«Mein Kind hätte so viel Potenzial, ist aber faul!»
Während die Eltern zwischen Unverständnis, Frust, Druck, Wut, Enttäuschung und Zukunftssorgen schwanken, gibt sich ihr Teenager ganz cool. Schule? Nicht so wichtig. Prüfungsvorbereitung? Fehlanzeige. Hausaufgaben erledigen? Nur im allergrössten Notfall. Die Eltern sind ratlos: Warum beschränkt sich ausgerechnet so ein «kluges Köpfchen» in der Schule auf das Minimum?
In diesem Artikel beleuchten wir die häufigsten Gründe, weshalb sich manche Jugendliche in der Schule kaum Mühe geben – und zeigen auf, wo wir als Bezugspersonen ansetzen können.
Motivationstal während der Pubertät
Im Laufe der Pubertät verschiebt sich der Fokus bei den meisten Jugendlichen: körperliche Veränderungen, Gefühlschaos, die Suche nach der eigenen Identität und Zugehörigkeit, vielleicht die erste Verliebtheit … In diesem ganzen Wirbel gerät die Schule oft für eine Weile in den Hintergrund.
Was Eltern und Bezugspersonen tun können:
Manchmal fällt es uns leichter, uns mit unserem Kind zu verbinden, wenn wir uns an die eigene Teenagerzeit zurückerinnern. Welchen Stellenwert hatte die Schule für uns in diesem Alter? Was beschäftigte uns damals?
Jugendliche denken nicht an ihre Zukunft? Ist es nicht eher so, dass wir Erwachsenen so sehr an die Zukunft denken, dass wir darüber das Heute vergessen?
Gemeinsam mit unserem Kind können wir überlegen, wie es mit seinem gewünschten Minimalaufwand wenigstens das Maximum herausholt: Mit welchen Lernstrategien kommt es am schnellsten zum Ziel? Welche Noten muss es für seinen Traumjob zwingend erreichen?
Über- oder Unterforderung
Manche Kinder und Jugendliche lassen sich kaum auf das Lernen ein, weil sie überfordert sind. Vielleicht können sie die Inhalte schwer nachvollziehen, vielleicht ist ihre Selbstorganisation und Impulskontrolle noch nicht so stark ausgereift, um rechtzeitig mit dem Lernen zu beginnen und sich auch uninteressanten Inhalten zuzuwenden.
Andere Teenager sind schulisch unterfordert und klinken sich aus Langeweile aus dem Lernen aus.
Was Eltern und Bezugspersonen tun können:
Wenn diese Vermutung im Raum steht, hilft es, gemeinsam mit einer Fachperson zu ergründen, wo genau die Hürde des Kindes liegt und was es bräuchte. Vielleicht lösen Lernvideos auf Youtube den Knoten? Vielleicht will sich das Kind den Schulstoff von einer KI erklären lassen? Vielleicht hilft es ihm, neben uns zu arbeiten, um sich nicht so allein zu fühlen? Vielleicht benötigt es Unterstützung bei der Planung? Vielleicht wirken anspruchsvollere Aufgaben motivierend?
Mangelndes Sinnerleben
«Wofür brauche ich das? Was nützt es überhaupt, mich anzustrengen? Ich werde eh Influencer, da brauch ich keinen Abschluss! Die KI schnappt uns sowieso die Arbeitsplätze weg.» Aussagen wie diese hört man immer wieder von Schülerinnen und Schülern.
Was Eltern und Bezugspersonen tun können:
Als Lehrkraft können wir die Warum-Fragen ernst nehmen und den Nutzen des jeweiligen Lerninhalts betonen: «Diese Matheaufgabe schult das logische Denken», «Diese Aufgabe stärkt unsere Selbstdisziplin». Im Falle von «Ich werde Influencer» lohnt es sich, mit den Jugendlichen einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.
Manchmal dient offen zur Schau gestellter Minimalismus auch dem Selbstwertschutz.
Oft verliert dieser Berufswunsch an Glanz, wenn ihnen bewusst wird, wie viele Stunden diese Menschen in ihren Content investieren, wie viel sie an Privatsphäre opfern, wie abhängig sie von ihrer Community sind, wie viel Häme ihnen entgegenschlägt. Vielen Jugendlichen vergeht die Lust spätestens beim Ausprobieren – nach dem zehnten Video, das nicht viral gegangen ist und nur ein, zwei ernüchternde Likes ernten konnte.
Abkehr vom «Spiessertum»
Manchmal stellt das «Stinkfaul-Sein» auch einen aktiven Widerstand gegen die Lebensgestaltung der Erwachsenen dar. «Ich soll mich anstrengen? Um morgens zur Arbeit zu hetzen, einen Termin nach dem anderen durchzuhauen und mich immer über den Dauerstress zu beschweren?»
«Chill mal!» ist dann oft eine ernst gemeinte Aufforderung an uns. Eine Aufforderung, die meint: Leb ein bisschen mehr im Moment und nimm nicht alles so ernst. Schaffe Platz für Genuss und Freundschaften. Sei ausgelassen. Verschwende nicht dein ganzes Leben mit dem Blick auf «Müssen» und «Später».
Allzu oft wirft man Jugendlichen vor, dass sie nicht an ihre Zukunft denken. Aber vielleicht denken wir selbst ständig so sehr an die Zukunft, dass wir darüber das Heute vergessen?
Self-handicapping
Manchmal dient offen zur Schau gestellter Minimalismus auch dem Selbstwertschutz. Beim Self-handicapping legt man sich unbewusst Steine in den Weg, um im Falle eines Misserfolgs eine Erklärung zu haben, die nichts mit der eigenen Begabung zu tun hat und nicht am Selbstwert kratzt.
Schülerinnen und Schüler mit dieser Tendenz bereiten sich meist gar nicht oder erst auf den allerletzten Drücker auf Tests vor. Lieber packen sie ihre Agenda mit Verabredungen, Hobbys oder Nebenjobs so voll, dass kaum mehr Raum für schulische Aufgaben übrigbleibt. Die Logik dahinter: «Wenn ich eine schlechte Note habe, dann deswegen – und nicht, weil ich dumm oder unfähig bin.»
Weisen Bezugspersonen nun darauf hin, dass das Kind so klug oder begabt ist beziehungsweise so viel Potenzial hat, wird es noch bedrohlicher, sich anzustrengen: «Was, wenn es doch nicht klappt? Dann merken alle, dass ich dumm und unfähig bin! Dann lieber mit unausgeschöpftem Potenzial faul bleiben!»
Was Eltern und Bezugspersonen tun können
- Den Minimalismus als Selbstwertschutz begreifen.
- Uns von Zuschreibungen wie «Er ist so faul» verabschieden, denn sie entwickeln sich allzu schnell zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.
- Wertschätzen, wenn der Teenager sich mal bemüht.
- Gemeinsam mit dem Kind überlegen: «Was stresst dich bei dieser Aufgabe?», «Was passiert, wenn du dich reinhängst … und es doch nicht klappt?»
- Den Schulstoff in überschaubare Etappen aufteilen.
- Das Kind zum Lernen mit Freundinnen oder Freunden anregen.
- Den Lernprozess würdigen, weniger die Note.








