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«Unsere Tochter hält sich an keine Regeln»

Aus Ausgabe
04 / April 2026
Lesedauer: 6 min
Eine Mutter sucht beim Elternnotruf Rat, weil sie nicht mehr weiss, wie sie mit dem Widerstand ihrer pubertierenden Tochter umgehen soll.
Aufgezeichnet von Basil Schürch

Bild: Getty Images

Mutter: Guten Tag, wir sind ratlos. Unsere 14-jährige Tochter hält sich an keine Regeln. Zeiten werden überzogen. Abmachungen gebrochen. Worte prallen ab. Ich bin müde vom Diskutieren und frage mich, wie ich Regeln durchsetzen kann, ohne dass alles jedes Mal eskaliert.

Berater: Viele Eltern schildern uns genau das. Erschöpfung, Ärger, auch Hilflosigkeit. Das Gefühl, ständig hinterherzulaufen und doch nichts zu erreichen. Das ist belastend. Bevor wir weitergehen, interessiert mich etwas Zentrales: Was wünschen Sie sich im Moment am meisten?

Mutter: Ich wünsche mir, dass Regeln endlich gelten. Und dass wir uns nicht dauernd aneinander aufreiben.

Ich fühle mich nicht ernst genommen und ­respektlos behandelt. Das macht mich traurig und wütend.

Mutter

Berater: Das ist gut nachvollziehbar. Der Wunsch nach Verlässlichkeit und Einigkeit ist berechtigt. Gleichzeitig lohnt sich ein genauer Blick in Ihr inneres Erleben. Wenn Ihre Tochter Regeln bricht, was macht das emotional mit Ihnen?

Mutter: Ich fühle mich nicht ernst genommen. Und manchmal auch respektlos behandelt. Das macht mich traurig und wütend.

Berater: Diese Gefühle teilen viele Mütter und Väter von Jugendlichen. Mit 14 sind Kinder meistens in einer intensiven Entwicklungsphase, in der unter anderem Autonomie erprobt wird. Regeln werden nicht vergessen, sie werden geprüft. Die Frage nach Durchsetzung liegt nahe, greift jedoch oft zu kurz. Was denken Sie, worum geht es Ihrer Tochter jenseits der Regeln? Was versucht sie über ihr Verhalten auszudrücken?

Mutter: Geht es um Ablösung? Es fühlt sich einfach nach Widerstand an. Ich habe die Regeln erklärt. Immer wieder. Schule. Medienzeiten. Mithilfe im Haushalt. Es scheint egal zu sein. Konsequenzen zeigen kaum Wirkung. Ich habe das Gefühl, an Einfluss zu verlieren.

Berater: Viele Eltern reagieren darauf mit mehr Kontrolle und klareren Sanktionen. Das ist nachvollziehbar. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass Jugendliche darauf häufig mit Rückzug oder Gegenwehr reagieren. Nicht primär gegen die Regeln, sondern gegen das Gefühl, nicht wirklich gesehen zu werden.

Wird die emotionale Nähe brüchig, übernehmen Regeln eine Stellvertreterrolle – ­indem sie Halt geben sollen, wo Beziehung fehlt.

Berater

Mutter: Wie meinen Sie das? Beziehung haben wir doch. Wir wohnen zusammen. Wir reden miteinander. Wir streiten auch.

Berater: Zusammenleben schafft Nähe, aber nicht automatisch Beziehung. Reden allein erzeugt noch keine Verbindung. Beziehung meint Vertrauen, emotionale Tiefe, das Erleben von Sicherheit. Spürt Ihre Tochter, dass sie mit ihren Unsicherheiten, ihrem inneren Chaos bei Ihnen landen darf? Oder erlebt sie vor allem Erwartungen?

Mutter: Ich weiss nicht, ob sie uns noch vertraut.

Berater: Diese Unsicherheit ist ein wichtiger Hinweis. In vielen Familien zeigen sich Regelkonflikte dort besonders stark, wo emotionale Nähe brüchig geworden ist. Regeln übernehmen dann eine Stellvertreterrolle. Sie sollen Halt geben, wo Beziehung fehlt. Oft reagieren Jugendliche auf diese Entwicklung mit Widerstand.

Mutter: Soll ich die Regeln also lockern oder fallen lassen?

Berater: Nein. Regeln bleiben wichtig, gerade in der Pubertät. Sie geben Struktur und Orientierung. Entscheidend ist jedoch der Boden, auf dem sie stehen. Ohne Verbindung werden Regeln zu Machtfragen. In Verbindung werden sie zu einem gemeinsamen Rahmen. Wie fühlt sich Ihre Tochter denn, wenn Sie eine Regel setzen?

Beziehung heisst, innerlich verfügbar zu bleiben. Auch dann, wenn das Kind provoziert oder sich abwendet.

Berater

Mutter: Ich weiss es nicht. Mein Gefühl ist, dass mir alles entgleitet, wenn ich weniger Druck mache.

Berater: Halt entsteht nicht durch Druck, sondern durch Präsenz. Beziehung heisst, innerlich verfügbar zu bleiben. Auch dann, wenn das Kind provoziert oder sich abwendet. Hier gilt es ruhig standzuhalten, ohne zu drohen. Klar zu bleiben, ohne zu eskalieren.

Mutter: Unsere Tochter wirkt oft kühl und abweisend.

Berater: Distanz ist häufig ein Schutz. Nähe macht verletzlich. Jugendliche ziehen sich zurück, wenn sie das Gefühl haben, bewertet zu werden. Es kann hilfreich sein, sich zu fragen, wovor sich Ihre Tochter im Moment schützt. Und was sie bräuchte, um sich wieder zu öffnen.

Mutter: Und wie kommen wir von da zurück zu den Regeln?

Berater: Indem Regeln gemeinsam getragen werden. Nicht als starres System, sondern als Ausdruck gegenseitigen Respekts. Was brauchst du? Was brauche ich als Mutter oder Vater? Wo finden wir einen Rahmen, der für uns beide trag­fähig ist? Diese Gespräche brauchen Zeit und Wiederholung.

Mutter: Das verlangt viel Geduld.

Berater: Ja. Beziehung lässt sich nicht beschleunigen. In der Arbeit mit Eltern und in der Forschung zeigen sich immer wieder ähnliche Erfahrungen. Dort, wo Elternteil und Kind sich emotional erreichen, verlieren Regelkämpfe an Schärfe. Sie verschwinden nicht sofort, aber sie eskalieren weniger.

Mutter: Unsere Tochter sagt oft kaum etwas.

Berater: Dann ist Zuhören wichtiger als Antworten. Da sein ohne Agenda. Fragen stellen ohne Erwartung. Vertrauen wächst leise. Manchmal braucht es das Aushalten von Stille, damit wieder Worte entstehen können.

Mutter: Und wenn sie Regeln weiterhin missachtet?

Berater: Dann bleiben Sie sichtbar und verlässlich. Klar in der Haltung, aber nicht strafend. Haltend statt drohend. Die neue Autorität beschreibt dies als wachsame Sorge. Ich sehe dich. Ich bleibe in Beziehung. Ich übernehme Verantwortung, auch wenn du dich entziehst.

Mutter: Das probieren wir aus, auch wenn in Gedanken daran dieses Ohnmachtsgefühl wieder hochkommt.

Kinder kooperieren eher mit Menschen, bei denen sie sich innerlich sicher fühlen.

Berater

Berater: Gefühle von Ohnmacht kennen wohl die meisten Eltern. Sie erinnern daran, dass Beziehung keine Kontrolle ist. Begegnung geschieht dort, wo wir bereit sind, den anderen nicht zu formen, sondern ihm offen zu begegnen.

Mutter: Das stimmt. Und doch scheint es in gewissen Situationen so schwierig, danach zu leben und diesem Kompass zu folgen. Ich sehe nun, wo wir Regeln anstelle von Beziehungsgestaltung genutzt haben.

Berater: Beziehung ist der Boden, auf dem Regeln wachsen können. Kinder kooperieren eher mit Menschen, bei denen sie sich innerlich sicher fühlen. Nicht aus Angst vor Konsequenzen, sondern aus Verbundenheit.

Mutter: Besten Dank für diese Erinnerung!

Berater: Gerne. Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen und viele verbundene Momente.

Dieses Protokoll ist die stark verkürzte und auf das Wesentliche reduzierte Aufzeichnung eines längeren Beratungsgesprächs. Wir möchten damit einerseits Einblick geben in unsere Arbeit und andererseits den Leserinnen und Lesern Denkanstösse für ähnliche Fragestellungen vermitteln. Yvonne Müller, Co-Leiterin Elternnotruf

Elternnotruf

Bei Themen rund um den Familien- und Erziehungsalltag ist der Verein Elternnotruf seit über 40 Jahren für Eltern, Angehörige und Fachpersonen eine wichtige Anlaufstelle – sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Die Beratungen finden telefonisch, per Mail, Chat oder vor Ort statt.
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