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Eine Schweizer Familie wagt einen Neuanfang in Sizilien

Lesedauer: 7 min
Nach einer Herzoperation weiss Raffael Müller: Wer seine Träume leben will, muss es jetzt tun. Mit seiner Partnerin und den beiden gemeinsamen Kindern startet er im Süden Italiens ein neues Leben.
Text und Bilder: Thomas Kierok

Wenn am frühen Morgen das Licht Siziliens golden über die Hänge streicht, beginnt der Tag für Raffael Müller, 46, und Nadia Saccavino, 41, häufig mit den Stimmen ihrer Kinder Amael, 14, und Malea, 11, und dem Duft von Zitronen. Die Geschichte der Familie Müller Saccavino beginnt jedoch in Basel, wo sie ein scheinbar perfektes Leben führten: eine bezahlbare Genossenschaftswohnung am Rhein, Berufe in der Sozialen Arbeit und ein geregelter Familienalltag.

Die Sehnsucht der Eltern nach mehr Freiheit, Natur und Selbstbestimmung wird jedoch immer grösser. «Wir träumten schon länger vom Reisen und davon, die Kinder frei lernen zu lassen», sagt Nadia. Mit den damals noch kleinen Kindern reisen sie mehrmals nach Asien, bis sie 2019 schliesslich zu einem einjährigen Sabbatical durch Südosteuropa und Südostasien aufbrechen.

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Die Auszeit prägt sie tief: Sie erleben Abenteuer, Unsicherheiten, Augenblicke voller Nähe – und die Erkenntnis, dass sich das Leben auch anders gestalten liesse. Dass Glück nicht an Konsum und Besitz hängt, sondern an gemeinsamen Erlebnissen, an Zeit, an echten Begegnungen.

Ein Grundstück mit eigener Quelle

Zurück in der Schweiz wird ihnen klar: Das alte Leben passt nicht mehr. Der Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, wird immer drängender. Der Zufall – oder das Schicksal – führt sie im Sommer 2020, ein Jahr nach ihrer Asienreise, schliesslich nach Sizilien: Eine Freundin, die sie auf einer Alp kennenlernten, schickt Fotos von einem Grundstück mit eigener Quelle, Zitronen und Kaktusfeigen.

Nadia und Raffael reisen für zwei Nächte nach Sizilien, schlafen im Zelt, essen Tomaten direkt vom Strauch und verlieben sich augenblicklich in den Ort: «Es war sofort klar, das ist unser Platz », sagen beide. Doch der Weg wird steinig: Das Geld ist knapp, der Hauskauf aufwendig, die Pläne vage. Die ganze Familie hat dennoch viel Lust auf das Ungewisse.

Es kommen Fremde dazu, die zu Helfern und manche davon zu neuen Freunden werden.

Ein Jahr lang leben sie noch in der Schweiz, sparen, verzichten auf Luxus, investieren jeden Rappen in ihren sizilianischen Traum. Dann, mit Wohnmobil, Kindern, Schwiegereltern und ersten Freunden, beginnt im Sommer 2021 das grosse Abenteuer. Die ersten Monate gestalten sich schwierig. Die Familie muss ständig improvisieren: Sie wohnen im Wohnmobil, laufen steile Wege zum Haus, kochen auf engstem Raum.

Bauen mithilfe von YouTube-Videos

Gäste kommen von Anfang an, erst Freunde, dann Fremde, die zu Helfern und manche davon zu neuen Freunden werden. «Manchmal haben wir für 20 Leute gekocht», erinnert sich Nadia lachend. Arbeiten gibt es genug: Olivenhaine pflegen, Bäume schneiden, eine Gemeinschaftsterrasse bauen. Der Hausbau wird zum Gemeinschaftsprojekt, oft unter Anleitung von YouTube-Videos, mit viel Enthusiasmus und wenig Erfahrung.

«Wir hatten keine Ahnung vom Bauen», sagt Raffael, «aber dafür Sozialarbeit studiert – das hilft beim Netzwerken.» Es entstehen Win-Win-Situationen: Wer hilft, darf bleiben, lernt Neues, bringt sich ein. Aus Gästen werden Freunde. «Die Summe ist mehr als die Einzelteile », sagt Nadia.

Vater Raffael kämpft um sein Leben

Dass Raffael heute vor einem fertigen Haus steht, ist nicht selbstverständlich. 2008, erst drei Jahre mit Nadia zusammen, erleidet er eine Endokarditis, eine Entzündung der Herzinnenwand, die lange unentdeckt bleibt und eine Notoperation erfordert. «Damals hiess es, die Überlebenschancen stünden 50 zu 50», erinnert sich Raffael. Er überlebt und weiss von nun an: «Das Leben ist endlich. Wenn man etwas will, muss man es jetzt tun.»

2024 muss der Familienvater sich erneut einer Herzoperation unterziehen. Diese fällt mitten in den Hausbau. Drei Monate darf er nichts heben. Die Gemeinschaft trägt auch in diesen schweren Zeiten. Ein Kardiologe wird zum Freund, Gäste übernehmen Aufgaben, Nadia wächst in die Rolle der Bauleiterin.

Gestärkt aus den Krisen heraus

Es gibt Momente der Erschöpfung, der Zweifel, aber auch tiefer Dankbarkeit. «Viel länger hätten wir das nicht durchgehalten», sagt Raffael rückblickend. «Aber jetzt können wir aufatmen.» Heute ist er dankbar für diese Erfahrung. Die schwere Zeit hat die Familie zusammengeschweisst und sie in ihrem Streben nach einem möglichst freien und selbstbestimmten Leben bestärkt.

Malea erzählt: «Am Anfang war es manchmal schwer, weil wir viel umgezogen sind. Erst im Wohnmobil, dann im Haus, das noch nicht fertig war. Aber ich habe hier viele Freunde gefunden. Es ist schön, in der Natur zu sein und viel draussen zu spielen.» Amael ergänzt: «Ich mag es, dass ich frei lernen kann, wann ich will. Und ich freue mich schon auf die Rutschbahn, die wir am Pool bauen wollen.»

Ein anderer Luxus

Das Herzstück ihres neuen Lebens liegt in der Gemeinschaft: Über 450 Gäste haben Nadia und Raffael in den letzten vier Jahren empfangen. Helferinnen und Helfer jeden Alters, die für Kost und Logis mit anpacken, Häuser bauen, Oliven ernten oder einfach Teil des Alltags sind.

Die Liste der lebensfrohen Geschichten ist lang: Eine 83-jährige Grossmutter, die nach der Olivenernte nackt in den Pool springt. Jugendliche im «Timeout », die neue Perspektiven finden. Besucher, die zu Freunden werden und wiederkehren.

Der Reichtum liegt in der Gemeinschaft, im freien Lernen der Kinder und im Leben nach dem Rhythmus der Jahreszeiten.

Wirtschaftlich stützt sich die Familie auf mehrere Pfeiler: Spenden von Besuchern, Online-Coachings, handgemachte Produkte wie Olivenöl, Liköre, Marmeladen und Seifen, die sie auf Schweizer Märkten verkaufen. «Wir leben einfach, aber eigentlich ist es Luxus: Freiheit, Natur, Gemeinschaft», sagt Nadia.

Arbeit hat es viel und sie ist streng. Das Geld oft knapp – aber der Reichtum liegt in der Gemeinschaft, im Leben nach dem Rhythmus der Jahreszeiten, im freien Lernen der Kinder und in den vielen geteilten Erfahrungen.

Herausforderungen und Erkenntnisse

Nadia und Raffael haben gelernt, Verantwortung zu übernehmen – für sich, ihre Kinder, für Wasser und Land, Bildung, Gesundheit und Finanzen. «Man wächst an den Herausforderungen. Aber man lernt auch: Das Paradies als Dauerzustand gibt es nicht. Es kommen immer wieder schwierige Zeiten», sagt Nadia.

Rückschläge – ob Bürokratie, Unsicherheit oder Krankheit – gehören zum Leben. Aber ebenso die Erkenntnis, dass Kreise sich oft erst im Nachhinein schliessen: Raffael, der als Student in einem sizilianischen Theaterstück einen Olivenbauern spielte, verkauft nun tatsächlich Olivenöl. Nadia, die als Kind Traumhäuser mit Rutschbahn malte, bekommt ihre Rutsche am Pool.

Ins Leben eingestiegen

Was bleibt, ist die Erfahrung, dass Mut immer wieder belohnt wird. «Wir sind nicht ausgestiegen, sondern eingestiegen – ins Leben, in die Eigenverantwortung und in die Gemeinschaft», sagt Nadia und ergänzt: «Unseren Kraftort möchten wir mit Menschen teilen, die eine Auszeit brauchen und sich Zeit nehmen möchten, neue Perspektiven zu entwickeln.»

Ihr Weg zeigt: Aus Lust auf Veränderung und dem Wunsch nach mehr Freiheit kann ein Leben entstehen, das tiefe Zufriedenheit schenkt – und dass das Glück oft dort erscheint, wo man es nicht erwartet: zwischen Olivenbäumen und mit Familie und Freunden am Tisch. Wenn am Abend die Sonne über Sizilien untergeht, dann wissen Nadia und Raffael: Sie würden es wieder wagen.

Konktakt Familie Müller Saccavino

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