Gute Streitkultur im Netz: So lernen es unsere Kinder
Neulich schrieb jemand auf Social Media über mein medienhistorisches Kinderbuch «Hilfe, eine Woche ohne Handy!», dass man Siebenjährigen wohl kaum in einem Kinderbuch erklären müsse, wie sie ohne Smartphone klarkommen könnten. Doch darum geht es in dieser Publikation überhaupt nicht. Der Verfasser hatte allein vom Titel auf den Inhalt geschlossen und sogleich seine Meinung hinausposaunt.
Ein ähnliches Verhalten können wir täglich unter den Posts von Printmedien beobachten. Obwohl gewisse Kommentarschreiber ganz offensichtlich den Text nicht gelesen haben, lassen sie sich von Beitragsbild und Teaser so triggern, dass sie sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Statt eines ausgewogenen Diskurses beharren alle auf ihrer eigenen Meinung, es herrscht nur brachiale Rechthaberei.
Der ruppige Umgangston im Netz schürt bei Kindern auch ausserhalb des Internets grosse Unzufriedenheit und verstärkt ihre Aggressionen.
Fehlende Selbstregulation im Netz
Auf dem Weg zum Erwachsenwerden haben wir doch mal gelernt, nicht alles ungefiltert auszusprechen, was uns gerade durch den Kopf geht. Nur im Netz scheint bei vielen Nutzerinnen und Nutzern die Impulskontrolle auszusetzen. Das Internet wird beherrscht von Monologen, Stereotypen und der Ignoranz von Fakten.
Auch Kinder und Jugendliche werden zu solchen «Ich-Sendern» und sind online häufig in Streitereien verwickelt – bevor sie mit den Grundregeln der Kommunikation vertraut und verlässlich in der Lage sind, ihre Selbstregulation zu beherrschen.
Monologe und Verunglimpfungen
Ein zuverlässiges Negativbeispiel dafür sind Klassenchats. Eigentlich sollten sie dem Austausch von Informationen dienen. Nur sind 500 spontane und ungefilterte Nachrichten über Nacht, bei denen niemand dem anderen zuhört, keine Seltenheit.
Selbst beim Gamen sind Kinder vor Monologen und Verunglimpfungen nicht gefeit. Kürzlich erzählte ein Drittklässler in meinem Workshop, fremde Mitspieler hätten ihn in Fortnite bei einem Streit unentwegt «HS» genannt – eine gängige Abkürzung für «Hurensohn».
Um gekonnt zu streiten, müssen Kinder zuerst argumentieren lernen und den Unterschied zwischen blossen Meinungen und überprüfbaren Fakten erkennen.
Der ruppige Umgangston im Netz schürt bei Kindern auch ausserhalb des Internets grosse Unzufriedenheit und verstärkt ihre Aggressionen. Bereits an Primarschulen werden Schülerinnen und Schüler heutzutage schnell handgreiflich. Im Januar berichtete der «Tages-Anzeiger» von einem Elfjährigen in Dottikon AG, der im vergangenen Oktober vor einem Bus «umringt von Mitschülern» bewusstlos geschlagen wurde.
Erwachsene verhalten sich nicht besser
«Keiner hilft. Stattdessen zücken die Kinder ihre Handys. Sie filmen. Sie lachen. Einer ruft: «Stirb doch!» Minuten später landet das Video in Gruppenchats.» Erwachsene verhalten sich übrigens nicht viel besser, wenn etwa ein Elternteil online einem anderen wünscht: «Ich hoffe bei Ihnen, dass Ihre Gene mit Ihnen aussterben.»
Gute Kommunikation hilft nicht nur, Emotionen zu regulieren und Missverständnisse zu vermeiden oder aufzuklären, sondern trägt auch wesentlich dazu bei, verbaler und physischer Gewalt vorzubeugen – besonders in einer überreizten Gesellschaft. Doch wie können Kinder lernen, selbstverantwortlich mit ihrer Rolle als Ich-Sender umzugehen? Indem wir es ihnen zeigen.
Gute Streitkultur als sozialer Kitt
Zunächst sollten wir anerkennen, dass sich die Streitkultur durch das Internet, seine Algorithmen und Filterblasen erheblich zu unserem Nachteil verändert hat. Möglicherweise haben wir deshalb das Austragen von Meinungsverschiedenheiten verlernt und sind konfliktscheuer geworden, um Eskalationen aus dem Weg zu gehen. Positive und respektvoll geführte Auseinandersetzungen, die zu Lösungen und Übereinkünften führen, sind aber ein zentraler Schlüssel im sozialen Miteinander.
Ein praktisches Beispiel, das viele Kinder schon erlebt haben: Zwei Zehnjährige geraten per Whatsapp in einen heftigen Streit. Jeder Versuch, den Sachverhalt über schriftliche Nachrichten zu klären, schaukelt den Konflikt weiter hoch. Ein solches Zerwürfnis lässt sich nur bei einer persönlichen Begegnung von Angesicht zu Angesicht lösen.
Wir können unsere Kinder darauf vorbereiten, dass sie online wie offline nicht über jedes verbale Stöckchen springen müssen, das ihnen andere hinhalten.
Doch um gekonnt zu streiten, müssen Kinder zuerst argumentieren lernen und den Unterschied zwischen blossen Meinungen und überprüfbaren Fakten erkennen. Eine gelungene Streitkultur trägt zur Identitätsbildung von Kindern und Jugendlichen bei und hilft ihnen, Konflikte ohne unnötige Zuspitzungen zu lösen.
Training beginnt in der Familie
Und wo können Kinder das besser lernen als auf dem besten Übungsplatz – in der Familie? Für viele Eltern aber sind Streitigkeiten ein grosser Stressfaktor, der ihrem Harmoniebedürfnis gegenübersteht. Besonders ersichtlich wird das beim Thema Medienkonsum.
Es hilft, sich ein anderes Mindset zuzulegen und an Max Frischs berühmtes Zitat zu denken: «Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.» Es reicht, wenn wir das Wort «Krise» durch «Streit» ersetzen.
Von einer guten Streitkultur in der Familie können alle profitieren – indem Eltern und Kinder ihre jeweiligen Wünsche respektvoll kommunizieren und versuchen, die Perspektive des anderen einzunehmen.
Verstehen Kinder zum Beispiel, dass hinter einem Verbot auch eine Schutzhaltung stecken kann? Und begreifen Eltern wiederum, welche tieferen Bedürfnisse Social Media oder Games bei Kindern stillen? Gut zu argumentieren und sich in den anderen hineinzuversetzen, wertet jedes Gespräch auf. Wie auch die gegenseitige und ungeteilte Aufmerksamkeit in einer Zeit, in der Medien genau darum buhlen. Und ganz wichtig: Wir müssen nicht mehr laut sein, um gehört zu werden.
Sicher, wir werden wahrscheinlich die Pöbeleien im Netz damit nicht in den Griff bekommen. Aber wir können Kinder und Jugendliche darauf vorbereiten, dass niemand die Wahrheit gepachtet hat, ein wertschätzender Umgang eher zum Ziel führt und sie online wie offline nicht über jedes verbale Stöckchen springen müssen, das ihnen andere hinhalten.
Der Weg zum Glück
Um auch mit einem persönlichen Beispiel zu schliessen: Wie viel wir beim Argumentieren von unseren Kindern lernen können, zeigte mir mein ältester Sohn bereits mit sechs Jahren. Er wollte vor der festgelegten Zeit fernsehen. Wir lehnten natürlich ab und er stapfte unzufrieden davon. Nach ein paar Minuten fragte er erneut, ob er fernsehen dürfe. Auf ein weiteres Nein zog er wieder wütend von dannen.
20 Minuten später kehrte ein ruhiges und aufgeräumtes Kind zu uns zurück. «Was macht euch eigentlich glücklich?», fragte er. Wir mussten lachen und zählten die Dinge auf, die uns happy machen: Bücher, Musik und natürlich unsere Kinder. Geduldig hörte er zu. «Und mich macht fernsehen glücklich», erwiderte er darauf. «Warum wollt ihr nicht, dass ich glücklich bin?»
Funfact: Heute kommuniziert jede KI wie ChatGPT oder Google Gemini grundsätzlich respektvoller mit ihren Nutzerinnen und Nutzern als Menschen im Internet miteinander.








