Kinder sind keine kleinen Erwachsenen und müssen im Krankheitsfall speziell behandelt werden. Das gilt es auch zu Hause zu beachten. In ihrem Buch «Fit für den Kindernotfall. Von Fieber bis Reanimation» beschreibt die Notärztin Katharina Rieth, was in der Hausapotheke nicht fehlen sollte – und was es bei der Auswahl und Anwendung der Medikamente zu beachten gilt. Hier ein Auszug.
Medikamente – geordnet nach Themengebieten
- Atemwegsproblematiken
- Schnupfen (Rhinitis)
Abschwellende/r Nasentropfen/-spray (Xylometazolin, Oxymetazolin): Dosierung: Je nach Alter unterschiedliche Stärken, Beipackzettel beachten, bei Unsicherheit Kinderärztin oder Apotheker fragen. Immer 3-mal täglich 1 Tropfen (Dosiertropfer) / Sprühstoss pro Nasenloch, maximal 5 bis 7 Tage in Folge.
Achten Sie bei Husten auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Diese ist und bleibt immer noch der beste und nebenwirkungsfreiste Schleimlöser.
Kochsalz-Nasentropfen (NaCl 0,9 %): Dosierung: Je nach Bedarf, z. B. zwischen den Gaben der abschwellenden Nasentropfen.
Balsam: Für Kinder gut geeignet ist Engelwurzbalsam (wärmend, entzündungshemmend, antibakteriell, belüftungsfördernd): Bei Kindern ab 6 Monaten dünn auf die Nasenflügel auftragen, bei jüngeren Kindern in die Fusssohlen einmassieren.
Wichtig bei Atemwegsproblematiken und Schnupfen
Nicht jeder Balsam ist geeignet für Kinder. Bei Kindern im 1. Lebensjahr besser auf den Rücken, nie auf die Brust auftragen (Gefahr: Atemwegsreizung).

- Husten
Schleimlöser und Hustenstiller: Der Markt bietet unzählige Schleimlöser und Hustenstiller, deren Wirkung wissenschaftlich nicht nachgewiesen ist. Zudem ist Vorsicht geboten, denn falsch kombiniert oder leichtfertig angewandt können diese häufig rezeptfrei erhältlichen Produkte zu ernsthaften Problemen führen.
Wichtig bei Husten
Nie Hustenstiller und Hustenlöser gleichzeitig verabreichen (Sekretstau!). Auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten, denn diese ist und bleibt immer noch der beste und nebenwirkungsfreiste Schleimlöser. Bei Kindern über dem 1. Lebensjahr gilt Honig als wirksames, evidenzbasiertes Hausmittel zur Linderung von akutem Husten. Bei Balsam (z. B. Thymian-Myrte-Balsam) und Auflagen (z. B. Bienenwachsauflagen) auf korrekte Anwendung achten.
- Inhalationen
Kochsalz (NaCl 0,9 %): Dosierung: Bei Bedarf mehrmals täglich Kochsalzinhalationen zum Anfeuchten der Atemwege möglich.
Aspirin darf nie bei fiebernden Kindern unter 15 Jahren angewendet werden!
Wichtig bei Inhalationen
Kochsalzinhalationen sind nicht evidenzbasiert, das heisst, es gibt keinen Nachweis dafür, dass eine Inhalation mit Kochsalz eine Verkürzung der Krankheitsdauer bewirkt. Subjektiv führt die Inhalation einer 0,9-prozentigen Kochsalzlösung bei einigen Kindern jedoch zu einer Erleichterung.
Es gibt auch höher dosierte Kochsalzinhalationslösungen, beispielsweise NaCl 3 %. Diese sollten Sie ausschliesslich nach Rücksprache mit Ihrem Kinderarzt anwenden. In der Regel wird diese höher konzentrierte Kochsalzlösung bei Kindern mit Mukoviszidose angewendet, um den zähen Schleim in den Atemwegen zu verflüssigen und zu lockern, damit er besser abgehustet werden kann.
Bronchienerweiternde Medikamente (Salbutamol, Ipratropiumbromid): Falsch angewendet, können diese Medikamente Ihrem Kind schaden. Deshalb sollten Sie diese Medikamente erst dann in Ihre Hausapotheke aufnehmen, wenn die Kinderärztin vor Ort das Kind untersucht hat und das jeweilige Medikament aufgrund einer ernsthaften Diagnose wie Bronchitis oder Asthma bronchiale verschrieben hat. Salbutamol kann auch in Tropfenform zum Schlucken verschrieben werden, falls kein Inhalationsgerät zu Hause vorhanden ist.
Fieber/Schmerzen
Es gibt einige für Kinder geeignete Schmerzmittel, zwei davon sind:
- Ibuprofen (entzündungshemmend, schmerzlindernd, fiebersenkend): Dosierung: 10 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht alle 6 bis 8 Stunden bei Bedarf als Zäpfchen (rektal) oder als Saft (oral). Erst ab 3 Monaten zugelassen.
- Paracetamol (schmerzlindernd, fiebersenkend): Dosierung: 15 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht alle 6 bis 8 Stunden bei Bedarf als Zäpfchen (rektal) oder als Saft (oral). Zugelassen für reife Neugeborene ab 3 Kilogramm Körpergewicht.
Wichtig bei Fieber + Schmerzen
- Aspirin bitte nie bei Kindern unter 15 Jahren im Fieber (Rhabdomyolyse) und nur nach Absprache mit dem behandelnden Arzt anwenden.
- Metamizol bitte immer nur nach Rücksprache mit der behandelnden Ärztin anwenden, da im Vergleich zu anderen Fieber-/Schmerzmitteln das Nebenwirkungsprofil breiter ist (allergische Reaktionen, Agranulozytose).
- Diclofenac, egal ob als Saft/Zäpfchen/Gel, bitte nie bei Kindern unter 12 bis 14 Jahren und nur nach Arztrücksprache, insbesondere nicht in Kombination mit anderen Schmerzmitteln, anwenden. Starke antientzündliche Wirkung.
- Opiathaltige Schmerzmittel unterliegen dem Betäubungsmittelgesetz, sind rezeptpflichtig und sollten niemals selbständig verabreicht werden.
Antihistaminika, also Mittel bei allergischen Reaktionen, können Ihr Kind müde machen und zu Übelkeit und Schwindel führen.
Fieberkrampf
Diazepam: Dosierung: Bei Kindern unter 15 Kilogramm 1-mal 5 Milligramm. Bei Kindern über 15 Kilogramm 1-mal 10 Milligramm. Jeweils als Rektaltube. Beim Herausziehen Tube gedrückt halten, damit der Wirkstoff nicht wieder aufgesogen wird.
Wichtig: Rezeptpflichtiges Notfallmedikament. Kann sehr müde machen. Nur vorhanden, wenn bereits ein Geschwisterkind einen Fieberkampf hatte. Nach Anwendung Ärztin hinzuziehen.
Allergische Reaktionen
Antihistaminika
- Cetirizin (Zulassung ab dem 2. Lebensjahr): Dosierung: Kinder 2 bis 12 Jahre (unter 30 Kilogramm): 5 Milligramm; Jugendliche über 12 Jahre (über 30 Kilogramm): 10 Milligramm; je zur Nacht als Tropfen/Saft oder Tabletten.
- Dimetindenmaleat: Ab dem 1. Lebensjahr zugelassen: 2 Tropfen pro Kilogramm Körpergewicht verteilt auf 3 orale Gaben täglich. Dosierung in Gelform: Egal in welcher Altersgruppe, 2- bis 4-mal täglich dünn auf die entsprechende Stelle auftragen.
Wichtig bei allergischen Reaktionen
Antihistaminika können Ihr Kind müde machen und zu Übelkeit und Schwindel führen. Bei einem allergischen Schock (Anaphylaxie) können sie aber ähnlich wie die Cortisongabe bis zum Eintreffen des Notarztes und der Verabreichung des lebensrettenden Adrenalins unterstützend sein.
Bei bekannter Anaphylaxie Ihres Kindes bitte immer das verschriebene Notfallset mitführen und im Notfall den Adrenalin-Autoinjektor wie demonstriert anwenden. Mittlerweile gibt es alternativ auch ein Adrenalin-Nasenspray.
Corticosteroid (kurz: Corticoid)
Cortison (Glucocortikoid): Dosierung in Zäpfchenform: Prednison 100 Milligramm rektal, Einmalgabe, egal in welcher Altersgruppe. Dosierung in Saftform: Betamethason beziehungsweise Prednisolon gemäss Packungsbeilage (da es viele verschiedene Hersteller gibt).
Adrenalin als Inhalationslösung gehört nicht in die Hausapotheke. Bei falscher Anwendung können Herzrhythmusstörungen auftreten.
Wichtig bei Cortison
Das Cortisonzäpfchen ist in dieser Darreichungsform ein Notfallmedikament und sollte nicht mehrmals hintereinander verabreicht werden. Grundsätzlich sollte nach dessen Einsatz im Rahmen einer allergischen Reaktion Ihres Kindes eine Ärztin hinzugezogen werden. Beim Cortisonsaft sollte man darauf achten, dass das Kind diesen in der jeweiligen Situation überhaupt noch nehmen kann (nicht bei Husten bis zum Erbrechen und starker Luftnot).
Manche Hersteller bieten Adrenalin auch als Inhalationslösung für zu Hause an. Hier ist Vorsicht geboten, da bei falscher Anwendung Herzrhythmusstörungen auftreten können. Deshalb gehört dieses Medikament keinesfalls in die Hausapotheke.
Die Packliste für die Hausapotheke
- Diagnostische Hilfsmittel
- Rektales Fieberthermometer
- Urinbecher/-beutel
- Taschenlampe
- Therapeutische Hilfsmittel
- Kirschkernkissen
- Coolpack
- Medizinische Einweghandschuhe
- Mildes Wunddesinfektionsmittel (ohne Alkohol)
- Schere
- Pinzette (Zeckenkarte/Zeckenlasso)
- Kanüle
- Dosierhilfen (Spritzen)
- 2 Minitampons
Kinder-Verbandskasten/-koffer mit zusätzlich:
- sterilen Tupfern/Kompressen
- Pflastern/Fixierpflastern
- Mullbinden/Verbänden
- Kleider-/Verbandschere
- Rettungsdecke
- Inhalationshilfe/-gerät (bei Kindern mit chronischen Lungenerkrankungen)
- Rotlichtlampe (bei Kindern mit Neigung zu Gerstenkörnern)
Bauchschmerzen
Erbrechen
Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen sollten wegen potenzieller Nebenwirkungen nicht zur Therapie der akuten infektiösen Magen-Darm-Erkrankung verabreicht werden. Insbesondere bei Kindern unter dem 3. Lebensjahr warnt das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mittlerweile vor der Anwendung.
Dimenhydrinat oder Diphenhydramin senken die Krampfschwelle, machen müde und verhindern so die Flüssigkeitsaufnahme, weshalb sie niemals eigenständig ohne Arztrücksprache verwendet werden sollten.
Durchfall (Diarrhö)
Elektrolytlösung: Dosierung: Beutelinhalt gemäss Packungsbeilage in Wasser oder Tee auflösen und dem Kind löffelweise über 2 bis 4 Stunden einflössen.
Wichtig bei Durchfall
Viele bewahren in der Hausapotheke Probiotika wie beispielsweise Milchsäurebakterien auf. Hierzu gibt es aktuell aufgrund der heterogenen Studienlage mit teilweise fehlenden oder geringen Effekten keine Therapieempfehlung. Dosierung Milchsäurebakterien: Beutelinhalt gemäss Packungsbeilage. Darf bei Säuglingen/Kleinkindern unter dem 2. Lebensjahr nur nach Rücksprache mit der behandelnden Ärztin verwendet werden. Viele Babys verweigern Elektrolytlösungen, trinken aber problemlos Karottensuppe nach Moro.
Bei Verstopfung zunächst: Bauchmassagen, ausreichende Trinkmengen, ballaststoffreiche Ernährung, kernobstreiche Kost, ausreichend Bewegung, Einschränkung des Süssigkeitenkonsums und «Toilettentraining».
Verstopfung (Obstipation)
- Glyzerinzäpfchen: Dosierung: Je nach Packungsbeilage (in der Regel rezeptfrei in der Apotheke erhältlich, jedoch kein Freifahrtschein, um Babys ständig eigenständig damit zu behandeln).
- Lactulose (Milchzucker): Dosierung: Nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt.
- Macrogol: Dosierung: Nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt.
- Glycerolklistier («Mini-Einlauf» mittels Rektaltube): Dosierung: Je nach Packungsbeilage.
Wichtig bei Verstopfung
Bei Verstopfung sollten zunächst die konservativen Therapiemassnahmen (Bauchmassagen, ausreichende Trinkmengen, ballaststoffreiche Ernährung, kernobstreiche Kost, ausreichend Bewegung, Einschränkung des Süssigkeitenkonsums, «Toilettentraining») ausgeschöpft werden.
Zudem sollten ein Ernährungstagebuch geführt und Zeitpunkt, Konsistenz und Aussehen des Stuhlgangs sowie Begleitbeschwerden dokumentiert werden. Falls unter konsequenter Anwendung dieser Massnahmen keine Besserung eintritt, sollte man sein Kind zur weiteren Diagnostik und Therapie bei einer Kinderärztin vorstellen.
Falls durch die Kinderärztin eine Therapie mit Macrogol begonnen wurde, sollte diese niemals abrupt und nur nach Rücksprache mit der behandelnden Ärztin abgesetzt werden. Kinder, die zum ersten Mal Macrogol bekommen, setzen in den ersten ein bis zwei Wochen häufig sehr dünnflüssigen Stuhl ab und haben einen häufigeren Stuhldrang.
Trotz allem sollte dies nicht dazu führen, dass man das Medikament selbständig reduziert oder komplett absetzt. Durch die Kinderärztin kann in diesem Fall eine Anpassung der Dosierung erfolgen. Die Therapie wird standardmässig für ein halbes Jahr durchgeführt.
Der Inhalt der Hausapotheke sollte:
- übersichtlich nach Themengebieten geordnet sein, z. B. in beschrifteten durchsichtigen Boxen,
- sicher aufbewahrt werden, z. B. in einem abschliessbaren Schrank ausser Reichweite von Kindern und Jugendlichen,
- auf dem aktuellen Stand sein (zeitnah nach Verbrauch auffüllen, regelmässige Kontrolle des Ablaufdatums von Hilfsmaterial und Medikamenten),
- gekennzeichnet sein, damit jeder die Hausapotheke im Notfall findet.
Bindehautentzündung (Konjunktivitis)
Kochsalzlösung (NaCl 0,9 %): Dosierung: Je einen sterilen Tupfer damit tränken und beide Augen von aussen nach innen damit auswischen, 3-mal täglich über 2 bis 3 Tage anwenden.
Wichtig: Bei ausbleibender Besserung mit zunehmend eitrigem Augensekret und/oder Sehstörungen einen Arzt aufsuchen. Dann gegebenenfalls antibiotische Augensalbe/-tropfen beziehungsweise weiterführende Diagnostik. Bei begleitender Allgemeinzustandsverschlechterung oder Warnzeichen, insbesondere Ausdehnung der Rötung von der Bindehaut auf das umgebende Weichteilgewebe mit Gefahr der Entwicklung einer Entzündung, umgehende Arztvorstellung.
Gerstenkorn (Hordeolum): Anwendung von trockener Wärme mittels Rotlichtlampe (in vielen Apotheken ausleihbar). Gegebenenfalls antibiotische Augensalbe/-tropfen. Bei starkem Anschwellen des Auges Gefahr der Entwicklung einer Entzündung: umgehend eine Ärztin aufsuchen.
Verletzungen (Traumata)
Schmerzmittel (s. o.)
Wund- und Heilsalbe: Dosierung: 3-mal täglich dünn auf entsprechende Stellen auftragen. Bei ausbleibender Besserung, Infektzeichen oder sonstigen Warnsignalen einen Arzt aufsuchen.
Wichtig bei Verletzungen
Durch Verletzungen verursachte Schwellungen und Schmerzen mittels Kühlung (Coolpack), Schonung, Hochlagerung und medikamentöser Therapie behandeln. Des Weiteren darauf achten, dass die Bewegung (Motorik), das Empfinden (Sensibilität) und die Durchblutung an der betroffenen Stelle erhalten bleiben.
Sollte Ihr Kind nach einem Sturz den Arm oder das Bein nicht mehr belasten oder bewegen beziehungsweise entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten nicht mehr spielen wollen, sondern verhalten in der Ecke sitzen und/oder über ein andauerndes «komisches Kribbeln» klagen, ist es sinnvoll, die Kinderärztin aufzusuchen, um abzuklären, ob eine weitere Diagnostik (Sonografie beziehungsweise Röntgenuntersuchung) notwendig ist.
Buchtipp
Hier finden Sie die vollständige Liste der Hausapotheke, die alle Altersklassen – vom Säugling bis zum Teenager – miteinbezieht, sowie weitere wertvolle Informationen rund um Notfallsituationen mit Kindern.
Katharina Rieth ist Kinderfachärztin, Intensivmedizinerin und Notärztin und seit über 15 Jahren im In- und Ausland mit Herzblut im Einsatz für die kleinsten Patienten. Durch ihren Erfahrungsschatz und ihr Fachwissen ist sie als Profi täglich aktiv, um Kinderleben zu retten. Mehr Wissen für den Notfall gibt es ausserdem in ihrem «Kindernotfall-ABC»-Onlinekurs.









