Herr Brisch, es liegt anscheinend an der Bindung, wenn das Kind sich im Kindergarten nichts zutraut, in der Schule keine Freunde findet oder als Erwachsener keinen Partner. Lässt sich tatsächlich jedes (negative) Verhalten mit unsicheren Bindungserfahrungen in der Kindheit entschuldigen?
Jedes natürlich nicht. Aber überall dort, wo es im Leben um Beziehungen unter Menschen geht – sei es zwischen Eltern und Kind, im Kindergarten, in der Schule, in Peergruppen, Partnerschaften oder in beruflichen Beziehungen –, sind Bindungsmuster das tragende Fundament unserer Persönlichkeitsentwicklung. Das wissen wir aus zahlreichen Längsschnittstudien, die in vielen Ländern der Welt gemacht wurden.
Menschen, die sicher gebunden sind, können besser Stress bewältigen und verfügen über ein Gefühl von Urvertrauen.
Wie muss man sich eine stabile Bindung vorstellen?
Denken Sie an ein Haus mit einem stabilen, sicheren Fundament. Dieses bekommt vielleicht ein paar Risse, wenn ein Erdbeben es erschüttert, aber es lässt sich schnell wieder reparieren. Häuser mit einem schmalen Fundament hingegen – was in unserem Beispiel einer unsicheren Bindung entspricht – benötigen da schon mehr Reparaturen.
Im Falle einer desorientierten Bindung oder gar einer Bindungsstörung können wir uns ein mittelalterliches Haus ohne oder mit morschem Fundament vorstellen. Auch dieses lässt sich reparieren, was jedoch aufwendig ist. So kann man beispielsweise heute nachträglich ein festes Fundament einbauen – dann steht auch dieses Haus die nächsten 100 Jahre wieder.
Auf Bindungsmuster übertragen bedeutet der nachträgliche Einbau eines Fundamentes also Therapie?
Genau. Und das ist auch die gute Botschaft: Sehen wir Kinder und Jugendliche, bei denen es mit der Bindungsentwicklung nicht gut gelaufen ist, kann man therapeutisch mit ihnen arbeiten – manchmal auch stationär, mit einem ganzen Team. So dass sie sich am Ende auch ohne Medikamente stabilisieren – weil sie neue Beziehungen erleben und vielleicht zum ersten Mal sichere Bindungserfahrungen gemacht haben. Diese werden von ihnen verinnerlicht und führen zu einer gesünderen psychischen Entwicklung.

Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit dem Thema. Wie hat sich in dieser Zeit der Blick auf kindliche Bindung verändert?
Als ich Mitte der 90er-Jahre über die Bücher von John Bowlby stolperte, dem Begründer der Bindungstheorie, war ich begeistert davon. Vieles von dem, was Bowlby in seiner Theorie beschrieb, fand ich in meiner Klinikarbeit bei Erwachsenen sowie auch bei Kindern und Jugendlichen wieder: Ängste und Depressionen, die sich auf frühe Trennungen, Verluste von Bezugspersonen, Erfahrungen von emotionaler Vernachlässigung und Gewalt in der Kindheit zurückführen liessen.
Gleichzeitig fragte ich mich: Warum habe ich darüber nichts in meiner psychoanalytischen Ausbildung gelernt? Nachdem wir Aspekte der Bindungstheorie in unsere klinische Arbeit mit Patientinnen und Patienten eingebaut hatten, erzielten wir in der Therapie viel grössere Fortschritte. Als ich 1999 das Buch «Bindungsstörungen: Von der Bindungstheorie zur Therapie» schrieb, war ich sehr erstaunt über die unerwartet grosse Resonanz. Inzwischen hat sich viel getan, die Bindungstheorie hat in zahlreichen Bereichen von Psychologie, Medizin und Pädagogik Einzug gehalten.
Was macht denn eine gute Bindung aus?
Im Prinzip ist es einfach: Menschen haben ein angeborenes Bedürfnis nach sicherheitsgebenden Beziehungen zu festen Bezugspersonen. Reagieren diese feinfühlig auf kindliche Signale, entwickeln Kinder mit grösserer Wahrscheinlichkeit eine sichere Bindung. Was wiederum die Basis ist für emotionale Stabilität, Selbstvertrauen und eine gesunde körperliche, soziale und emotionale Entwicklung.
Konkret bedeutet dies: Menschen, die sicher gebunden sind, können besser Stress bewältigen und verfügen über ein Gefühl von Urvertrauen, weil sie wissen: Es gibt Menschen, die mir helfen, dass ich in dieser Welt nicht alles allein machen muss. Sie haben mehr Bewältigungsmöglichkeiten und sind häufiger in freundschaftliche Beziehungen und stabilere Partnerschaften eingebunden. Gleichzeitig sind sie empathischer für die Gedanken, Gefühle und Handlungsabsichten von sich selbst und anderen Menschen.
Weshalb?
Weil sie sich besser in die Innenwelten anderer Menschen einfühlen können und sich bewusst sind, dass sich ihre Gefühle, Handlungsabsichten und Gedanken von denen anderer unterscheiden. Man nennt dies die Möglichkeit zu mentalisieren, also das eigene Verhalten sowie das von anderen und die zugrunde liegenden Gefühle und Wünsche verstehen und voneinander unterscheiden zu können. Diese Fähigkeit entwickelt sich bis zum dritten oder vierten Lebensjahr und ist ein gewaltiger Entwicklungsschritt. Nur wer mentalisieren kann, vermag leichter Kompromisse zu finden – was im menschlichen Zusammensein unabdingbar ist. Eine Fähigkeit übrigens, die ich gerade unter Politikern oft vermisse.
Perfekt können es die Eltern sowieso nicht machen. «So gut es geht» reicht auch.
Sie meinen, der amerikanische Präsident sei nicht sicher gebunden?
Ich habe gerade an einer Biografie über den nationalsozialistischen Kriegsverbrecher Hermann Göring mitgearbeitet und zu ergründen versucht, weshalb er so war, wie er war. Dabei habe ich gelernt: Göring hat schon als Säugling und in seiner Kindheit sehr viel Ablehnung und Kränkungen erfahren. Das macht etwas mit der psychischen Entwicklung und wirkt sich stark auf die Empathie- und Bindungsfähigkeit aus. Was Donald Trump betrifft: Glaubt man der Biografie, die seine Nichte Mary Trump über ihn geschrieben hat, hatte er auch eine emotional sehr schwierige Kindheit.
Wenden wir uns Kindern im Schulalter zu: Woran zeigt sich, ob diese positive Bindungserfahrungen gemacht haben?
Wer sicher gebunden ist, kann bereits in diesem Alter Konflikte prosozialer lösen, weil er die Gedanken, Gefühle und Handlungsabsichten anderer als berechtigt ansieht und bereit ist, zu verhandeln. Bindungssichere Menschen sind also sehr teamfähig und können auch ihre Talente und Fähigkeiten besser ausschöpfen.
Und was ist mit Kindern, die bindungsunsicher sind?
Sie können das zwar oft auch alles, aber lange nicht so gut. Ihre Empathiefähigkeit ist ebenfalls nicht so ausgeprägt. Unsicher gebundene Kinder hätten mehr Potenzial, sind aber nicht in der Lage, es auszuschöpfen – weil sie es sich nicht zutrauen, ängstlich sind und schnell einen Rückzieher machen.
Sie brauchen zum Beispiel oft eine gute, sichere Begleitung, um eine Ausbildung anzufangen, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen. Häufig haben sie in der frühen Kindheit zwar Schutz und Sicherheit erfahren, aber auch gleichzeitig viel Kritik. Eine Mischung aus Trost («Komm, ich nehme dich in den Arm!») und Drohen («Ich habe dir doch gleich gesagt, dass du da nicht hochklettern sollst!»), und das alles in einem Atemzug.
Und wie äussert sich eine Bindungsstörung?
Sie kann verschiedene Gesichter haben. Gewisse Kinder haben vielleicht Stress und reagieren bei der Abgabe im Kindergarten immer sehr aggressiv. Andere halten sich an jede Person, die gerade vorbeikommt, und würden auch im Alter von sechs Jahren mit jedem mitgehen. Dann spricht man von einer indifferenten Bindungsstörung.
Bindungssichere kommen besser durch schwierige Zeiten und behalten eher einen kühlen Kopf.
Auch bei Kindern, die schon früh Süchte entwickeln, liegt oft eine Bindungsstörung vor. Ein Kind, das zur Beruhigung ein Smartphone oder Tablet in die Hand gedrückt bekommt, statt dass sich seine Bezugsperson mit ihm beschäftigt und ihm hilft, mit seinem Stress umzugehen, gewöhnt sich daran, diese Geräte zur Stressregulation zu nutzen. Das Gleiche gilt, wenn es jeweils mit Essen beruhigt wird. Digitale Medien oder Nahrung, später Alkohol und Drogen, werden so zur scheinbar besten, allzeit verfügbaren Ersatzbindungsperson.
Späteres Übergewicht oder Mediensucht liegen oft in solch frühen Bindungserfahrungen begründet?
Zum Beispiel. Eine Bindungsstörung liegt aber auch vor, wenn jemand überhaupt keine Empathie zeigt. So wie bei jenen 16- und 17-Jährigen, die kürzlich vor mir sassen. Sie hatten einen Gleichaltrigen getreten – selbst als dieser schon blutend am Boden lag. Als ich einen fragte: «Was glaubst du, wie sich der Verletzte gefühlt hat?», lautete die Antwort: «Weiss ich doch nicht, interessiert mich auch nicht.»

Was können Eltern tun, damit Kinder eine sichere Bindung zu ihnen entwickeln?
Eltern sollten sich erst mal bewusst machen, wie sie selbst aufgewachsen sind. Haben sie von ihren Eltern Schutz und Trost erfahren? Oder nur manchmal? Die Wahrscheinlichkeit, dass man bei seinen eigenen Kindern die gleichen Muster wiederholt, ist sehr gross. Das wissen wir aus Längsschnittstudien.
Hat man selbst keine guten Erfahrungen gemacht, lohnt es sich, sich in Beratungsstellen Hilfe zu holen: «Ich würde mein Kind gerne anders erziehen. Wie kann ich die Signale meines Babys besser wahrnehmen?» Und dann gilt es diese so gut wie möglich umzusetzen. Perfekt gelingt es uns sowieso nicht. In unserem Elternprogramm Safe (Sichere Ausbildung für Eltern) schulen wir werdende Mütter und Väter, damit sie eine sichere Bindung zu ihrem Kind entwickeln können.
Perfekt gelingt es uns sowieso nicht? Das ist beruhigend zu hören.
Tatsächlich reicht «so gut es geht» in der Regel aus, um eine sichere Bindung auf den Weg zu bringen und Kindern Resilienz und psychische Widerstandsfähigkeit mitzugeben. Dabei genügt es auch, wenn eine Bezugsperson bindungssicher ist. Es müssen nicht mal Mutter oder Vater sein – das kann die Oma sein, eine Erzieherin oder ein Lehrer.
Kinder können es gut verkraften, wenn sie mal angeschrien werden.
Welche Bindungserfahrungen brauchen Kinder denn konkret – in der Kleinkindzeit, im Schulalter?
Babys brauchen für eine gesunde Entwicklung viel Körperkontakt, Wärme und promptes Reagieren auf Signale wie Weinen oder Hunger – verlässlich, Tag und Nacht. Diese Erfahrungen vermitteln ihnen Urvertrauen, Schutz und Geborgenheit. Auch Schulkinder brauchen die fundamentale Sicherheit: Meine Eltern sind für mich da. Sie müssen wissen, dass sie immer Hilfe erhalten, wenn sie Stress haben oder in Not sind. Lautet der Hilferuf im Teenageralter dann: «Ich habe Mist gebaut, es ist alles ganz schrecklich, kannst du mich abholen?», antwortet man als Elternteil nicht: «Ich habe es dir ja gleich gesagt!», sondern fährt kommentarlos hin, tröstet und unterstützt, so gut es geht.
Die ersten drei Lebensjahre sind offensichtlich entscheidend für den Aufbau einer stabilen Bindung. Was passiert, wenn Eltern dieses Zeitfenster verpassen?
Tatsächlich werden in den ersten drei Jahren – wenn sich die neuronalen Netzwerke im kindlichen Gehirn bilden – die Grundlagen für Bindungsmuster gelegt. Um bei der zu Beginn beschriebenen Hausbau-Analogie zu bleiben: Es ist nun mal am einfachsten, Leitungen und Kabel bei einem Neubau zu verlegen. Natürlich ist das auch bei einem alten Haus nachträglich möglich, aber mit viel mehr Aufwand verbunden. Was den Bindungsaufbau angeht, bekommen wir allerdings noch eine zweite grosse Chance – und zwar in der Pubertät.
Tatsächlich? Ausgerechnet wenn sich der Nachwuchs von den Eltern lösen will?
Ja, genau. Gerade dann, wenn sich im jugendlichen Gehirn ohnehin sehr viel neu verkabelt, sind Jugendliche sehr empfänglich, um mit anderen Menschen neue (Bindungs-)Erfahrungen zu machen. Gleichzeitig ist dies aber auch eine anspruchsvolle Zeit. So bewegen sich die Jugendlichen zwischen einem hoffnungsvollen «Die Welt steht mir offen» und einem bedrückenden «Alles verändert sich». Und die Eltern sind damit konfrontiert, dass ihr zuvor so höfliches Kind sie plötzlich scharf kritisiert und sie darauf hinweist, dass Mutter und Vater nicht so perfekt sind, wie sie immer tun. Das alles ist ein zwar schmerzhafter, aber absolut notwendiger Prozess.
Wie können Eltern die Bindung zu ihrem pubertierenden Kind am besten stärken?
Indem sie ruhig bleiben und sich immer wieder bewusst machen, dass es sich um einen sehr normalen Entwicklungsprozess handelt. Indem sie dem Kind die Freiheit lassen, seine eigene Identität zu entwickeln, und aushalten, dass es vielleicht einen ganz anderen Weg einschlägt als sie selbst. Und indem sie dem Teenager immer wieder signalisieren: «Such deinen eigenen Weg! Ich unterstütze dich und freue mich, wenn du glücklich bist.» Für Jugendliche wiederum ist es wichtig, zu wissen, dass sie scheitern, Fehler machen, die Schule oder das Studium abbrechen dürfen – und die Eltern dennoch als Backup für sie da sind. Insgesamt kommen Bindungssichere besser durch schwierige Zeiten und behalten eher einen kühlen Kopf.

Was beeinträchtigt eine Bindung denn nachhaltig? Welche Fehler sollten Eltern nicht machen?
Erleben Kinder über längere Zeit viel Stress – etwa im Sinne von emotionaler Vernachlässigung oder von Gewalt zwischen Bindungspersonen –, entwickeln sie kein Urvertrauen und werden vermutlich nicht gut in der Schule sein, weil sie sich nicht konzentrieren können.
Generell aber – und das ist die wichtige Botschaft – ist das Bindungssystem sehr robust. Kinder können es gut verkraften, wenn sie mal angeschrien werden oder die Eltern nicht verfügbar sind. Aus einer einzelnen Episode leiten sie kein Arbeitsmodell ab, an dem sie sich orientieren. Kritisch wird es hingegen, wenn etwas über längere Zeit schlecht läuft und keine Bindungsperson da ist, um dies beruhigend zu begleiten.
Eine stabile Bindung geht also nicht so schnell kaputt?
Ist die Basis stabil, verträgt die wachsende Persönlichkeit auch mal eine heftige Erschütterung. Anders gesagt: Die Anzucht eines Pflänzchens ist immer die heikelste Phase. Da muss man genau schauen, ob die Erde, die Nährstoffe stimmen und wie viel Licht und Wasser es braucht. Dies gilt auch für Bindungserfahrungen. Ist die Pflanze aber schon gewachsen, stabiler und hat eine gewisse Robustheit erlangt, hält sie auch mal Trockenheit aus.
Mit einer sicheren Bindung kann ich auch alleine ans Ende der Welt reisen, weil ich die Gewissheit habe: Im Notfall werde ich schon Unterstützung von anderen Menschen erhalten.
Wann können Eltern sich auf die Schultern klopfen und sich sagen: «Wir haben es geschafft! Unser Kind ist sicher gebunden»?
Kürzlich erzählte mir ein Jugendlicher: «Die Party war gut, wir sind ohne Notarzt ausgekommen.» Und führte dann aus: «Wir haben im Freundeskreis jetzt ausgemacht, dass jeweils einer aus der Clique nüchtern bleibt und darauf achtet, dass alle gut nach Hause kommen.» Dies von einem 17-Jährigen zu hören, hat mich sehr berührt – genau das hat etwas mit sicherer Bindung zu tun, Verantwortung und Sicherheit für andere innerhalb einer Gruppe zu übernehmen.
In diesem Fall kann man sich als Eltern tatsächlich zurücklehnen und sagen: «Die machen das schon! Sie gucken aufeinander und lassen niemanden zurück.» Mit solch einer sicheren Bindung kann ich auch alleine ans Ende der Welt reisen, weil ich die Gewissheit habe: Im Notfall werde ich schon Unterstützung von anderen Menschen erhalten.
Und wenn ich unsicher gebunden bin?
Bin ich unsicher-vermeidend, habe ich vermutlich die Erfahrung gemacht, dass niemand da ist und ich ein Problem alleine lösen muss. Was das Leben schwieriger macht. Bindungsmuster haben den gleichen Stellenwert wie unser Kreislauf: Wir können das brillanteste Gehirn haben – wenn es nicht durchblutet wird, sind wir tot. Will heissen: Besitze ich kein Urvertrauen, funktioniert auch alles andere nicht. Bindungspflege ist ein lebenslanges Thema! Es ist ein Geschenk, wenn sich Kinder – egal in welchem Alter – regelmässig melden und wissen: «Meine Eltern haben ein offenes Ohr und Herz und unterstützen mich, wenn ich es brauche!»







