Nicht schon wieder ein Abschied!
Kinder sind schneller erwachsen, als man denkt. Ob das wirklich stimmt? Ich bin jetzt 42 und noch immer nicht sonderlich erwachsen. Für viele bedeutet der Satz einfach, dass man sie nicht mehr länger von der Steuer absetzen kann.
Tatsächlich ist Kinder zu haben ein ziemlich melancholischer Prozess, da man sich die ganze Zeit von irgendwelchen Dingen verabschieden muss: Angewohnheiten, Hobbys, Lieblingsspielzeugen, Ausflügen und den Geschichten, die man sich abends im Bett erzählt.
Kinder sind nicht melancholisch oder gar sentimental. Nein. Wir Eltern sind es.
Die Wahrheit ist: Kinder können sehr gut mit diesen Verlusten umgehen. Unerschrocken steuern sie neuen Ufern entgegen. Das Leben ist für sie ein Abenteuer. Kinder sind nicht melancholisch oder gar sentimental. Nein. Wir Eltern sind es. Träge und alt und nicht mehr so dynamisch fällt uns das Loslassen sehr viel schwerer. Oder bin das nur ich?
Ich hänge nun einmal am Buch mit der Riesenbirne, auch oder gerade weil wir es schon hundertmal gelesen haben. Als mein Sohn sagte, dass er sich nicht mehr für Dinosaurier interessiere, war ich den Tränen nahe. Kein Wunder, schliesslich hatte ich mich akribisch in das Thema eingearbeitet.
Wohin mit Klausi?
Wohin jetzt mit all dem Wissen über den Carcharodontosaurus? Und wohin mit Klausi? So hiess ein Spielzeugbär, den mein Sohn heiss liebte, um von einem Moment auf den anderen nichts mehr von ihm wissen zu wollen. Ein paar Tage lang holte ich ihn aus der Spielzeuggruft und stellte ihn hoffnungsvoll auf den Tisch. «Und? Was machen wir heute mit Klausi?» – «Nichts», sagte er. Oder noch schlimmer: «Wer ist Klausi?»
Das Tempo der Veränderungen lässt uns Eltern noch älter aussehen, als wir eigentlich sind.
Oder Ausflüge. Lange war es so, dass ich mit meinem Sohn auf den Spielplatz ging. Heute geht mein Sohn mit mir auf den Spielplatz. Die frische Luft. Die Bewegung. «Können wir nach Hause gehen?» – «Noch einen Moment», flehe ich ihn an. «Wir haben gesagt, eine halbe Stunde.» – «Warum hast du es überhaupt so eilig?» – «Ich will mit meinen Pokémon spielen.» – «Seit wann interessierst du dich für Pokémon?»
Angst vor dem grossen Abschied
Das Tempo der Veränderungen lässt uns Eltern noch älter aussehen, als wir eigentlich sind. Aber keine Sorge. Ein paar Tage später und nach einer umfassenden Recherche zum Thema «Japanische Anime» sind wir wieder am Start. Wir sind ja nicht in der Zeit stehen geblieben, so wie meine Grossmutter, die mir die letzten fünfzehn Jahre ihres Lebens konsequent Cartoonbücher von Uli Stein geschenkt hat, weil ich mich mit zehn einmal dafür interessiert hatte.
Sowieso geht es bei unseren sentimentalen Anwandlungen gar nicht um die Dinosaurier oder irgendwelche Spielzeugbären. Es geht vielmehr darum, dass all diese kleinen Abschiede uns schmerzhaft an den grossen erinnern, der uns eines Tages droht.
An den Moment, wenn unser Kind von zu Hause auszieht und wir alleine bleiben mit dem leeren Kinderzimmer, in dem wir jetzt endlich unseren Fitnessraum einrichten können. Aber wir wollen doch gar keinen Fitnessraum. Wir wollen unser Kind! Komm zurück!
So häufig wird ein Moment von einem anderen überlagert und dann ist er schon wieder vorbei. So ist das Leben.
Leben ohne Ablenkung
Man müsste im Moment leben, nämlich so, dass man die Zeit, die man mit seinem Kind verbringt, wirklich erfassen kann, ohne gleichzeitig von Dutzenden anderen Dingen abgelenkt zu sein. So häufig wird ein Moment von einem anderen überlagert und dann ist er schon wieder vorbei. So ist das Leben. Aber manchmal, selten genug, gelingt es mir.
So wie neulich, als ich mit meinem Sohn im Schwimmbad war. Wir waren in Eile, blieben dann aber länger als geplant und ich sah ihm dabei zu, wie er ein ums andere Mal vom Piratenschiff rutschte und spielte, er sei ein gefährlicher Hai. Das ist dein Leben, sagte ich mir und winkte ihm zu. Dein Leben mit deinem Sohn. «Hab ich recht, Klausi?»







