Warum Jungs in der Schule hinterherhinken
Donnerstag, Elternabend der zweiten Klasse: Wir sitzen auf kleinen Stühlen und warten auf den Beginn des Elternabends. Ein Vater mustert interessiert das Belohnungssystem an der Wand und ruft: «So typisch: Bei den Mädchen haben alle noch ihre drei Perlen, bei den Jungs hats keiner bis Donnerstag geschafft!»
Auch Studien weisen nach: Schülerinnen gelingt es insgesamt besser, sich an die Klassenregeln zu halten und sich auf den Unterricht zu fokussieren. Sie vergessen seltener ihre Hausaufgaben, bereiten sich gewissenhafter auf Prüfungen vor und schreiben bessere Noten. Inzwischen stellen sie die Mehrheit am Gymnasium und studieren erfolgreicher.
Auf der anderen Seite müssen Jungs häufiger eine Klasse wiederholen, verlassen die Schule öfter ohne Schulabschluss und sind an Sonderschulen deutlich übervertreten. Die Forschung spricht vom «Gender Education Gap», der sich in vielen Ländern zeigt, in denen Mädchen nicht mehr durch gesellschaftliche Normen an schulischem Erfolg gehindert werden. Woran liegt das?
Wie die Hirnreife den Schulerfolg beeinflusst
Verschiedene Studien weisen auf Unterschiede in der Gehirnentwicklung von Mädchen und Jungs hin. Dabei zeigt sich, dass das weibliche Gehirn früher ausreift. Das gilt vor allem für den präfrontalen Kortex. Dieser Bereich ist eng verbunden mit der Fähigkeit, sich selbst zu steuern.
Planen, Ziele verfolgen, Konsequenzen abwägen, Impulse kontrollieren, Emotionen regulieren und konzentrieren – all diese Fähigkeiten, die wir mit Vernunft und Reife gleichsetzen, hängen mit dem präfrontalen Kortex zusammen. Wichtige Entwicklungsschritte dieses Hirnbereichs finden bei Mädchen im Schnitt etwa zwei Jahre früher statt als bei Jungs, wie eine grosse Langzeitstudie des US-amerikanischen National Institute of Mental Health mit über 2000 Kindern nachweist.
Motivierende Zielvorgaben, kurze, klare Ansagen, ein wenig Wettbewerb sowie unmittelbares Feedback liegen Jungs oft mehr als lange Phasen des Zuhörens oder das selbständige Abarbeiten von Arbeitsblättern.
Unterschiede lassen sich aber noch in zwei anderen wichtigen Bereichen feststellen. So zeigen Mädchen auch in der Sprachentwicklung einen Vorsprung. Damit verbunden fällt ihnen das Lesen- und Schreibenlernen tendenziell leichter.
Gleichzeitig reagiert das Belohnungssystem der Jungs während der Pubertät sehr viel stärker auf kurzfristige Belohnungen als das der Mädchen. Entsprechend schwerer fällt es Jungs, das spannende Videogame oder Handy beiseitezulegen und für eine Prüfung zu lernen, die erst nächste Woche ansteht.
Mädchen haben also – gerade in der Phase zwischen 10 und 15 Jahren – ein biologisch reiferes Gehirn. Dieser Vorsprung ist in der Schule Gold wert.
Soziale Gründe
Der Gender Education Gap hat aber auch soziale Gründe. Bestimmte Verhaltensweisen, die zu Schulerfolg führen, wie ein bestimmtes Mass an Anpassung, Fleiss oder das gewissenhafte Führen einer Agenda, gelten bei vielen Buben und jungen Männern als «unmännlich» und «uncool».
Um dazuzugehören und nicht als Streber abgestempelt zu werden, gehört es in vielen Jungs-Gruppen zum guten Ton, sich in der Schule nicht allzu viel Mühe zu geben und sich gegen gesellschaftliche Normen zu stellen.
Wenn Väter ihren Söhnen regelmässig vorlesen und damit vermitteln, dass Lesen keine weibliche Tätigkeit ist, steigt deren Lesekompetenz.
Gleichzeitig erleben Jungs gerade in der Primarschule deutlich seltener gleichgeschlechtliche Vorbilder, die ihnen zeigen, dass sich Männlichkeit mit Bildung und intellektuellen Anstrengungen bestens vereinbaren lässt.
Zu guter Letzt reagieren Jungs bei Problemen in der Familie tendenziell eher mit Leistungsverweigerung und störendem Verhalten in der Schule, während Mädchen in schwierigen Situationen öfter versuchen, durch schulische Leistungen wenigstens etwas Stabilität zu finden.
Wie man Jungs für Schule und Bildung gewinnt
Wie ist diese Entwicklung zu sehen? Freuen wir uns doch zuerst einmal darüber, dass Mädchen heute endlich zeigen dürfen, was in ihnen steckt. Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden sie schulisch systematisch benachteiligt – beispielsweise durch einen schlechteren Zugang zu Gymnasien oder eine Erziehung, die sie bezüglich einer höheren Bildung entmutigte.
Dass Mädchen heute in der Schule erfolgreicher sind, zeigt auch, dass diese Hürden weitgehend gefallen sind und Mädchen keineswegs weniger begabt oder klug sind, wie lange behauptet wurde.
Väter haben einen deutlich stärkeren Einfluss auf die Leistungsmotivation ihrer Söhne als die Mütter.
Gleichzeitig stellt sich uns die Aufgabe, herauszufinden, wie man Jungs für Schule und Bildung gewinnt. Dabei sind wir als Eltern genauso gefragt wie die Schule. Letztere kann sich darum bemühen, den Unterricht praxisorientierter zu gestalten, Bewegung stärker mit einzubinden und Jungs ein modernes Verständnis von Erfolg und Männlichkeit mit auf den Weg zu geben.
Sie kann sich in Bereichen etwas abschauen, in denen Jungs oft mehr Motivation mitbringen wie im Sport, in der Musik oder bei Videospielen. Motivierende Zielvorgaben, kurze, klare Ansagen, manchmal auch ein wenig Wettbewerb sowie unmittelbares Feedback liegen Jungs oft mehr als lange Phasen des Zuhörens oder das selbständige Abarbeiten von Arbeitsblättern.
Der Einfluss der Väter
Blicken wir in den familiären Bereich, zeigt die Forschung, dass uns Vätern eine bedeutende Rolle zukommt. So weist die Sustain-Studie der Universität Hamburg nach, dass Väter einen deutlich stärkeren Einfluss auf die Leistungsmotivation ihrer Söhne haben als die Mütter.
Die Effekte auf die Schulleistungen sind für naturwissenschaftliche Fächer besonders gross, zeigen sich aber auch beim Lesen. So unterstreicht eine Vielzahl von Studien, dass die Lesekompetenz von Jungs stark steigt, wenn Väter ihnen regelmässig vorlesen und damit vermitteln, dass Lesen keine rein «weibliche» Tätigkeit ist.
Längsschnittstudien aus Skandinavien wiederum kommen zum Ergebnis, dass männliche Jugendliche im Alter von 12 bis 15 Jahren beim Lernen eine deutlich höhere Frustrationstoleranz aufweisen, wenn sich ihre Väter im Alltag aktiv an der Erziehung beteiligen und nicht nur als Spielgefährte am Feierabend oder Wochenende fungieren.
Jungs zu vermitteln, dass Bildung wertvoll und keinesfalls uncool ist, gelingt uns Eltern also weniger dadurch, dass wir ständig nach ihren Noten fragen oder sie auffordern, sich mehr anzustrengen. Vielmehr gilt es präsent zu sein und echtes Interesse an der Schule und den dort vermittelten Inhalten zu zeigen.










