Die letzte Musiklektion: Resonanz gesät und geerntet
Passionata – Musikunterricht macht den Unterschied
Hä? Nein! Sicher nicht auf den Spielplatz! Wir wollen noch einmal Musikschule erleben.» «Dürfen wir noch ein kleines Theater erfinden?» «Oder zusammen trommeln?» «Und eine Musikdusche!»
Eigentlich hätte ich es mir denken können. Auch am letzten Tag vor den Ferien würden meine Musik-Kinder meine Planung über den Haufen werfen. Schliesslich habe ich sie zwei Jahre lang nach den Grundsätzen der Resonanzpädagogik nach Hartmut Rosa begleitet.
Dabei spielt «Unverfügbarkeit» eine zentrale Rolle. Damit ist gemeint, dass sich die wirklich bedeutsamen Momente nicht planen oder erzwingen lassen. Sie entstehen oft überraschend, wenn ein Kind eine unerwartete Frage stellt, jemand eine neue Idee einbringt oder die Gruppe plötzlich einen gemeinsamen Gedanken weiterträgt. Solchen Momenten Raum zu geben, stärkt nicht nur die Beziehungen untereinander, sondern eröffnet besonders nachhaltige Lernprozesse.
Eine genaue Vorstellung
Für diesen rekordverdächtig heissen Sommermorgen hatte ich jedoch eine genaue Vorstellung davon, wie die Abschiedslektion von der Musikalischen Grundausbildung ausschauen sollte. Ich brachte den Kindern das Skript von ihrem Theater mit, das sie selbst erfunden und mit grossem Erfolg aufgeführt hatten. Dieses Dokument sollten sie als Letztes im Ordner ablegen und ihn zusammen mit ihren Geräteschuhen einpacken. Dann würden wir im Schatten der Bäume auf dem kleinen Spielplatz noch ein paar Lieder singen, ein bisschen plaudern, lachen und spielen.
Der Anfang verlief nach Plan. Genüsslich blätterten wir zusammen das Theaterstück Seite um Seite durch. Ich sah glänzende Augen, als die Kinder ihre Namen und Rollen lasen. 16 Seiten voller Dialoge, Witze, Verfolgungsjagden, selbst kreierter Lieder und Tänze, die wir während Monaten erfunden, ausprobiert und minutiös festgehalten hatten.
«Wissen Sie noch, Frau Dubs, bei der Hauptprobe haben Sie den ersten und zweiten Erdbeben-Stoss zu lange gespielt am Klavier. Es waren acht statt nur vier Schläge und das hat uns durcheinandergebracht», erinnerte sich Milena*. Lilly fand noch einen Fehler im Manuskript: «In der Szene im Untergrund haben wir eine Änderung nicht nachgetragen: ich spielte dort die Djémbé, nicht die Rahmentrommel.»
Solche Momente gehören zu den schönsten in meinem Musiklehrerinnenleben. Nicht nur, weil der sprachliche und fachliche Kompetenzzuwachs der Kinder offensichtlich wird. Sondern auch, weil es dann im Unterricht «knistert», wie es Hartmut Rosa nennt. Wenn etwas gemeinsam Geschaffenes den Kindern so wichtig geworden ist, dass selbst kleine Ungenauigkeiten nicht vergessen gehen.
Ein gemeinsames Ritual im Musikunterricht
Und dann hatten die Kinder nach dem Einordnen den Drang, noch einmal kreativ zu werden. Statt auf den Spielplatz verschwanden sie in Gruppen in alle Richtungen, um einen letzten kleinen Auftritt vorzubereiten, während ich die Publikums-Sitze aufstellte und mit Klebeband die Bühne markierte.
Auf dieser führte dann eine Gruppe einen Sketch auf, eine andere trommelte zuerst sanft und dann immer wilder einen gemeinsamen Rhythmus, bis alle lachen mussten. Zwei Jungs hatten keine Aufführung vorbereitet, sondern draussen in der Garderobe aus Rhythmik-Material ein Bild gelegt. Eine Übung aus der ersten Klasse, an die sie sich erinnerten, als sie Fotos davon im Ordner wiederentdeckten.
Und nachdem alles aufgeräumt war, blieb tatsächlich Zeit für die gewünschte Musikdusche. Das ist unser Ritual, um gemeinsam Musik zu hören. Mit dem sanften Schlag auf ein Metallbecken «dusche» ich jedes Kind ab und eins nach dem anderen gleitet zu Boden bis alle verteilt im Raum liegen. Normalerweise erhalten die Kinder dann einen Hörauftrag. Aber dieses Mal bot ich an, dass sie ein bekanntes Stück vorschlagen durften. «Nein, bringen Sie lieber eine neue Musik», meinte Julia und die anderen stimmten ihr zu.
«Und wie soll sie sein?» fragte ich. Gewünscht wurde eine schöne Musik, zu der man entspannt daliegen könne, und Jorgos fügte hinzu: «Sie soll ein wenig traurig klingen, weil wir Sie nicht mehr sehen in der dritten Klasse». Sofort kam mir Edvard Griegs Sarabande aus der Holbergsuite in den Sinn. Vier Minuten, die mir in meiner Jugend eine Reise zu mir selbst ermöglichten und mich heute noch tief berühren.
Nie plante ich, Unterstufenkindern dieses Stück vorzuspielen, das so viel Bedeutung für mich selbst hatte. Doch es sollte ein Ausnahmemorgen werden und ohne Vorwarnung spielte ich die Musik ab. Die meisten hielten bis zum letzten Ton die Augen geschlossen oder vergruben ihr Gesicht in den Armen. Einige rollten ein wenig seitlich oder schüttelten sich bei den Höhepunkten, welche die Sarabande immer wieder aufbaut.
Danach haben wir das Stück nicht analysiert und ich habe auch keine Erklärungen abgegeben. Die Kinder liessen sich von der Musik berühren. Sie verband uns ein letztes Mal.
*Die Namen der Kinder wurden von der Redaktion geändert.
Passionata –Musikunterricht macht den Unterschied
Ab der dritten Klasse haben sie die Möglichkeit, dem Schulhauschor beizutreten. Regelmässig singen und tanzen Kinder und Lehrpersonen zusammen auf dem Pausenplatz.
Musizieren ist das pure Leben und ein pädagogisch fundierter Musikunterricht wichtig für die Entwicklung jedes Kindes.






