Frau Lötscher, zumindest in meiner Erinnerung scheine ich als Kind oft alleine in der Bibliothek gewesen zu sein, während meine Freundinnen draussen Räder schlugen. Haben früher wirklich mehr Kinder gelesen?
Es geistern sehr viele Vorstellungen, aber auch Wünsche und Projektionen umher, wenn es um das Leseverhalten von Kindern und Jugendlichen geht. Ich beschäftige mich seit 25 Jahren aus kulturwissenschaftlicher Sicht mit dem Thema. Betrachten wir es mit etwas Distanz, zeigt sich: Es gab schon immer Kinder, die gerne lesen – und solche, die das eben nicht tun.
Schon früher wollte man neue Medien regulieren. Damals hiess das Lesedietätik.
Schauen wir Eltern also zu verklärt auf die gute alte Zeit vor Smartphone und Social Media?
Ganz klar. Lesen wurde noch im 18. und 19. Jahrhundert als etwas Gefährliches angesehen. Es war etwas, das reguliert werden musste. Was wir heute mit Social Media tun – Verbote aussprechen, zu Mass anhalten, Inhalte kuratieren, Medienkompetenz vermitteln –, das gab es früher schon und hiess Lesedietätik.
Dass man wie bei der Ernährung schaute, was und wie viel an Lektüre ein Kind zu sich nimmt?
Genau. Das Genre für Kinder war im 18. Jahrhundert die Robinsonade – Geschichten, die sich an «Robinson Crusoe» von Daniel Defoe anlehnten. Es gab alle möglichen Fassungen davon, auch eine Schweizer Variante. Lesen sollte den Kindern anwendbares Wissen vermitteln. Sie sollten aus Büchern lernen, wie man in der Wildnis überlebt, ein Floss baut oder jagt.
Das klingt pragmatisch.
Wir vergessen manchmal, wie sehr wir noch heute in dieser Pädagogikvorstellung aus der Aufklärung verhaftet sind: Kinder haben möglichst einen konkreten Nutzen aus Büchern zu ziehen. Gleichzeitig gibt es die von der Romantik geprägte Lesepädagogik: Dort geht es dann mehr darum, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und sich in Fantasiewelten zu begeben.

Auch in der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur findet man ja sowohl didaktische Geschichten zum Klimawandel als auch wilde Abenteuer von jugendlichen Halbgöttern.
Wir navigieren bis heute zwischen diesen Polen hin und her. Als Eltern heissen wir das Eintauchen in andere Welten vor allem dann gut, wenn unsere Kinder durch die Lektüre empathischer werden oder etwas über sich selbst lernen. Diese psychologischen Aspekte sind aus dem romantischen Leseideal hervorgegangen und nehmen nach wie vor eine wichtige Funktion ein.
Laut der neuen JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest sind Bücher weiterhin ein fester Bestandteil der Medienwelt von Kindern und Jugendlichen. Die Erhebung zeigt aber auch: Heranwachsende verweilen inzwischen deutlich weniger lange in einem Buch oder Comic als noch vor ein paar Jahren. Ist das der sinkenden Aufmerksamkeitsspanne dieser Generation geschuldet? Oder anders: Ist das Smartphone schuld?
Natürlich lenkt das Smartphone ab – aber nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene. Statt Kindern das Handy zu verbieten, sollten wir bei uns selbst anfangen und die Geräte öfter weglegen. Erst wenn man wieder ein Buch in die Hand nimmt, merkt man, wie nervös einen das ständige Tippen und Scrollen am Handy macht – selbst dann, wenn man darauf nur Zeitung liest.
Neue Medien stellen aber sowieso immer den Platz der bisherigen infrage.
Es ist normal, dass jedes neue Medium auch einen Ausdifferenzierungsprozess mit sich bringt. Dass also neu bestimmt wird, welches Medium für welches Bedürfnis da ist. Das, was das Lesen bietet, das Eintauchen in andere Welten, das suchen Kinder nach wie vor. Nur finden sie es nicht mehr nur in Büchern, sondern eben auch in Fernsehserien oder Videogames. Was sich aber gerade stark verändert: Lesen ist heute nicht mehr das vorrangige Lernmedium.
Eignen sich Youtube-Videos und Podcasts denn ebenso gut wie Bücher und Fachtexte, um Wissen zu vermitteln?
Manche Menschen können Inhalte gut übers Ohr aufnehmen, andere lernen besser übers Visuelle. Ideal ist es, wenn verschiedene Lernmethoden zusammenkommen. Das Lesen bleibt wichtig, aber es wird immer mehr hauptsächlich zu einem Mittel der Selbstreflexion. Man kann beim Lesen ganz woanders sein und gleichzeitig ganz bei sich selbst. Ich glaube, genau das ist es aber auch, was literarische Texte so einzigartig macht. Nur ein Buch kann diese Erfahrung bieten.
Was ist mit der KI, die ganze Bücher zusammenschnurrt und Präsentationen erstellt?
Da bin ich sehr skeptisch. Texte selbst zu lesen und zusammenzufassen, ist eine anstrengende, aber essenzielle Arbeit. Und: Die KI-Chatbots erzählen auch einfach viel Quatsch.
Beim Lesen vergessen Kinder, wie viel Arbeit sie dabei eigentlich leisten.
Gut lesen zu können, ist über den Deutschunterricht hinaus entscheidend. Die Lesekompetenz von Schülerinnen und Schülern nimmt jedoch seit Jahren ab. Was macht das Lesen so wichtig?
Das Gehirn leistet eine enorme Arbeit, wenn wir anspruchsvolle Texte lesen. Junge Menschen haben heute mehr Mühe, diese selbst zu erschliessen und komplexe Sachverhalte zu verarbeiten. Gut lesen bedeutet nicht nur über den Inhalt, sondern auch über den Erschliessungsprozess nachzudenken und zu diskutieren. Man muss formulieren können, was man verstanden hat und was nicht. Das versunkene Lesen hat in diesem Zusammenhang für Kinder übrigens eine besondere Bedeutung.
Welche?
Wenn wir Erwachsene in ein Buch eintauchen, tun wir das vor allem, weil es uns guttut. Lesen erdet und entspannt, es inspiriert und bringt uns auf neue Ideen. Für Kinder kommt aber eine weitere Komponente dazu: Ganz in einer Geschichte zu versinken, ist für sie schlicht der einfachste Weg, um gut lesen zu lernen. Sie vergessen dabei komplett, wie viel Arbeit sie eigentlich leisten.

Je nach Geschlecht unterscheidet sich das Leseverhalten markant. Die JIM-Studie zum Medienumgang von 12- bis 19-Jährigen kommt zum Schluss: Jungs greifen nicht nur seltener zu einem Buch oder Comic, sie bleiben auch weniger lange darin hängen als Mädchen. Dieser Graben scheint sich mit zunehmendem Alter noch zu vergrössern.
Ich bin keine Medienpsychologin und kann das nur bedingt beurteilen. Wenn ich mit meinen Studenten über ihre Lesebiografie spreche, fällt mir aber immer wieder auf: Viele haben erst spät so richtig mit dem Lesen angefangen. Selbst Professorenkollegen erzählen mir, dass sie die Leidenschaft erst als junge Erwachsene gepackt habe. Ich glaube deshalb nicht, dass wir uns da Sorgen machen müssen. Die Medienwelt von Jungs hat eine grosse Spannbreite. Sie reicht von Anime über Comics und Fernsehserien bis zu Videogames. Wenn ein Junge einfach sehr gerne Manga liest oder richtig gut gamt, ist das ebenfalls anspruchsvoll.
Viele Kinderbücher haben mittlerweile etwas angestrengt Pädagogisches und sind unendlich brav.
Gleichzeitig ist das Bücherangebot für Mädchen und junge Frauen aber auch viel grösser als die Auswahl für Jungen.
Junge Frauen, aber auch queere Jugendliche haben tatsächlich eine enorme Auswahl. Das geht so weit, dass Young Adult und New Adult heute die am meisten gelesenen Genres überhaupt sind – die ganzen Liebesgeschichten also, die unter Begriffen wie Romance, Romantasy oder Dark Academia laufen. Für junge Cis-hetero-Männer ist das Angebot jenseits von Mangas und Comics viel weniger spektakulär. Dabei hat man sich gerade bei Kinder- und Jugendbüchern eine Weile lang stark darum bemüht, alle Geschlechter anzusprechen. Seit einigen Jahren driftet es wieder auseinander, besonders eben bei den Geschichten für Jugendliche und junge Erwachsene. Bei den Kinderbüchern sind vor allem Serien geschlechtsspezifisch. Doch es gibt ja auch die klassische Kinderliteratur, die sich an alle richtet. Bei den Büchern für die Jüngsten stelle ich aber noch eine weitere Entwicklung fest.
Ja?
Kinderbücher erlebten nach der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 in Europa und im ganzen angelsächsischen Raum eine regelrechte Blütezeit. Es entstanden sehr viele literarische Werke und den Autorinnen und Autoren wurde grosse Beachtung geschenkt. Doch mittlerweile scheint es in Kinderbüchern vor allem darum zu gehen, ja nichts falsch zu machen und niemanden zu verärgern. Viele Geschichten haben etwas angestrengt Pädagogisches und sind unendlich brav.
Macht das die Bücher nicht auch für Kinder langweiliger?
Doch, natürlich – und es zeigt vor allem, dass Kinderbücher keinesfalls jenseits aktueller Debatten gelesen und geschrieben werden. An Texten für Kinder können gesellschaftliche Entwicklungen abgelesen werden. Im Moment muss man lange nach dem Wilden und Anarchischen suchen, das lange vorherrschte in der Kinderliteratur, auch dank Astrid Lindgren. Es gibt aber immer noch grossartige Bücher, etwa von der Zürcher Autorin Eva Rottmann.

Welchen Einfluss haben eigentlich Väter auf das Leseverhalten von Buben?
Einen Vater zu haben, der Geschichten erzählt und selbst gerne liest, ist eine tolle Sache. Väter spielen dabei für Söhne wie auch Töchter eine massgebliche Rolle. Aber wie gesagt: Lesen ist auch ein soziokulturelles Phänomen. Wir legen als Eltern nicht zuletzt so grossen Wert darauf, dass unsere Kinder lesen, weil der Literatur auch gesellschaftlich sehr viel Bedeutung beigemessen wird. Natürlich hängt es zu einem gewissen Grad vom Umfeld oder vom Geschlecht ab, ob ein Kind in seiner Freizeit lieber liest oder Fussball spielt. Doch vieles ist auch einfach eine Frage der individuellen Veranlagung: Manche brauchen es regelrecht, immer wieder ganz in ein Buch einzutauchen. Für andere ist es das Tollste, mit Freunden etwas zu unternehmen.
Gerade Eltern, die viel lesen, verzweifeln manchmal fast daran, wenn ihr Kind kaum Interesse an Literatur zeigt. Machen sie etwas falsch?
Wer seinem Nachwuchs vorliest und viel spannende Lektüre zur Verfügung stellt, sollte sich nicht zu sehr den Kopf zerbrechen: Nicht jedes Kind muss gerne lesen. Es hat auch so gute Chancen im Leben. Mehr Sorgen mache ich mir um jene Heranwachsenden, die eigentlich gerne lesen würden, aber nicht genügend Angebote bekommen. Oder denen vermittelt wird, Lesen sei Zeitverschwendung oder Mädchensache. Denn der Zugang zu Büchern hat sehr wohl damit zu tun, wie das Lesen in der Familie behandelt wird. Wer alles versucht hat, sein Kind für Literatur zu begeistern, muss womöglich akzeptieren, dass Bücher ihm schlicht nicht dieselbe Freude bereiten wie einem selbst. Da sollten wir Erwachsenen uns auch etwas entspannen.
Die eigenen Wünsche zu kennen und ernst zu nehmen, kann helfen, das Gegenüber in der realen Welt als jenen Menschen anzunehmen, der er ist.
In der Forschung spricht man heute von zwei Leseknicks. Während der zweite mit der Adoleszenz zusammenfällt, tritt der erste bereits in der Primarschule auf. Dann nämlich, wenn Eltern mit dem Vorlesen aufhören, weil das Kind nun eigentlich lesen kann. Dieses verliert dann aber oft das Interesse an Büchern, weil Selberlesen eben immer noch anstrengend ist. Wie können wir Kinder über diese Knicks hinweg begleiten?
Sicher nicht, indem wir sie zum Lesen verdonnern. Stattdessen können wir zum Beispiel Leseabende organisieren: Alle treffen sich auf der Couch mit einem Buch. Ich finde es auch toll, wenn man sich in der Familie weiterhin vorliest, auch die Eltern einander. Als meine Grossmutter irgendwann nicht mehr gut sehen konnte, habe ich ihr die halbe Literaturliste für mein Germanistikstudium vorgelesen. Und zeigen nicht all die ausgebuchten Lesungen, dass Vorlesen längst nicht nur für Kleine ist? Das Wichtigste ist aber, eine Lesekultur in der Familie zu pflegen. Und natürlich: selber lesen.
Gerade im Zusammenhang mit dem Smartphone braucht es doch auch Regeln, um solche Momente überhaupt zu ermöglichen? Etwa: Abends gibts keine Bildschirme mehr, aber …
… man darf im Bett noch lesen, genau. Das hat mir schon meine Mutter so weitergegeben und ich auch meinen Töchtern. Heute kann ich ohne Buch gar nicht mehr einschlafen – was auch immer Schlafwissenschaftler dazu sagen würden.
Sie konzentrieren sich in Ihrer Forschung derzeit auf das Thema Booktok – den Austausch über Young-Adult- und New-Adult-Bücher auf Tiktok. Werden in diesen Genres nicht altmodische Rollenvorstellungen und Beziehungsmuster zelebriert?
Ganz und gar nicht! Es wird in diesen Romanen sehr explizit und auf spannende Weise verhandelt, dass Liebesgeschichten eben keine Blaupause sind für echte Beziehungen. Die Hauptfiguren schreiben ja oft selbst und müssen dann im Lauf der Zeit feststellen, dass das Leben gar nicht so ist wie in ihren Büchern. Hier werden viele Fragen und Spannungsfelder klug ausgehandelt, etwa, wie Feminismus und romantisches Begehren zusammengehen. Die Geschichten machen den Leserinnen und Lesern ausserdem ganz unterschiedliche Lektüreangebote: Sie können als Schnulze, aber eben auch kritisch und analytisch gelesen werden. Das Genre dreht sich stets darum, dass die romantische Liebe seit jeher ein literarisches Konstrukt ist.
Es geht also vor allem um die Liebe zum Buch?
Bei der Faszination für Young Adult und New Adult geht es um Literatur, nicht um Männer. Die kommen halt einfach vor. Ich glaube übrigens auch nicht, dass Leserinnen von einem realen Partner erwarten, dass er sein muss wie der Märchenprinz im Buch – der heute übrigens Book-Boyfriend heisst. Wir lesen diese Geschichten, um unseren Fantasien Raum zu geben und uns aber auch mit ihnen auseinanderzusetzen. Ich glaube, die eigenen Wünsche zu kennen und ernst zu nehmen, kann sogar dabei helfen, das Gegenüber in der realen Welt als jenen Menschen anzunehmen, der er ist.
Young Adult und New Adult ist die Antwort junger Frauen auf den männlich dominierten Literaturbetrieb.
Sie sprechen im Zusammenhang mit Booktok und Young Adult gar von Empowerment: Waren Frauen in der Buchbranche zwar als Konsumentinnen seit jeher gern gesehen, waren sie als Rezensentinnen oder Autorinnen bislang eher nicht erwünscht.
Mit Young Adult und New Adult findet eine ökonomische wie auch kulturelle Aneignung des männlich dominierten Literaturbetriebs statt, ganz klar. Hier sagen sich junge Frauen: Schauen wir uns doch mal genauer an, womit man uns bisher gefüttert hat – nur um uns dann auch noch zu belächeln dafür. All die ganzen Liebesgeschichten erzählen wir jetzt mal aus weiblicher Perspektive und schreiben das Genre um.
Soll man sich eigentlich einmischen bei der Lektürewahl seiner Kinder? Was, wenn Minderheiten stereotyp dargestellt werden oder Texte auch sprachlich zu wünschen übrig lassen? Mein jüngster Sohn etwa will ständig dieselbe «Papa Moll»-Geschichte hören. Diese Reime ... schrecklich!
Kinder und Jugendliche sollten selbst entscheiden dürfen, was sie lesen. Schliesslich finden sie in der Lektüre ja etwas, das sie suchen. Gleichzeitig darf man als Elternteil ungeniert sagen, dass man es daneben findet, wenn da immer nur die Mutter in der Küche herumhantiert. Als meine Töchter klein waren, habe ich manchmal Sachen umgedichtet oder ausgelassen. Ich habe auch thematisiert, dass ein Buch aus einer anderen Zeit stammte und deshalb meine Korrekturen und Anpassungen an die Gegenwart braucht, etwa, wenn Astrid Lindgren oder Otfried Preussler das N-Wort verwenden. Meine Mutter fand «Papa Moll» übrigens ebenfalls furchtbar. Sie wollte keinesfalls, dass ich diese Geschichten lese. Das machte mich selbstverständlich erst recht neugierig. Aber sie hatte recht.
Das war bei mir ähnlich. Ich habe mich als Kind jedes Mal wahnsinnig gefreut, wenn ein neues Heftchen auflag in der Drogerie – und hoffe dennoch, dass mein Sohn bald wieder auf etwas anderes umschwenkt.
Selbst wenn wir von der Lektüre unseres Kindes nicht immer begeistert sind: Solange es nicht das Einzige ist, was es liest, sehe ich da keine Probleme. Im Gegenteil, gerade aus fiktionalen Erzählungen lernen wir doch: Nur weil etwas als Geschichte gut funktioniert, muss es lange nicht wahr sein. In einer Welt, in der wir ständig von Fake News umgeben sind, ist das eine ungeheuer wichtige Erkenntnis. Schliesslich machen Maschinen wie ChatGPT ja genau das: Sie bringen Wörter und Sätze in einen so sinnvoll wirkenden Zusammenhang, dass man denkt: Das muss doch stimmen, so schön, wie das aufgeht. Aber alles, was plausibel klingt, ist erst einmal gut erzählt.








