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Elternstreit: Wer ist hier unreif?

Aus Ausgabe
03 / März 2026
Lesedauer: 4 min

Elternstreit: Wer ist hier unreif?

In der Beziehung unseres Kolumnisten schwelt ein Konflikt. Wie sollen Eltern überhaupt streiten, ohne dass sie sich selbst und dem Kind schaden?
Text: Lukas Linder

Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Wann streiten Eltern? Idealerweise natürlich nie, wobei es sich manchmal einfach nicht vermeiden lässt. Nur sollte man in solchen Fällen unbedingt dafür sorgen, dass es die Kinder nicht mitbekommen, sofern man nicht gleich einen Platz beim Therapeuten für sie buchen möchte. Einverstanden. Nur: Wie macht man das? 

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Es sind Ferien, der Kindergarten ist geschlossen, die Grosseltern liegen mit Grippe im Bett (O-Ton Grossmutter: «Ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt») und zu Hause herrscht dicke Luft. Zudem sorgt ein Tiefdruckgebiet für sibirische Temperaturen, weshalb man den Kleinen auch nicht einfach so zum Spielen an die frische Luft setzen kann.

So geht man wie auf Eierschalen. In der kleinen Wohnung läuft man sich andauernd über den Weg und wird an den schwelenden Konflikt erinnert. Der aber muss warten, bis das Kind im Bett liegt.

Leider haben sich die Einschlafzeiten in den Ferien noch einmal nach hinten verschoben, weshalb das klärende Gespräch erst nach Mitternacht anberaumt werden kann. Todmüde versucht man das schwammige Gefühl einer erlittenen Verletzung in kausale Sätze zu giessen, als aus dem Kinderzimmer eine Stimme ertönt: «Streitet ihr etwa?»

Es gibt heute für Eltern sehr viele Dinge, die sie falsch, und nur wenige, die sie richtig machen können.

Es gab eine Zeit, da kamen Kinder mit einer fixfertigen Persönlichkeit auf die Welt. Als Eltern brauchte man diesen Umstand nur zu akzeptieren und die gemeinsame Zeit für alle Beteiligten so erträglich wie möglich zu gestalten. Heute sind Eltern in erster Linie Erzieher, das heisst, sie haben sich wirklich um dieses formlose Wesen zu kümmern und dafür zu sorgen, dass aus ihm ein selbstbewusster, möglichst komplexfreier Mensch wird (der beim Chopin-Wettbewerb den ersten Platz belegt).

Bis nach Schweden kreischen

Sprich, es gibt heute für Eltern sehr viele Dinge, die sie falsch, und nur wenige, die sie richtig machen können. Da alles Spuren hinterlässt, befindet man sich permanent auf dem Holzweg. Zumal die eigene Persönlichkeit im Spiel ist, die im wahrsten Sinne des Wortes fix und fertig ist.

Ich habe einmal gehört, dass sich in Schweden die Kinderschutzbehörde einschaltet, wenn das Kind viel weint. Es mag sich um eine Legende handeln, und doch hat sie mich durch die erste Phase meiner Vaterschaft begleitet, als unser Kind praktisch pausenlos geweint hat. Ich glaubte, sein empörtes Kreischen müsse bis nach Schweden zu hören sein: Obacht, da wird gerade ein Kind falsch erzogen.

Dabei kann die Furcht, alles falsch zu machen, Eltern dazu verleiten, dem Kind eine erfundene Realität vorzugaukeln. Heile Welt um jeden Preis. Aber durchschaut das Kind den Mummenschanz nicht sofort? Und was wäre das überhaupt für ein Glück, das auf künstlichen Gesten und unterdrückten Gefühlen basiert?

Öffentliches Streiten als Form der Erziehung?

Wäre es nicht ehrlicher, wenn das Kind schon früh lernen könnte, dass Konflikte zum Leben dazugehören und die Eltern sich nicht gleich hassen oder gar trennen, nur weil sie unterschiedlicher Meinung sind? Schliesslich kann die Furcht vor Konflikten dazu führen, dass aus dem Kind seinerseits ein konfliktscheuer Mensch wird. Klingt gut, oder? Öffentliches Streiten als Form der Erziehung. 

Wir alle wissen, wie Erwachsene streiten. Nämlich wie Kinder, die es nie gelernt haben.

In Schweden ist das der neueste Schrei. Nur funktioniert es leider nicht, denn wir alle wissen, wie Erwachsene streiten. Nämlich wie Kinder, die es nie gelernt haben. Wir sind selber ziemlich ungeformte Wesen. Wir fürchten uns vor unserer eigenen Unreife, weshalb wir unsere Kämpfe im Heimlichen austragen, wo uns niemand dabei zusehen kann.

Mit anderen Worten: Wir trauen uns selber nicht über den Weg – und ist das nicht ein untrügliches Zeichen von Erwachsensein? Zugegeben, besonders tröstlich ist das nicht. Aber bald sind die Ferien zu Ende, die Kindergärten und Schulen wieder offen. Und das Leben geht wieder weiter.