Frau Huber, wann fühlt sich ein Kind wohl in der Schule und kann gut lernen?
Da wäre einiges zu nennen, aber um erfolgreich lernen zu können, ist etwas vom Zentralsten gesehen, gehört und miteinbezogen zu werden. Sprich partizipieren zu können.
Warum das?
Lassen Sie mich ein wenig ausholen: Wenn ein Kind auf die Welt kommt, ist es vollkommen. Es braucht unseren Schutz und eine liebevolle Begleitung zum Wachsen. Wie ein Schwamm saugt das kleine Kind alles auf und will Schritt für Schritt selbständiger werden. Doch irgendwann kommt der Moment, in dem wir Erwachsene anfangen, das Kind zu erziehen, es zu formen, ihm zu sagen, was es zu tun hat: Pass auf, das ist zu gefährlich! Nein, das machst du kaputt, das geht anders!
Und mit dem Schuleintritt wird das vermutlich nicht besser.
Richtig, da heisst es dann: Du musst jetzt Mathe lernen, auch wenn es dich nicht interessiert! Du musst jetzt Französisch lernen, egal ob es dich interessiert, du es anwenden kannst oder ob du einen Sinn darin siehst! Da wird Lernen plötzlich zum Zwang und engt ein: Du bist jetzt in der Schule, du musst nach Vorgabe lernen. Ich beobachte regelmässig, dass Kinder mit leuchtenden Augen und voller Entdeckerlust im Kindergarten starten und spätestens in der 5. Klasse resignieren oder gegen das System rebellieren. Das Leuchten in den Augen erlischt.
Welche weitreichenden Folgen kann das haben?
Unsere Gesellschaft wird handlungsunfähiger. Für die Herausforderungen der Zukunft brauchen wir keine Menschen, die nur nach Vorgabe machen, was man ihnen sagt. Wir benötigen dringend Menschen, die neu denken, neue Ideen haben, selber entscheiden und handeln können.

Und die Partizipation der Kinder im Schulalltag kann etwas bewirken?
Davon bin ich überzeugt. Lernen ist kein linearer Prozess, folgt keinem strikten Plan, sondern findet individuell, gemeinschaftlich und interessenbasiert statt. Wie oft werden die Kinder wirklich gefragt, was sie gerade brauchen, was ihr Bedürfnis ist. Was sie begeistert, wo sie etwas Neues lernen wollen?
Aber wie können Kinder im Schulalltag partizipieren?
Eine wichtige Massnahme ist, das Leben im Schulalltag abzubilden und die Kinder schon sehr früh in Entscheidungsprozesse miteinzubeziehen. Das Projektlernen beispielsweise fördert genau das und weitere wichtige Punkte: Das vernetzte und das kritische Denken, die Kreativität, die Neugier, die Kommunikation miteinander und das Zusammenarbeiten in Gruppen. Dies alles sind wichtige Kompetenzen für eine «ungewisse» Zukunft.
Wenn wir den Kindern lebensnahe Aufgaben ermöglichen, die ihre Neugier wecken, sind sie viel motivierter.
Dürfen die Schülerinnen und Schüler den Gegenstand beziehungsweise das Thema selbst wählen, vereinfacht dies den Einstieg ins Lernen. Denn wer sich für ein Thema interessiert, ist intrinsisch motiviert und bleibt länger dran. Projektlernen schafft also nicht nur einen Bezug zur Lebenswelt, sondern lässt Kinder partizipieren, bezieht sozio-emotionales Lernen mit ein und fördert den Durchhaltewillen.
Worauf kommt es noch an?
Wir, die Lehrpersonen und Pädagogen, können den Lernenden zu verstehen geben, dass sie wichtig sind, dass ihre Meinung zählt. Denn wo der Mensch mitentscheiden und mitgestalten darf, kümmert er sich und setzt sich für sich selbst und andere ein. Erst wenn ich weiss, was die wirklichen Bedürfnisse eines Kindes sind, kann ich es bei seinem Lernen gelingend begleiten.
Ich erlebe, dass viele Lehrpersonen dies anstreben, sie aber im Schulalltag vor grossen Herausforderungen stehen.
Das stimmt. Wir haben beispielsweise viel mehr Verhaltensauffälligkeiten als früher. Doch ich glaube, dass der Fakt, dass die Kinder in der Schule Dinge lernen müssen, die sie nicht interessieren, weil ihnen der Bezug fehlt, diese Auffälligkeiten noch verstärken. Hier können wir an den Schulen handeln, indem wir die Kinder selbst ihren Lernprozess steuern lassen. Wenn wir den Kindern lebensnahe Aufgaben ermöglichen, die ihre Neugier wecken, sind sie viel motivierter, sich in ein Thema zu vertiefen.
Sie sind Schulleiterin am Schulhaus Egliswil, wie sieht das konkret an Ihrer Primarschule aus?
An unserer Schule haben die Kinder über die beschriebene Projektarbeit hinaus ein Mitspracherecht. Im Klassenrat und im Schülerrat. Dort dürfen alle Themen diskutiert werden, die bewegen. Das geht von der Frage, wie die einzelnen Klassen miteinander in Verbindung treten können über Znünifragen bis zu Inputs für die Umgestaltung des Pausenplatzes.
Wenn wir in den Schulen den Mut haben, Partizipation als Schwerpunkt zu setzen, werden die Kinder ganz natürlich viel schneller und freudiger lernen.
Erzählen Sie mehr.
Unser Pausenplatz ist ein tolles Beispiel für eine gelungene Kinderpartizipation. Unsere Kinder wünschten sich mehr Rückzugsorte, mehr Natur, mehr Verstecke auf dem Pausenplatz. Wir haben sie ernst genommen und mit ihnen eine Eingabe beim Gemeinderat gemacht. Anschliessend wurde zusammen mit dem Naturama eine Gestaltungsmöglichkeit erörtert sowie ein Projekt zum Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz aufgegleist.
So konnten die Kinder ein sehr aktuelles Thema bearbeiten und die Inputs daraus wurden ins Projekt miteinbezogen. Als es dann zur Umsetzung kam, halfen die Kinder aktiv mit: schaufeln, pflanzen, malen und so weiter. Die Begeisterung war gross und durch das Mithelfen wird die Fähigkeit unterstützt, zu etwas Sorge zu tragen, was man selbst mitgestaltet und gebaut hat.
Das hilft den Schülerinnen und Schülern sicher auch für ihr späteres Leben.
Genau. Und die Chancen auf ein wohlwollendes Miteinander werden grösser, je früher man den wertschätzenden und respektvollen Umgang miteinander lernt. Wenn man lernt, wie man seine Bedürfnisse wahrnehmen, aussprechen und gleichzeitig die der anderen berücksichtigen und gemeinsam mit anderen Menschen etwas bewirken kann. So werden Menschen auch resilienter, also widerstandsfähiger. Wenn ich zudem weiss, was mir persönlich guttut, wenn ich meine Talente, Stärken sowie Grenzen und Schwächen kenne, kann ich viel erfolgreicher durchs Leben gehen.
Das hört sich gut, aber auch zeitaufwendig an.
Den Einwand, dass diese Form der Partizipation von Seiten der Schule beziehungsweise der Lehrpersonen gar nicht leistbar ist, höre ich öfter. Aber meine Neugier, zu erfahren, was die Kinder denken, wie sie handeln und fühlen, macht es mir leicht, sie partizipieren zu lassen.
Hinzu kommt meine eigene Erfahrung als Schülerin: Meine Meinung zählte damals nicht, stattdessen wurde mir alles vorgegeben. Das möchte ich heute anders handhaben und ich bin davon überzeugt, dass es vielen meiner Kolleginnen und Kollegen ebenso geht. Wenn wir in den Schulen den Mut haben, Partizipation und sozio-emotionales Lernen als Schwerpunkt zu setzen, werden die Kinder ganz natürlich viel schneller und freudiger lernen. Dadurch wird sich der Zeitaufwand für uns Lehrpersonen ganz von selbst reduzieren.
Kinder sollen herausgefordert, aber nicht überfordert werden. Das ist eine Gratwanderung.
Aber es gibt sicher auch herausfordernde Momente.
Natürlich. Kinder können die Folgen und Konsequenzen ihres Handelns oder ihrer Idee oft noch nicht abschätzen oder können sich je nach Alter nicht in ihr Gegenüber hineinversetzen. Deshalb ist eine achtsame, klare und für Sicherheit sorgende Begleitung wichtig. So, dass sie zwar herausgefordert, aber nicht überfordert werden. Diese Gratwanderung bleibt in der Verantwortung der Erwachsenen. Und manchmal stossen wir auch an strukturelle Grenzen.
Erzählen Sie.
Einmal wünschte sich die sechste Klasse an unserem Schulhaus einen Schulstart um 8.30 oder 9 Uhr und ein Unterrichtsende um 14.30 Uhr. Ich habe grosses Verständnis für diesen Wunsch, der dem Biorhythmus der meisten Kinder in diesem Alter entsprechen würde. Und doch kommt uns hier unser System in die Quere. Dieses ist noch nicht auf freie Wahl der Schulzeit ausgerichtet, es schreibt uns noch zu viel vor. Die Fächer und Inhalte sind festgelegt, Ferien und die Präsenzzeit in der Schule ist fixiert, Klassen und Jahrgänge sind vorgeschrieben, etc. Um hier die Kinder wirklich teilnehmen zu lassen, müssen wir als Gesellschaft bereit sein, die Schulstruktur zu ändern. Flexibler zu werden.
Und welche Vorteile bringt es in der Familie, wenn Kinder in Entscheidungen mehr mit einbezogen werden?
Auch Eltern profitieren davon, wenn Sie ihre Kinder im Familienalltag beteiligen, stärken und partizipieren lassen. Sie werden selbständigere, fröhlichere, selbstwirksamere Kinder haben. Diese können sich in Diskussionen einbringen, können Ihre eigene Meinung äussern, ihre Gefühle auf adäquate Weise ausdrücken, an Lösungen beteiligt werden und damit zu einem ausgeglichenen Familienklima beitragen.









