Frau Bücker, stimmt es, dass sich gerade Jugendliche oft einsam fühlen?
Ja, das zeigen die meisten grossen Erhebungen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat kürzlich weltweit Befragungen zum Thema Einsamkeit durchgeführt. Die Altersgruppe der Jugendlichen war dabei mit 21 Prozent am stärksten betroffen. Was viele überraschte, denn Einsamkeit wurde lange im hohen Alter verortet. Neue Daten zeigen jedoch, dass Einsamkeit auch unter jüngeren Menschen weit verbreitet ist.
Von welchem Alter sprechen wir?
Hohe Einsamkeitswerte finden sich bei den 13- bis 16-Jährigen und bei den 18- bis 29-Jährigen. Jüngere Studien zeigen auch, dass sich im deutschsprachigen Raum jedes fünfte Primarschulkind einsam fühlt. Doch hier ist die Datenlage dünn, weil wir dafür lange kein geeignetes Messinstrument hatten.
Weshalb nicht?
Um Kinder und Jugendliche über das Erleben von Einsamkeit zu befragen, hat man bisher Erwachsenen-Fragebögen eingesetzt. Mit Formulierungen wie «Ich fühle mich von anderen isoliert» können Kinder jedoch wenig anfangen. In unserer Arbeitsgruppe haben wir nun deshalb ein angepasstes Instrument entwickelt. Kinder zu befragen, wird künftig also einfacher.
Weshalb fühlen sich Jugendliche gerade zwischen 13 und 16 Jahren oft einsam?
Die Pubertät erreicht in dieser Zeit ihren Höhepunkt, die Identitätsfindung flammt richtig auf – und damit auch Abgrenzungsfragen wie: «Wer bin ich?», «Wer will ich sein?». Auch die Abnabelung von den Eltern fällt in diese Zeit. Im Austausch mit Gleichaltrigen finden Teenager heraus, was ihnen wichtig ist.
Ist denn Einsamkeit immer für alle gleich?
Nein, wir unterscheiden verschiedene Arten von Einsamkeit. Soziale Einsamkeit meint den Wunsch nach einem breiten Netzwerk, die Einbettung in eine soziale Unterstützungsstruktur. Man möchte Teil einer Gruppe sein, seine Identität aus der Gruppenzugehörigkeit ziehen.
Emotionale Einsamkeit meint, dass einem eine enge, vertraute Person fehlt, bei der man so sein kann, wie man ist. Diese Art der Einsamkeit spielt im jungen Erwachsenenalter, also zwischen 18 und 29 Jahren, eine grosse Rolle. In dieser Lebensphase kommt der Wunsch nach mehr Stabilität in romantischen Paarbeziehungen auf. Gleichzeitig gibt es in dieser Zeit die meisten Umbrüche – wodurch sich oft auch das soziale Netz verändert.

An welche Umbrüche denken Sie?
An den Auszug aus dem Elternhaus etwa, den Schulabschluss, die berufliche Orientierung, die erste romantische Paarbeziehung. Junge Erwachsene berichten, dass sie sich in dieser Phase stark unter Druck fühlen, weil sie Anforderungen auf mehreren Ebenen erleben.
Bleiben wir bei den 13- bis 16-Jährigen: Studien zeigen in dieser Altersgruppe steigende Einsamkeitswerte. Woran liegt das?
Es gibt nicht die eine Ursache. Aber was auffällt: Die zeitlichen Ressourcen von jungen Menschen nehmen stark ab – weil die Anforderungen in der Schule stark gestiegen sind. Sie verbringen immer mehr Zeit in Institutionen. Was nicht per se schlecht ist, aber für manche reduziert dies die Möglichkeiten, ausserhalb der Schule Freundschaften zu knüpfen.
Einsame Jugendliche haben das Gefühl, dass sie nie an andere Menschen rankommen, Beziehungen oberflächlich bleiben.
Auch die Mediennutzung kann ein Risiko sein, sich sehr einsam zu fühlen. Zumindest wenn man alle sozialen Kontakte in die Onlinewelt verlagert und sich beim ewigen Scrollen auf Social Media verliert.
… und sieht, wie sich scheinbar alle anderen verabreden, spannende Ferien machen und überhaupt ein tolleres Leben führen?
Genau. Gleichzeitig können soziale Medien auch eine Brücke bauen zu mehr sozialer Einbindung. Etwa wenn ich sehr schüchtern bin, virtuell aber weniger Hemmungen habe, mit anderen in Kontakt zu treten. Leider nutzen gerade diejenigen soziale Medien oft ungünstig, die Gefahr laufen, zu vereinzeln. Sie vergleichen sich mit anderen, anstatt Kontakte zu knüpfen, die sich in die Offlinewelt integrieren lassen.
Wie äussert sich Einsamkeit bei Jugendlichen konkret?
Es geht um das Gefühl, zu wenig bedeutungsvolle Beziehungen zu haben. So kann ich mich auch dann einsam fühlen, wenn ich von Menschen umgeben bin. Manche vergleichen dies mit einer unsichtbaren Wand: Sie haben das Gefühl, sie kommen nie an andere Menschen ran, Beziehungen bleiben oberflächlich. Obwohl heute offener über Einsamkeit gesprochen wird, fällt es vielen schwer, dies zuzugeben. Dies gilt auch für Eltern von betroffenen Kindern: Es ist leichter, «Meine Tochter hat Schwierigkeiten in der Schule» zu sagen als «Meine Tochter hat keine Freunde».
Warum fällt dies so schwer?
Weil dabei häufig eigene Schuldzuweisungen mitschwingen – das Gefühl, als Eltern versagt zu haben, weil man es nicht geschafft hat, dass das Kind Wertschätzung erfährt. Bei Jugendlichen geht Einsamkeit oft mit einem sehr niedrigen Selbstwertgefühl einher. Im Sinne von «Ich bin es nicht wert, dass andere Zeit mit mir verbringen».
Wenn sich Kinder sicher gebunden fühlen, wagen sie es, auf andere zuzugehen.
Was braucht es, damit Kinder und Jugendliche stabile Freundschaften aufbauen können?
In Umfragen geben unter Einsamkeit leidende Jugendlichen oft an, von den Eltern nicht unterstützt oder verstanden zu werden. «Wenn ich jemanden brauche, ist niemand da» ist eine häufige Aussage. Aus der Forschung wissen wir, dass eine gute Eltern-Kind-Beziehung hilft, stabile Freundschaften aufzubauen. Weil sich Kinder dann sicher gebunden fühlen und es wagen, auf andere zuzugehen. Werden diese Kinder ausgegrenzt, können sie sich eher ihren Eltern anvertrauen.
Wer ist gefährdet, unter Einsamkeit zu leiden?
Kinder von Alleinerziehenden, die einer starken Doppelbelastung ausgesetzt sind und wenig Zeit haben. Kinder, deren Eltern keine Freunde haben oder stark zurückgezogen leben. Auch ein niedriger sozioökonomischer Status trägt dazu bei, genauso wie Erwerbslosigkeit oder gesundheitliche Probleme – sei es von Eltern oder Kindern. Charaktereigenschaften spielen ebenfalls eine Rolle – wenn das Kind beispielsweise sehr schüchtern ist und sich schwertut, auf andere zuzugehen; oder wenn ein Elternteil überbesorgt ist. Dann überträgt sich das manchmal auf den Nachwuchs und er traut sich weniger zu.
Wie erkenne ich als Mutter, dass mein Kind einsam ist?
Wichtig ist hier, zu unterscheiden: Sich «mal» einsam zu fühlen, ist keine Erkrankung, sondern ganz normal. Dies gehört zum Heranwachsen dazu und ist ein typisches Symptom des Jugendalters. Genauso wie sich von den Eltern nicht verstanden zu fühlen, zu glauben: «Ich bin ganz anders als die anderen.»
Chronische Einsamkeit kann zu gesundheitlichen Problemen führen.
Hier sollte man als Eltern nicht in Panik verfallen. Hält dieser Zustand jedoch lange an, besteht die Gefahr, in eine Angststörung oder Depression zu rutschen. Oder seine Emotionen anders zu regulieren – über Nikotin und Alkohol beispielsweise. Ausserdem kann chronische Einsamkeit zu gesundheitlichen Problemen führen, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Wann sollte ich also hellhörig werden?
Wenn sich Jugendliche stark verschliessen, die Eltern nicht mehr an sich heranlassen und ich als Elternteil das Gefühl habe, es habe sich etwas Grundlegendes in unserer Beziehung verändert. Wenn sich das Kind völlig abkapselt und sich nicht mehr verabredet.
Was sollten Eltern dann tun?
Ich würde zunächst das Gespräch mit dem Kind oder Jugendlichen suchen und anschliessend mit einer Bezugsperson oder einem anderen Erwachsenen reden, die das Kind auch öfter erleben, etwa einem Sporttrainer. Diese Personen haben eine andere Perspektive und können schildern, wie sich das Kind in der Schule oder im Sportverein verhält.
Oder andere Eltern fragen, mit deren Kindern sich der eigene Nachwuchs früher verabredet hat («Hast du was bemerkt?»). Das Schwierige ist: Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl, das sich von aussen kaum diagnostizieren lässt, wenn man nicht explizit nachfragt.
Wie sollte ich es denn ansprechen, wenn ich das Gefühl habe, mein Teenager ist einsam?
Oft hilft es, wenn Eltern sagen: «Ich habe einen interessanten Artikel gelesen und mich gefragt, was du darüber denkst. Gibt es in deiner Klasse jemand, der sich einsam fühlt? Wie ist es mit dir?» So eine Unterhaltung auf der Metaebene, die nicht direkt nachhakt, sondern die Expertise des Teenagers abholt, kann die Eltern-Kind-Beziehung ungemein stärken. Weil sie dem Kind das Gefühl vermittelt: «Deine Perspektive auf das Thema interessiert mich!»
Wir müssen stärker dafür sensibilisieren, wie wichtig soziale Beziehungen und Kompetenzen sind.
Und wenn das Kind zugibt, tatsächlich einsam zu sein?
Dann erst mal zuhören. Viele Jugendliche brauchen keinen Tatendrang («Jetzt melden wir dich im Sportverein an!»), häufig geht es einfach darum, Präsenz zu zeigen. Und mit einer liebevollen Hartnäckigkeit immer wieder Gesprächsangebote machen («Ich bin da, wenn du reden willst»). Manchmal hilft es auch, den Raum zu öffnen und über sich selbst zu reden («Mir ging es auch so, als ich in deinem Alter war»). Dies erleichtert Jugendlichen, über ihr Erleben zu sprechen. Insgesamt würde ich mir viel mehr Aufklärung wünschen.
Woran denken Sie?
Lehrpersonen wissen häufig wenig über Einsamkeit. Dabei ist es zentral, dass sie wissen, wer in der Klasse mit wem Kontakt hat – auch, um Mobbing zu verhindern. Wir müssen also stärker dafür sensibilisieren, wie wichtig soziale Beziehungen und Kompetenzen sind. Nicht nur der Wissenserwerb ist ein Kernziel der Schule, sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung. Warum also nicht im Unterricht das Thema «Freunde finden und behalten» einfliessen lassen? Das wäre so hilfreich!










