Ferien mit wenig Geld – und was Kinder wirklich brauchen

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Die Low-Budget-Ferien mit seinen Söhnen führen unseren Autor an die Nordsee. Zwischen Plastikleuchttürmen und Backgammon findet er heraus, was wahrer Luxus für Kinder heute bedeutet.
Text: Alexander Krützfeldt

Bild: Adobe Stock

Das Angebot für Ferien ohne Geld war überschaubar. Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, etwas an der Adria zu finden, als ich für die Ferienplanung mit den Kindern über die gängigen Buchungsportale schaute. Aber insgeheim hatte ich doch gehofft, dass da, wenn man nur lange genug sucht, irgendwann der Glückstreffer auftaucht: «Jetzt gratis!»

Wenn ich an die Ferien meiner Kindheit zurückdachte, war immer Spanien: Mein Vater war Taucher. Blaues Wasser, Höhlen, scharfe Steine und Aleppo-Kiefern, die sich an Felsen krallten. Der Geruch von nassem Neopren, der im Schatten der Tauchbasen trocknete. Wenn ich daran dachte, wäre ich so gerne mit meinen Söhnen, sechs und neun, direkt dorthin gefahren. Aber unglücklicherweise war ich seit März 2025 privatinsolvent.

Gegen die Nordsee sprach: Es gab nur Schlick, Tonnen von Quallen und die Innenstädte sahen aus, als hätte der Architekt sich danach erschossen.

Fahr doch auf einen Campingplatz, sagte mein Vater. Ich sagte: «Kein Zelt.» Was stimmte, aber nur Teil der Wahrheit war. Ich hatte schlicht keine Lust, meine Zeit auf einer viel zu heissen Wiese zu verbringen, an einem im Kippen begriffenen Badesee, wo ab elf Uhr morgens Typen namens Horst am Grill stehen und gedankenverloren Fleisch wenden, Bier trinken, während Gabis im Schatten des Vorzelts sitzend und mit einem Lachen wie abstürzender Bauschutt Sachen sagen wie: «Aperol ist mein Yoga.»

Das wollte ich auf keinen Fall, also überlegte ich: Nordsee. Was sprach dafür, was sprach dagegen?

Pro und Kontra Nordsee

Dafür sprach die Nähe zum Meer. Wir wohnten in Norddeutschland, sodass es vielleicht zwei Stunden mit dem Regionalexpress wären.

Dagegen sprach: Es gab nur Schlick, Tonnen von Quallen und die Innenstädte sahen aus, als hätte der Architekt sich danach erschossen. Ein Krabbenbrötchen kostete elf Euro. Ich meine: Elf Euro für ein bisschen totes Getier im Brötchen, haben die sie noch alle? Wir wären da auch wirklich nie hingefahren, wenn nicht eine gute Freundin mich freudestrahlend angerufen und gesagt hätte: «Meine Eltern haben doch eine Wohnung auf Amrum!» Praktisch, umsonst, nur die Kosten der Endreinigung würden anfallen. Und sie käme mit ihrer Tochter gleich mit!

Gut, dachte ich, dann müssen wir uns nur einigen, dass nicht überall Geld ausgegeben würde. Geld, das sie wesentlich lockerer sitzen hatte als ich. Sowas erzeugte schnell Druck. Wir einigten uns, minimal zu leben und ohne Medien, und der Plan für den Sommer war gemacht. 

Als wir nach mehrstündiger Fahrt die Insel erreichten, die sich halbmondartig gegen die braune Nordsee aufspannte, als müsste sie jeden Zentimeter gegen das Wasser verteidigen, standen wir schwer bepackt mit Rucksäcken an der Reling der Fähre und wurden von Möwen begrüsst, wie Möwen einen eben begrüssen: Mechanische Kopfbewegungen, als wäre darin ein Automat, der einem nach dem Leben trachtet.

Ich ermahnte meine Söhne, dass alles Essen, was wir in der Öffentlichkeit verzehren würden, die Möwen als ihr Essen betrachten. 

«Ihr dürft diesen Tieren nicht trauen», sagte ich.

«Das ist sowieso alles nur Plastikscheiss!»

Da wir aufgrund der Überfahrtskosten schon sparen mussten, nahmen wir nicht den Bus, sondern liefen. Das hatte zum Vorteil, dass man praktisch alles unterwegs schon sehen konnte, was es zu entdecken gab. Der Nachteil war, dass man unterwegs alles sehen konnte. So sahen wir nämlich sämtliche Postkartenshops und Souvenirläden, sämtliche Plüschrobben mit Kapitänsmützen, auf denen «Moin» stand, alle Schlüsselanhänger mit «I love Amrum» und jeden Becher mit «Meine Love Language ist Grog!».

Meine Kinder zogen mich in jeden Laden, und ich sagte tausendmal den Satz: «Nein, das gibt es jetzt nicht!» – bis irgendwann der Satz folgte: «Das ist sowieso alles nur Plastikscheiss!»

Als mein Jüngster, 6, sich in einem dieser Läden nach dem Preis eines kleinen Leuchtturms erkundigte und einen Preis genannt bekam, der ihm deutlich zu hoch erschien, sagte er entrüstet zur Kassierin, das sei sowieso nur Plastikscheiss. Das jedenfalls sage sein Vater. Wir guckten uns eine Weile an, die Kassierin und ich, und spielten das Spiel, wer zuerst wegschaut. Als sie nicht wegguckte, sagte ich, alles täte mir wahnsinnig leid.

Ferien ohne Geld: Der Leuchtturm von Amrun
Der Leuchtturm auf Amrum: Lieber so, als in Form eines Schlüsselanhängers. (Bild: Adobe Stock)

Als ich das Licht anknipste in unserer Wohnung, fiel mein Blick auf die Betten, das Sofa, die kleine Küche in der Ecke. Das würde für die kommenden Tage unser Zuhause sein. Klein, einfach und gemütlich. Ich zog die Vorhänge auf und im Fenster: die hässliche Schwester des Mittelmeers. 

Aber okay, dachte ich, während wir unsere Sachen ablegten, kreischend die Zimmer bezogen und unter Streit ausmachten, wer welches Bett bekommt: Das würde sicher alles gar nicht so schlecht werden. Was könnte man auf Amrum beispielsweise machen, was kein Geld kostet?

Bleibende Erinnerungen

Während ich die Prospekte durchblätterte, die in der Wohnung lagen, dachte ich an unsere letzten Ferien in Boltenhagen an der Ostsee. Da hatten wir uns mal in einem Irrgarten verlaufen, für nur fünf Euro, weil ich dachte, das sei ein Kinderspiel. Am Ende wurde es ein veritabler Tagesausflug, der uns aber, wie ich fand, alle ungemein zusammengeschweisst hatte.

Zum Beispiel erinnerte ich mich noch gut daran, wie mein Vater mit mir mal auf der Luftmatratze in Spanien hinausgetrieben waren und wir in Seenot gerieten. Der Weg zurück, das mühsame Paddeln an Land, die Momente, in denen nicht ganz klar war, ob wir es schaffen: Das war echte Qualitätszeit gewesen mit meinem Vater.

Überhaupt: Wenn ich mich an Spanien erinnerte, dachte ich auch nicht an die schönen Lokale, in denen wir abends assen, abgesehen von der hervorragenden Überbackene-Baguettes-Bude direkt am Pool. Häufig waren es in meiner Erinnerung nur Nudeln mit Sauce, die es gab, wenn wir Kinder todeserschöpft vom Strand kamen.

Einmal hatten mein Vater und ich mit dem Zug vom Markt in der spanischen Nachbarstadt Gambas geholt, zwei grosse Eimer voll, die, mit Eis gekühlt, den Weg den Berg hinauf überstehen sollten. Leider war der Berg unfassbar steil, und das Eis schmolz, und das Gewicht stieg, und trotzdem waren wir am Ende stolz und kaputt, als wir oben ankamen. In meiner Erinnerung hat das Essen nie besser geschmeckt.

Vielleicht ist heutzutage das Weglassen der viel grössere Luxus als das Ermöglichen.

Wir trommelten die Kinder zusammen und gingen raus zum Strand, an dem wir die ganze Woche verbrachten. Man konnte nicht direkt schwimmen, da sich das Meer jedes Mal panisch zurückzog, wenn wir kamen. Aber das war auch egal: Einmal gingen wir ins Schwimmbad. Einmal machten wir eine private Wattwanderung, aber nur unweit des Strandes, wobei sich mein Sohn den Fuss an einer Muschel verletzte. Einmal sahen wir uns ein Walskelett an, und nach Minuten des Staunens sagten die Kinder: «Können wir jetzt gehen?»

Viel Zeit und nichts vor

Rückblickend betrachtet war das alles sehr schön. Wir hatten nichts vor und die Zeit dehnte sich ins Unendliche, sodass sie irgendwann einfach frei hatte und Backgammon spielte. Damit irgendwas passierte. Der Tag begann, der Tag ging wieder. Nur am Tag der Abreise machten wir, weil wir packen und saubermachen mussten, einmal den Fernseher an.

Auch zu Geldstreitigkeiten kam es gar nicht. Meine Freundin machte bei alledem mit und verzichtete auf ihren Luxus. Das war schön und sehr freundlich, und vermutlich war es der Grund, warum alles so harmonisch verlief. «Wieso», sagte sie einmal, «ich hab doch alles.»

Was ist alles, dachte ich.

Wenn ich an meine Kindheit dachte, dachte ich an endlose Sommer. An den See, an Schweden, an Hütten hinter dem Haus, die kaum verlassen werden konnten, auch wenn die Eltern riefen: «Es gibt jetzt Essen.» Ich erinnerte mich immer an viele Kinder. An Erwachsene, am Lagerfeuer. Ein Glas Wein in der Hand und jemand spielte Gitarre und sang sehr schlecht «Wonderwall» mit.

Ich erinnerte mich, wie ich da manchmal stand, als kleiner Junge in der Dämmerung, der Wald, der langsam sein Tageslicht verliert, und wie ich es kaum erwarten konnte, ihn am nächsten Tag wiederzusehen, während hinter mir schon das Lagerfeuer knackte. Geh noch nicht, bleib noch. Noch nicht dunkel werden jetzt. Was ist alles?

Uns fehlt es an nichts

«Was denkst du?», fragte meine Freundin, als die Kinder hinter uns schliefen wie Hunde, die vom Jagen träumen. Wir auf der Stufe vor der Haustür, ein Glas Wein. «Gefällt es dir hier, obwohl du die Nordsee hast?»

Ich lächelte sie an, die letzten Sonnenstrahlen im Gesicht. Die Augen hinter der Sonnenbrille. «Ja», sagte ich. «Schon sehr.»

«Warum?», fragte sie.

«Weil ich vielleicht gerade etwas verstanden habe.»

«Was denn?», wollte sie wissen und nippte am Wein.

Dass ich mich heute auch an die Sachen erinnere, die wir alle nicht durften: Handys, Konsolen, Fernsehen. Luxus. Teure Spielsachen mal eben vom Shop.

«Mein Sohn hat vorhin gesagt: Uns fehlt es an nichts», antwortete ich. «Vielleicht ist heutzutage das Weglassen der viel grössere Luxus als das Ermöglichen. Weisst du, was ich meine?»