Frau Lutz, künstliche Intelligenz ist in aller Munde und man hat fast das Gefühl, wenn man sie nicht benutzt, ist man nicht auf dem Laufenden. Wann macht KI für Kinder und ihre Eltern Sinn, wann eher nicht?
KI macht immer dann Sinn, wenn wir sie als Werkzeug einsetzen oder auch als Lerncoach. Zu einem Werkzeug wird KI zum Beispiel, wenn wir damit einen Kindergeburtstag vorbereiten, etwa um Deko oder Spiele für einen Zauberergeburtstag zu suchen. Oder wenn wir eine Schnitzeljagd im Wald machen wollen und dafür Ratespiele oder Quizfragen brauchen. Für so etwas ist KI unglaublich praktisch und schnell und kann den Familienalltag entlasten.

Was kann KI als Lerncoach?
Man kann sich damit zum Beispiel Übungsaufgaben oder ganze Übungsarbeiten erstellen lassen. Oder sich komplexe Dinge noch einmal erklären lassen, wenn man richtig promptet in altersgerechter Sprache. Für Kinder, die besser durchs Hören lernen als durchs Lesen, können auch Hörtexte erstellt werden – das kann unglaublich hilfreich sein.
Die Stimmen der KI sind mittlerweile verblüffend natürlich, gerade so, als würde man ein Gespräch mit einem Menschen führen. Meine Söhne lassen sich neuerdings auch ihre Aufsätze von ChatGPT verbessern und sagen, dass sie das besser finden als meine Korrekturen.
Ja, das ist ganz typisch: Oft werden die Ratschläge und Verbesserungstipps von den Kindern viel besser akzeptiert, wenn sie von einer neutralen Stimme wie ChatGPT kommen und nicht von den Eltern. Auch als Feedback für Referate ist eine KI sehr gut geeignet.
Eltern müssen ihrem Kind immer wieder klarmachen, dass die KI kein Freund oder Psychologe ist.
Das Ergebnis hängt immer davon ab, wie man promptet: Was ist dabei zu beachten?
Beim Prompten, also bei der Anfrage an die KI, sollte man eine einfache Sprache benutzen, ohne komplizierte Formulierungen oder Fachjargon. Das erleichtert der KI die Verständlichkeit und führt zu einem besseren Ergebnis. Man sollte der KI immer eine Rolle zuweisen, also zum Beispiel «Du bist Lehrerin in einer sechsten Klasse und das Mathethema ist Bruchrechnung». Dann sollte auch immer das Ziel formuliert werden und – ganz wichtig – wie die Antwort ausgespielt werden soll.
Was bedeutet das konkret?
Ein guter Prompt kann zum Beispiel sein: «Erkläre kindgerecht, wie Photosynthese funktioniert, benutze dabei Beispiele aus dem Alltag eines Zwölfjährigen und schreibe das in Stichpunkten aus». Oder entsprechend als Fliesstext, als Liste oder Zusammenfassung, je nachdem, was man gerade benötigt. Wichtig ist es, auch immer Nachfragen zu stellen, um noch tiefer in das Thema einzusteigen oder sich einzelne Aspekte noch besser erklären zu lassen.
Viele Kinder benutzen die KI mittlerweile als Google-Ersatz. Wie wichtig sind Faktenchecks?
Total wichtig! Hinterfragen statt hinnehmen, das ist für mich die gefragte Kompetenz unserer Zeit. Alle Fakten sollten immer im Schulbuch oder mit anderen Quellen überprüft werden. ChatGPT ist kein Google-Ersatz. Das hat ja ausserdem auch noch einen weiteren Lerneffekt, wenn man die Antworten noch einmal überprüfen muss.
Ich rate davon ab, KI, die in sozialen Medien wie WhatsApp, Instagram oder Snapchat integriert ist, zu nutzen.
Experten sagen, dass das Halluzinieren gar nicht ganz abzustellen sei. Was ist der aktuelle Stand?
Die KI halluziniert weniger, doch sie tut es nach wie vor. Das heisst, sie denkt sich manchmal Sachen aus, besonders, wenn sie eine Antwort nicht weiss. Es kann auch bei einfachen Antworten vorkommen, dass Fakten, Expertennamen oder Quellen durcheinandergebracht werden. Also auf jeden Fall immer alles gegenchecken! Für Recherchen mit Quellen eignet sich Perplexity. Da sind gleich die Links mitangegeben und können direkt mit einem Klick überprüft werden.
Welche Gefahren gibt es sonst noch?
Zum einen, dass die Kinder beim Benutzen das Zeitgefühl verlieren. Hier rate ich zu konsequenten Vereinbarungen: «Du darfst für diese Recherche zehn Minuten lang ChatGPT benutzen und danach recherchierst du zwanzig Minuten mit deinen Schulbüchern weiter.» Ich rate auch dringend davon ab, die KI zu benutzen, die in den sozialen Medien integriert ist. Leider lässt sie sich bei Meta, also Instagram oder WhatsApp, nicht ausschalten, sondern nur ausblenden. Bei Snapchat lässt sie sich nur mit dem kostenpflichtigen Abo ausschalten.
Was ist denn das Gefährliche an der KI der sozialen Medien?
Wir wissen nicht, was mit den Daten passiert und wie die Unternehmen diese nutzen. Das Gefährliche an der Snapchat-KI: Die User können den Avatar und die Eigenschaften so gestalten, dass es sich anfühlt, als würde man mit einem Menschen chatten. Die KI stellt auch Rückfragen. Aber sie gibt nicht wirklich Hilfe, vor allem nicht, wenn es um echte Probleme geht. Wir haben das als Recherche für unser Buch durchgespielt und selbst als wir schrieben «mir geht es nicht gut, ich möchte nicht mehr leben» gab es keinen Verweis auf Hilfsangebote.
Die KI als Psychologen- oder Freundesersatz, das machen mittlerweile viele Jugendliche.
Ein gefährlicher Trend! Deshalb ist es so wichtig, dass Eltern ihre Kinder in der Welt der künstlichen Intelligenz begleiten und ihnen immer wieder klarmachen, dass die KI nicht als Freund oder Psychologe gedacht ist. Unsere Kinder müssen wissen, dass sie sich immer an Erwachsene wenden sollten, wenn sie Sorgen haben, und diese nicht den technischen Geräten anvertrauen sollten.
Wenn Ihr Kind plötzlich Ideen äussert, die Sie nicht einordnen können, sollten Sie aufhorchen und nachfragen.
Gibt es da Warnzeichen, auf die Eltern achten können?
Eltern sollten darauf achten, ob sich ihr Kind nach der KI-Nutzung anders verhält. Sie sollten besonders aufmerksam sein, wenn ihr Kind sehr viel Zeit mit KI-Chats verbringt und dafür andere Tätigkeiten oder Freunde vernachlässigt. Besonders ernst zu nehmen ist es, wenn Kinder von beunruhigenden Gesprächen berichten oder plötzlich Ideen äussern, die man nicht einordnen kann. Solche Veränderungen können Hinweise darauf sein, dass es Zeit für ein offenes Gespräch ist.
Können Eltern die KI-Nutzung ihrer Kinder überhaupt kontrollieren?
Das geht aktuell nur bei ChatGPT, wo man ein Kidsprofil ab 13 Jahren anlegen kann, das mit dem eigenen Elternaccount verknüpft ist. Dort können verschiedene Einschränkungen durchgeführt wie beispielsweise eine definierte Auszeit, Bildeinschränkungen oder das Sperren völlig übertriebener Schönheitsideale. Eltern können zudem benachrichtigt werden, wenn Kinder bestimmte Fragen zu Drogen, psychischen Problemen und anderen problematischen Dingen wie Mobbing stellen.
Teenager könnten aber weiterhin mühelos auf einen eigenen Account ausweichen.
Ja. Die Kindersicherungen wirken oft wie eine Alibiübung der entsprechenden Unternehmen. Deshalb ist es so wichtig, dass Eltern ihr Kind begleiten und im Austausch bleiben. Dafür muss man kein Digitalexperte sein, sondern in erster Linie interessiert und aufmerksam.
Es wird für uns immer schwieriger, sagen zu können, was echt ist und was KI.
«Begleitung statt Begrenzung» plädieren Sie auch in Ihrem Buch «Kluge Köpfchen mit KI». Was heisst das für die Rolle der Eltern? Sollen sie immer dabei sitzen, wenn ihre Kinder eine KI benutzen?
Eltern sollten Kinder bei digitalen Geräten genau so sorgfältig begleiten wie in allen anderen Lebensbereichen auch. KI generell zu verbieten, finde ich problematisch. Nur weil etwas verboten ist, heisst es ja nicht, dass Kinder damit nicht in Kontakt kommen. Dann nutzen sie KI in der Schule oder bei Freunden – und dort haben Eltern keinen Einfluss darauf, was ihr Kind damit anstellt. Es ist immer besser, zuhause in den Dialog zu gehen und den Kindern eigene Impulse mitzugeben. Ich würde auch empfehlen, Kinder bis 13 Jahre beim Nutzen der KI zu begleiten.

Ab welchem Alter sollten Kinder KI frühestens benutzen?
Mit Elternbegleitung ist das schon ab dem Grundschulalter sinnvoll. Wichtig ist es, ihnen immer klarzumachen, dass sie ihren gesunden Menschenverstand einsetzen sollen. Dann merken sie auch recht schnell, ob die KI einen Blödsinn erzählt. Gerade Kinder, die geübt im Umgang sind, haben da ein sehr gutes Gespür.
Das mit dem gesunden Menschenverstand ist einfacher gesagt als getan, wenn unsere Kinder mit einer Social-Media-Welt voller Desinformation oder KI-generierten Fake-Videos aufwachsen.
Gesunder Menschenverstand entsteht, wenn wir Eltern mit unseren Kindern eine offene Gesprächskultur haben. Wenn Kinder fragen dürfen, wenn sie zweifeln dürfen und sich irren dürfen. Dann können wir, sobald bei einer KI-Antwort ein komisches Gefühl auftaucht, eine Google-Suche starten oder bei Perplexity nach weiteren Quellen suchen oder zusammen mit den Kindern auf einer Nachrichtenseite nachschauen. Hilfreich ist die Drei-Quellen-Regel: Wichtige Informationen immer mit drei verschiedenen Quellen verifizieren.
Und was ist mit Videos oder Fotos – wie kann man Kinder dafür sensibilisieren?
KI-generierte Bilder und Videos sind mit blossem Auge kaum noch zu erkennen. Manchmal steht in der Caption «enthält KI-generierte Inhalte», manchmal erkennen wir solche Videos an Wasserzeichen von Apps, die Videos generieren. Aber: Nicht alle KI-Inhalte sind gekennzeichnet. Es wird für uns immer schwieriger, sagen zu können, was echt ist und was KI.
Die Fähigkeit, kritisch zu denken, ist wichtiger denn je.
KI wird bald nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken sein, umso wichtiger, dass man sich damit auskennt. Sollte KI auch im Unterricht eingesetzt werden?
Wir wünschen uns, dass Lehrpläne grundlegend überdacht werden. KI-Kompetenzen gehören in jeden Unterricht, nicht als Zusatzthema, sondern als selbstverständlicher Teil des Lernens. Also zum Beispiel beim Erstellen von Arbeitsmaterialien. Lehrkräfte können dank KI bei Unterrichtsthemen ganz unterschiedlich auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen. Also Lehrinhalte zu Podcasts zusammenfassen für die Kinder, die besser durch Hörverstehen lernen. Oder KI nutzen, damit Schüler sich Mindmaps zu bestimmten Themen erstellen können und so weiter.
Tipps für Eltern
- Weniger ist mehr: nur das Nötigste eingeben, persönliche Daten grundsätzlich weglassen
- Keine Identifikationsdaten teilen: keine Namen, Adressen, Geburtsdaten, Telefonnummern, E-Mailadressen, Schul- oder Vereinsnamen, Gesundheitsinfos oder Zugangsdaten teilen
- Anfragen neutral formulieren: Statt «mein Sohn Paul ist neun Jahre alt und interessiert sich…» allgemein halten: «Erkläre das Thema für ein neunjähriges Kind»
- Login mit E-Mail bevorzugen: Prüfen, ob die Nutzung auch ohne Konto möglich ist
- Daten regelmässig löschen: Chatverläufe und gespeicherte Inhalte entfernen und optionales Datensammeln deaktivieren
- Auf Datenschutz achten: Anbieter mit Datenschutzstandards bevorzugen
- Kinder immer mit einbeziehen: Mit dem Kind besprechen, welche Infos tabu sind, und klare Regeln vereinbaren
- Keine Fotos der Kinder hochladen
- Drei-Quellen-Regel: das Kind bitten, wichtige Informationen immer mit drei verschiedenen Quellen zu verifizieren
Das Lernen kann dadurch deutlich individueller und differenzierter werden. KI-Nutzung bedeutet auch, dass Auswendiglernen weniger wichtig wird, oder?
In einer Welt, in der künstliche Intelligenz uns jederzeit Zugang zu nahezu unbegrenztem Wissen verschafft, verändert sich der Bildungsauftrag grundlegend. In einer Zeit von KI-generierten Inhalten ist die Fähigkeit, kritisch zu denken, wichtiger denn je. Kinder müssen lernen, mit Daten umzugehen, und brauchen die Kompetenz, Informationen zu hinterfragen und einzuordnen.
Welche drei KI-Tools sind die wichtigsten und wozu eignen sie sich besonders?
Ich persönlich komme mit ChatGPT sehr gut zurecht. Für Recherchen bietet sich auch Perplexity an, weil die Ergebnisse immer mit Links zu den Quellen ausgespielt werden, die man dann wiederum prüfen kann. Und Duck AI (von DuckDuckGo) hat den Vorteil, dass es anonyme, datenschutzfreundliche KI-Konversationen ohne Anmeldung bietet.








