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«Eltern dürfen nicht auf eine strikte Trennung bestehen»

Lesedauer: 3 min
Für Kinder ist das Hin- und Herpendeln zwischen Mama und Papa nicht immer leicht. Danielle Estermann, Geschäftsführerin des Schweizerischen Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter, erklärt, wie Eltern ihre Kinder bei diesem Spagat unterstützen können.
Interview: Evelin Hartmann

Bild: Westend 61 / Getty Images

Frau Estermann, schaffen es Eltern, nach der Trennung einen fairen Umgang miteinander zu pflegen, ist die Entwicklung der Kinder nicht gefährdet, sagen Experten.

Grundsätzlich ist es sehr wichtig, dass Eltern auf keine strikte Trennung dieser beiden Welten, die Wohnung der Mutter beziehungsweise des Vaters, bestehen. Sprich, das Kind sollte auch sein liebstes Kuscheltier mit zum Vater nehmen oder ein Bild des Vaters in seinem Zimmer bei der Mutter aufhängen dürfen. Auch wenn dieser Anblick der Mutter nicht ganz leichtfällt.

Ausserdem sollte die Übergabe der Kinder wenn möglich immer gleich, also ritualisiert, ablaufen. Und, sie sollte für alle Beteiligten stimmig sein. Wenn die Kinder noch zu klein sind, um eigenständig zum Vater zu gehen oder zu fahren, könnte ein Café ein guter Treffpunkt sein, in dem man kurz zusammensitzt und so signalisiert:Wir verstehen uns als Eltern noch!

Wenn ein Elternteil fehlt, besteht die Gefahr, dass Kinder die Rolle des fehlenden Vaters, der fehlenden Mutter, sprich:eine Erwachsenenrolle übernehmen.

In einer Einelternfamilie kann nicht vollständig vermieden werden, dass die Kinder mit neuen Rollen konfrontiert werden, da die Elternteile auch neue Rollen übernehmen müssen. Die Kinder sind nach der Trennung mitunter die engsten Bezugspersonen. Sorgen und Nöte werden da natürlich mit den Kindern besprochen. Und diese Themen sind nicht immer kindgerecht.

Wenn Schwierigkeiten anstehen, darf man diese sehr wohl benennen.

Was raten Sie?

Eltern, die in Trennung leben, müssen ein sehr hohes Rollenbewusstsein haben, damit sie die Kinder nicht in eine Erwachsenenrolle drängen und auch die Kinder immer wieder darauf hinweisen, dass sie nicht den Platz des fehlenden Vaters, der fehlenden Mutter einnehmen müssen, sollen.

Mein Rat lautet, mit den Kindern offen zu sprechen und sie regelmässig zu informieren, wie die Lebensgestaltung in der kommenden Zeit aussieht. Wenn Schwierigkeiten anstehen, darf man diese sehr wohl benennen. Dabei sollte man den Kindern auch erzählen, wie diese Schwierigkeiten gelöst werden können und welchen Teil des Lösungsplans die Kinder mittragen helfen müssen. Damit erhalten sie eine Aufgabe und müssen nicht gemäss ihrem Gefühl handeln: Mama ist traurig – ich muss sie beschützen.

Wie verhindere ich, dass ich mein Kind zu einem Art Ersatzpartner mache?

Ein Fehler wäre es, sich mit seinen Kindern abzuschotten. Das Elternbewusstsein, dass die Kinder älter werden und ihren eigenen Weg gehen müssen und sollen, ist entscheidend. Die Kinder gehen zum Vater, kommen wieder und umgekehrt. Das Alleinsein und Zusammensein im Wechsel wird zur Normalität, und der Schrecken, dass man eines Tages als Eltern alleine dasteht, ist plötzlich keiner mehr. Wenn Einelternfamilien sich auf diesen Lernprozess einlassen, besteht keine Gefahr, dass Kinder als Partnerersatz herhalten müssen.