Teilen

Was es braucht für eine gerechtere Schule

Aus Ausgabe
04 / April 2026
Lesedauer: 5 min
Bildung ist keine Selbstverständlichkeit, eine gerechte Schule noch weniger. Wir sollten das bei allen Diskussionen rund um Hochbegabung, Frühfranzösisch und Nachteilsausgleich nicht vergessen.
Text: Jörg Berger

Bild: Getty Images

Ich stehe während meiner Ferien im Schatten eines kleinen Schulgebäudes im südafrikanischen Karoo-Gebiet. Weit und breit nur trockene Erde, grelles Licht und vereinzelte Farmen. Und mitten in dieser kargen Landschaft: eine Schule.

Hier lernen Kinder aus unterschiedlichen Lebenswelten. Viele kommen aus einfachen Townships. Ihre Eltern arbeiten in den Rebbergen, die Familien leben oft in engen Wellblechhäusern. Einige wenige Kinder wohnen in grossen Häusern im Ort. Im Klassenzimmer spielt das keine Rolle. Sie sitzen nebeneinander, lesen, rechnen, singen und sprechen Afrikaans und Englisch.

Unterschiedliche Voraussetzungen

Diese Schule ist kein Zufall. Sie existiert, weil Menschen entschieden haben: Bildung soll allen Kindern offenstehen. Was mich besonders bewegt, sind die Kinder selbst. Sie lachen, lernen, streiten und träumen. Obwohl viele von ihnen nach der Schule in schwierige Verhältnisse zurückkehren. Ihre Haltung ist klar: Wenn ich lernen darf, kann sich mein Leben verändern.

Auch hier in der Schweiz sagen wir oft: «Bei uns hat jedes Kind eine Chance – wenn es sich nur genug anstrengt.» Das klingt gerecht. Aber so einfach ist es nicht. Kinder starten nicht alle am gleichen Punkt. Manche wachsen mit vielen Büchern, Zeit und Unterstützung auf. Andere erleben Stress, wenig Platz zum Lernen oder finanzielle Sorgen.

Bildungsgerechtigkeit heisst, jedem Kind die Unterstützung zu geben, die es braucht, um sein Potenzial zu entfalten.

Manche Eltern kennen das Bildungssystem gut, andere weniger. Das bedeutet nicht, dass ein Kind weniger begabt ist. Aber es bedeutet, dass die Voraussetzungen unterschiedlich sind. Und das beeinflusst, wie leicht oder schwer Lernen fällt. Bildungsgerechtigkeit heisst deshalb nicht, alle gleich zu behandeln. Sondern jedem Kind die Unterstützung zu geben, die es braucht, um sein Potenzial zu entfalten.

Wenn über Schule gesprochen wird, geht es oft um Hochbegabte oder um Kinder mit grossen Schwierigkeiten. Doch die meisten Kinder liegen dazwischen. Sie sind neugierig, manchmal unsicher, manchmal stark.

Fähigkeiten wachsen mit Erfahrung

Gerade in der Übergangszeit um die 6. Klasse ­werden wichtige Weichen gestellt. Doch Entwicklung verläuft nicht bei allen gleich. Manche Kinder ­zeigen ihre Stärken früh, andere später. Interessen können sich verändern. Fähigkeiten wachsen mit Erfahrung. Als Eltern spüren wir das oft sehr genau: Ein Kind kann in einem Jahr riesige Schritte machen – oder Zeit brauchen, um aufzublühen.

So zum Beispiel Kai, wie wir ihn hier nennen wollen. Kai ist neugierig und kreativ. Er baut gerne Dinge auseinander und wieder zusammen. Er tüftelt stundenlang. Im Unterricht wirkt er manchmal verträumt. Lesen fällt ihm schwer, Texte strengen ihn an.

Entwicklung braucht Zeit – und Lernräume, die verschiedene Stärken sichtbar machen.

Im Makerspace mit Lasercutter und 3D-Drucker erlebt er etwas Neues. Dort darf er messen, planen, ausprobieren. Fehler gelten nicht als Scheitern, sondern als Teil des Lernens. Schritt für Schritt wächst sein Selbstvertrauen. Plötzlich interessiert er sich mehr für Mathematik, weil sie ihm hilft, seine Ideen umzusetzen.

Hätte man Kai nur an seinen Leseleistungen gemessen, wäre vielleicht ein unvollständiges Bild entstanden. Doch Kinder sind mehr als einzelne Noten. Entwicklung braucht Zeit – und Lernräume, die verschiedene Stärken sichtbar machen.

Was eine faire Schule ausmacht

Viele Schulleitungen in der Schweiz haben sich in den letzten Jahren intensiv mit der Frage beschäftigt, wie eine gerechte Schule aussehen kann. Die Antworten ähneln sich:

  • Jedes Kind wird mit Respekt wahrgenommen
  • Vielfalt gilt als Normalität, nicht als Problem
  • Stärken werden bewusst gefördert
  • Unterstützung setzt früh ein und ist gut zugänglich
  • Die Schule arbeitet eng mit Eltern und Fachpersonen zusammen

Viele Schulen sind bereits auf diesem Weg. Lehrpersonen tauschen sich regelmässig aus, entwickeln neue Lernformen und schaffen Strukturen, die individuelles Lernen ermöglichen. Tagesschulen, Förderangebote oder multiprofes­sionelle Teams sind Beispiele dafür. Natürlich gibt es noch Herausforderungen. Aber die Haltung vieler Schulen ist klar: Sie wollen gestalten, nicht verwalten.

Vielleicht vergessen wir manchmal, dass Bildung ein grosses Versprechen ist. Ein Versprechen, das wir jeden Tag neu einlösen können.

Eine faire Schule hilft nicht nur einzelnen Kindern. Sie unterstützt Kinder, die mehr Zeit brauchen. Sie fordert Kinder, die mehr Tiefe suchen. Sie entlastet Familien, die Begleitung wünschen. Und sie stärkt unsere Gesellschaft. Wenn Potenzial früh erkannt und langfristig gefördert wird, verlieren wir weniger Talente. Gleichzeitig wachsen Selbstvertrauen, Lernfreude und psychische Stabilität.

Eine gemeinsame Aufgabe

Politik schafft Rahmenbedingungen. Doch der Alltag entsteht zwischen Schule und Familie. Wenn Eltern ihr Kind ermutigen, Fragen stellen und Vertrauen zeigen. Wenn Lehrpersonen genau hinschauen und Entwicklung ermöglichen.

Wenn Schule und Eltern offen miteinander sprechen. Dann entsteht ein tragfähiges Netz rund um das Kind. Veränderung geschieht selten über Nacht. Aber sie wächst im Zusammenspiel von Engagement, Erfahrung und Forschung.

Ich denke an die Kinder im Karoo-Gebiet. Ihre Bedingungen sind herausfordernd. Und doch tragen sie eine starke Überzeugung in sich: Bildung kann die Zukunft verändern. Vielleicht ist uns in der Schweiz manches selbstverständlich geworden. Vielleicht vergessen wir manchmal, dass Bildung ein grosses Versprechen ist. Ein Versprechen, das wir jeden Tag neu einlösen können.

Eine Schule, die gerechter wird, nimmt niemandem etwas weg. Sie eröffnet mehr Kindern die Möglichkeit, zu zeigen, was in ihnen steckt. Und am Ende profitieren nicht nur Kai oder einzelne Familien – sondern wir alle.