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Schadet KI der Resilienz unserer Kinder?

Aus Ausgabe
02 / Februar 2026
Lesedauer: 10 min
Kinder und Jugendliche müssen heute weniger Widrigkeiten aushalten – obwohl sie dadurch gestärkt würden. Und jetzt drängt auch noch die künstliche Intelligenz in ihren Alltag. Da stellt sich die Frage: Wie viel Komfort ist gut für sie? Und wie sollen Eltern und Schule damit ­umgehen, wenn ChatGPT den Heranwachsenden das Denken abnimmt?
Text: Gerd Schild

Bild: Getty Images

Es ist eine schöne, aber auch tieftraurige Szene. Im Film «Die fabelhafte Welt der Amélie» beschwert sich die Mutter mal wieder über die fehlende Selbständigkeit von Amélie. Der Vater entgegnet trocken, dass das vielleicht auch an der überbordenden Fürsorge liegen könnte – schliesslich habe die Mutter der Tochter noch im Erwachsenenalter die Zahnpasta auf die Bürste gedrückt. Komfort kann schaden – und mit der künstlichen Intelligenz und ihren technischen Möglichkeiten nimmt eine neue Form von Komfort gerade erst Fahrt auf.

In wohlhabenden Ländern wie der Schweiz ist der Alltag der meisten Kinder heute «gepolstert». Sie erleben weniger Frust, Risiko, freies Spiel und müssen ihre Bedürfnisse weniger aufschieben als frühere Generationen. Diese Entwicklung ist durch Studien belegt: Eine Untersuchung der Universität Zürich aus dem Jahr 2020 zeigte, dass Schweizer Kinder im Schnitt 30 Prozent weniger Zeit in unstrukturierten, selbstbestimmten Aktivitäten verbringen als noch vor 20 Jahren.

Eltern wollen in der Regel nur das Beste für ihre Kinder – und erreichen mit der Polsterung des Alltags oft das Gegenteil. Denn die Forschung zeigt: Wenn Menschen kaum noch frieren, sich anstrengen, warten oder mit Ungewissheit leben müssen, weniger Risiken ausgesetzt sind, sinken Belastbarkeit, Resilienz und sogar Zufriedenheit.

Eine Metaanalyse der Universität Zürich von 2022 bestätigt, dass kontrollierende Erziehungsstile und übermäs­siger Schutz mit geringerer Selbstwirksamkeit bei Kindern korrelieren. Die Komfortzone schadet offenbar dem Aufbau von Selbstvertrauen, Eigeninitiative und mentaler Stärke.

Abkürzungen sind menschlich

Und jetzt kommt auch noch die KI. Künstliche Intelligenz in Programmen wie ChatGPT ist die ultimative Denkabkürzung, die uns in Sekundenschnelle Einstein-grosse Aufgaben lösen lässt.

ChatGPT ist ein KI-gestützter Sprachassistent des amerikanischen Softwareunternehmens OpenAI und seit 2022 öffentlich. Grundlage ist ein sogenanntes Large Language Model (LLM), das mit Milliarden Textbeispielen trainiert wurde. So kann es Muster in Sprache erkennen, Texte verstehen und neue Inhalte generieren – von Mathelösungen über Essays bis zu praktischen Tipps für den Alltag. Da fragen sich Kinder schnell mal: Warum soll ich noch mal Mathe lernen oder Aufsätze schreiben, wenn die KI viele Aufgaben schneller lösen kann als der Mensch?

Schülerinnen und Schüler können die Chancen der KI nur dann nutzen, wenn sie selbst Kompetenzen haben.

Philippe Wampfler, Gymnasiallehrer

Der Mensch liebt Abkürzungen. In der Geschichte der Menschheit war es grösstenteils absolut sinnvoll, Gelegenheiten zu nutzen, um schneller an Essen, Schutz oder Wärme zu kommen. Aber was verlernen wir, wenn wir mit der künstlichen Intelligenz Abkürzung an Abkürzung hängen?

Stefan Wolter ist Bildungsökonom an der Universität Bern. Der Schweizer Vertreter bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Bereich Bildung forscht zu Chancengleichheit, Leistungsentwicklung und dem Einfluss von Schule und Elternhaus auf Bildungserfolg.

KI ist in der Schule angekommen

«Wenn Kinder und Jugendliche beim Lernen Herausforderungen meistern, dann entwickeln sie eine ganze Reihe von wertvollen Kompetenzen», sagt Wolter (Lesen Sie hier das Interview mit Stefan Wolter: «Mit Verboten laufen Eltern voll gegen die Wand»). Die für ihn wichtigsten: Selbstwirksamkeit, Frustrationstoleranz, Risikoabschätzung und Ausdauer.

«Wenn die KI viele Aufgaben in Sekunden löst, sinkt die Bereitschaft von Kindern, selbst Zeit und Mühe zu investieren», warnt er. Der Bildungsforscher hat Studien zum KI-Nutzungsverhalten durchgeführt. Auf Gymnasialstufe haben etwa 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler angegeben, wöchentlich KI einzusetzen. In der Primarschule waren es ungefähr 30 Prozent. Die Daten sind von vorletztem Jahr, Wolter geht davon aus, dass die Nutzung seither deutlich angestiegen ist.

Die KI ist in der Schule angekommen – und sie wird bleiben. Phi­lippe Wampfler ist Gymnasiallehrer in Zürich und Autor des 2024 erschienenen Buches «L'école, c'est moi. Schüler:innen im Zentrum zeitgemässen Unterrichts».

An seiner Schule liege die Quote eher bei 100 Prozent KI-Nutzung. Im Fach Programmieren etwa hilft die KI, Fehler in den Codes zu finden. «Wir müssen diesen jungen Menschen beibringen, dass sie die Chancen der KI nur dann nutzen können, wenn sie selbst Kompetenzen haben», sagt Wampfler. Er plädiert dafür, die Techniken auszuprobieren, gerade als Lehrer. «Wenn ich eine Aufgabe stelle, dann probiere ich schon einmal aus, wie Programme wie ChatGPT und andere diese lösen», sagt er.

Auswirkungen auf den Lernerfolg

Die Large Language Models, wie Programme wie ChatGPT genannt werden, werden in einem unwahrscheinlichen Tempo besser. Fehlerhafte Antworten – sogenannte Halluzinationen – nehmen ab, die Ergebnisse werden präziser und die Bedienung wird einfacher. Die Folge: Wir lassen mehr denken – und denken weniger selbst.

Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass kognitive Fähigkeiten, die nicht regelmässig trainiert werden, messbar abbauen – ähnlich wie Muskeln bei körperlicher Inaktivität. Ein Team von Forschenden fand 2020 heraus, dass häufige GPS-Nutzung mit einer reduzierten Aktivität im Hippocampus – dem für räumliches Gedächtnis zuständigen Hirnareal – einhergeht.

Die Aufgabe von Eltern muss sein, Kindern Chancen und Schwierigkeiten zu bieten – das stärkt ihre Selbst­wirksamkeit.

Michael Easter, Autor und Coach

Es gibt erste Untersuchungen über die Auswirkungen von KI auf den Lernerfolg. Forschende der Wharton School of Business ana­lysierten das Mathelernen von 1000 Jugendlichen an US-Highschools. Sie fanden heraus, dass der Zugang zu künstlicher Intelligenz «den Bildungsergebnissen schaden kann». In der Gruppe, die ChatGPT ohne Einschränkungen nutzen durfte, war der langfristige Lernerfolg nicht nur geringer. Diese Kinder und Jugendlichen merkten auch nicht, dass sie durch den KI-Einsatz weniger lernten – das Ergebnis stimmte ja.

Das Fazit der Forschenden: Zumindest im Moment werden traditionell Lernende langfristig mehr Kompetenzen aufbauen. Bildungsforscher Stefan Wolter sagt: «Wir können noch nicht einmal abschätzen, was die KI, was die Programme, die es heute gibt oder die irgendwann auf den Markt kommen, mit dem Leben und Lernen machen.»

Es braucht mehr Zumutungen

Wie verhindert man, dass zu viel analoger und digitaler Komfort Kindern und Jugendlichen schadet? Der US-Autor und Coach Michael Easter hat in «Die Komfort-Krise» beschrieben, was die Bequemlichkeit der modernen Welt mit Menschen machen kann. Easter stolperte bei der Recherche zu seinem Bestseller über eine Statistik, die sein Leben veränderte. Er las, dass nur zwei Prozent der Menschen die Treppe nehmen, wenn sie auch die Möglichkeit haben, eine Rolltreppe zu nutzen.

Easter wurde damit zum Experten für ein Leben ohne schäd­lichen Komfort. Sein Credo: mehr Bewegung; Langeweile, Risiko und Frust auch mal aushalten – und zur Not Herausforderungen bewusst schaffen. Wer sich vom Tag körperlich nicht gefordert sieht, solle doch für die Spazierrunde zwei volle Wasserflaschen in den Rucksack packen. Nicht als Proviant, sondern als Beschwerung.

Discomfort by Design nennt Easter das – was auch den Jüngsten helfen würde. «Die Aufgabe von Eltern muss es sein, Kindern Chancen und Schwierigkeiten zu bieten», schreibt er. Also Erlebnisse zu schaffen, bei denen Kinder durch eigenes Handeln ein Ziel erreichen und dadurch ihr Selbstwirksamkeitsempfinden stärken – auch wenn ihnen die Aufgabe zuerst herausfordernd erscheint.

Was für den Körper die schweren Wasserflaschen sind, können für den Kopf bewusst gesetzte Lernhürden sein – was natürlich die Begleitung von Eltern oder Lehrpersonen braucht. Anstatt ChatGPT gleich die ganze Matheaufgabe lösen zu lassen, könnte man sich nur einen Lösungsansatz geben lassen – und den Rest selbst durchrechnen. Wer einen Aufsatz schreibt, könnte sich von der KI nur Stichworte holen, aber den Text eigenhändig formulieren. So wird KI nicht zur bequemen Abkürzung, sondern zum Trainingspartner.

Individualisierter Unterricht

Der Gymnasiallehrer Philippe Wampfler nimmt Michael Easters Zuschreibung gerne auf: «Schule ist oft Discomfort by Design», sagt er. Denn für viele Kinder und Jugendliche bedeute Schule ständige Überforderung. Zwar zeigten Studien, dass Schüler, die regelmäs­sig moderate Herausforderungen im Unterricht bewältigen mussten, ein höheres Mass an Frustrationstoleranz und Ausdauer entwickelten. Aber dauerhafte Überforderung schaffe diese Ergebnisse nicht, sagt Wampfler.

Er plädiert deshalb dafür, den Unterricht stärker zu individualisieren, wie er das auch in seinem Buch skizziert. Man müsse Orte schaffen, an denen sich Schülerinnen und Schüler mit den Themen auseinandersetzen können, wenn sie dazu in der Lage sind. «Junge Menschen sind zu enorm vielen Lernprozessen bereit, wenn diese zu ihrer Entwicklung passen», sagt er.

Kinder werden nicht glücklich, wenn man sie die ganze Zeit zum Lächeln bringen will. (Bild: Adobe Stock)

Wampfler glaubt auch nicht, dass KI nun Schule und Lernen unmöglich mache. «KI kann für mich nicht lesen», sagt er. «Wir als Lehrende müssen vermitteln: Es macht Spass, Expertise zu haben.» Er gibt aber auch zu, dass das eine didaktisch herausfordernde Aufgabe sei. Und: «Wir können noch nicht abschätzen, was es mit heute 15-Jährigen macht, wenn sie viele Aufgaben durch KI lösen lassen.»

Eine grosse Herausforderung

Auch Bildungsforscher Stefan Wolter sieht grosse Herausforderungen auf die Lehrpersonen zukommen – besonders bei der Motivation der Kinder. «Wenn man seinen Verstand nur noch mit KI bedienen kann, wäre man nach dem Philosophen Immanuel Kant in selbstverschuldeter Unmündigkeit – aber mit diesem Schreckgespenst kann man einen Achtjährigen schlecht motivieren», so Wolter lachend.

Er plädiert dafür, die Nutzungsmöglichkeiten von KI zu unterscheiden: «Wenn ich die Hausaufgabe einfach bei ChatGPT eingebe und fertig, der Nachmittag ist frei, dann bringt das keinen Lernerfolg», sagt Wolter. Substitution nennt er diese Art der Nutzung.

Kinder können sich durch die KI Fragen beantworten lassen, die sie im Unterricht nicht zu stellen wagen.

Stefan Wolter, Bildungsforscher

Er sieht im Zusammenhang mit der KI aber auch viele Chancen. «Wir sind immer davon ausgegangen, die Empathie der Lehrperson und das Zwischenmenschliche seien unersetzlich fürs Lernen. Aber das kann sich auch als Hindernis erweisen für den Lernprozess», sagt Wolter. So tippen Kinder zu Hause Fragen in die Suchmaske, die sie sich im Unterricht nicht zu stellen trauen – aus Angst, ausgelacht zu werden. KI könne helfen, dass Kinder Dinge lernen, die sie sonst im Unterricht verpassten.

Er sieht auch Chancen in den Tutoren-Programmen, die es etwa bei ChatGPT schon gibt. Diese bieten keine Lösungen, sondern helfen Ratsuchenden, diese zu finden. «Das ist praktisch Nachhilfe», sagt er, die auch wunderbare Möglichkeiten eröffne, etwa für Kinder aus einkommensschwachen Elternhäusern.

Lehrpersonen als Coaches

Bei aller Sorge vor der Technik dürfe man nicht vergessen: «Unser bisheriger Weg ist komplett gescheitert.» Längst nicht alle Kinder und Jugendlichen lernen, was im Lehrplan festgelegt ist. In der Schweiz beenden laut Wolter 20 bis 25 Prozent jeder Alterskohorte die Schule ohne die grundlegendsten Fähigkeiten, sind also praktisch Analphabeten.

Um die KI vorteilhaft zu nutzen, müsse sich der Lehrberuf komplett wandeln. Weg von Vermittlung von Inhalten hin zu einer Art Coach, der zwischen Mensch und Technik vermittle, Diagnose betreibe, motiviere und den Weg zu den richtigen Zugängen herstelle. «Wir kommen auf eine höhere Stufe der Pädagogik und Didaktik», sagt er. Das sei eine unglaubliche Herausforderung.

Komfort-Gegner Michael Easter gibt Eltern noch einen Tipp mit auf den Weg: Kinder werden nicht glücklich, wenn man sie die ganze Zeit zum Lächeln bringen will. Stattdessen solle man sich eher fragen, was Kinder brauchen, um zu widerstandsfähigen Erwachsenen zu werden.