Zwei Wochen Japan mit Kind und Teenager – lohnt sich das?

Lesedauer: 14 min
Zusammen mit ihren Töchtern – 10 und 14 Jahre alt – ist unsere Autorin nach Japan gereist. Eine Reportage über Reizüberflutung, lustige Momente und die Frage, ob eine Reise um den halben Globus für Kinder und Teenager geeignet ist.
Text + Bilder: Jennifer Fizia

Mama?», flüstert es durch den Raum. Blinzelnd werde ich wach und versuche, mich zu orientieren. Während meine zehnjährige Tochter Stella weiterredet, wird mir bewusst: Ich liege auf einem Futon in Osaka, Japan. Und es ist 2:30 Uhr morgens.

Der Jetlag hat in der zweiten Nacht doch noch zugeschlagen. Wir verbringen anderthalb Stunden mit der Frage, was wir in den nächsten Tagen unternehmen wollen. Eigentlich möchte ich nur schlafen, doch ich gebe mir einen Ruck: Ich spüre die Aufregung meiner jüngeren Tochter und wie unser nächtliches Pläneschmieden sie beruhigt. Ihre vierzehnjährige Schwester Zoe hat ihr eigenes Zimmer – sie verschläft den Jetlag einfach.

Zoe – Cosplay-Fan, Matcha-Liebhaberin und Verehrerin japanischer Mode – ist der Grund, weshalb wir uns 14'000 Kilometer entfernt von der Heimat die Nacht um die Ohren schlagen. «Mama, ich möchte so gerne die Kirschblüte in Japan sehen. Können wir da irgendwann mal hinfliegen?», hatte Zoe mich schon vor vielen Monaten gefragt.

Mein Herz hüpfte sofort höher. Die Welt entdecken, andere Kulturen kennenlernen, Abenteuer erleben – das ist meine Leidenschaft. Wie sehr hatte ich mich darauf gefreut, meine Töchter mit dieser Begeisterung anzustecken. Also scrollte ich im Herbst vergangenen Jahres durch Ferien- und Kirschblütentermine. Und siehe da: Die Osterferien im deutschen Norden fielen genau auf die Zeit der Kirschblüte 2026 in Japan. So wurde aus «irgendwann» kurzerhand ein «dieses Jahr».

Unterschiedliche Töchter, unterschiedliche Bedürfnisse

Mit allem, was Zoe nach Japan zieht – vor allem Cosplay-Verkleidungen und Coquette-Mode mit Kawaii-Ästhetik, also sehr feminine Kleidung mit zarten Stoffen, vielen Schleifen und Pastellfarben – kann Stella nicht besonders viel anfangen. Meine Töchter sind grundverschieden. Im Charakter, im Stil, und was ihre Interessen betrifft.

Das fordert uns auf Reisen immer wieder heraus: Stella liebt Kunst, Kultur und Wandern in den Bergen. Trubelige Grossstädte und Shoppen sind ihr ein Graus. Für Zoe sind japanische Shoppingcenter dagegen der Himmel auf Erden, stickige Museen mag sie überhaupt nicht. Und das Wort «Wandern» jagt ihr Gänsehaut über den Rücken. Zum Glück sind beide kompromissbereit.

Ich bin stolz, dass meine Töchter spüren, wenn ich als Mama eine Pause zum Durchatmen brauche, und dann wie selbstverständlich einspringen.

Wobei Zoe diesmal klar im Vorteil ist: Unsere Route führt uns nur durch Städte Japans: Osaka, Tokio, Kyoto und zum Schluss noch einmal Osaka. Eine klassische Erholungsreise würde das nicht werden. Eher ein Abenteuer mit Rollkoffern, Metroplänen und Momenten zum Durchatmen.

Rein ins rosafarbene Abenteuer

Unsere erste Unterkunft liegt nicht weit entfernt von der Burg Osaka. Nach kurzer U-Bahn-Fahrt fallen wir aus dem kühlen Untergrund hinein in Sonne, warme Luft und weiss-rosafarbene Blütenpracht. Unter den Kirschbäumen des Parks rund um die Burg picknicken Familien und Freundesgruppen auf blauen Planen.

Wir gönnen uns Soufflé-Pancakes mit zuckersüsser Bohnenpaste, die mit eingelegten Kirschblättern versetzt ist. Osaka ist bekannt für viele der beliebtesten Gerichte Japans. Wir merken schnell: Vegetarische Varianten sind rar. Sich fleischlos oder sogar vegan zu ernähren, ist im Inselstaat überraschend herausfordernd. Mal kommt das bestellte, vegetarische Essen mit Hähnchen-Topping, mal versteckt sich Kaviar in der Pilzpasta, mal entpuppen sich die «Nudeln mit Käse» aus dem Convenience Store 7-Eleven als Pasta mit Bratensauce. Käsetoasts und Desserts müssen uns zu oft über den Tag retten.

Wenn die Kinder uns ans Ziel führen

Was uns positiv überrascht: Das Land lässt sich mit Kindern gut bereisen. An Bahnhöfen, Metro- und Busstationen ist vieles zusätzlich auf Englisch ausgeschildert. Google Maps zeigt in der Regel den passenden Ausgang oder lotst zum richtigen Gleis. Das ist Gold wert, wenn man mit Koffern, Rucksäcken und Kindern in einem Bahnhof steht, der wie eine eigene Stadt wirkt.

Mich überfordern die Situationen an den Bahnhöfen trotzdem häufig. Die gefühlt tausend Anzeigetafeln sind mir zu viel. Da öffnet sich eine weitere, schöne Überraschung: Meine Töchter übernehmen ab und zu das Ruder und führen uns sicher zum Ziel. Sie legen ihren Schulweg seit der ersten Klasse allein zurück – sich zurecht finden zu können, ist für sie eine Selbstverständlichkeit. Beide sind dabei ruhiger, geerdeter und weniger nervös als ich. Ich bin stolz und dankbar, dass meine Töchter spüren, wenn ich als Mama eine Pause zum Durchatmen brauche, und dann wie selbstverständlich einspringen.

Es sind oft die kleinen Dinge, die uns begeistern, und weniger die typsichen Sehenswürdigkeiten, die auf Insta und Tiktok gehypt werden.

Auch vor unserer Weiterfahrt nach Tokio übernimmt Zoe am Bahnhof die Führung. Von Osaka bringt uns der Shinkansen in zweieinhalb Stunden in Japans Hauptstadt. Der Zug ist sauber, pünktlich und ruhig. Vor dem Fenster zieht irgendwann der Fuji vorbei. Dichte Gewitterwolken versperren die Sicht auf den Vulkan, aber wir nehmen uns vor, ihn noch bei Sonnenschein zu bewundern.

In Tokio angekommen, erschlägt uns der Andrang am Bahnhof erst einmal. Alles ist viel: Verkehr, Menschen, Schilder, Ebenen. Für Stella, die trubelige Grossstädte nicht besonders mag, sind solche Momente herausfordernd. Sie braucht Pausen, etwas zu essen und manchmal einfach einen ruhigen Ort. Zoe dagegen saugt die Eindrücke der wuselnden Menschenmassen auf und drängt sich mit grosser Freude durch enge Shoppingcenter.

Das Tretboot-Abenteuer auf dem Kawaguchi-See

Um dem Trubel zu entfliehen, besuchen wir Parks und Gärten. Im Shinjuku Gyoen National Garden in Tokio schlendern wir durch Kirschblütenalleen. Sakura, die japanische Kirschblüte, begleitet uns auch auf unserer eintägigen Bustour zum Fuji. Immer wieder entdecken wir auf der Fahrt blühende Bäume, die wie kleine Tupfer Farbe in die Welt malen.

Am Kawaguchi-See mieten wir ein Pedalo in Schwanenform und strampeln mit Blick auf den Berg übers Wasser – tatsächlich bei schönstem Sonnenschein. Es ist albern, anstrengend und genau deshalb einer der Ausflüge, über die wir auch später immer wieder lachen müssen. Wir treten und treten, während meine Töchter sich immer wieder über die Hoheit des Lenkrads zanken. Ich versuche zu schlichten und zack: bilden die zwei Team Einheit gegen Mama. Familienzeit vom Schönsten: Sich zanken, gegenseitig nerven und dann wieder innigst verbunden sein.

Bei der Einfahrt in den Hafen sehe ich uns schon an die erstbeste Kante knallen. Meine Töchter dagegen beweisen kindliche Gelassenheit und steuern unseren Schwan perfekt an den Anlegesteg. In solchen Momenten spüren wir: Auch wenn wir uns manchmal auf den Keks gehen – als Team funktionieren wir meist hervorragend.

Es braucht Zeit, die vielen Eindrücke zu verdauen. Sonst sind am Ende alle ausgelaugt und genervt.

Was uns entschleunigt

Tokio dagegen meint es wettertechnisch nicht gut mit uns – es stürmt und regnet fast täglich. Doch pünktlich zum Besuch der berühmten Shibuya-Kreuzung verziehen sich die Wolken. Menschen, Reklametafeln, Geräusche: Alles wirkt beeindruckend, allerdings weniger überwältigend als erwartet. Am Ende ist es einfach eine Kreuzung. Vielleicht, weil manche Dinge, die auf Insta oder Tiktok gehypt werden, vor Ort gar nicht so spektakulär sind. Wir merken: Es sind oft die kleinen Dinge, die uns begeistern und selten die typischen Sehenswürdigkeiten.

Vielleicht aber auch, weil Japan selbst an solch vollen Orten geordnet bleibt. Immer wieder fällt uns auf, dass die Städte zwar voll sind, aber selten laut. Nicht Lärm verursacht hier die Reizüberflutung, sondern die Menge an Eindrücken. Japan funktioniert als Familienreiseziel gut, wenn man nicht versucht, jeden Tag maximal zu füllen. Zoe muss mich bisweilen daran erinnern. Sie passt auf, dass ihre jüngere Schwester auch mal einen halben Tag Pause bekommt. Entschleunigung ist auf Reisen mit Kindern und Teenagern wichtig. Es braucht Zeit, die vielen Eindrücke zu verdauen. Sonst sind am Ende alle ausgelaugt und genervt.

Manchmal reicht eben ein Tempel, ein Park, ein Besuch im Katzencafé. Das zeigt sich besonders in Kyoto. Die ehemalige Hauptstadt Japans begeistert mit Tempeln, Schreinen und traditionellen Gassen. Wir besuchen den Goldenen Tempel, laufen durch die roten Tore des Fushimi Inari-Taisha-Schreins und staunen im Bambuswald. Kyoto wirkt ausgeglichener als Osaka und Tokio. Ausserdem finden wir hier endlich mehr vegetarische und vegane Restaurants.

Unsere Tipps

Zoes Tipp:
Wer japanische Mode mag, sollte in die Mall Laforet Harajuku in Tokio oder ins EST Osaka fahren. Sie lohnen sich mehr als das gehypte Shibuya109.

Stellas Tipp:
Konzentriert euch darauf, in Japan Dinge zu unternehmen und zu entdecken, die es bei euch zu Hause nicht gibt.

Unsere Buchtipps:

Warum Japaner kaum Englisch sprechen

Wir haben auch das Gefühl, dass hier mehr Englisch gesprochen wird. Das ist etwas, was uns ebenfalls erstaunt: Wir treffen auf unserer Reise kaum Japanerinnen und Japaner, die auf Englisch mit uns kommunizieren. Selbstverständlich kennen wir die wichtigsten Grundbegriffe auf Japanisch, und heutzutage ist es dank Übersetzungstools am Handy kein Problem, sich in allen Sprachen zu verständigen.

Dennoch finden wir es auffällig, dass auch junge Leute in Geschäften und Restaurants wenig bis gar kein Englisch sprechen. Zurück zu Hause recherchieren wir: Der Englischunterricht in der Schule fokussiert sich in Japan eher aufs Auswendiglernen von Vokabeln, viel weniger aufs Anwenden und Üben der Konversation auf Englisch. Ausserdem war der Inselstaat lange vom Rest der Welt abgeschnitten; der Anteil von Ausländerinnen und Ausländern in Japan ist relativ gering. Daher besteht kein Zwang, die englische Sprache zu beherrschen und zu nutzen.

Kinder speichern Reisen eher in Gefühlen, Gerüchen, kleinen Ritualen und komischen Momenten.

Spielzeugkugeln und heilige Hirsche: Was Kinder und Teens begeistert

Neben Vegi-Essen und mehr Englisch finden wir noch etwas: Gachapon-Automaten. Für Kinder und Teenager sind sie fast so faszinierend wie die grossen Sehenswürdigkeiten. In den Automaten stecken kleine Überraschungskugeln mit Figuren oder Miniaturen. Man wirft Münzen ein, dreht am Griff und weiss vorher nie genau, welche Figur herauskommt.

Ähnlich unvergesslich ist unser Ausflug nach Nara. Im Park leben frei laufende, als heilig geltende Sikahirsche, die von vielen Besucherinnen und Besuchern gefüttert werden. Die Tiere haben gelernt, dass eine Verbeugung ihre Chance auf einen leckeren Snack erhöht. Das wirkt erst zauberhaft, kann aber schnell hektisch werden. Wer Cracker in der Hand hält, wird sofort erkannt und umringt. Unsere Regel lautet: Hände hoch, ruhig weitergehen und nicht kreischen.

Für meine Töchter sind es am Ende diese Momente, die hängen bleiben: die nächtliche Jetlag-Unterhaltung, der Pedalo-Schwan am Fuji, die Gachapon-Automaten, die Hirsche. Natürlich erinnern wir uns auch an Tempel, Schreine und Kirschblüten. Aber Kinder speichern Reisen oft eher in Gefühlen, Gerüchen, kleinen Ritualen und komischen Momenten.

Keine Erholung, nicht nachhaltig und trotzdem wunderschön

Nach vierzehn Tagen nehmen wir Abschied von einem Land, das uns begeistert, überrascht und manchmal überfordert hat. Japan mit Kindern ist kein klassischer Erholungsurlaub. Die Anreise ist lang, die Städte sind gross, die Tage schnell voll.

Auch im Sinne der Nachhaltigkeit ist die Reise mit dem Flugzeug problematisch. Man muss sich als Familie entscheiden, wie man damit umgeht. Wir versuchen, häufig per Auto oder Zug in die Nachbarländer zu reisen und Europa zu erkunden, um die Klimakrise nicht jedes Jahr mit weiten Flügen zu befeuern. Aber wer so gerne wie wir andere Kulturen kennenlernt, kommt um Fernreisen nicht herum – zumindest hin und wieder.

Unser Fazit: Japan ist sauber, sicher, gut organisiert und erstaunlich leicht zu bereisen. Das ostasiatische Land lohnt sich als Familienreiseziel, wenn man bereit ist, das Tempo der Kinder ernst zu nehmen. Wer Pausen einplant und kleine Alltagsentdeckungen zulässt, kann als Familie sehr viel mitnehmen. Uns hat die Reise vor allem gezeigt, dass wir trotz aller Unterschiede gut klarkommen. Und wir haben Erinnerungen geschaffen, die für immer in unseren Herzen wohnen werden.

Als Familie nach Japan

Unsere Tipps

Planung + Organisation

  • Reisezeit: Frühjahr und Herbst sind beliebt, aber auch teurer. Sommer und Winter können ebenfalls reizvoll sein.
  • Flugplanung: Früh buchen lohnt sich. Flexibilität beim Abflughafen und Zwischenstopps können Geld sparen. Tipp: Das Einreiseformular im Vorfeld digital ausfüllen, um bei der Einreise Zeit zu sparen.
  • Zeit: Japan ist Mitteleuropa sieben (zur Sommerzeit) bzw. acht Stunden voraus. Der Jetlag wirkt sich stärker beim Flug von Europa nach Japan aus, weniger beim Rückflug.
  • Route: Für zwei Wochen bietet sich eine überschaubare Route an. Osaka, Tokio und Kyoto lassen sich gut kombinieren; für mehr Natur sollte man weniger Städte einplanen.
  • Transport: Für die Reisen mit Metro, S-Bahn und Bus lohnen sich IC Cards. Man kann sie an Flug- und Bahnhöfen kaufen und manche digital erwerben. Tipp: Kinder bis 11 Jahre zahlen nur die Hälfte für die Fahrten – man muss die Karte allerdings am Schalter kaufen und den Ausweis des Kindes als Nachweis vorlegen.
  • Unterkünfte: Apartments haben den Vorteil, dass man als Familie eine Möglichkeit zum Kochen hat. Für uns war das die Rettung.

    Budget realistisch planen

  • Japan ist kein günstiges Fernreiseziel, lässt sich allerdings gut kalkulieren. Unsere grössten Fixkosten waren die Flüge mit rund 1000 Euro pro Person und die Unterkünfte mit insgesamt rund 2000 Euro für vier Airbnbs. Hinzu kamen Nahverkehr, Shinkansen, Ausflüge, Eintritte, Essen und kleine Alltagsausgaben.

    Was wir beim nächsten Mal anders machen würden

  • Wir würden weniger Stationen einplanen und mehr Pausentage einbauen. Eine Reise mit Kindern wird nicht besser, wenn man mehr abhakt. Sie wird besser, wenn alle genug Kraft haben, neugierig zu bleiben.