Durch Fehler zum Erfolg
Unser Gehirn ist ein Vorhersageorgan: Es stellt Vermutungen an und registriert, ob diese zutreffen. Führt eine Handlung nicht zum gewünschten Ergebnis, beispielsweise zur Lösung einer Aufgabe, reagiert es im Bruchteil einer Sekunde. In den frontalen Hirnregionen, besonders im anterioren cingulären Kortex, geht ein Alarmsignal los.
Dieses Signal erlebt man zwar als etwas unangenehm, es wirkt aber positiv. Es steigert die Konzentration und stellt dem Gehirn Ressourcen zur Korrektur zur Verfügung. Während unser Gehirn nach Lösungen sucht, arbeiten die beteiligten Nervenzellen intensiver und präziser, was zu einer tieferen Verarbeitung führt.
Vor allem lernen wir durch diesen Prozess nicht nur, was funktioniert, sondern auch, was nicht funktioniert. Durch Letzteres wird das neue Wissen im Langzeitgedächtnis viel breiter und besser abgespeichert.
Unter Stress können wir kaum aus Fehlern lernen
Wie bereits angesprochen, löst das Fehler-Alarm-System unseres Gehirns in Zusammenarbeit mit anderen Hirnregionen auch Gefühle aus. Dabei kann es sich um eine kleine Irritation handeln, die vielleicht sogar Neugier weckt im Sinne von: «Hm …, das hat nicht funktioniert. Woran könnte das liegen? Vielleicht gelingt es, wenn ich …»
Für viele Kinder und Jugendliche sind Fehler aber eher mit Verunsicherung und manchmal sogar starker Angst und Scham verbunden. Sie fürchten sich vor Abwertung, Kritik, Strafen oder Blossstellung, wenn ihnen etwas nicht gelingt. Die Stresshormone, die dadurch ausgeschüttet werden, beeinträchtigen die Tätigkeit des präfrontalen Kortex und blockieren den Lernprozess.
Nur dann, wenn wir eine Lücke erkennen und merken, dass uns etwas fehlt, um weiterzukommen, möchten wir dazulernen.
Viele Lehrkräfte und Eltern sind sich dessen bewusst und bemühen sich darum, Kindern eine gesunde Fehlertoleranz zu vermitteln. Das ist aber gar nicht so einfach. Es reicht nicht aus, wenn wir Kindern wiederholt sagen, dass Fehler Helfer oder Freunde sind. Sie müssen dies immer wieder hautnah erleben. Dazu gehört auch, dass wir ehrlich sind und ihnen vermitteln, dass es unterschiedliche Situationen gibt, in denen wir unterschiedlich mit Fehlern umgehen.
Lernkontrollen einsetzen, Fehlertoleranz erhöhen
Kinder und Jugendliche merken intuitiv, dass Fehler in vielen Situationen keine Helfer sind. In Prüfungen führen sie zu schlechteren Noten, bei einer Vorführung im Turn-Wettkampf zu Punkteabzügen und beim Vorspielen eines Klavierstücks vor Publikum sind sie unangenehm.
Ein Weg, die Angst vor Fehlern zu reduzieren, bestünde nun darin, weniger zu benoten und dafür eher Lernkontrollen einzusetzen. Dabei werden Fehler ausgewertet, woraufhin Kinder und Jugendliche die Gelegenheit erhalten, nicht Verstandenes erneut zu lernen und sich danach zum zweiten Mal an der Lernkontrolle zu versuchen.
Wir können aber auch im bestehenden System eine Menge tun, um die Fehlertoleranz zu erhöhen. Dabei vermitteln wir Kindern und Jugendlichen durch praktische Erfahrungen, dass Fehler in Übungssituationen dazu beitragen, dass wir letztlich viel mehr lernen. Allerdings nur, wenn wir uns mit den Fehlern auseinandersetzen. Ein vielversprechender Weg dazu ist die Unterrichtsmethode des produktiven Scheiterns.
Irrwege als Teil des Lernprozesses
Manu Kapur, Professor für Lernwissenschaften an der ETH Zürich, forscht seit Jahren zu einer Lernmethode, bei der Schülerinnen und Studenten absichtlich mit Aufgaben konfrontiert werden, die sie nicht lösen können.
Dabei wird den Lernenden gleich zu Beginn mitgeteilt, dass sie nun eine Aufgabe erhalten, die sie wahrscheinlich nicht lösen können, und dass es eher darum geht, sich mögliche Lösungsansätze zu überlegen und dabei kreativ und erfinderisch vorzugehen. Auf diese Weise entsteht bereits zu Beginn die nötige Sicherheit, um sich der Aufgabe ohne Angst zu nähern und Irrwege als Teil des Lernprozesses zu sehen.
Mit der Methode des produktiven Denkens verstehen auch Lehrkräfte besser, wie ihre Schüler denken.
In dieser Phase aktivieren die Lernenden ihr Vorwissen, probieren etwas aus und scheitern. Diese kleinen, erwünschten Misserfolge zeigen ihnen ihr Nichtwissen auf. Dieses wiederum ist eine wichtige Triebfeder, um etwas Neues lernen zu wollen. Nur dann, wenn wir eine Lücke erkennen und merken, dass uns etwas fehlt, um weiterzukommen, möchten wir dazulernen. Ein wenig Frust gehört dazu, wird aber rasch durch Neugier und Interesse abgelöst: «Wie geht das jetzt?»
Positive Effekte
Nun kann die Lehrkraft die bisherigen Lösungsversuche mit den Lernenden analysieren. Oft zeigt sich, dass viele davon bereits in die richtige Richtung weisen. Die Lehrperson kann nun entscheiden, ob sie bereits notwendiges Wissen vermitteln will oder lediglich einzelne Hinweise gibt, die die Lernenden in Richtung Lösung lenken.
Inzwischen zeigen mehr als 150 Studien, dass produktives Scheitern dazu führt, dass Konzepte besser verstanden werden und Wissen deutlich besser abgespeichert wird. Die Studien beziehen sich dabei fast ausschliesslich auf Mint-Fächer und zeigen vor allem bei Jugendlichen und Studierenden sehr positive Effekte. Einige Studien verdeutlichen aber, dass bereits Primarschulkinder davon profitieren können.
Lernen fürs Leben
Neben fachbezogenem Wissen entdecken Kinder und Jugendliche durch diese Form des Lernens aber auch, dass Probleme im Allgemeinen besser gelöst werden können, wenn sie sich mutig an sie heranwagen, ausprobieren, darüber nachdenken, weshalb etwas nicht funktioniert hat, sich mit Fehlern auseinandersetzen und einen neuen Anlauf nehmen.
Manu Kapur betont, dass nicht der gesamte Unterricht umgekrempelt werden muss, um mit dieser Methode zu arbeiten. Es reicht aus, da und dort kurze Phasen einzustreuen. So kann beispielsweise zu Beginn eines neuen Mathematikthemas zuerst eine Aufgabe gestellt werden, bevor die Theorie vermittelt wird.
Besonders interessant: Durch die Auswertung der Lösungswege verstehen nicht nur die Lernenden den Stoff besser. Auch Lehrkräfte gaben in entsprechenden Studien an, dadurch viel besser zu verstehen, wie Schülerinnen und Schüler denken, welches Vorwissen sie mitbringen und worauf bei der Vermittlung der Theorie geachtet werden sollte.
Falls Sie, liebe Leserin, lieber Leser, diese Lernmethode genauso fasziniert wie mich: Unter dem Stichwort «Produktives Scheitern» sowie «Manu Kapur» finden sich im Netz viele weitere Artikel, Interviews und Videos zur Vertiefung.







