Hat mein Kind eine Angststörung?

Aus Ausgabe
02 / Februar 2026
Lesedauer: 17 min
Angst ist ein wichtiges Gefühl. Doch wenn die Angst zu gross wird und wichtige Lebensbereiche dominiert, spricht man von einer Störung. Warum haben immer mehr Kinder und Jugendliche Angst? Und wie können Eltern ihr begegnen?
Text: Claudia Füssler 

Bilder: Getty Images

Als Lea* sich schreiend an den Türrahmen klammerte und sich weigerte, in die Schule zu gehen, wurde Martina Hissmann* klar, dass sie wirklich ein Problem hatten. «Bis dahin hatte ich gedacht, dass wir das selber hinkriegen, so wie wir auch sonst alles hinbekommen haben», sagt die Mutter der heute Zwölfjährigen aus Basel. Doch nun war aus dem anfänglichen «Ich möchte nicht» und «Ich will nicht in die Schule gehen» auf einmal ein «Ich kann nicht» geworden.

Lea konnte nicht, weil sie Angst hatte. So wie ihr geht es immer mehr Kindern und Jugend­lichen – nicht nur in der Schweiz, sondern auf der ganzen Welt. Bereits vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie waren 7,5 bis 10 Prozent mit Angststörungen belastet, Mädchen häufiger als Jungs.

Inzwischen sind es 15 bis 20 Prozent der Heranwachsenden, also doppelt so viele. Zu diesem Ergebnis kam eine 2021 im Fachblatt «Jama Pediatrics» veröffentlichte Metaanalyse. Seither, sagen Fachleute, habe sich die Situation nicht wesentlich geändert.

Angststörung versus Angsterkrankung

Was ist das eigentlich, eine Angststörung? Wie entsteht sie und welche Kinder sind besonders häufig davon betroffen? Was können Eltern tun und welche Wege führen aus der Angst? Das Dossier möchte im Folgenden diese und weitere Fragen beantworten. 

Angst ist, wenn aus dem «Ich will nicht» ein «Ich kann nicht» wird.

Die Bezeichnungen «Angst­störung» und «Angsterkrankung» können synonym verwendet werden. Marina Zulauf Logoz ­bevorzugt den Begriff «Angststörung». «Er ist neutral und deskriptiv, da ist etwas gestört und funktioniert eben gerade nicht. Das Wort «Angsterkrankung» hingegen klingt für mich sehr negativ, zumindest, wenn die Angststörung nicht so schwer ist und noch nicht lange besteht», sagt die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin an der ­Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK).

Wenn hingegen eine sehr hohe Beeinträchtigung bestehe, könne der Begriff «Angst­erkrankung» für Patientinnen und Patienten entlastend wirken.  

Verschiedene Formen von Angst

Die Angst hat viele Gesichter. Eine Form der Angststörung sind Phobien. Dabei fürchtet man sich vor bestimmten Objekten oder Situationen: vor Spinnen oder Hunden, Nadeln oder Knöpfen. Oder man hat Angst, in einem Lift oder Flugzeug eingeschlossen zu sein.

Recht verbreitet im mittleren Kindesalter ist die soziale Phobie. «In ihrer mildesten Form tritt sie als Lampenfieber auf. Ist sie aber ausgeprägter, kann die Angst vor Fremden ein Kind daran hindern, Freunde zu finden», sagt Zulauf Logoz. Es geht hierbei im Kern um die Angst davor, von anderen Menschen negativ beurteilt zu werden.

Kinder mit einer ­generalisierten Angststörung sind oft sehr erschöpft, sie sind in einem physiologischen Alarmzustand.

Eine ähnliche, aber viel stärker beeinträchtigende Angst haben Kinder mit sogenanntem selektivem Mutismus. Sie sprechen nur daheim und mit engsten Familienmitgliedern und Freunden, während sie in Schule und Kindergarten anderen gegenüber stumm bleiben.

Auch die emotionale Störung mit Trennungsangst zählt zu den Angststörungen bei jungen Kindern. Dabei ängstigen sich die Kinder vor jeder Situation, in der sie von den Eltern getrennt werden. Sie wollen teilweise nicht einmal alleine in einem Zimmer bleiben und können sich auch beim Zubettgehen nicht von Mama und Papa lösen. 

Panikstörung eher selten

Unspezifischer ist die generalisierte Angststörung. Bei Jugendlichen, die davon betroffen sind, rotieren ständig übertriebene Sorgen im Kopf, quasi alles und jedes Thema löst frei flottierende Ängste aus. «Diese Jungen und Mädchen wirken sehr erschöpft, sind oft blass und fahrig, denn Angst ist ja immer auch mit einem physiologischen Alarmzustand verbunden», sagt Zulauf Logoz. 

Eine weitere Form der Angststörung ist die Panikstörung. Dabei erleben die sich am Anfang oder in der Pubertät befindenden Jugend­lichen aus heiterem Himmel starke Angstanfälle. Sie schwitzen, zittern, haben Herzrasen und Kreislaufprobleme und nicht selten das Gefühl, in einer gesundheitlich sehr bedrohlichen Situation zu stecken – bis hin zur Todesangst.

«Typisch für eine Panikstörung ist auch die Angst vor einem nächsten Panik­anfall. Die Betroffenen ziehen sich zurück, gehen nicht mehr in die Schule und generell nicht mehr aus dem Haus», so Zulauf Logoz.  

Die weitaus meisten Kinder und Jugendlichen, die von einer Angststörung betroffen sind, leiden an einer Phobie, an sozialer Angst oder Trennungsangst. Eher selten – Studien nennen Zahlen von 0,5 bis 2 ​Prozent der Betroffenen – sind die schwereren Formen wie die generalisierte Angststörung und die Panikstörung.  

Die Ursache der Angst

Angststörungen treten in unterschiedlichem Lebensalter auf. Während Trennungsangst vor allem für das junge Kindesalter typisch ist, steigen die Fälle sozialer Ängste sprunghaft an, wenn die Kinder zwischen acht, neun, zehn Jahre alt sind. «In dieser Zeit beginnt die Bewertung durch die Umwelt», sagt Zulauf Logoz.

Hinter scheinbar diffusen Ängsten stecke oft eine sehr spezifische Ursache, sagt Psychotherapeutin Marina Zulauf Logoz.

«Die Eltern sind nicht mehr ständig dabei und plötzlich bekommt das Kind ein «Du bist doof» oder «Guck mal, die hat ja eine komische Hose an» zu hören.» Die Expertin rät, bei jeder Form von Angst sehr genau hinzuschauen. So stecke hinter vielen scheinbar allgemeinen, diffusen Ängsten oft eine sehr spezifische Ursache.

Leas Auslöser

Bei Lea waren es vor allem die Dienstage, die grosse Angst auslösten. Leas Eltern – sie Ärztin, er Ingenieur – brauchten einige Nachfragen und Gespräche, bis sie verstanden, wieso. Leas Klassenlehrerin war bekannt für ihre konservativen Methoden.

Wer nicht hörte, musste im Klassenzimmer mit dem Gesicht zur Wand stehen. In einer nächsten Eskalationsstufe folgten die Verbannung vor die Tür und ein Anruf bei den Eltern. Dass die Lehrerin zudem oft scheinbar aus heiterem Himmel losschrie, war für die lärmsensible Lea ein zusätzlicher Stressfaktor.

Besonders schlimm war es, wenn ein Ausflug anstand: Um die Klasse sicher von A nach B zu bringen, forderte die Lehrerin brüllend und mit Generalbestrafungen Disziplin ein. Dienstags stand der Schwimmunterricht auf dem Programm – das entsprach dem Setting eines Ausflugs. Irgendwann wollte Lea also dienstags nicht mehr in die Schule.

«Das fing ganz schleichend an», erzählt Martina Hissmann. «Erst versuchte sie es noch und kam dann wieder zurück, dann folgte die Scham, was die anderen Kinder wohl denken, wenn sie schwänzt. Und es endete damit, dass die ganze Familie bereits am Sonntagabend gestresst war wegen des drohenden Dienstags.»

Studie zeigt: Menschen ohne Angststörungen machen zweieinhalbmal öfter einen Lehrabschluss, als solche ohne (Bild: iwin / unsplash)

Gibt es eine Veranlagung?

Wer bekommt eigentlich eine Angststörung? «Es gibt sicher eine biologische Veranlagung, Menschen, die eher ängstlicher Natur sind», sagt Christian Fleischhaker. «Doch daraus resultiert nicht automatisch eine Angststörung, da kommen noch weitere Faktoren hinzu.» Der Kommissarische Ärztliche Direktor der Klinik für Psychi­atrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Freiburg i. Br. verzeichnet seit der Corona-Pandemie einen massiven Anstieg an Fällen auf seinen Stationen.

«Wir haben die Kinder und Jugendlichen damals richtig im Regen stehen gelassen, als sie von heute auf morgen weder ihre Peergroups treffen noch in die Schule durften», sagt Fleischhaker. Aber auch die sich immer rasanter verändernde Welt mit ihren nach wie vor ungelösten Krisen und Kriegen sieht er als Treiber von Angststörungen: «Das ist ja schon für viele Erwachsene hochgradig beängstigend, da kann man sich etwa vorstellen, wie das aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen wirken muss.»

Stark überbehütete Kinder oder solche, die zu wenig emotionale Nähe erfahren, können eher Angststörungen entwickeln.

Soziale Medien als Brandbeschleuniger

Hinzu kommen die sozialen Medien, «aus fachlicher Sicht ein maximaler Brandbeschleuniger, was die Schädigung der psychischen Gesundheit angeht».

Expertinnen und Experten schätzen, dass Angststörungen zu 30 bis 50 Prozent erblich bedingt sein können. Bei diesen Kindern ist das körpereigene Alarmsystem sensibler eingestellt als bei anderen. Aber auch der Erziehungsstil kann sich auswirken. Stark überbehütete Kinder oder solche, die zu wenig emotionale Nähe erfahren, können eher Angststörungen entwickeln. Und wer eine andere psychische oder körperliche Erkrankung hat, neigt ebenfalls mehr zu Angststörungen als ein gesundes Kind.

Früh Hilfe holen

Angststörungen wabern, sagt Marina Zulauf Logoz. Sie treten mal mehr, mal weniger intensiv auf, wechseln ihre Erscheinung und werden auch dadurch beeinflusst, wie das Umfeld mit den Ängstlichen umgeht. Ob man sie belächelt, die Angst gar als übertrieben abtut oder das Leid des Kindes sieht und es ernst nimmt.

Eines aber ist klar: Unbehandelte Angststörungen nehmen meist einen ungünstigen Verlauf und beeinflussen die Entwicklung der Betroffenen negativ.

Bei einer Angststörung kann man in wenigen Therapiesitzungen viel erreichen.

Marina Zulauf Logoz, Psychotherapeutin

«Wir wissen aus einer grossen neusee­ländischen Studie, dass junge ­Menschen ohne Angststörung anderthalbmal öfter einen Universitätsabschluss und zweieinhalbmal öfter einen Lehrabschluss machen als solche mit Angststörung», sagt Zulauf Logoz. Sie plädiert daher sehr dafür, so früh wie möglich fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Je jünger die Kinder, desto eingebundener sind sie noch in die Systeme Familie und Schule. Eltern und Lehrpersonen können so gut gemeinsam dafür sorgen, dass beispielsweise die Angst vor dem Schulweg schrittweise überwunden wird.

Gefahr einer Depression

«Man kann bei einer Angststörung in wenigen Sitzungen viel erreichen und verkürzt damit die Zeit, in der die Kinder leiden und an Lebensqualität verlieren», so ­Zulauf Logoz. Weil die Wartezeit auf einen Therapieplatz oft lang ist, bieten einige Kliniken und Insti­tutionen Präventions- und Informationsabende an. Dort können sich Eltern niederschwellig ­informieren, wie sie mit ihrem ängstlichen Kind umgehen können.

Zu einer unbehandelten Angststörung kann nur allzu schnell eine Depression hinzukommen. «Bei etwa drei Vierteln der Fälle, die wir hier teilstationär haben, erleben wir diese Kombination», sagt Christian Fleischhaker. Die Angst und das Gefühl, ihr ausgeliefert zu sein, sorgt nicht nur für einen sozialen Rückzug, sondern zerstört auch den Selbstwert. Es gibt nahezu keine positiven Erlebnisse mehr, sodass es schliesslich zu depressiven Episoden kommt.

Angst erkennen

Woher aber wissen Eltern, was eine normale Schüchternheit und Ängstlichkeit ist, die mit dem Grösserwerden von allein verschwindet, und was einer Behandlung bedarf? Die zwei entscheidenden Kriterien sind der persönliche Leidensdruck und eine beeinträchtigte Entwicklung. Wenn die normalen Entwicklungsaufgaben wie das Schliessen von Freundschaften oder das Erlernen einer gewissen Autonomie und Eigenständigkeit blockiert sind, sollten Eltern genauer hinschauen. 

Ein typisches Beispiel ist das Klassenlager. Aufgeregt sein, Heimweh haben, das ist völlig im Rahmen. Wenn sich ein Kind aber schon Wochen vorher Gedanken darüber macht, ob es das schafft, und schon der Gedanke daran es stresst, dann sollten Eltern das Thema im Blick behalten.

«Eltern befürchten, sie schadeten dem Kind, wenn sie es «zwingen», mitzufahren, doch das kann durchaus eine sinnvolle Konfrontation mit der eigenen Angst sein. Zu erleben, dass es dann doch nicht so schlimm ist, wenn man die Angst erst überwunden hat», sagt Zulauf Logoz. Wichtig sei, dass die Eltern ihr Kind auf eine feinfühlige Art dazu motivieren, sich auf dieses Experiment einzulassen.

«Gerade diejenigen Kinder, die ihre Angst nicht laut ­hinausschreien, werden oft übersehen und erhalten viel zu spät Hilfe», sagt Psychotherapeutin Marina Zulauf Logoz.

Kein Fall von «Stell dich nicht so an»

Eine Absage alleine deutet noch nicht auf eine Angststörung hin. Eine Häufung hingegen ergibt ein Muster, das auffällig ist. Wenn sich die Teenagertochter wieder und wieder von Übernachtungen bei Freundinnen abholen lässt, weil sie doch lieber daheim schlafen möchte, sollten die Eltern schauen, ob nicht mehr dahintersteckt.

Das gilt auch dann, wenn nach aussen hin scheinbar alles bestens funktioniert. Das Kind hat gute Noten, kann Prüfungen schreiben, lernt freiwillig – aber es lernt bis tief in die Nacht, macht jedes Mal ein «Drama» daraus, weint viel. «Das subjektive Leid reicht als Kriterium für eine Therapie», sagt Zulauf Logoz. Sie erlebe es oft, dass gerade diejenigen, die ihre Angst nicht laut hinausschreien und ausleben, übersehen werden und viel zu spät Hilfe bekommen.

Schädlich wird Angst dann, wenn sie zu stark, zu häufig oder in objektiv nicht bedrohlichen Situationen auftritt.

Die Eltern von Lea hatten verstanden, dass es kein Fall von «Stell dich nicht so an» war. Sie versuchten es mit gutem Zureden, viel Logik, Kreativität und Strenge, sprachen mit der Schulpsychologin, doch nichts half. «Als ich mein Kind vom Türrahmen wegzerren musste, war das für mich das Zeichen, dass wir professionelle Hilfe brauchen», sagt Martina Hissmann.

Lea war mit diesem Schritt einverstanden. Sie ärgerte sich oft über sich selbst, war richtig wütend: «Das ist ja total bescheuert, dass ich mich so anstelle, ich mach es jetzt einfach!» – und dann war die Angst doch wieder stärker. 

Mit der Angst konfrontiert

Als Therapie einer Angststörung hat sich die Konfrontation bei einem Verhaltenstherapeuten oder einer Verhaltenstherapeutin bewährt, sie wird auch «Gewöhnungstherapie» genannt. Allerdings beträgt die Wartezeit auf einen Therapieplatz in der Schweiz derzeit zwischen drei und fünf Monate.

In den Sitzungen nähert man sich dem Auslöser der Angst. Zulauf Logoz verwendet dafür gern das Bild eines grossen Berges oder einer Leiter, die die Kinder Schritt für Schritt erklimmen. Wer Angst vor Monstern hat, guckt sich erst mal welche auf Bildern an, Spinnen kommen zunächst als Gummiversion auf die Hand, und es genügt, wenn man zu Beginn ein kleines Stück des Schulwegs schafft.

Angststörungen werden in der Regel so therapiert, dass Betroffene der Angst in die Augen schauen.

Binia Roth, Psychotherapeutin

«Die Eltern müssen mit ins Boot geholt werden. Ihnen kommt die Aufgabe zu, zu Hause mit den Kindern die Exposition zu üben und sie zu belohnen», erklärt Zulauf Logoz. «Für dreimal Spinne anfassen gibt es einen Sticker, für fünf Sticker ein kleines Geschenk – so etwas in der Art.»

Zur Gewöhnung gehört auch, Eltern und Kind im Vorfeld ausführlich die Hintergründe zu erklären. Warum hat man eigentlich Angst? Was passiert in dem Moment im Körper? Und warum sind gewisse Ängste wichtig, andere aber nur hinderlich?

Ins engagierte Handeln kommen

Die Konfrontationstherapie entstammt der kognitiven Verhaltenstherapie. Eine Weiterentwicklung ist die Akzeptanz- und Commitmenttherapie, kurz ACT. «Bei Angststörungen sollte man in der Regel zuerst der Angst in die Augen schauen, wir nennen das Exposition. Die ACT macht das auf ihre Art auch», sagt Binia Roth, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in der Basler Praxisgemeinschaft Schlüsselberg. Gerade Jugendliche, die schon länger unter einer Angststörung leiden und sich zurückgezogen haben, können von ACT profitieren. 

Was ist eine Angststörung? 

Angst ist eine Grundemotion, die uns vor Gefahren schützt. Sie steigert in wichtigen Momenten die Aufmerksamkeit, Herzschlag und Atmung beschleunigen sich, Muskeln spannen sich an. Wir machen uns bereit zum Kämpfen oder Fliehen – oder wir erstarren. Unser Körper entscheidet sich in Bruchteilen von Sekunden für diejenige der drei Möglichkeiten, die ihm in dieser Situation die höchsten Überlebenschancen bescheren.

Schädlich wird Angst dann, wenn sie zu stark, zu häufig oder in objektiv nicht bedrohlichen Situationen auftritt. Dann sprechen Fachleute von einer Angststörung. Betroffene fürchten sich vor Dingen, die andere als normal empfinden. Sie erleben dabei die gleichen körperlichen und psychischen Symptome wie bei «normaler» Angst. Die Intensität kann individuell stark variieren, nimmt aber in der Regel zu, wenn die übersteigerte Angst nicht therapiert wird.

Ziel der Therapie ist es, ins engagierte Handeln zu kommen. Dafür muss zunächst die Angst als solche erkannt und akzeptiert werden. «Und zwar nicht einfach nur die Angst an sich», sagt Binia Roth, «sondern auch die ganzen Prozesse drumherum. Was tue ich oder tue ich nicht, um die Angst nicht mehr spüren zu müssen? Vermeide ich es beispielsweise, abends mit Freundinnen rauszugehen, weil ich Angst habe, von ihnen nicht gemocht zu werden? Oder Angst, uncool zu wirken? Welche Dinge vermeide ich, um nicht eine grosse Einsamkeit spüren zu müssen?» 

Welche Werte sind mir wichtig?

In einem zweiten Schritt lenkt Binia Roth den Fokus auf die persönliche Werteorientierung der Jugendlichen. Wir teilen und übernehmen lange die Werte unserer Eltern und es kann herausfordernd sein, sich anzuschauen, was einen davon unabhängig ausmacht und einem wichtig ist.

«Wir verwenden viel Zeit darauf, die grossen Werte wie Ehrlichkeit oder Loyalität herauszuschälen», so Binia Roth. Als Beispiel nennt sie eine Person mit sozialen Ängsten, die gleichzeitig sehr loyal ist und für andere einstehen will.

«Es gibt kein Schulfach, in dem Kindern grund­legendes Wissen über unsere Gefühle vermittelt wird», sagt Psychiater Christian Fleischhaker. (Bild: Maite Pons / Stocksy)

Veranstalte dann deren beste Freundin ein kleines Geburtstags­essen, würde die ängstliche Person eigentlich am liebsten absagen. In einem solchen Fall könnte der Wert «für andere einstehen» bedeuten, trotzdem teilzunehmen und der Freundin zu helfen, das Fest auszurichten. So können aktivierte Werte dazu führen, Ängste und Blockaden zu überwinden und das zu tun, was einem wichtig ist.

Achtsamkeit üben

Ein weiterer wichtiger Pfeiler der ACT ist die Achtsamkeit: Warum bin ich gerade angespannt? Worüber mache ich mir Sorgen? Sind die Werte identifiziert, wird darauf aufgebaut: Was könnte man morgen tun, um diesem Wert ein kleines Stück näherzukommen?

«Wer für sich zum Beispiel den Wert der Verbundenheit definiert hat, der muss seine Angst überwinden und jemandem eine Nachricht schreiben und ein Treffen in drei oder fünf Tagen vereinbaren», sagt Binia Roth. «Damit sind wir dann wieder beim Element der Konfrontation, das auch die Verhaltenstherapie nutzt.»    

Mit Kindern über Gefühle reden

Auch wenn man Angststörungen in der Regel gut behandeln kann: Noch besser wäre es, sie gar nicht erst zu bekommen. Christian Fleischhaker ist überzeugt, dass sich tatsächlich eine Menge Fälle verhindern liessen, wenn Kinder frühzeitig darüber aufgeklärt würden: «Wir haben in unseren Schulsystemen nirgends ein Fach, in dem grundlegendes Wissen über Basis­emotionen vermittelt wird. Welche gibt es, an welchen Symptomen kann ich sie erkennen, welchen Sinn haben sie?»

Ein solcher Kurs in der Unterstufe, möglichst gehalten von Lehrpersonen, die schon eine vertrauensvolle Beziehung zu den Kindern haben, sei die beste Prävention. In einem solchen Kurs könnten Kinder auch lernen, dass Angst gar keine so dumme Sache ist, sondern der Körper sich durchaus etwas dabei «denkt». «Wenn man das versteht und zuordnen kann, macht das automatisch weniger Angst und erleichtert es einem, die Angstwelle abzusurfen, wenn sie denn kommt», sagt Fleischhaker. 

Ein Happyend für Lea

Gut ein Jahr lang gingen die Eltern gemeinsam mit Lea wöchentlich zur Therapie. Mit einem klassischen Dekonditionierungsprogramm lernte das Mädchen, sich Schritt für Schritt seiner Angst zu stellen. Sie ging am Dienstag erst nur in die Schule, fuhr aber nicht mit zum Schwimmen. Dann lief sie mit der Klasse mit zum Tram, stieg aber nicht ein. Später fuhr sie ein paar Stationen mit, stieg aber vor der Schwimmhalle aus. 

«Für mich war die wichtigste Erkenntnis aus dieser ganzen Geschichte, dass wir viel zu lange gewartet hatten. Mein Anspruch war, für das Problem eine Lösung zu finden. Ich konnte einfach nicht loslassen und sagen: Das gehört in fachliche Hände», sagt Martina Hissmann. Sie ist sehr erleichtert, dass die Familie diesen entscheidenden Schritt schliesslich doch noch getan hat. So dass sie von Lea heute nur noch hört: «Schwimmen? Ja klar gehe ich hin.»

*Namen von der Redaktion geändert