differenziertes Bild.

Entscheidend ist weniger die Nutzungsdauer als die Frage, ob der Medienkonsum den Alltag tatsächlich einschränkt.

Daniel Süss, Medienpsychologe

Schränkt der Medienkonsum den Alltag tatsächlich ein?

Daniel Süss sieht durchaus, dass eine intensive Beschäftigung mit Social Media und dem damit einhergehenden Vergleichen des eigenen Lebens mit den inszenierten Sonnenseiten anderer Einsamkeit und Minderwertigkeitsgefühle verstärken kann. Er betont aber auch, dass online Räume für Austausch mit Gleichgesinnten sowie Zugehörigkeit entstehen können. Das sei gerade für Jugendliche wertvoll, die ausgeschlossen werden oder sich nicht verstanden fühlen.

Ähnlich differenziert ist sein Blick auf die psychische Entwicklung. Eine exzessive Nutzung könne die Aufmerksamkeitsfokussierung erschweren, sagt Süss. Gleichzeitig warnt er vor vorschnellen Schlussfolgerungen, nach denen eben diese exzessive Nutzung beispielsweise ADHS auslöse. Entscheidend sei seiner Einschätzung nach weniger die Nutzungsdauer als die Frage, ob der Medienkonsum den Alltag tatsächlich einschränkt.

Scrollen bewusst unterbrechen

Entscheidend ist also, sich nicht ständig vom Smartphone ablenken zu lassen und das Scrollen bewusst zu unterbrechen. Dass dies nötig ist und ihnen hilft, sich besser auf andere Inhalte konzentrieren zu können, merken die Jugendlichen meist selbst.

Digitaltrainer Daniel Wolff: «In China können Kinder Tiktok maximal 40 Minuten nutzen. Nachts sind die Plattformen abgestellt.»

So wie Elijah, 13, Schüler der 7. Klasse an der Sekundarschule in Adelboden. Dort müssen die Jugendlichen ihre Handys während des gesamten Schultags abgeben und er hat eine von seinen Eltern regulierte Bildschirmzeit. «Wenn meine Bildschirmzeit aufgebraucht ist, bin ich manchmal zwar kurz genervt – aber gleichzeitig auch froh, dass ich dann nicht mehr am Handy bin», so Elijah.

China reguliert Plattformen viel strenger

Sich selbst begrenzen, Zeitlimits einhalten – wie soll Jugendlichen das gelingen, womit sich sogar Erwachsene schwertun? Experten wie Daniel Wolff zufolge greifen klassische Gegenmassnahmen – etwa Bildschirmzeit-Limits oder App-Blocker – , wie sie hierzulande verfügbar sind, oft zu kurz. Nutzer umgehen oder deaktivieren sie, weil sie zu restriktiv sind und nicht in den Alltag passen. 

Andernorts ist man da schon viel weiter – und radikaler: «Auch wenn ich kein Fan der Kommunistischen Partei bin, China weiss längst, wie diese Apps funktionieren. Auf «Douyin», dem chinesischen Tiktok für Kinder, werden Videos streng moderiert und nach 40 Minuten kann ein Kind Douyin nicht mehr benutzen, ob es will oder nicht», so Wolff.

Douyin hat bereits vor einiger Zeit eine Funktion eingeführt, die nach einer gewissen Nutzungsdauer obligatorische 5-Sekunden-Pausen zwischen den Videos schaltet. In dieser Zeit erscheint ein Standbild oder ein kurzes Video mit Hinweisen wie: «Leg das Handy weg», «Geh schlafen» oder «Arbeite morgen weiter». Diese Pausen lassen sich nicht einfach wegwischen. «Micro-Boundaries» werden diese kurzen oder subtilen Abgrenzungen genannt.

Douyin: Lernwerkzeug und kein reiner Zeitvertreib

In China ist der Jugendmodus für Social Media für Kinder unter 14 Jahren verpflichtend. In diesem Modus ist nach 40 Minuten pro Tag Schluss. Auch kann Douyin die Kinder über Nacht nicht wachhalten – zwischen 22 Uhr und 6 Uhr ist die App komplett gesperrt. 

Im chinesischen Jugendmodus sieht auch der Algorithmus völlig anders aus. Statt reiner Unterhaltung werden den Kindern bevorzugt Bildungsinhalte ausgespielt: wissenschaftliche Experimente, Museumsführungen, historische Erklärungen oder patriotische, Partei unkritische Inhalte. Das Ziel ist es, Douyin eher als Lernwerkzeug denn als reine Zeitvertreib-Maschine zu positionieren.

Verbote erzeugen nur eine Scheinsicherheit für Politik und Eltern, während Jugendliche die Sperren über VPNs umgehen und in unregulierte Bereiche abwandern.

Daniel Süss, Medienpsychologe

Kinder brauchen enge Begleitung durch Eltern

Doch so erleichternd und unterstützend das für Eltern auch klingen mag: um eine enge Begleitung ihrer Kinder im Alltag kommen sie nicht herum – da sind sich alle drei Experten einig. Daniel Wolff nennt den Austausch über den Medienkonsum der Kinder und Jugendlichen für diese «überlebenswichtig».

Das heisst konkret, so betonen die Experten: Eltern sollten sich mit ihren Kindern hinsetzen und gemeinsam schauen, welche Inhalte ihnen auf Social Media angezeigt werden. Wichtig sei auch, darüber zu sprechen, ob etwas beunruhigt, und Tabuisierungen zu vermeiden – etwa indem Themen wie Sexualität oder Selbstbild offen angesprochen werden.

Problematischer Medienkonsum: «Wie bei jeder Sucht ist die Dosissteigerung ein deutliches Warnsignal», erklärt Psychiater Oliver Bilke-Hentsch.

Ebenso gehe es darum, Kindern zu vermitteln, dass viele Inhalte nicht in erster Linie informieren, sondern darauf ausgelegt sind, sie möglichst lange am Bildschirm zu halten, weil die Firmen Geld mit Aufmerksamkeit verdienen.

Eine solche offene Kommunikation könne zudem helfen, Isolation zu vermeiden – insbesondere bei Jugendlichen, die sich sonst in Online-Foren zurückziehen, in denen sich Gleichaltrige mit ähnlichen Problemen aufhalten. In manchen Fällen können solche Foren nützlich sein. Doch die Eltern sollten eine Anlaufstelle bleiben, bei der sich die Kinder sicher fühlen und so über ihre Ängste und Bedürfnisse sprechen können.

Was bringt ein Social-Media-Verbot?

Digitaltrainer Daniel Wolff kann einem Verbot von Social Media für unter 16-Jährige durchaus etwas abgewinnen. «Auch wenn Jugendliche das Verbot umgehen – genau wie sie es schaffen, Alkohol oder Zigaretten zu kaufen – wäre ein generelles Verbot für kleinere Kinder sehr viel schwieriger zu umgehen und könnte unter Umständen eine Schädigung verhindern», beschreibt Wolff die Vorteile.

Eltern sollten nicht in Alarmismus verfallen, sondern als aktive Gesprächspartner fungieren.

Daniel Süss, Medienpsychologe

Daniel Süss hingegen hält nicht viel von solchen Beschränkungen, er findet ein generelles Verbot für Jugendliche von Social Media wenig zielführend. «Solche Massnahmen erzeugen oft nur eine Scheinsicherheit für Politik und Eltern, während Jugendliche die Sperren über VPNs umgehen und in unregulierte Bereiche abwandern.»

Stattdessen plädiert Süss für eine konsequente Medienkompetenzförderung und die stärkere Verantwortlichkeit der Plattformbetreiber. «Eltern sollten nicht in Alarmismus verfallen, sondern als aktive Gesprächspartner fungieren.»

Digitale Welt oft berechenbarer als Realität

Oliver Bilke-Hentsch betont, dass das Smartphone für Jugendliche durchaus eine Funktion der Entspannung erfüllen kann – man muss nur genau hinsehen, welche Art von Stress abgebaut wird.

Wer den ganzen Tag in der Schule intellektuelle Höchstleistungen erbracht hat, sucht am Abend oft nach einfachen Reizen. Ein kurzes Video oder ein Spiel bietet ein schnelles Erfolgserlebnis ohne grosse Anstrengung. Das Gehirn schaltet auf Durchzug, der intellektuelle Druck lässt nach.

Doch der tiefere Grund für die Faszination liegt laut Bilke-Hentsch in der Berechenbarkeit: «Die digitale Welt ist oft viel berechenbarer als die Realität», erklärt der Psychiater.

Jugendliche befinden sich in einer Lebensphase, in der sie in der echten Welt oft wenig Kontrolle haben: Sie sind finanziell abhängig, haben wenig Mitsprache und ihre Zukunft ist ein grosses, unbeschriebenes Blatt. In einem Videospiel oder in der vertrauten Logik ihrer Social-Media-Feeds hingegen sind sie die Akteure. Sie verstehen die Regeln, sie erzielen Resultate und sie bewirken mit Gleichgesinnten etwas.

Da ist es verführerisch, in digitale Welten abzutauchen. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch tolerierbar – doch Eltern sollten den Punkt nicht verpassen, an dem der Medienkonsum bedenklich wird.

Wie Eltern problematisches Verhalten erkennen

Oliver Bilke-Hentsch rät Eltern, sich an den klassischen Kriterien einer Suchterkrankung zu orientieren. Dabei geht es weniger um die reine Zeit am Bildschirm, sondern um das Verhalten dahinter. Ein deutliches Warnsignal ist die Dosissteigerung: Um den gleichen befriedigenden Effekt zu erzielen, wird immer mehr, schneller und intensiver gescrollt – manche Jugendliche verdoppeln sogar die Abspielgeschwindigkeit der Videos, um in kürzerer Zeit mehr Reize aufzunehmen.

Hinzu kommt der Kontrollverlust: Der feste Vorsatz, das Handy nach ein paar Minuten wegzulegen, scheitert immer wieder am inneren Widerstand. Bleibt beim Weglegen zudem ein fahles Gefühl zurück – die ständige Angst, etwas zu verpassen (FOMO) –, ist dies ein weiteres Alarmzeichen. Besonders kritisch wird es, wenn soziale Kontakte vernachlässigt oder wichtige Entwicklungsschritte nicht gemacht werden, obwohl die Jugendlichen insgeheim wissen, dass ihnen ihr Verhalten schadet.

Macht Scrollen noch Spass?

Ein entscheidender Punkt ist laut dem Experten die Frage nach der Freude: Macht das Scrollen oder Gamen eigentlich noch Spass? «Manchmal sieht man Gamer, die völlig verspannt vor dem Schirm sitzen und weitermachen müssen, obwohl die Freude längst weg ist», so Bilke-Hentsch.

Während ein begeisterter Elfjähriger lediglich frustriert oder aggressiv reagieren kann, wenn man ihm das Spiel unterbricht – was in der Pubertät auch ein Stück weit normaler Frustrationsabbau ist –, fehlt dem Abhängigen die Fähigkeit zur Entscheidung aufzuhören komplett.

Interessanterweise ist die Selbsterkenntnis bei Mediensüchtigen oft vorhanden. Im Gegensatz zu anderen psychischen Erkrankungen wissen Betroffene meist sehr genau, dass sie abhängig sind, können den Zustand aber aus eigener Kraft nicht mehr ändern. Trotz dieser Ernsthaftigkeit gibt Psychiater Bilke-Hentsch eine Einordnung: Klinisch gesehen gehören Mediensüchte nicht zu den allerschwersten psychischen Krankheiten.

Problematische Handynutzung ist Kindern bewusst

Dass Kindern und Jugendlichen durchaus bewusst ist, dass die Handynutzung auch problematisch sein kann, zeigen die Interviews mit den Schülern und der Schülerin der Sekundarschule Adelboden.

Elijah sagt zum Beispiel: «Manchmal passiert es mir beim Scrollen schon, dass ich merke: Eigentlich wollte ich etwas anderes machen, aber ich schaue einfach weiter Videos. Dann lege ich das Handy weg und gehe zum Beispiel raus zu Kollegen, wenn ich etwas mache wie «Skigibeln», fällt es mir nicht schwer, das Handy wegzulegen.»

Und er ergänzt: «Wenn wir Fussball spielen, habe ich das Handy zwar in der Jackentasche, aber ich brauche es dann gar nicht mehr. In der Schule müssen wir die Handys abgeben oder zuhause lassen. Das finde ich eigentlich gut, weil sonst wahrscheinlich alle nur noch am Handy wären oder Seich machen würden.»

Digitalexperte Daniel Wolff:

5 Tipps für Eltern

1. Der «goldene Satz» der Medienerziehung 

«Du kannst mit allem, was du im Internet gesehen hast, zu mir kommen. Ich werde dir das Smartphone nicht wegnehmen.» Grund: Kinder stossen oft zufällig auf verstörende Inhalte. Wenn sie Angst haben, dass die Beichte zum Entzug des Handys führt, schweigen sie – und bleiben mit dem Trauma allein. Das Ziel ist es, den Kommunikationsabbruch zu verhindern.

2. Die «Bildschirmfrei bis drei»-Regel

  • Keine digitalen Nuggis: Smartphones oder Tablets sollten niemals zum «Ruhigstellen» beim Essen, Wickeln oder im Kinderwagen genutzt werden. 
  • Früher Start: Die Sensibilisierung beginnt idealerweise schon in der Schwangerschaft. Das Baby braucht das Gesicht der Mutter / des Vaters, nicht die Rückseite eines Gehäuses. 

3. Raum- und Hardware-Regeln

  • Das Schlafzimmer ist eine handyfreie Zone: Das Gerät (auch die Nintendo Switch) hat nachts nichts im Kinderzimmer verloren.
  • Analoge Wecker nutzen: Da Kinder wissen, dass die Eltern ihr Handy als Wecker nutzen, wollen sie das auch. Ein analoger Wecker nimmt dieses Argument weg. 
  • Keine Kopfhörer für Kinder: So behalten Eltern akustisch den Kontakt dazu, was im Kinderzimmer gerade läuft.
  • Nutzung im Wohnzimmer: Medien sollten gemeinsam oder zumindest im Beisein der Eltern in Gemeinschaftsräumen konsumiert werden, nicht isoliert im Versteck. 

4. Aufklärung statt nur Verbote 

Erkläre deinem Kind, wie die Apps funktionieren:

  • Digitaler Zucker: Verdeutliche, dass Apps wie YouTube Shorts oder Tiktok wie «Süssigkeiten» fürs Gehirn wirken und absichtlich so gebaut sind, dass man nicht aufhören kann. 
  • Profitinteressen: Kindern erklären, dass Firmen mit ihrer Lebenszeit Geld verdienen wollen. 

5. Die Vorbildfunktion ernst nehmen 

Kinder kopieren das Verhalten der Erwachsenen.

  • Check die PIN: 90 Prozent der Kinder kennen laut Wolff die PIN ihrer Eltern.
  • Wer selbst ständig am Gerät hängt, verliert seine Glaubwürdigkeit.
  • Digitales Fasten: dem Kind zeigen, dass man auch ohne Bildschirm entspannen kann.
  • Elijah erzählt auch, dass er schon einmal mit dem Handy in der Hand eingeschlafen sei. Genau solche Situationen hält Daniel Wolf für besonders problematisch. Er sagt: «Der grösste Fehler in der Medienerziehung ist, einem Kind oder Jugendlichen zu erlauben, ein Smartphone, Tablet oder eine Nintendo Switch mit ins Bett zu geben. Das Blaulicht ist dabei das kleinste Problem. Es geht um die Sucht, die Inhalte – und vor allem um das, was Kinder heimlich mit dem Gerät machen, während die Eltern nur wenige Meter entfernt schlafen.»

Aus dem Buch von Daniel Wolff: Allein mit dem Handy. So schützen wir unsere Kinder. Heyne Verlag 2024.