Wenn ein Kind kommt und sagt: «Ich möchte Fahrradfahren lernen», freuen sich die meisten Eltern. Sie suchen ein passendes Velo und einen Helm aus, erklären Verkehrsregeln, helfen bei den ersten Fahrversuchen und begleiten ihr Kind jahrelang im Strassenverkehr, bevor sie es allein losradeln lassen. Sie loben die Fortschritte und trösten, wenn es mal blutige Knie gibt.
Wenn ein Kind kommt und sagt: «Ich möchte ein eigenes Handy», fallen die Reaktionen der Eltern dagegen oft weniger freudig aus. Die Komplexität des Themas, das Suchtpotenzial gewisser Apps oder drohende Auseinandersetzungen in der Familie machen es von Anfang an nicht gerade leicht, sich überhaupt mit Mediennutzungsverträgen, Schutzfiltern oder App-Einstellungen zu beschäftigen.
Haben Sie das Velo auch schon einkassiert?
Geht dann – fast unausweichlich – mal etwas schief, wird das Handy häufig einkassiert (Haben Sie das mit dem Velo auch schon mal gemacht?). Und schon ist man mitten in den Konflikten und Machtkämpfen, die man eigentlich in der eigenen Familie rund um die Mediennutzung nie haben wollte – und die trotzdem fast alle Familien haben.
Wir haben mit zwei Expertinnen und vier Experten aus der Praxis darüber gesprochen, was sie Eltern bei den drängendsten Fragen raten – etwa beim Handyverbot, wenn das Kind in den Klassenchat möchte oder bei mehr Handyzeit. Und vor allem, wie das alles in einen vollen Alltag passen soll.
Die gute Nachricht: Medienbegleitung unterscheidet sich im Vorgehen nicht grundlegend von dem, was Eltern aus der Verkehrserziehung kennen und gut beherrschen. Was sich unterscheidet, sind die Inhalte. Hier kommt man tatsächlich nicht umhin, sich zu informieren und Interesse zu zeigen.

1. Ich möchte meinem Kind noch kein Smartphone geben, weil ich nicht will, dass es ohne Begleitung ins Internet kommt. Ist eine Smartwatch eine gute Alternative, um es dennoch immer erreichen zu können?
Geht es wirklich nur darum, in Kontakt bleiben zu können? Dann empfehle ich ein einfaches Tastenhandy, ein sogenanntes Feature-Phone wie etwa das Nokia 105. Es kostet keine 20 Franken und man kann damit wunderbar telefonieren. Praktisch alle Smartwatches haben noch weitere Funktionen, mit manchen kann man Spiele spielen oder sogar Social Media nutzen.
Werden die Uhren am Handgelenk getragen, sind sie im Unterricht eine Zumutung für Schülerinnen wie Lehrer, weil sie ablenken – selbst im «Schulmodus». Zumal viele Kinder Zugriff auf das Handy ihrer Eltern haben und genau wissen, wie man diesen ausschalten kann. Ich bin auch kein Freund der Tracking-Option einer Smartwatch. Wenn Kinder nicht wollen, dass ihre Eltern wissen, wo sie sind, dann lassen sie die Uhr eben im Schulthek und diesen irgendwo stehen. Und ein Entführer würde vermutlich als Erstes die Uhr wegnehmen.
Daniel Wolff, Digitaltrainer
Eltern sollten den PIN zu ihrem eigenen Handy dringend besser schützen; fast alle Kinder kennen diesen.
Daniel Wolff, Digitaltrainer
2. Welche drei Dinge muss ich unbedingt wissen, bevor mein Kind ein eigenes Handy bekommt?
Medienbegleitung ist heute das wichtigste Erziehungsthema – unabhängig davon, ob das Kind schon ein eigenes Handy hat oder nicht. Denn über die Geräte von Freunden oder älteren Geschwistern wird es trotzdem mit Themen wie Mobbing, Gewaltvideos oder Pornos konfrontiert werden.
Je früher ein Kind weiss: Meine Eltern kennen sich mit diesen Themen aus, interessieren sich dafür, was ich am Handy mache, und ich kann immer zu ihnen kommen und mich darüber austauschen, umso besser. Es braucht von Anfang an einen Mediennutzungsvertrag mit sehr klaren Regeln. Je jünger das Kind ist, umso umfangreicher muss der Schutz über eine Kinderschutzsoftware sein.
Eltern haben beim Handy die grösste Vorbildfunktion. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder nicht so viel Zeit am Gerät verbringen, müssen wir das selbst auch so handhaben. Darüber hinaus sollten Eltern den PIN zu ihrem eigenen Handy dringend besser schützen; fast alle Kinder kennen diesen. Dadurch können sie die Kinderschutzeinstellungen auf dem Elterngerät zu ihren Gunsten anpassen – was auch regelmässig passiert. Habe ich gerade nicht die Zeit oder die Nerven, mich um diese Dinge zu kümmern, ist noch nicht der richtige Zeitpunkt, meinem Kind ein eigenes Handy zu geben.
Daniel Wolff
3. Was sind die drei wichtigsten Tipps fürs erste Handy?
Niemand lernt mit einem Porsche Auto fahren. Warum also sollte man einem Kind gleich ein möglichst aktuelles Smartphone kaufen? Ältere Geräte haben viele Vorteile: Der Akku hält meist nicht mehr ewig und wenn Videos oder Spiele mal ein bisschen ruckeln oder die Auflösung nicht gestochen scharf ist, dann macht es auch weniger Spass, sie zu nutzen. Dazu kommt, dass Handys auch ein Statussymbol sind. Wenn ich nicht das neuste Gerät habe, halte ich es vielleicht auch nicht ständig in der Hand, damit es alle sehen.

Jedes Smartphone braucht mal eine Pause. Also braucht jede Familie einen zentralen Ort, an dem die Geräte aller Familienmitglieder gewohnheitsmässig und von Anfang an parkiert werden können. Und es braucht klare Regeln, wann wir das machen: also etwa während der Hausaufgaben, während der Mahlzeiten und vor allem nachts.
Auch wenn mein Handy nicht parkiert ist, gibt es viele Möglichkeiten, mich nicht ständig davon ablenken zu lassen. Wie kann ich die Benachrichtigungen von Apps also einstellen, dass sie mich nicht ständig stören? Was ist der Nicht-Stören-Modus, was der Flugmodus? Nur Letzterer unterbricht wirklich alle Verbindungen und ermöglicht es mir zum Beispiel, in der Schule ungestört zu arbeiten.
Clemens Beisel, Sozialpädagoge und Medienexperte
4. Wir haben es verpasst, vor dem Aushändigen des ersten Handys konkrete Regeln aufzustellen und Einstellungen am Gerät vorzunehmen. Können wir das nachholen? Und wenn ja, wie?
Entscheidend ist, dass Eltern jetzt ganz ehrlich sind: «Pass auf, wir haben das unterschätzt, wir hatten zu wenig Ahnung, wir haben uns zu wenig informiert. Aber wir merken: So tut die Nutzung dir und uns nicht gut. Deshalb möchten wir jetzt mit dir gemeinsam einen Mediennutzungsvertrag machen. Und zwar nicht, um dich zu ärgern, sondern um dich zu schützen. Und wir machen das auch schrittweise, mit kleinen Veränderungen.» Wer ohne solche Verträge und von heute auf morgen sehr streng wird oder gar das Handy wegnimmt, lässt sich auf eine dauerhafte Machtprobe mit dem Kind ein.
Daniel Wolff
Wie wollen wir zusammenleben? Wo haben Medien Platz? Wo bringen sie Spass? Und wo stören sie uns als Familie?
Florian Buschmann, Initiative Offline-Helden
5. Viele Fachleute empfehlen einen Mediennutzungsvertrag. Welche Dinge sollten darin keinesfalls fehlen? Und wie häufig sollte dieser an das Alter der Kinder angepasst werden?
«Handys sind ein Teil des Familienalltags, ihre Nutzung beruht auf Werten, die für die jeweilige Familie wichtig sind», sagt Florian Buschmann, Gründer und Leiter der Initiative Offline-Helden. Deshalb sei es entscheidend, dass sich alle zusammensetzen und überlegen: Wie wollen wir zusammenleben? Wie wollen wir Zeit miteinander verbringen? Wo haben Medien Platz? Wo bringen sie Spass oder bieten Hilfe? Und wo stören sie uns als Familie? Darauf aufbauend lässt sich ein konkreter Mediennutzungsvertrag erstellen, für den es gute Vorlagen als Orientierung gibt, etwa unter mediennutzungsvertrag.de.
«Beschränken Sie sich auf wenige, zentrale Punkte, die für das jeweilige Kind gerade besonders entscheidend sind. Weil sich die Medienvorlieben und Nutzungsweisen immer wieder ändern, setzt man sich in der Familie regelmässig zusammen und überprüft, was noch passt und was künftig gelten soll», sagt Medienpädagogin Iren Schulz. Ein guter Zeitpunkt, um Mediennutzungsverträge anzupassen, sind Daniel Wolff zufolge Übergänge wie der Beginn des neuen Schuljahres am Ende der Sommerferien – gerade, wenn Familien mehrere Kinder haben. Denn im Gegensatz zum Geburtstag hat man dann einen Termin für alle und auch eine klare Linie, was man wann erlaubt.

Folgendes sollte in einem Mediennutzungsvertrag nie fehlen:
- «Das Handy gehört nicht dem Kind, sondern ist von den Eltern nur geliehen, zumindest bis zu einem Alter von etwa 16 Jahren», sagt Sozialpädagoge Clemens Beisel. Damit sei klar, warum Eltern auf besonderen Schutz und einen Einblick in die Handynutzung bestehen können – weil sie für dieses Gerät und seine Nutzung eben haftbar sind. «Das schafft eine ganz andere Argumentationsgrundlage», so Beisel. Gleichzeitig hält er nichts davon, Kinder heimlich auszuspionieren. «Lieber schaut man gemeinsam nach, spricht darüber und reflektiert.»
- «Klare Regeln für Nutzungszeiten, aber auch Konsequenzen, die greifen, wenn man sich nicht an den Vertrag hält – nur so wird er auch wirkungsmächtig», sagt Florian Buschmann.
6. Kinder sind sehr unterschiedlich. Was bringen generelle Alters- und Zeitempfehlungen für die Mediennutzung überhaupt? Sind nicht vielmehr die Inhalte entscheidend?
Angesichts der Vielzahl an Medienangeboten bieten Alters- und Zeitempfehlungen primär eine erste Orientierung. Für Handy- und Konsolenspiele gibt es beispielsweise den Spieleratgeber NRW, für Angebote im Bereich Streaming und Fernsehen den Flimmo. Entscheidend bleibt allerdings die individuelle Einschätzung des Kindes durch die Eltern: Wie sensibel, emotional, reflektiert und kritisch ist mein Kind? Kann es Regeln verstehen und einhalten? Kann es Verantwortung für sein Handeln übernehmen?
Grundsätzlich ist es sinnvoll, mit wenigen, überschaubaren und altersgerechten Anwendungen zu beginnen, damit genügend Zeit bleibt, über Risiken bei den Inhalten und bei der Interaktion mit anderen sowie über finanzielle Herausforderungen zu sprechen. Je mehr auf einmal erlaubt wird, umso weniger realistisch lässt sich die Mediennutzung im Alltag begleiten.
Iren Schulz
Der Satz «Alle haben ein Handy, nur ich nicht» stimmt übrigens fast nie.
Daniel Wolff, Digitaltrainer
7. Welches Alter für das erste eigene Handy ist empfehlenswert?
Wenn man dem gefühlten Gruppendruck widerstehen kann (der Satz «Alle haben ein Handy, nur ich nicht» stimmt übrigens fast nie), finde ich es am sinnvollsten, zu warten, bis das Kind 13 oder besser 14 Jahre alt ist. Die Jahre bis dahin sollte ich aber trotzdem nutzen, um es auf das Smartphone vorzubereiten. Beispielsweise, indem es im Wohnzimmer einen Laptop gibt, auf dem Youtube-Videos geschaut werden können – und die Eltern immer hören können, was da passiert. Der Laptop ist insofern ein geeignetes Gerät, weil er in der Nutzung weniger komfortabel ist als ein Tablet und auch nicht in der Hosentasche ins Kinderzimmer oder auf die Toilette geschmuggelt werden kann wie ein Smartphone.
Daniel Wolff
8. Wie kann man die Reife des eigenen Kindes für ein Handy einschätzen?
Indem ich den Menschen sehe, nicht das Gerät. Und mit dem Menschen darüber spreche. Warum möchtest du ein Handy haben? Denn wofür das Kind das Gerät zu Beginn hauptsächlich nutzt, prägt seinen weiteren Umgang damit auf lange Sicht. Wird es also beispielsweise zum Zocken angeschafft, ist es in erster Linie ein Spielgerät. Dann kann man überlegen, ob die gewünschte Funktion nicht zunächst besser mit einem anderen Gerät – etwa einer Konsole – erfüllt werden kann.
Auch würde ich dem Kind nie ein eigenes Handy kaufen, sondern ihm erst einmal ein Leihgerät geben. So kann es beweisen, dass es vereinbarte Regeln einhält, verantwortungsvoll und kompetent damit umgeht. Neben den Fähigkeiten, die das Kind mitbringt, ist ganz entscheidend, wie die Eltern es beim verantwortungsvollen Umgang mit dem Handy begleiten – und zwar über Jahre.
Florian Buschmann

9. «Alle anderen haben auch ein Handy», «Alle nutzen Whatsapp», «Alle spielen dieses Game»: Wie geht man mit solchen Sätzen um?
«Alle anderen haben oder dürfen auch ...» ist ein sehr beliebtes Argument von Kindern, das man grundsätzlich hinterfragen darf, findet Medienpädagoge Joachim Zahn. Denn: «Manchmal reicht schon die Ankündigung, sich mit anderen Eltern darüber auszutauschen – und schon ist das Verlangen nicht mehr so gross.» Gleichzeitig ist es aber wichtig, den Wunsch ernst zu nehmen. «Oft geht es dabei um soziale Teilhabe», sagt Medienpädagogin Judith Mathez.
Man kann auch über Spotify Nachrichten schicken – was viele Eltern gar nicht wissen.
Joachim Zahn, Medienpädagoge
Wenn Eltern also merken, dass ihr Kind sich weniger mit Freunden verabredet oder den Anschluss in der Klasse verliert, weil es kein Whatsapp hat, müssen Lösungen gefunden werden, um diesen zu gewährleisten. Das kann über ein Familienhandy geschehen, bei dem die Eltern die Chats auch mal mitlesen dürfen, oder über einen alternativen Messenger, der weniger Möglichkeiten bietet als Whatsapp. Ignoriert man dieses Bedürfnis, wird das Kind seine eigenen Wege finden. «Man kann beispielsweise auch über Spotify Nachrichten schicken – was viele Eltern gar nicht wissen», so Joachim Zahn.
Daniel Wolff rät, sich mit den Eltern der besten Freunde zusammenzutun und sich frühzeitig auf einen gemeinsamen Weg zu einigen: Wann gibt es ein Handy? Wann erlauben wir was? Denn Kinder könnten durchaus akzeptieren, dass es in ihrer Familie andere Regeln gibt als in anderen Familien. «Aber sie wollen nicht die Einzigen sein, die kein Smartphone haben», so Wolff.
10. An welchen drei Dingen erkenne ich, dass mein Kind einen gesunden Umgang mit digitalen Medien hat?
- Das Kind hat ein Hobby, das es gern ausübt.
- Freundschaften werden gepflegt.
- Es findet regelmässig irgendeine Form von Bewegung statt.
Umgekehrt sollten folgende vier Punkte nie alle zutreffen, sonst muss sich dringend etwas am Medienkonsum ändern:
- Hungry: Will das Kind unbedingt gamen?
- Angry: Wie reagiert es, wenn es das nicht darf?
- Lonely: Habe ich das Gefühl, das Kind verbringt zu viel Zeit allein und zieht sich von Freunden oder aus der Familie zurück?
- Tired: Wirkt das Kind ständig müde?
Joachim Zahn, Medienpädagoge
11. Welche Entwicklungsschritte müssen Kinder gemacht haben, damit sie das Handy freiwillig aus der Hand legen können? Kann man sie dabei unterstützen?
«Erst mit etwa 25 Jahren erlangt das Gehirn die volle kognitive Reife», sagt Florian Buschmann – eine wesentliche Voraussetzung, um das eigene Verhalten zuverlässig zu reflektieren und selbstverantwortlich zu handeln. Genau diese Fähigkeiten sind jedoch nötig, um ein Smartphone aus eigenem Antrieb beiseitezulegen. Da zudem viele Anwendungen gezielt darauf ausgelegt sind, Abhängigkeiten zu erzeugen, fällt dies selbst den meisten Erwachsenen noch äusserst schwer.
«Deshalb haben Eltern diese grosse Verantwortung, ihren Kindern ganz klare Grenzen zu setzen, die sie sich selbst nicht setzen können», so Florian Buschmann. «Das ist die wichtigste Unterstützung, die sie leisten können.» Was Clemens Beisel zusätzlich empfiehlt: Alternativen schaffen. Also schauen, dass das Kind Hobbys hat, Freunde trifft, ebenso am Wochenende oder in den Ferien Angebote mit der Familie bieten.

12. Meine 13-jährige Tochter hängt seit zwei Stunden auf Tiktok und ich möchte, dass nun Schluss ist. Was kann ich in dieser Situation tun?
«Exzessive Mediennutzung kann das Kindeswohl gefährden. Deshalb haben Eltern die Pflicht, hier einzugreifen», findet Florian Buschmann. Wichtig dabei sei, dass dem Kind ein gewisses Mass an Selbstbestimmung bleibt, deshalb nicht einfach das Handy aus der Hand reissen. Stattdessen klar formulieren: In zehn Minuten ist Schluss. Passiert dann noch immer nichts, können die Eltern das Internet ausschalten.
«Viel wichtiger aber ist, sich zu überlegen: Wie konnte es überhaupt zu dieser Situation kommen?», sagt Florian Buschmann. Wurden in der Familie keine Nutzungszeiten vereinbart? Wurden irgendwelche Sperren umgangen? Und falls ja, mit welchen Konsequenzen muss die Tochter nun rechnen? «Kinder brauchen solche klaren Regeln. Fehlen diese, ist es höchste Zeit, sie einzuführen. Aber in einer ruhigen Atmosphäre, nicht in der konkreten Situation», so Buschmann.
Rechnen Sie mit Ihrem Kind zusammen hoch, wie viele Videos es auf Tiktok abgespielt hat. In zwei Stunden können das bis zu 500 Stück sein.
Clemens Beisel, Sozialpädagoge
Mit etwas Abstand kann man Clemens Beisel zufolge auch versuchen, die Selbstreflexion der Kinder über ihre Tiktok-Nutzung anzuregen. Er rät: «Schauen Sie doch mal zusammen in den Tiktok-Einstellungen (unter ‹Zeit und Wohlbefinden›) nach, wie viel Zeit Ihr Kind täglich auf Tiktok verbringt, und rechnen Sie zusammen hoch, wie viele Videos da abgespielt wurden. In zwei Stunden können das bis zu 500 Stück sein! Fragen Sie dann Ihr Kind, wie viele davon sinnvoll, nützlich oder lustig waren, an was es sich konkret erinnert.»
So gab es in Hamburg auch einmal ein Kunstprojekt an einer Schule. Schülerinnen und Schüler mussten ihren Tiktok-Feed protokollarisch verschriftlichen. Die meisten von ihnen löschten die App danach, weil ihnen klar geworden war, was da für ein Schrott zusammenkommt. «Zu solchen Erkenntnissen müssen die Kinder aber selbst gelangen. Entsprechende Wertungen von Erwachsenen bewirken in den meisten Fällen das Gegenteil», sagt Clemens Beisel.
13. Ich nutze mein Handy auch beruflich und um Dinge für die Familie zu organisieren. Wie erkläre ich meinen Kindern, dass das etwas anderes ist als die private Nutzung?
Setzen Sie sich doch einfach mal gemeinsam mit Ihren Handys hin und vergleichen, wer sein Handy wie lange wofür nutzt. Das geht über die Einstellungen. Bei iOS weiter zu «Bildschirmzeit» und dann «Alle Aktivitäten anzeigen». Bei Android findet man die Nutzungszeiten unter «Digitales Wohlbefinden».
Vielleicht haben beide viel Zeit auf Whatsapp verbracht, dann schauen Sie doch nochmals genauer hin: Wurden vor allem Nachrichten empfangen und gelesen? Elterlicherseits zum Beispiel, weil die Hobbys der Kinder die Teilnahme an verschiedenen Gruppenchats erfordern? Oder schreibt man selbst viel? Das sieht man, indem man zu den Whatsapp-Einstellungen geht, dann zu «Speicher und Daten», «Netzwerknutzung» und «Nachrichten».
Gleichzeitig kann man dem Kind auch klarmachen, dass es nicht nur bei der Art der Nutzung Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen gibt. Verbringt das Kind sehr viel Zeit am Gerät statt zu lernen oder zu schlafen, schreibt es vielleicht eine schlechte Prüfung, muss die Klasse wiederholen. Schafft es seinen Schulabschluss nicht, gefährdet es die eigene Zukunft. Erwachsene haben diese Dinge hinter sich.
Clemens Beisel
14. Wir möchten unserem Kind die Teilnahme am Klassenchat nicht erlauben, weil wir nicht kontrollieren können, welche Inhalte dort geteilt werden. Wie kann es trotzdem möglichst sicher am Austausch der Klasse teilnehmen?
«Die Bedenken vieler Eltern sind durchaus berechtigt», sagt Daniel Wolff. Denn meist läuft der Klassenchat über Whatsapp. «Das ist sehr viel mehr als ein Messenger. Es gibt Kanäle, auf denen unzählige Youtube-Videos zu sehen sind, und mit Meta AI zudem eine mächtige KI, mit der ich all meine Hausaufgaben machen kann.» Eltern könnten deshalb in der Klasse durchaus anregen, Alternativen wie Threema oder Signal zu nutzen, die für die Kommunikation mit anderen deutlich besser geeignet seien.
Doch auch diese schützen nicht davor, dass unschöne Videos geteilt oder Kinder gemobbt werden. Und wenn über den Klassenchat beispielsweise Nacktfotos verschickt werden, landen diese womöglich auch auf dem Handy des eigenen Kindes. Bei Minderjährigen können die Eltern dafür haftbar gemacht werden. «Womöglich handelt es sich dann um den Besitz von Kinderpornografie, und das ist strafbar», sagt Florian Buschmann. Er rät deshalb, solche Dinge mit dem Kind zu besprechen. Dann könne man gemeinsam entscheiden, den Klassenchat vielleicht aus Gründen der sozialen Teilhabe zu erlauben – aber nur auf dem Familienhandy, auf dem die Eltern mitlesen dürfen.

«In den Klassen spricht es sich übrigens schnell herum, wenn es Eltern gibt, die ein Auge darauf haben», so Daniel Wolff. Man könne auch am Elternabend daran erinnern, dass alle Eltern Verantwortung dafür tragen, wenn sie ihren Kindern die Teilnahme an solchen Gruppen erlauben.
Clemens Beisel kennt viele Kinder, die anfangs unbedingt in einen Klassenchat wollten. «Nach einigen Monaten sind sie dann froh, dass ihre Eltern es nicht erlaubt haben, weil sie mitbekommen, wie viel Streit und Mobbing es dort gibt.»
15. Wie gelingt die Mediennutzung bei Geschwisterkindern, ohne dass es ständig Streit darüber gibt, wer was darf und wer nicht?
Geschwister unterschiedlichen Alters benötigen unterschiedliche Regeln und Freiheiten. Wichtig ist, diese Unterschiede nachvollziehbar zu erklären und transparent zu machen. Dazu kann man zum Beispiel von Beginn an festlegen, ab welcher Klassenstufe es ein eigenes Handy gibt und was darauf jeweils erlaubt ist. Zudem kann man sich bei den Nutzungszeiten an geltenden Empfehlungen orientieren.
Kinder akzeptieren Regeln meist besser, wenn sie deren Gründe verstehen. Also: «Dein Bruder darf Whatsapp jetzt auf seinem Gerät nutzen, weil er die letzten zwei Jahre auf dem Familienhandy gezeigt hat, dass er damit verantwortungsvoll umgeht und sich an unsere Regeln hält. Bei dir machen wir das genauso.»
Brauchen Familien smartphonefreie Zeiten? «Unbedingt, vor allem nachts. Da sehen Kinder die schlimmsten Sachen.»
Daniel Wolff, Digitaltrainer
Den älteren Kindern wiederum muss man klarmachen, dass grössere Freiheiten auch grössere Verantwortung bedeuten. Ihr Gerät sollte deshalb zum Beispiel so geschützt sein, dass die kleine Schwester keinen Zugriff darauf hat. Lassen sie ihre Geschwister trotzdem bei einem Game mitspielen, das für diese altersmässig noch nicht geeignet ist, können sie es selbst ebenfalls nicht mehr spielen. Meist sind die älteren Geschwister aber eine grosse Hilfe: Sie haben selbst Dinge erlebt, vor denen sie ihren Bruder oder ihre Schwester lieber bewahren möchten, und kooperieren deswegen in aller Regel gut.
Joachim Zahn
16. Brauchen wir smartphonefreie Zeiten in der Familie? Welche und wie führt man diese am besten ein?
«Auf jeden Fall! Am wichtigsten ist es nachts: Dann sehen Kinder die schlimmsten Sachen», sagt Daniel Wolff. Dann laufen Dinge über Klassenchats, die bis zum Morgen wieder gelöscht sind. Dann können Kinder in aller Ruhe ihr Handy zurücksetzen oder über die elterlichen Geräte die Kinderschutzeinstellungen verändern. Deshalb braucht jede Familie nachts einen Parkplatz für digitale Geräte, zum Beispiel eine Multiladestation für alle Mobilgeräte der Familie.
Laut Joachim Zahn gibt es Familien, die sich dafür eigens einen Tresor anschaffen. Bei anderen reicht es, wenn die Eltern als gutes Vorbild vorangehen und selbst kein Handy mit ins Schlafzimmer nehmen, so die Erfahrung von Daniel Wolff. «Lassen Sie sich hier aber auf keine Kompromisse oder Ausnahmen ein», sagt er. Fürs rechtzeitige Aufwachen am Morgen eignen sich Wolff zufolge klassische, analoge Wecker am besten. Und wer abends zum Einschlafen noch Musik oder ein Hörspiel hören möchte, kann das wunderbar über eine Boom-Box oder Kopfhörer machen, dazu muss das Handy nicht im Zimmer sein, so Joachim Zahn.
17. Während zu Hause die Mediennutzung gut geregelt ist, hat man als Eltern keinen Einfluss darauf, welche Inhalte das Kind auf den Geräten seiner Freunde konsumiert. Wie verhindern wir, dass es dabei Ungeeignetes zu sehen bekommt?
«Das kann man nicht verhindern, das wird passieren», sagt Judith Mathez. Das Einzige, was man als Eltern dagegen tun könne, sei, ein möglichst vertrauensvolles Verhältnis zu seinem Kind zu pflegen, indem man ständig Beziehungsarbeit leistet. Dazu gehört, sich dafür zu interessieren, was im Netz passiert, Gespräche anzubieten und Veränderungen im Verhalten des Kindes wahrzunehmen – etwa wenn sich seine Interessen stark verändern, es schlechter schläft oder am Handy gestresst wirkt.
Was Kinder von dem erzählen, was sie ohne ihre Eltern erleben, werden sie allerdings immer selbst entscheiden. «Aber eine vertrauensvolle Beziehung erhöht auf jeden Fall die Wahrscheinlichkeit, dass sie kommen, und ist deshalb ein wichtiger Schutzfaktor», sagt Judith Mathez. Daniel Wolff rät deshalb, Kindern auch die Angst zu nehmen, dass die Eltern ihnen das Smartphone wegnehmen, sobald es damit Probleme gibt. «Nur so werden Kinder bei Problemen auch wirklich mit ihren Eltern reden.»
Und dann macht auch bei der Mediennutzung die Dosis das Gift. «Wenn ich zu Hause vernünftige Regeln habe und auch die wichtigsten Werte der Mediennutzung vermittle, dann ist das für das Kind auf jeden Fall prägender als das, was es bei Freunden mitbekommt», sagt Clemens Beisel. Wer sein Kind dabei unterstützt, kompetent mit Medien umzugehen, befähigt es Iren Schulz zufolge dazu, selbst gute Entscheidungen zu treffen – egal, ob es am eigenen Handy ist oder an dem von Freunden.
18. Extra Handyzeit für eine gute Note, Handyentzug bei Regelverstössen: Darf man Medien zur Belohnung oder Bestrafung einsetzen?
Clemens Beisel hat dazu eine klare Antwort: «Nein, hier gelten die drei Bs: Medien nicht als Belohnung, nicht als Bestrafung und nicht zur Beruhigung einsetzen. Sobald ich das mache, gebe ich digitalen Medien einen Stellenwert, den ich ihnen nicht geben möchte.»
«Trotzdem handeln Eltern in Stresssituationen oder aus einem Impuls heraus immer wieder so, weil es halt sehr wirksam ist», weiss Judith Mathez. Das sei auch nicht weiter tragisch. «Aber dann geben Sie dem Kind gegenüber ruhig zu, dass Sie hier eine falsche Reaktion gezeigt haben und das unaufgeräumte Zimmer nichts mit dem einkassierten Handy zu tun hat – und geben das Gerät zurück. In einem solchen Fall ist es nicht angebracht, seine Entscheidung konsequent durchzuziehen», so ihr Fazit.
Etwas anders sieht es aus, wenn eine Strafe in direktem Zusammenhang mit der Mediennutzung steht, das Kind sich also beispielsweise nicht an die vereinbarten Nutzungszeiten gehalten hat, die im Mediennutzungsvertrag festgehalten wurden. Wenn es in diesem Fall das Handy für den Rest der Woche abgeben muss, «fühlt sich das für das Kind auch nicht wie eine Strafe an, weil es die Massnahme nachvollziehen kann», sagt Florian Buschmann. «So wird es auch weniger Streit geben.»

19. Welche technischen Hilfsmittel sind neben den Kinderschutzangeboten von iOS und Android sinnvoll?
Grundsätzlich muss man wissen: Je besser solche technischen Schutzmassnahmen funktionieren sollen, umso komplizierter ist es auch, sie einzurichten. «Weshalb sie vor allem technisch versierte Eltern einsetzen – die dann aber häufig ebenso technisch versierte Kinder haben, die wieder Schlupflöcher finden», sagt Judith Mathez.
Kurz: «Es gibt keinen vollständigen Schutz. Deshalb hilft nur eine möglichst verantwortungsvolle und kompetente Nutzung», sagt Clemens Beisel. Man kann zwar einen Internet-Router so konfigurieren, dass er nachts nicht funktioniert. «Aber dann gibt es immer noch das WLAN der Nachbarn, mobile Daten oder viele Inhalte auf dem Handy, für die es gar kein Internet braucht», gibt Daniel Wolff zu bedenken.
«Habe ich die Sorge, mein Kind könnte einen Schutzmechanismus umgehen – oder hat es das sogar schon getan –, muss ich mich fragen: Warum?», sagt Florian Buschmann. Habe ich nicht ausreichend erklärt, vor welchen Gefahren ich es schützen möchte? Oder dass ich als Mutter oder Vater für das verantwortlich bin, was auf dem Handy passiert? Oder ist mein Kind schlicht zu jung, um die Tragweite zu verstehen? Dann war es möglicherweise einfach noch zu früh für ein eigenes Handy.
Eltern haben die Pflicht, Handyregeln aufzustellen und deren Einhaltung zu kontrollieren.
Clemens Beisel, Sozialpädagoge
20. Wie kann man die Datenschutzoptionen bei Social-Media-Apps wie Whatsapp, Snapchat oder Tiktok nachschärfen? Gibt es dazu irgendwo gute Anleitungen?
Ja, die gibt es. Die Seite medien-kindersicher.de beispielsweise erklärt das Schritt für Schritt. Entscheidend ist, dass man das gemeinsam mit dem Kind macht. So wird diesem gleich klar: Eigentlich sind viele Apps für dich noch gar nicht geeignet. Damit du sie aber dennoch schon nutzen kannst, müssen wir umfangreiche Vorkehrungen treffen, um dich zu schützen. Gleichzeitig bekommen die Kinder so auch mit, dass die Eltern Einblick haben können, wie lange etwa welche App genutzt wird. Dies sollte man tun, bevor die jeweilige App das erste Mal genutzt wird. Das gilt insbesondere für Whatsapp, denn das ist für viele Kinder die erste und gleichzeitig am schlechtesten voreingestellte App.
Daniel Wolff
21. Irgendwann müssen Kinder die Verantwortung für ihren Medienkonsum selbst übernehmen. Ab welchem Alter ist das etwa – und worüber sollte man jetzt nochmals das Gespräch suchen?
Hier eine genaue Altersschwelle anzugeben, ist schwierig. Das hängt stark damit zusammen, wie die Medienbegleitung die Jahre zuvor abgelaufen ist, ab wann ein Kind ein Handy hatte und welche Freiheiten wann dazugekommen sind. Bei uns war es mit 16 Jahren so weit. Ich habe meinen Kindern dann nochmals mitgegeben: Ab jetzt habt ihr alle Freiheiten. Ihr könnt aber jederzeit zu mir kommen, auch wenn ihr auf Themen stösst oder in Situationen geratet, die unangenehm sind. Ich bin da.
Joachim Zahn
22. «Mein Handy gehört mir!»: Wie verwalten Eltern Berechtigungen richtig?
Für die Verantwortung der Eltern spielt der Satz «Mein Handy gehört mir!» zunächst keine entscheidende Rolle. Denn Minderjährige können zwar Eigentümer eines Smartphones sein, stehen aber bis zur Volljährigkeit unter der elterlichen Sorge. Eltern haben deshalb die Pflicht, ihr Kind zu schützen und seine Mediennutzung altersgerecht zu begleiten. Dazu gehört auch, Regeln für das Smartphone aufzustellen und deren Einhaltung zu kontrollieren. Aus pädagogischer Sicht ist es deshalb sinnvoll, das erste Smartphone als Leihgerät der Eltern zu betrachten. Damit sind Verantwortung und Regeln von Anfang an klar.
Clemens Beisel
23. Eigentlich möchte ich die Privatsphäre meines Kindes respektieren und keine Chatverläufe kontrollieren. Muss ich das dennoch tun? Oder gibt es Alternativen?
«Nein, das muss sein. Eltern tragen die Verantwortung für das, was auf dem Gerät ihres Kindes passiert, und haben auch digital eine Aufsichtspflicht», sagt Florian Buschmann. Das bedeutet aber nicht, dass man heimlich das Handy durchsuchen und jede Nachricht lesen sollte.
«Wenn mein Kind zum Beispiel einem Klassenchat beitreten möchte, kann ich als Bedingung vereinbaren, dass wir regelmässig gemeinsam hineinschauen – und zwar angekündigt. Sonst zerstöre ich das Vertrauen meines Kindes zu mir», sagt Daniel Wolff. Das Kind könne dann zwar Nachrichten gezielt löschen oder Chats verbergen. «Aber das muss ich in Kauf nehmen, sonst darf ich Apps wie Whatsapp oder ein Smartphone generell nicht erlauben.»

Eltern sollten sich zudem bewusst sein: Nur weil sie ihrem Kind auf Instagram folgen dürfen oder sich die Inhalte gemeinsam anschauen, sehen sie noch lange nicht alles, was es dort tut. «Nicht wenige Jugendliche haben extra einen Fake-Account nur für ihre Eltern – und einen zweiten, den sie zu Hause natürlich nicht zeigen», sagt Daniel Wolff.
24. Nach welchen konkreten Punkten entscheide ich, ob ich eine App erlauben oder verbieten soll?
Ich würde mir ein möglichst breites Meinungsbild einholen und dazu eine KI nutzen und fragen: Was gibt es da für Altersfreigaben, wo sind die Risiken? Anhand dessen kann ich dann entscheiden. Manchmal muss es auch kein komplettes Verbot sein. Es macht einen Unterschied, ob ich Youtube-Videos am Laptop im Wohnzimmer schaue oder am Handy allein im Kinderzimmer.
Joachim Zahn
25. Ich habe das Gefühl, mein Kind wird online gemobbt. Was soll ich machen?
Mobbing ist extrem stark mit Scham besetzt. Ein Kind, das gemobbt wird, denkt immer, dass es selbst schuld ist, dass mit ihm etwas nicht stimmt, dass es hässlich ist, dass es nicht gemocht wird. Eltern müssen also unbedingt einen Schutzraum bieten. Sie können das Kind darauf ansprechen, dass es beispielsweise in letzter Zeit traurig wirkt, und ihre Sorgen in Richtung Mobbing äussern.
Gleichzeitig aber auch klarstellen: Wenn das stimmt, versprechen wir dir, nicht gleich zur Polizei, zur Schulleitung, zur Lehrerin und vor allem nicht zu den Eltern des mobbenden Kindes zu gehen. (Das hilft wirklich nie weiter, weil sich diese immer vor ihr eigenes Kind stellen werden.) Und wir nehmen dir auch nicht dein Handy weg.
Ist das Kind bereit zu reden, sollten Eltern versuchen, möglichst sachlich über die gängigen W-Fragen herauszufinden, was genau passiert. Da viele Eltern in einer solchen Situation verständlicherweise sehr emotional werden, kann es sinnvoll sein, sich mit einer externen Fachperson zu sortieren, beispielsweise bei zischtig.ch oder bei Pro Juventute.
In diesem Zusammenhang möchte ich allen Eltern und Kindern eine grosse Angst nehmen: Wenn Sie in einem weiteren Schritt mit einem Schulsozialarbeiter, einer Lehrperson oder auch der Polizei sprechen, wird sich die Situation dadurch weder verschlimmern noch wird das Kind danach noch stärker gemobbt werden. Ganz im Gegenteil: In aller Regel werden diejenigen Kinder weiter gemobbt, die sich keine Hilfe holen. Wird jedoch sichtbar, dass das Kind seine Familie im Rücken hat und diese auch nicht vor einer Anzeige zurückscheut, hört das Mobbing meist auf.
Joachim Zahn
26. Mein Kind hat keine Lust, mir zu zeigen oder mit mir darüber zu sprechen, was es am Handy macht. Was soll ich tun?
Im Jugendalter ist das ganz normal und grundsätzlich ein Zeichen dafür, dass Jugendliche sich prächtig entwickeln und sich langsam von den Erwachsenen abnabeln. Abgesehen davon lohnt es sich, zu überlegen: Warum hat der Jugendliche keine Lust darauf?
Ich höre dazu folgende Antworten: Die Eltern sind sehr wertend und belehrend, wenn es um Handythemen geht («Du weisst aber schon, dass das gefährlich ist!», «Auf Tiktok gibt es nur Quatsch!»). Solche Aussagen aber missachten die Interessen der Jugendlichen, sie fühlen sich zurückgewiesen und haben keine Lust mehr, mit den Eltern darüber zu sprechen.
Auch Eltern dürfen erzählen, dass sie versucht haben, ihre Zeit auf Instagram zu reduzieren, und daran gescheitert sind.
Joachim Zahn, Medienpädagoge
Die Eltern sind sehr drängend, wollen zu oft und zum falschen Zeitpunkt über ein Thema sprechen, statt auf einen entspannten Moment am Wochenende oder in den Ferien zu warten.
Die Eltern sind selbst sehr viel am Handy, thematisieren das bei sich aber nicht. Es hilft ungemein, wenn man als Familie eine gute Kultur pflegt, in der sich alle regelmässig über Medienthemen austauschen. Auch Eltern dürfen erzählen, dass sie versucht haben, ihre Zeit auf Instagram zu reduzieren, und daran gescheitert sind. Und sie dürfen auch mal über eigene Schwierigkeiten mit Whatsapp-Chats sprechen.
Joachim Zahn
27. Ich interessiere mich überhaupt nicht für die Schminktipps, die meine Tochter sich online anschaut, oder für das Game, das mein Sohn stundenlang spielt. Muss ich da trotzdem mitmachen?
«Sehr viele Jugendliche verbringen heute mehr Zeit am Handy als in der Schule. Wenn ich mich für mein Kind interessiere, komme ich gar nicht umhin, mich für das zu interessieren, was mein Kind am Handy interessiert», sagt Daniel Wolff. Judith Mathez rät zu einer positiven Grundeinstellung: «Vielleicht sollten Eltern es einfach als Chance sehen, nochmals neue Welten kennenlernen zu dürfen. Sobald man ein wenig darin eingetaucht ist, gibt es ja meist auch irgendetwas Spannendes zu entdecken.»
Um das eigene Interesse zu wecken und kompetent in den Austausch zu gehen, kann man laut Clemens Beisel auch Unterstützung bei einer KI holen und fragen: Was sind gerade die wichtigsten Schminktrends bei 13-Jährigen? Nenn mir zehn Fragen, damit ich mich mit meiner Tochter darüber unterhalten kann.
Kann ich mich gar nicht für ein Thema erwärmen, gibt es vielleicht ältere Geschwister, einen Onkel oder eine Nachbarin, die sich damit mehr identifizieren können. «Wichtig ist einfach, dass das Kind jemanden hat, der es in seinen Interessen ernst nimmt und daran teilhat», findet Judith Mathez.

28.Wann und wie spricht man am besten über das Thema Pornografie? Und was mache ich, wenn mein Kind nicht mit mir darüber sprechen will?
Wenn Eltern darauf warten, bis sie ihr Kind für reif genug für ein Gespräch halten, haben diese meist schon den ersten Kontakt mit pornografischen Inhalten hinter sich, im Durchschnitt ist das mit 13 Jahren. Sehr wenige Kinder suchen das Gespräch von sich aus. Deshalb sollten sie zumindest früh, das heisst sobald sie oder Freunde Zugang zu einem Handy haben, folgende drei Dinge wissen:
- Pornos werden von Schauspielerinnen und Schauspielern inszeniert, sie zeigen nicht die Realität.
- Niemand muss tun, was in Pornos gespielt wird. Jeder entdeckt Sexualität individuell und in seinem Tempo, Pornos sind dafür keine gute Orientierung.
- Du musst mit uns nicht über dieses Thema sprechen, aber wir sind immer für dich ansprechbar. Es gibt neutrale Anlaufstellen, bei denen du dich anonym beraten lassen und deine Fragen besprechen kannst, Pro Juventute zum Beispiel oder die Plattform Zebra der Medienanstalt Nordrhein-Westfalen.
Der Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen hat mit der Schweizer Plattform zur Förderung von Medienkompetenz «Jugend und Medien» das Projekt «Talk about Pornography» ins Leben gerufen. Da gibt es verschiedene Kursangebote zum Thema sowie eine Broschüre zum Download.
Iren Schulz
Zieht ein Kind eine Jokerkarte, bedeutet dies: Egal, was du uns jetzt erzählst, wir versprechen dir, nicht zu schimpfen.
Joachim Zahn, Medienpädagoge
29. Wie offen sollte ich mit meinem Kind über Sexting sprechen?
Viele Kinder sind heute früh und gut aufgeklärt, hören aber meist nur von den positiven Seiten von Liebe und Sexualität. Eltern vergessen oft, sie in einem zweiten Schritt auch auf die negativen Seiten hinzuweisen. Damit wird das Kind aber unweigerlich konfrontiert, sobald es selbst oder seine Freunde Handys haben. Nacktbilder kursieren überall, in Klassenchats genauso wie auf der Gaming-Plattform Roblox. Also ist es wichtig, dass das Kind von seinen Eltern hört: Wir wissen Bescheid, dass solche Dinge passieren. Du kannst immer mit uns darüber sprechen.
Um Gesprächsanlässe mit Primarschülerinnen und -schülern über diese Themen zu schaffen, gibt es einen guten Ratgeber von Dagmar Geisler «Sicher im Netz! Wie schütze ich mich vor Missbrauch und Betrug?» (Loewe Verlag).
Bei Jugendlichen muss Eltern klar sein: Diese werden früher oder später Dickpics, also Penisbilder erhalten. Entscheidende Punkte hier sind:
Wissen sie, wie man Whatsapp so einstellt, dass man ein Foto nicht gleich sieht (Einstellungen, Chats, Sichtbarkeit von Medien deaktivieren)?
Wie gehen sie emotional damit um, wenn ihnen so etwas geschickt wird?

Falls sie trotz gegenteiliger Empfehlungen selbst mal solche Fotos verschicken wollen, sind folgende Hinweise wichtig: Es sollte gegenseitiges Interesse bestehen, beide Seiten sollten mitmachen wollen. Die Bilder sollten möglichst anonym sein und und keine spezifischen Merkmale aufweisen. Man muss ja auch nicht gleich zwischen die Beine fotografieren, sondern kann diskretere erotische Bilder machen.
Und betonen Sie nochmals: Du weisst, du kannst mit uns weiterhin über alles reden. Es ist auch völlig okay, wenn wir für diese Themen nicht die Richtigen sind, aber vielleicht können wir gemeinsam überlegen, wer sich besser eignen könnte. Denn es kann immer sein, dass du mal Hilfe brauchst.
Eine durchaus bewährte Idee für Familien mit Teenagern ist, Jokerkarten zu verteilen. Wenn Jugendliche diese ziehen, bedeutet das für die Eltern: Egal, was du uns jetzt erzählst, wir versprechen, nicht zu schimpfen und dein Verhalten nicht zu bewerten.
Joachim Zahn
30. Mein Kind nutzt eine KI. Was sollte es unbedingt darüber wissen?
Es ist kein Mensch, mit dem du kommunizierst, auch wenn ein Chatbot dir das Gefühl geben kann, dich gut zu verstehen oder etwas von sich preiszugeben. Aber das ist Absicht, damit wir den Chatbot nutzen wollen.
Eine KI kann bei sehr vielem helfen, das ist verführerisch. Nutze sie deshalb nicht oder nicht zu oft als Abkürzung. Versuche zuerst, Dinge durch Nachdenken selbst zu lösen, dann kannst du die KI fragen. Ihre Antwort musst du immer nochmals hinterfragen. Schliesslich hast du wohl kein Interesse daran, das Denken zu verlernen.
Joachim Zahn
Klare Regeln von Anfang an sind entscheidend. Das Kind kennt seine Grenzen, die Eltern machen ihre Verantwortung deutlich.
Judith Mathez, Medienpädagogin
31. Ich habe nicht immer Zeit und Kraft, mein Kind bei seinem Medienkonsum zu begleiten. Wie kann ich trotzdem dafür sorgen, dass es nichts konsumiert, was ihm schadet, oder dass es zu viel Zeit mit dem Gerät verbringt?
«Ganz klare Regeln von Anfang an sind ein entscheidender Schlüssel», sagt Judith Mathez. So kennt das Kind seine Grenzen, die Eltern machen ihre Kompetenz und ihre Verantwortung deutlich. Extra-Medienzeit als Ausnahme sei sehr verführerisch und nachvollziehbar, wenn gestresste Eltern mal eine Pause brauchen. Man sollte aber immer wissen: Jede Ausnahme verwässert die Regeln, drei Ausnahmen sind schon wie eine neue Regel – und dann folgen wieder viele Diskussionen, für die eigentlich Zeit und Kraft fehlen.
Daniel Wolff zufolge macht man sich als Eltern mit solch klaren Regeln zunächst nicht beliebt. Aber: Junge Erwachsene würden ihm häufig erzählen, dass sie ihren Eltern im Nachhinein dankbar dafür seien, dass es zu Hause strenge Handyregeln gab. «Jeder darf sich den Druck nehmen, die Themen immer sofort angehen zu müssen, jedes Problem sofort lösen zu müssen», findet Joachim Zahn. Oft erreiche ich sogar mehr, wenn ich mich mit mehr Zeit und Ruhe am Wochenende damit auseinandersetze. Entscheidend sei auch weniger die Dauer als vielmehr die Regelmässigkeit des Austauschs über Medienthemen.
Schliesslich müssen Eltern das alles auch nicht allein machen. Es gibt Gotte, Götti, Nachbarn, Freunde. «Wenn ich mich aber als Eltern ein Stück weit aus der Medienbegleitung zurücknehme, sollte ich mir überlegen, wo ich stattdessen die Interessen meines Kindes teile und die Beziehung stärke», sagt Joachim Zahn. So könnten beispielsweise gemeinsame sportliche Aktivitäten oder gemeinsames Kochen ein guter Ausgleich zur Medienzeit sein.





