Wetteifern um das perfekte Ferienfoto

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Seit der Trennung schicken unsere Kolumnistin und ihr Ex-Mann sich gegenseitig Schnappschüsse der Kinder aus den Ferien. Das nimmt zuweilen groteske Züge an.
Text: Andrea Müller

Bild: Adobe Stock

Ben auf der Banane, Ben mit Babykamel, Ben an der Beachbar. Ich klicke auf Senden. Empfänger ist der Vater des Hauptmotivs. «Wieso schickst du dem das überhaupt?», fragt meine Ferienbekanntschaft links neben mir im afrikanischen Sand. Wir schauen aufs Meer.

Kurze Pause. Ja, warum eigentlich, nachdem wir länger getrennt sind, als wir je zusammen waren?

«Da war gerade WLAN…», sage ich, in Ermangelung einer echten Antwort. Warum schicken sich getrennte Eltern, die nie (mehr) freiwillig ihren Ferien gemeinsam verbringen würden, selbst Jahre nach der Scheidung noch Fotos ihrer gemeinsamen Kinder? Aus ihrer hochheiligen, privaten Quality-Holiday-Time?

Seit den Streberfotos des Vaters achte auch ich darauf, dass auf meinen Bildern keine Pommes rot-weiss, Kaugummi-Eis oder Caspars sich schälende Schulter zu sehen sind.

Vom Knuddelbub zum Teenager

So um die fünftausend Fotos zuckersüsser, patschhändiger Knuddelbuben vor Sandeimern, Schaufeln und Schwimmflügeln vor blauem Himmel, am Strand, im Meer hab ich in meiner Foto-Mediathek: sowohl meine Ferienfotos, als auch die ihres Vaters. Sie unterscheiden sich nicht nur in der Wahl der Hintergrund-Motive.

Inzwischen sind mein Hauptsujet Teenager mit Pickeln und Zahnspangen. In ihrer Abwesenheit während der Sommerferien mit ihrem Vater pausiert mein Job als Putzhilfe und Küchengerät. Wenn sie weg sind, koche ich nicht. Ich gehe meist essen, es gibt wenig aufzuräumen und ich kann arbeiten, ohne Hunderte von Malen «Mama, ich habe Hunger» zu hören. Ich stolpere nicht permanent über Turnschuhe, Salamisticks und Pingui-Papierchen, Socken, Hoodies. Und im Kühlschrank sind keine leeren Milchtüten.

Warum, bitteschön, sollte ich meine Söhne vermissen? Spätestens ab Tag Nummer drei ohne Lebenszeichen setze ich eine WhatsApp-Nachricht im Familien-Chat ab: «Und wie ist Sardinien? So still hier ohne euch…» Fehlte nur noch der Tränensmiley, als Dokumentation für die Leere meines Lebens.

Die darauf folgenden Bilderfluten, die ihr Vater vom Mittelmeer sendet, erinnern ein bisschen an den Film «Der talentierte Mr. Ripley». Goldgelockte, zart gebräunte Jünglinge, die mit blütenweissen Poloshirts ohne Schokoeis am Kragen durch marode, italienische Gassen flanieren. Musterknaben vor kultiviertem Essen, Muscheln mit Reis und Salat, sonnenbehütet im Schatten, ihre Nasen in Büchern.

Perfekt inszenierte Fotos

Klar, Bücher! Nicht, dass meine Söhne in meinen Ferien keine Bücher dabei hätten, es gibt bei uns sogar eine tägliche Lesepflichtstunde. (Ehrlich!) Ich finde nur lesende Kinder als Foto-Motiv irgendwie unspektakulär.

Seit also die Streberfotos in unserer Ferien-Korrespondenz Einzug gehalten haben, achte auch ich darauf, dass auf meinen Ferienbildern keine Pommes rot-weiss, Kaugummi-Eis oder Caspars sich schälende Schulter nach stundenlanger «Bronzage intensif» im flachen Salzwasser zu sehen sind. Schon ein Foto von Ben, der hinter einem Felsen mit einem Netz angelte, brachte mir prompt die Rückfrage ein, ob ich Ben auch durchgehend im Auge habe.

Wenn Elternpaare schon länger getrennt sind, sind die Phasen emotional-verstrickter Botschaften irgendwann vorbei.

Aber klar doch, schrieb ich und dachte: Wenn du wüsstest, wie oft wir den im Ferien schon verloren haben! Wie oft Ben mir von der «Guardia Civil» oder wildfremden Leuten zurückgebracht wurde. Einmal von einem lesbischen englischen Paar, denen er erzählt hatte, seine Mama habe ihn ausgesetzt! Sie waren, glaube ich, kurz davor, ihn zu adoptieren.

Auf einem neueren Ferienbild sah Ben nach nächtlichem Discoprogramm in einer Clubanlage leicht lädiert aus. Sein Vater schrieb, nach Erholung sehe das ja nun wirklich nicht aus. Was soll ich da als Mutter antworten? Ja, das arme Kind bekommt bei mir kaum Schlaf, nichts zu essen, aber dafür Drogen fürs Durchfeiern?

Feriengrüsse sind individuell

Umgekehrt habe ich selbstverständlich wenig Grund, die sommerliche Rama-Familie auf den Fotos des Vaters meiner Kinder zu rügen. Sie alle scheinen mir zu sagen: «Schau her, Nicht-Schatz, also bei uns läuft es perfekt! Wir haben Spass und null Probleme...»

So hat eben jedes Familienmitglied seine eigene Art, Feriengrüsse zu übermitteln. Auch Caspar, der letzten Sommer zum ersten Mal mit Kumpels und ohne Eltern nach Mallorca gereist war. Als auf meinem Handy-Display dieser rote, schielende Typ erschien, Hintergrund: Schinkenstrasse, Ballermann, dachte ich noch: Mensch, der sieht ja fast ein bisschen wie Caspi aus. Dann hörte ich: «Digga, bist du online, Digga, ich hau dir eine rein…» Dann noch ein «hicks» und «Alda, da war Mama!» Dann war die Verbindung gekappt.

Vielleicht sind Ferienbilder Puzzleteile getrennter Kindheiten, die sich irgendwann mal zu einer zusammenfügen.

Zuerst musste ich lachen, dann wurde ich ein bisschen traurig. War das wirklich derselbe Sohn, dessen dünne Bubenbeine eben noch in «Bob, der Baumeister-Shorts» steckten, nebst Flossen, Schnorchel und Taucherbrille? Mit diesem türkisen Schildkäppi mit Lightning McQueen aus «Cars» vorne drauf?

Wozu Ferienbilder teilen?

Ben war knapp zwei, Caspar sieben, als wir drei zum ersten Mal ohne ihren Vater verreisten. Damals habe ich ihm noch lückenlos Ferienbilder durchgesteckt, als wär es meine Pflicht, wenn wir schon ohne ihn verreisten, zumindest stündlich Rapport zu erstatten. Inklusive kleiner Gehässigkeiten, wie zufälliger, muskulöser Latin-Lover im Hintergrund. Doch auch mich erreichten in diesen Ferien diverse brennende Liebesgrüsse meines Ex – nur waren sie nicht für mich bestimmt, sondern für seine neue Freundin. Man kann sich schliesslich auch mal vertippen beim Senden!

Wenn Elternpaare länger getrennt sind, als sie je zusammen waren, sind die Phasen emotional-verstrickter Botschaften irgendwann dann auch vorbei. Wir schicken uns immer noch Fotos von unseren Kindern aus Ferien-Ländern dieser Welt. Wenn gerade mal WLAN da ist. Und vielleicht weil Ferienbilder Puzzleteile getrennter Kindheiten sind, die sich irgendwann mal zu einer zusammenfügen. Spätestens bei der Fotoshow am Diaprojektor zu ihrer Hochzeit.