Was die erste Reise der Tochter mit den Eltern macht
Unsere Tochter ist auf Reisen. Und im Familienchat herrscht Ausnahmezustand.
Nein, wir spammen sie nicht mit Ratschlägen zu. Das haben wir vorher erledigt. Sie soll das Schlösschen am Rucksack schliessen, haben wir gesagt. Und sich fernhalten von streunenden Hunden. Von Leitungswasser, Mücken, nicht selbst angeheuerten Taxis. Nicht noch vor Treibsand gewarnt haben wir nur, weil sie keine Wüste besucht. (Oder haben wir doch?)
Momoll, wir können schon loslassen. Wir haben sie auch ermutigt. Das wird gut, haben wir gesagt, als ihr doch etwas mulmig wurde. Und uns so ihrer Abreise entgegengehangelt, wie Balu und Baghira im «Dschungelbuch», als es Mogli ins Menschendorf zieht. «Mogli, komm weg da!» – «Geh nur, geh nur!»
Und dann ist sie gegangen. («Das war unvermeidlich, Balu!») Seither rennen wir zum Handy, sobald es aufleuchtet. Natürlich murmeln wir dabei: «Früher, als man einmal pro Woche ein Fax heimschickte, war man «richtiger» weg.» Aber Marco Polo würde lachen. Und schliesslich wollen wir wissen, wie sie das Problem mit den Bettwanzen löst.
Wettlauf um die schnellste Reaktion
Moment, ein Sonnenuntergangsfoto. «Ohwww», schreibe ich, plus Sternaugen-Emoji. Schneller ist nur die Schwester. Mein Mann hinkt Minuten hinterher mit seinem Sticker. Aber insgesamt haben wir einen nie da gewesenen Wettlauf um die schnellste Reaktion, sobald die Tochter sich meldet.
Dann, auf einmal, ein Whatsapp nur an mich! «ha de hueste, meinsch schlimm?» Ich sende mütterliche Worte und präsentiere den anderen meinen Informationsvorsprung mit Stolz. Nur um zu erfahren, dass mein Mann am Vortag nach Transfertipps gefragt und seine Antwort mit einem Skyline-Bild belohnt worden ist …
Da haben wir jahrelang die Familienarbeit geteilt, ausser vielleicht den Husten, und jetzt weist sie uns klare Zuständigkeiten zu?
Okay, Husten ist eher mein Gebiet. Aber warum fragt sie ihn nach Transfers? «Alles gut?», schreibe ich ihr tags darauf. Postwendend bekomme ich ein Video einer Echse. Dass ich dafür meinen eigenen Loslass-Mindeststandard verletzt habe – nicht selbst eine Konversation zu starten –, egal! Mein Mann, merke ich, hat auch keine Maxime.
Dafür haben wir Fachbereiche, wie sich langsam, aber sicher zeigt. Seine: Anschlüsse, eSim-Karten, Geldbezüge an Automaten. Meine: Unterkünfte, Sicherheit von Transportmitteln und Gesundheitliches («ha us versehe wasser mit iis trunke, stirb ich jetz?»). Da haben wir jahrelang die Familienarbeit geteilt, ausser vielleicht den Husten, und jetzt weist sie uns klare Zuständigkeiten zu?
Froh, wenn sie wieder da ist
Aber man interpretiert ja viel, so in die Ferne. Das Bettwanzen-Foto kam nämlich wieder im Familienchat. Es waren «nur» Motten, wie ich als Erste klarstellte. Beides besser als tollwütige Hunde, wollte ich noch schreiben. Doch die Schwester war schneller: «wä omg verlang geld zrug bro». Danach ging es um Für und Wider von Beschwerden, was ich meinem Mann überliess, bis wieder Ruhe einkehrte.
So schnell wie am Anfang sind wir inzwischen zwar nicht mehr. Eben hat neunzig Minuten niemand von uns reagiert, seit etwas von ihr kam («höred uf ghoste!»). Aber hey, früher, als man noch faxte … Zumal: Es ist ja nicht die Wildnis da draussen, und Motten hatten wir auch schon daheim.
Froh werden wir trotzdem sein, wenn sie bald wieder da ist. Denn welche Rollen auch immer wir für sie haben und wie schnell auch immer wir antworten, mein Mann und ich, ein bisschen Balu und ein bisschen Baghira sind wir beide zugleich.






