Sollen Eltern ihr Kind gegen Windpocken nachimpfen?

Aus Ausgabe
05 / Mai 2026
Lesedauer: 8 min
Seit 2023 wird empfohlen, Babys gegen wilde Blattern zu impfen. Ein wichtiger Grund dafür ist die Gürtelrose, die durch dasselbe Virus ausgelöst wird und schwere Komplikationen verursachen kann. Was können Eltern von Schulkindern, welche die Krankheit noch nicht hatten, nun tun?
Text: Sibille Moor

Bild: Ani Dimi / Stocksy

Zuerst rote Flecken, danach kleine Knoten und schliesslich juckende Bläschen: Die Mehrheit der heutigen Elterngeneration hat die Windpocken am eigenen Leib erlebt. Während manche von Pusteln übersät waren und noch heute Narben tragen, sind andere mit ein paar einzelnen Bläschen davongekommen.

Bis vor Kurzem galten die wilden oder spitzen Blattern, wie die Windpocken auch genannt werden, als Kinderkrankheit, die man eben durchmacht. Mühsam, aber in der Regel harmlos. Sich gegen das Windpockenvirus zu impfen, wurde Jugendlichen empfohlen, die noch nicht daran erkrankt waren. Denn mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für schwere Verläufe und Komplikationen.

Seit drei Jahren ist das anders. Im Jahr 2023 hat die Impfung gegen das Varizella-Zoster-Virus, das die Windpocken verursacht, Eingang in den Schweizerischen Impfplan gefunden. Die Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF) und das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfehlen, Säuglinge im Alter von 9 und 12 Monaten zu impfen.

Erreger zweier Krankheiten

Wie ist es dazu gekommen? Sind die Windpocken doch nicht so harmlos wie gemeinhin angenommen? «An der Einschätzung zu den Windpocken hat sich nichts geändert», sagt Anita Niederer, Leitende Ärztin Infektiologie und Infektionsprävention am Ostschweizer Kinderspital und EKIF-Mitglied. Ein sehr wichtiger Grund für die Impfempfehlung ist ein anderer, und zwar die Gürtelrose. Das Varizella-Zoster-Virus ist nämlich ein Erreger, der zwei Krankheiten auslöst.

Die Gürtelrose ist ein oft schmerzhafter Ausschlag. Auch nach dem Abklingen können die Schmerzen anhalten, sogar über Jahre.

Wer sich damit ansteckt, erkrankt an den Windpocken. Danach sind die Betroffenen zwar immun gegen eine erneute Infektion, doch das Virus bleibt im Körper. Es gehört zu den Herpesviren und zieht sich in die Nervenzellen zurück. Wird die Verpackung dieser Zellen brüchig, wird das Virus reaktiviert und verursacht eine Gürtelrose, auch Herpes Zoster genannt.

Dabei handelt es sich um einen Ausschlag, der oftmals schmerzhaft ist. Dieser kann überall am Körper auftreten; besonders gefährlich wird es, wenn Gesicht, Augen oder Ohren befallen sind. Dabei kann es zu Seh- oder Hörverlust, Gleichgewichtsstörungen oder Gesichtslähmung kommen. Auch wenn der Ausschlag abgeklungen ist, können die Schmerzen wochen-, monate- oder sogar jahrelang anhalten.

Jeder Dritte erkrankt an Gürtelrose

Das Risiko für Herpes Zoster steigt ab dem 50. Lebensjahr. «Mit zunehmendem Alter sind die Zellen weniger funktionsfähig und daher schlechter in der Lage, das Virus in Schach zu halten», erklärt Anita Niederer. Weitere Auslöser sind Stress, Medikamente oder ein geschwächtes Immunsystem.

Jeder Dritte erkrankt im Laufe seines Lebens an Gürtelrose. Derzeit sind das jährlich rund 30 ​000 Personen in der Schweiz, wovon 2000 bis 3000 hospitalisiert werden müssen. Seit 2022 empfiehlt das BAG daher Personen ab 65 Jahren, sich gegen Herpes Zoster impfen zu lassen. Dabei handelt es sich um einen anderen Impfstoff als jenen gegen das Varizella-Zoster-Virus.

Vor allem Eltern, in deren Umfeld jemand an Gürtelrose erkrankt ist, lassen ihre Kinder nachimpfen.

Jan Teller, Kinderarzt

Dass nun Babys gegen das Virus geimpft werden, ist auch auf Zahlen aus den USA zurückzuführen. Diese zeigen: Personen, die gegen das Windpockenvirus geimpft sind, haben ein zu 78 Prozent geringeres Risiko, später an Gürtelrose zu erkranken. In Amerika werden Babys seit 1995 dagegen immunisiert, weshalb dort eine Durchimpfungsrate von über 95 Prozent vorliegt. Weshalb zieht die Schweiz erst jetzt nach?

Kombinierter Impfstoff

Hierzulande wurde bereits 2004 darüber diskutiert, die Impfung für Säuglinge einzuführen. «Damals gab es jedoch verschiedene Unsicherheiten», erklärt Anita Niederer. Zum Beispiel sei unklar gewesen, ob es für einen lang anhaltenden Schutz eine oder zwei Dosen brauche. Ausserdem war kein kombinierter Impfstoff vorhanden.

Heute werden Säuglinge zusammen mit Masern, Mumps und Röteln gegen das Varizella-Zoster-Virus geimpft. «Schliesslich herrschte die Befürchtung, dass es zu mehr Gürtelrose-Fällen kommen könnte, weil die bereits genesenen Erwachsenen weniger mit dem Virus in Kontakt kommen», so die Infektiologin.

Die Forschung ging nämlich davon aus, dass jede Berührung mit dem Erreger das Immunsystem stärkt und dafür sorgt, dass keine Gürtelrose ausbricht. Diese Befürchtung hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil.

Windpocken

Das hilft gegen die juckenden Bläschen

  • Das Windpockenvirus ist hochansteckend. 90 Prozent der Personen, die noch nie wilde Blattern hatten, stecken sich nach einem mehrminütigen engen Kontakt zu einem Erkrankten an.
  • Das Virus verbreitet sich über Atemwegströpfchen in der Luft sowie über den Kontakt mit der Bläschenflüssigkeit. Die Inkubationszeit – also die Dauer vom Zeitpunkt der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit – beträgt zwischen 10 und 21 Tage.
  • Ansteckend sind die Betroffenen bereits ein bis zwei Tage vor der Bläschenbildung und so lange, bis die letzten Pusteln verkrustet sind.
  • Bevor der für die Windpocken typische juckende Ausschlag auftritt, leiden die Erkrankten oft an leichtem Fieber, Müdigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Appetitlosigkeit. In der Regel breitet sich der Ausschlag vom Kopf her über den Rumpf und den ganzen Körper aus. Durchschnittlich dauert die akute Erkrankung sieben bis zehn Tage.
  • Gegen den Juckreiz sind in der Apotheke Lotionen oder Schaumsprays erhältlich, die auf die Bläschen aufgetragen werden können. Plagt das Jucken das Kind stark, können auch Antihistaminika in Tropfenform helfen, die jedoch ärztlich verschrieben werden müssen.
  • Auch Hausmittel können Linderung verschaffen. Die Bläschen können zum Beispiel mit Haushaltsessig oder einem abgekühlten Holunderblüten-Aufguss betupft werden. Auch ein kurzes Sitzbad in kühlem Wasser oder kalte Umschläge mit Kamillentee können helfen.
  • Wichtig ist, dass die Kinder die Bläschen möglichst nicht aufkratzen. Daher hilft es, ihnen die Fingernägel kurz zu schneiden. Das Aufkratzen der Pusteln begünstigt das Entstehen von Infektionen und bleibenden Narben.

Asymptomatischer Verlauf

Anita Niederer ist vorsichtig mit Zahlen. «Um einen grossen Effekt zu sehen, braucht es noch einige Jahre», sagt sie. «Die ersten Jahrgänge, die in den USA im Kindesalter geimpft wurden, sind jetzt gerade mal 30 Jahre alt.» Zudem könne auch das Lebendvirus, das mit dem Impfstoff in den Körper gelange, Gürtelrose auslösen. «Dieses ist aber sehr stark abgeschwächt», so die Infektiologin.

Daher brauche das Immunsystem viel weniger Ressourcen, um den Erreger unter Kontrolle zu halten. Die Impfung schützt zu 92 Prozent vor einer Windpocken-Erkrankung, was einen Teil der Gürtelrose-Erkrankungen von Geimpften erklärt. Hinzu kommt, dass Windpocken auch asymptomatisch verlaufen können. Das heisst, jemand glaubt, die Krankheit noch nicht durchgemacht zu haben, und lässt sich impfen.

«In diesem Fall gilt er als geimpft, trägt das Wildvirus jedoch in sich und hat daher das normale Risiko, an Gürtelrose zu erkranken», erklärt Jan Teller, der seit 23 Jahren eine Kinderarztpraxis in Langnau im Emmental BE führt.

Ältere Kinder nachimpfen

Was bedeutet das nun für die vor 2023 geborenen Kinder, die noch nie Windpocken hatten? Das BAG und die EKIF empfehlen, die Impfung nachzuholen. Dafür braucht es zwei Dosen im Abstand von mindestens vier Wochen. «Die Impfung ist gut bekannt, sehr sicher, wirksam und verursacht wenige Nebenwirkungen», sagt Anita Niederer.

Zu Letzteren können Schmerzen oder eine Rötung an der Einstichstelle gehören. Etwas verzögert, meist ein bis zwei Wochen nach der Spritze, kann Fieber, ein Grippegefühl oder ein leichter Ausschlag während ein, zwei Tagen auftreten.

Auch Jan Teller sagt: «Den Rückmeldungen nach zu schliessen, die ich erhalte, wird die Impfung sehr gut vertragen.» Schätzungsweise 80 Prozent der Eltern in seiner Praxis liessen ihre Kinder nachimpfen – vor allem Eltern, in deren Umfeld jemand an Gürtelrose erkrankt sei, würden sich zu diesem Schritt entschliessen.

Hat das Kind Bläschen auf der Kopfhaut, handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um Windpocken.

Anita Niederer, Infektiologin

Die Gründe für eine Varizella-Zoster-Impfung

Für Anita Niederer spricht nicht nur das verminderte Gürtelrose-Risiko für die Varizella-Zoster-Impfung. Vielmehr sei es sinnvoll, die Infektion mit einem unangenehmen und potenziell gefährlichen Virus zu verhindern. Schliesslich gebe es noch weitere 300 Viren, mit denen Kinder ihr Immunsystem trainieren können.

Denn auch Windpocken lösen in seltenen Fällen schwere Komplikationen aus, die tödlich enden können. Dazu gehört beispielsweise die nekrotisierende Fasziitis. Dabei gelangen Bakterien über die aufgebrochenen Bläschen in den Körper und lassen Gewebe absterben.

Kinderbauch mit Windpocken
Grundsätzlich muss ein Kind, das die wilden Blattern hat, nicht zur Ärztin. (Bild: Kelly Knox / Stocksy)

Unbehandelt kann dies rasch zu einem Multiorganversagen führen. Weitere schwere Komplikationen sind Entzündungen des Kleinhirns, die bleibende Bewegungsstörungen auslösen können, Hirnhautentzündungen und Lungenentzündungen.

Arztbesuch nicht nötig

Grundsätzlich muss ein Kind, das die wilden Blattern hat, nicht zur Ärztin. Um sich der Diagnose sicher zu sein, gibt es laut Anita Niederer einen typischen Hinweis: «Hat das Kind Bläschen auf der Kopfhaut, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Windpocken.» Bei anderen Ausschlägen sei die Kopfhaut in der Regel nicht befallen.

Reagieren sollten Eltern dann, wenn das Kind nichts mehr trinke, apathisch wirke oder über starke Schmerzen an einer Stelle klage, an der äusserlich nichts sichtbar ist. Letzteres ist ein Anzeichen für eine durch Bakterien verursachte Muskel- oder Gewebeinfektion.

Noch geht Anita Niederer nicht davon aus, dass das Varizella-Zoster-Virus viel weniger zirkuliert und sich ungeimpfte Kinder seltener anstecken. Steigt die Durchimpfungsrate in den nächsten Jahren, wird dies jedoch der Fall sein.

«Damit schützen wir auch Menschen, die sich selbst nicht impfen lassen können, aber ein höheres Komplikationsrisiko haben», sagt sie und meint damit beispielsweise Neugeborene oder krebskranke Kinder, deren Immunsystem geschwächt ist.