Lange prägte eine Grundannahme die bildungspolitische Debatte: Eine zeitgemässe Schule ist eine digitalisierte Schule, und mehr Geräte führen zu besseren Leistungen für alle. Kantone und Gemeinden investierten erhebliche Mittel in Tablets, Laptops und Netzwerke.
Die Erfahrung aus dem Schulalltag zeichnet inzwischen ein vielschichtigeres Bild. Entscheidend ist nicht, ob ein Gerät im Einsatz ist, sondern wozu. Digitale Medien bereichern den Unterricht dort, wo sie einem klaren didaktischen Zweck dienen: bei der Recherche, beim gemeinsamen Schreiben, beim Sichtbarmachen komplexer Zusammenhänge. Auch generative künstliche Intelligenz kann das Lernen unterstützen, sofern Schülerinnen und Schüler verstehen, wie solche Systeme arbeiten, weshalb sie sich irren können und welche ethischen Fragen sie aufwerfen.
Zugleich mehren sich Hinweise aus Praxis und Forschung, dass eine unbegleitete und zeitlich unbegrenzte Nutzung digitaler Medien mit kürzerer Aufmerksamkeitsspanne, Mühe beim vertieften Lesen längerer Texte und innerer Unruhe einhergeht. Länder wie Schweden haben deshalb gedruckte Lehrmittel und das Schreiben von Hand wieder gestärkt. Der Blick richtet sich heute weniger auf die Gerätedichte als auf einen massvollen, gut begründeten Einsatz.
Die Gefahren des Internets
Mit Smartphones und Plattformen wie Whatsapp, Tiktok oder Snapchat haben sich die sozialen Dynamiken unter Jugendlichen verändert. Konflikte enden nicht mehr mit dem Gong der Pausenglocke, sondern setzen sich abends in privaten Chatgruppen fort. Cybermobbing zeigt sich als herabwürdigendes Foto, als verletzendes Meme oder als gezielter Ausschluss aus einem Gruppenchat. Die emotionale Belastung nehmen die Kinder am nächsten Morgen mit ins Klassenzimmer, wo sie das Lernklima beeinträchtigt.
Neu hinzu kommen mit Bildgeneratoren erzeugte Fälschungen, sogenannte Deepfakes, mit denen Jugendliche Mitschülerinnen und Mitschüler blossstellen. Auch das Weiterleiten intimer Aufnahmen beschäftigt Schulen zunehmend.
Die Hoffnung, dass ein breiter Zugang zu Technologie soziale Unterschiede verringert, hat sich nicht erfüllt.
Eine weitere Sorge betrifft das Cybergrooming, also die gezielte Kontaktaufnahme Erwachsener zu Minderjährigen mit sexueller Absicht. Diese beginnt häufig in den Chaträumen beliebter Spieleplattformen, wo sich Täter als Gleichaltrige ausgeben. Weil dies im Verborgenen geschieht, bleibt es lange unbemerkt, auch erkennen Heranwachsende manipulative Absichten noch nicht zuverlässig.
Mediennutzung als Verstärker sozialer Unterschiede
Die Hoffnung, dass ein breiter Zugang zu Technologie soziale Unterschiede verringert, hat sich nicht erfüllt. Beobachtet wird eher das Gegenteil, in der Bildungsforschung als Matthäus-Effekt bekannt: Wer hat, dem wird gegeben. Kinder aus bildungsnahen Familien nutzen digitale Werkzeuge häufiger gezielt, um zu gestalten und zu lernen. Kinder aus benachteiligten Verhältnissen konsumieren eher passiv und ohne Begleitung.
Unterschiede im Wortschatz, im Leseverständnis und in der Konzentration können sich dadurch über die Schuljahre vergrössern. Die jüngsten Pisa-Ergebnisse zeigen eine sich öffnende Schere zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Jugendlichen. Die Ursache ist nicht allein die Mediennutzung, doch wirkt sie als Verstärker.
Tipps für Eltern
Oft wird gefragt, ab wann ein eigenes Smartphone sinnvoll ist. Eine allgemeingültige Altersangabe gibt es nicht, wohl aber bewährte Anhaltspunkte. Hilfreich sind gemeinsam vereinbarte Regeln, medienfreie Zeiten bei den Mahlzeiten sowie Geräte, die nachts ausserhalb des Kinderzimmers liegen. Schliesslich ist ausreichender Schlaf eine Grundlage des Lernens. Ebenso ist das eigene Verhalten von grosser Bedeutung, beobachten Kinder doch genau, wie oft Erwachsene zum Handy greifen.
Entscheidend ist echtes Interesse: Wer sich ein Lieblingsspiel, Posts einer Influencerin oder beliebte Videos zeigen lässt und ohne Vorwurf nachfragt, schafft Vertrauen für den Moment, in dem etwas schiefläuft. Kinder sollen wissen, dass sie sich jederzeit melden dürfen, ohne einen Geräteentzug befürchten zu müssen.
Bei Cybermobbing gilt: Beleidigungen nicht beantworten, Nachrichten und Profile per Screenshot sichern, den Kontakt blockieren und melden. Danach lohnt sich der frühe Weg zur Klassenlehrperson oder zur Schulsozialarbeit; Schulen gehen solchen Vorfällen nach, auch wenn sie ausserhalb des Unterrichts geschehen. Unterstützung bieten zudem die Nummer 147 von Pro Juventute und die nationale Plattform «Jugend und Medien».
Was die Schule beeinflussen kann
Viele Schulen haben Regelungen eingeführt, wonach private Geräte während des Schultags in der Tasche bleiben. Die Rückmeldungen sind ermutigend: mehr direkte Begegnungen in den Pausen, weniger Ablenkung im Unterricht. Parallel dazu vermittelt der Lehrplan 21 im Modul «Medien und Informatik» Kompetenzen von der Quellenkritik bis zum Datenschutz. Damit dies gelingt, brauchen Lehrpersonen Zeit, Weiterbildung und technischen Support.
Schulische Regeln enden jedoch am Schultor. Viele Apps sind darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden, etwa durch endloses Scrollen und personalisierte Feeds. Hier ist die Politik gefordert. Australien hat ein gesetzliches Mindestalter für soziale Medien beschlossen, in der EU nehmen der «Digital Services Act» und der angedachte «EU Kids Act» die Konzerne stärker in die Verantwortung.
Der digitale Raum gehört zu unserer Gesellschaft, und Kinder sollen daran teilhaben können, altersgerecht und sicher.
Auch die Politik ist gefragt
In der Schweiz bildet das 2025 in Kraft getretene Bundesgesetz über den Jugendschutz in den Bereichen Film und Videospiele eine erste Grundlage. Beim geplanten Bundesgesetz über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen setzt sich der LCH gemeinsam mit weiteren Verbänden dafür ein, dass Betreiber zu wirksamen Alterskontrollen und zum Verzicht auf suchtfördernde Mechanismen verpflichtet werden. Ebenso unterstützt der LCH Bestrebungen, für Cybermobbing und Cybergrooming eigene Straftatbestände zu schaffen und damit Lücken im Jugendschutz zu schliessen.
Kinder- und Jugendschutz sowie digitale Teilhabe sind keine Gegensätze. Der digitale Raum gehört zu unserer Gesellschaft, und Kinder sollen daran teilhaben können, altersgerecht und sicher. Es braucht keinen Alarmismus, sondern ein abgestimmtes Vorgehen: Medienbildung und lernförderliche Regeln in der Schule, Begleitung und Gespräche in der Familie, eine kindgerechte Gestaltung der Angebote und einen verlässlichen gesetzlichen Rahmen. Schule und Elternhaus müssen das nicht allein lösen. Gemeinsam gelingt es besser.




