Emotionale Ausbrüche nach einem langen Kindergartentag, extreme Mühe, sich wieder zu beruhigen, oder stundenlanger Rückzug ins Kinderzimmer: Wenn Kinder immer wieder heftig reagieren, weisen sie eventuell eine Hochsensibilität auf.
Damit sind sie nicht allein, haben doch je nach Studie 15 bis 30 Prozent der Menschen diese Wesenseigenschaft. Wenn Eltern oder Betreuungspersonen erkennen, dass ein Kind hypersensibel ist, dann können sie die Anzeichen innerer Not besser verstehen und dem Kind dabei helfen, seine Überforderung und Überstimulierung zu bewältigen.
Auf eine hochsensible Person stürzen viele Informationen ein, sodass sie irgendwann das Gefühl hat, dass es zu viel ist.
Michael Plüss, Entwicklungspsychologe
Hypersensibilität, oft auch als höhere sensorische Verarbeitungssensitivität bezeichnet, ist keine Störung, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal. Sie hat sowohl positive als auch negative Auswirkungen. «Wir sind alle zu einem gewissen Grad sensibel, die Intensität verteilt sich jedoch auf einem sehr breiten Spektrum», sagt Michael Plüss, Entwicklungspsychologe an der Queen Mary University of London.
Eine erhöhte sensorische Sensibilität kann sich wie folgt äussern: Empfindlichkeit gegenüber Tönen, Licht oder Gerüchen sowie eine verstärkte Aufmerksamkeit für Details, hohe Empathie und emotionale Wahrnehmungsfähigkeit. Hochsensible Menschen verarbeiten mehr Informationen und Details über die Welt als Menschen, die nicht hochsensibel sind. Es «stürzen viele Informationen auf eine Person ein und an einem gewissen Punkt hat sie das Gefühl, dass es zu viel ist», beobachtet Michael Plüss.
Hochsensible Kinder brauchen Unterstützung
Während hochsensible Erwachsene über die Jahre im besten Fall hilfreiche Bewältigungsstrategien entwickeln, brauchen Kinder mit dieser Eigenschaft Unterstützung. Laut Plüss weisen Kinder ein erhöhtes Risiko für eine Überstimulation auf, weil sie noch kaum Bewältigungsstrategien entwickelt haben und ihre Umwelt weniger gut kontrollieren können als Erwachsene.
Für Erwachsene steht ein Fragebogen zur Verfügung, mit dem sie ihr eigenes Sensibilitätsniveau messen können. Plüss und seine Forschungskollegen haben diesen Fragebogen angepasst, um hochsensible Kinder erkennen zu können. Die «Highly Sensitive Child»-Skala wurde für Eltern und Betreuungspersonen von Kindern und Jugendlichen im Alter von acht bis achtzehn Jahren entwickelt. Ihre Wirksamkeit für die Erkennung von Hochsensibilität wurde jüngst bestätigt. Dabei geben die Befragten bei zwölf Aussagen an, ob der Inhalt zutrifft oder nicht.
Die Skala umfasst eine Reihe von Situationen in einer stimulierenden Umgebung mit Aussagen wie «Mein Kind mag keine lauten Geräusche» und «Mein Kind schaut nicht gerne Fernsehsendungen mit vielen gewalttätigen Szenen». Der Test ist online frei zugänglich und kann von zu Hause aus gemacht werden.
Für jüngere Kinder haben Wissenschaftlerinnen die Erfahrung gemacht, dass sie Hochsensibilität über Beobachtungen messen können. Dabei achten sie darauf, ob Kinder es vermeiden, sich einer Gruppe anzuschliessen, und wie sie auf eine lärmige Umgebung reagieren.
Der Erziehungsstil spielt eine wichtige Rolle
Bei sensiblen Kindern spielt die Erziehungsmethode eine grosse Rolle. Eine 2019 durchgeführte Studie zeigte, dass Kinder, die im Alter von drei Jahren hochsensibel waren, mit sechs Jahren einen altersgerechten Entwicklungsstand aufwiesen, wenn ihre Eltern auf ihre Bedürfnisse eingingen, also emotional verfügbar waren und sie unterstützten.
Hochsensible Kinder mit permissiven Eltern – das sind Eltern, die wenig bis keine Strukturen oder Regeln boten oder ihre Kinder eher verwöhnten – hatten mehr emotionale Probleme, wie zum Beispiel Ängstlichkeit.
Hochsensible Kinder sind oft vorsichtiger als Gleichaltrige. Bevor sie sich beteiligen, warten sie, bis sie alles um sich herum verarbeitet haben. Sie können auch sehr empfindlich gegenüber negativen Erziehungsmethoden sein, zum Beispiel Kritik oder Schimpfen, was diese Kinder anfälliger gegenüber Widrigkeiten macht.
Diese Anfälligkeit könne sich in starken emotionalen Reaktionen auf Kritik zeigen, die von einer ausgeprägten Empathie herstammten, erklärt Michael Plüss. Solche Kinder profitieren deshalb von einem ruhigen und gelassenen Erziehungsstil. Glücklicherweise reagieren hochsensible Menschen sehr gut auf positive Erlebnisse und präventive Interventionen im Bereich mentaler Gesundheit.
Hochsensible Kinder sind nicht autistisch
Es gibt einen weiteren Grund, weshalb es wichtig sein kann, den Sensibilitätsgrad eines Kindes zu kennen. Hochsensible Kinder werden manchmal irrtümlich als autistisch diagnostiziert. Auch wenn sich das Verhalten eines autistischen Kindes und eines hochsensiblen Kindes manchmal gleichen kann, unterscheiden sich die Ursachen und die neuronalen Verknüpfungen.
«Hochsensibilität ist ein sehr komplexer Wesenszug, der gerne mit Autismus oder ADHS verwechselt wird», sagt Ilse van den Daele, Autorin von «Mijn kind is hoogsensitief» und Leiterin eines Workshops in Belgien zum Thema Hochsensibilität.
Hochsensible Kinder sind sehr neugierig, fragen viel und sind in der Regel kreativ.
Hochsensible Kinder blühen auf, wenn sie die volle Aufmerksamkeit einer Person haben. Sie sind sehr neugierig, fragen viel und sind in der Regel kreativ. Neue, noch unveröffentlichte Forschung von Michael Plüss und seinen Forschungskolleginnen lässt darauf schliessen, dass hochsensible Sieben- und Achtjährige auch über eine stärkere sogenannte «Theory of Mind» verfügen als weniger sensible Kinder.
Der Begriff bezeichnet die Fähigkeit, die Gedanken und Gefühle anderer zu lesen. Die Studie fand heraus, dass hochsensible Kinder in Abbildungen von Augen Erwachsener deren Emotionen besser erkennen konnten als ihre Altersgenossen. Dabei handelt es sich um einen bekannten Test für die Emotionserkennung. Die Studienergebnisse bewegten sich dabei im Rahmen von Arbeiten mit hochsensiblen Erwachsenen.
Von Löwenzahn bis Orchidee
Einige Forschende verwenden die Begriffe «Orchidee» und «Löwenzahn», wenn sie über Menschen mit unterschiedlicher Sensibilität reden. Diejenigen mit einer niedrigen Sensibilität sind wie Löwenzahn, der praktisch überall wächst und kaum Pflege braucht. Die Hochsensiblen sind wie Orchideen; sie sind empfindlicher und brauchen genau das richtige Mass an Licht und Wärme, um aufzublühen. Wenn die Umgebung stimmt, gedeihen Orchideen jedoch ausserordentlich gut.
Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind hochsensibel ist wie eine Orchidee, dann denken Sie daran, dass diese Kinder sich sehr gut entwickeln können, wenn sie die nötige zusätzliche Betreuung und Aufmerksamkeit erhalten.
Hier finden Sie verschiedene Sensibilitätstests: sensitivityresearch.com
BOLD
Wir befähigen Betreuungspersonen und Pädagog:innen mit den Informationen und Werkzeugen, die sie benötigen, um jedes Kind beim Lernen und und Entwickeln zu unterstützen.
BOLD ist eine Initiative der Jacobs Foundation.
Mehr Infos: boldscience.org







