Die gute Nachricht: Die Schweiz gehört zu den drei Ländern weltweit, die am besten auf den Klimawandel vorbereitet sind. Stabile Institutionen, hohe wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, gute Infrastruktur und eine hohe Innovationskraft – das sind für die Forschenden der University of Notre Dame die herausragenden Gründe, warum sie die Schweiz in ihrem ND-GAIN Country Index aufs Treppchen (Platz 3) stellen. Beim Teilindex «Vulnerability» liegt die Schweiz sogar auf Platz 1 der am wenigsten verletzlichen Staaten.
Die schlechte Nachricht: Wirklich sicher ist man auch in der Schweiz nicht.
Das Jahr 2025 gehörte zu den drei wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen. Extremwetterereignisse wie Stürme, Dürren, Starkregen, Waldbrände oder Felsstürze nehmen zu. Und es ist keine Besserung in Sicht.
Nur ein Beispiel: Die US-Behörde für Ozeanographie und Atmosphärenforschung (NOAA) meldete kürzlich, dass das regelmässig wiederkehrende Wetterphänomen El Niño im Spätherbst und Frühwinter 2026 sehr wahrscheinlich zu den stärksten seit Beginn der Aufzeichnungen zählen wird – mit erwartbaren Schäden in Milliardenhöhe.
Probleme durch Permafrost
Der Klimawandel verändert die Erde in ungekanntem Tempo. Und das gilt nicht nur für gebeutelte Orte wie in Bangladesch, auf flachen Inseln in Ozeanien oder Regionen, die im wahrsten Sinne verwüstet werden, sondern eben auch für eher neblig-kühle Orte wie Fairbourne in Wales, dem ersten Ort in Grossbritannien, der wegen des Klimawandels aufgegeben wird.
Auch in der Schweiz löst der Klimawandel etwa durch den abtauenden Permafrost enorme Probleme aus. Im Mai 2025 kam es im Walliser Lötschental zu einem Gletscherabbruch und Erdrutsch. Damals fielen zehn Millionen Kubikmeter Fels, Geröll und Eis auf das Dorf Blatten. Derzeit werden allein im Wallis 150 Orte überwacht, um grössere Katastrophen zu verhindern.
Wir haben herausgefunden, dass eine gewisse Klimaangst nicht lähmt und krank macht, sondern Kinder und Jugendliche dazu bringt, umweltfreundlicher zu leben.
Stefanie Schmidt, Klinische Psychologin
Der Klimawandel verändert auch unseren Blick auf Heimat. Und er schafft neue Fragen für Eltern: Was bedeutet es für ein Kind, wenn der eigene Wohnort ein Ablaufdatum bekommt? Wenn die Meldungen über aktuelle und kommende Katastrophen immer zahlreicher werden? Viele Eltern auch in der Schweiz machen sich zunehmend Gedanken, wo denn ein sicherer Ort ist, an dem auch Kinder und Enkel noch gut leben können. Und, noch wichtiger, wie man mit Kindern und Jugendlichen über das spricht, was da auf sie zukommt – ohne ihnen Angst zu machen.
Wann wird aus verständlicher Sorge krankmachende Angst?
Was Gefühle wie Angst bei Kindern und Jugendlichen auslösen, dazu forscht Stefanie Schmidt, Leiterin der Abteilung Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters an der Universität Bern. Aktuell beschäftigt sie sich im Projekt «CLEMA – Climate Change and Mental Health in Adolescents», wie Heranwachsende über den Klimawandel denken und fühlen, wie sie mit klimabezogenen Sorgen umgehen und welche Faktoren umweltfreundliches Verhalten fördern können.
«Viele Kinder und Jugendliche machen sich Sorgen um das sich verändernde Klima und seine langfristigen Folgen. Das wird oft Klimaangst genannt. Aber diese Angst ist ja nicht per se etwas Schlechtes», sagt Schmidt. Angst habe immer auch eine Funktion und könne motivieren, das, wovor man Angst hat, möglichst nicht eintreten zu lassen. «Unsere und andere Studien zeigen, dass eine gewisse Klimaangst eben nicht lähmt und krank macht, sondern Kinder und Jugendliche dazu bringt, etwa umweltfreundlicher zu leben», sagt die Forscherin. Dadurch würden sie Selbstwirksamkeit erfahren – die Angst macht sie zu Handelnden.
Bei den meisten sei das Thema eines unter mehreren Sorgenfeldern verbunden mit Zukunftssorgen – wie Angst vor Kriegen, politischer Instabilität oder der Frage, welche Rolle KI und Automatisierung für die eigene berufliche Zukunft spielen werden.
Neben dieser eher aktivierenden Angst gibt es die Klimaangst, die krank macht. Schmidt nennt klare Anzeichen: Schlafstörungen, Abgeschlagenheit, Konzentrationsprobleme, ungewöhnliches Essverhalten, soziale Isolation. «Wenn die Klimaangst das Leben stark negativ beeinflusst, brauchen die Betroffenen Hilfe», sagt Schmidt.
Verlässliche Quellen einbeziehen
Gerade Social Media mit Algorithmen, die stark emotionale Inhalte bevorzugen, sorgt für eine Informationsflut, die hilflos machen und überwältigen kann, sagt Schmidt. Eltern können hier aktiv gegensteuern, indem sie gemeinsam mit ihren Kindern reflektieren, welche Inhalte sie konsumieren, und bewusst auch lösungsorientierte und verlässliche Quellen einbeziehen. Ein festes, altersgerechtes Zeitfenster für Nachrichtenkonsum kann ebenfalls entlastend wirken.
Für Schmidt hat ausserdem die Schule eine besondere Bedeutung für Prävention und Gesundheitsförderung, auch mit Blick auf Klimawandel-Themen. Als Ort, der alle Kinder erreicht, unabhängig von Herkunft oder sozioökonomischem Hintergrund.
Eltern sollten den Klimawandel ansprechen, aber nicht katastrophisieren.
Stefanie Schmidt, Klinische Psychologin
Schmidt forscht auch zur Community Resilience. Wie kann eine Community, eine Peergruppe, eine Klasse, eine Schule gemeinsam Resilienz entwickeln und zusammen Projekte auf die Beine stellen, um sich selbstwirksamer zu fühlen? Doch leider fehle hier, so beschreibt es die Forscherin, ein ganzheitlicher, schweizweiter Ansatz für Prävention und Förderung der mentalen Gesundheit. «Es kommt leider auch hier auf das Engagement der Schule und auf das Engagement einzelner Lehrpersonen an», sagt sie.
Schmidt rät Eltern, frühzeitig mit ihren Kindern über den Klimawandel und dessen Folgen zu sprechen: «Sie sollten es ansprechen, aber eben auch nicht katastrophisieren.» Wichtig sei immer, Türen zu öffnen für Bereiche, in denen die Kinder und Jugendlichen selbst Einfluss nehmen können. Und auch positive Nachrichten vermitteln über Entwicklungen, über Lösungen, über Hoffnung. «Es gibt ja nicht nur Klimaangst und Klimaärger, also der Groll gegen Konzerne und frühere Generationen, sondern auch die Klimahoffnung. Dinge, die gut laufen. Und das ist es, was Erwachsene ihren Kindern zeigen können; dass Handeln etwas bewirkt», sagt Schmidt.
Aus dem Lehrerzimmer in die Klima-NGO
Wie Schulen und Lehrpersonen mit Blick auf den Klimawandel selbstwirksam sein können, damit beschäftigt sich Miriam Bastian seit vielen Jahren. Bastian hat an der Uni Zürich in Geschichte doktoriert, der Klimawandel war im Studium aber praktisch kein Thema.
Doch als Bastian als Lehrerin für Latein, Deutsch und Geschichte begann, forderte der Lehrplan 21: Bildung für Nachhaltige Entwicklung zu vermitteln. Die Themen waren Miriam Bastian nahe. Sie ist gerne in den Bergen unterwegs, liebt veganes Essen, lebt in einem nachhaltigen Wohnprojekt und versucht, Dinge des täglichen Bedarfs Second Hand zu kaufen. Und trotzdem: «Ich fand es als junge Lehrerin ungemein herausfordernd, gutes Material für den Unterricht zu finden», sagt sie.
Und so machte sie es einfach selbst. «Man kann sehr schön an Quellen zeigen, dass etwa die Verschmutzung der Flüsse im römischen Reich ein Riesenthema war – die Römer hatten keine Trinkwasserqualität wie heute vielerorts in der Schweiz», sagt Bastian. Die Menschen kannten damals den Begriff Klimawandel nicht, aber die Folgen des Handelns der römischen Gesellschaft finden sich in überlieferten Texten, in anschaulichen Berichten über Müll im Tiber oder die Folgen der Abholzung riesiger Wälder im heutigen Frankreich.
Druck auf Schulen steigt
Das Engagement der jungen Lehrerin sprach sich herum, bald bekam sie Anfragen, etwa von der kostenfreien Lernplattform Planet-N, ob sie ihr Unterrichtsmaterial nicht teilen wolle. Das machte sie und merkte: Ich kann meinen Impact vergrössern.
Heute gibt es keinen Mangel an Material. Viele Lehrkräfte seien dadurch eher überfordert: «Lehrpersonen wissen oft gar nicht mehr, wie sie aus der Menge wirklich gutes Material auswählen sollen», sagt Bastian. Gleichzeitig steige der Druck auf Schulen insgesamt. Neben Digitalisierung, neuen Lernformen oder Inklusion solle nun auch noch Klimabildung umfassend umgesetzt werden.
Mittlerweile leitet Miriam Bastian unter dem Dach des Schweizer Vereins MyBluePlanet das Programm «Klimaschule». Fast 50 Schulen in der Schweiz haben das mehrjährige Programm bereits durchlaufen. Die Klimaschule möchte Schulen darin unterstützen, die langfristige Klimastrategie des Bundes, der Kantone und der Gemeinden umzusetzen. Nicht einzelne Unterrichtsstunden stehen im Mittelpunkt, sondern konkrete Veränderungen im Schulalltag – von Solaranlagen auf Schuldächern über die naturnahe Aufwertung des Schulareals bis hin zu Kleidertauschbörsen oder Klimaräten.
Besonders wichtig ist Bastian der handlungsorientierte Ansatz. «So viele Kinder empfinden Ohnmacht vor dem Thema Klimawandel», sagt sie. Deshalb brauche es «explizit Handlungsmöglichkeiten und Hoffnungsperspektiven». Es gibt ganz greifbare Aktionen wie den Blackout Day, ein simulierter Stromausfall, um den Schülerinnen und Schülern aufzuzeigen, wofür es eigentlich alles Energie braucht und wie Energie produziert wird.
Das Geschäft mit der Sicherheit
Bastian berichtet von einer Schule, an der Vermüllung und Vandalismus nach der Umgestaltung des Schulgeländes stark zurückgegangen seien: «Die Schülerinnen und Schüler haben sich wirklich als aktiven Teil der Schule erlebt.» Auch Eltern könnten hier aktiv helfen. Entscheidend sei nun, Klimabildung dauerhaft im Schulalltag zu verankern – nicht als kurzfristiges Projekt, sondern als Teil einer langfristigen Schulentwicklung.
Aus der Suche nach dem vermeintlich klimasicheren Zuhause ist längst ein Markt geworden – mit Wachstumspotenzial. Nur ein Beispiel: In den USA etwa hat Michael Hanrahan mit climatehaven.com eine Mischung aus Bildungsplattform für mehr Klimaresilienz und Umzugsberatung gegründet – Survival-Kits und Hurrikan-feste Regenmäntel gibt es im Online-Shop auch. Aber auch die grossen Unternehmensberatungen haben längst Services im Angebot, um möglichst klimasichere Standorte und Investmentfelder für ihre Kunden zu finden.
Wir lassen die Phase der reinen Angst vor dem Klimawandel hinter uns und entwickeln uns hin zu einem proaktiveren Umgang mit dem Thema
Pharag Khanna, Politikwissenschaftler
Parag Khanna lebt in Singapur und hat seine Forschung auf globale Trends, Geopolitik und Mobilität spezialisiert. Mit AlphaGeo hat er eine Plattform gegründet, die eine Vorhersage von Immobilienwerten in Zeiten des Klimawandels bietet. AlphaGeo bewertet dabei nicht nur Klimarisiken selbst, sondern auch die Fähigkeit eines Standorts, mit diesen Risiken umzugehen – etwa durch Infrastruktur, Schutzmassnahmen oder technische Anpassungen.
Khanna sieht eine Veränderung beim Blick auf den Klimawandel. «Ich glaube, wir lassen die Phase der reinen Angst vor dem Klimawandel hinter uns und entwickeln uns hin zu einem proaktiveren Umgang mit dem Thema», sagt er. Jugendliche werde zunehmend lösungsorientiert und betrachten den Umgang mit dem Klimawandel als eine zivilisatorische und generationsübergreifende Aufgabe; sie machen die Förderung von nachhaltigem Umweltmanagement, kohlenstoffarmer Energie oder Technologien zur Klimaanpassung zu ihrem Beruf.
Zugang zu möglichst vielen Orten
Khanna sagt, dass sich unser Blick auf «Heimat» massiv verändern wird. In seinem Buch «Move: Das Zeitalter der Migration» hat er Migration als unvermeidbare und notwendige Anpassungsstrategie der Menschheit an Klimawandel und demografische Verschiebungen beschrieben.
«Die Zeit der Nationen ist vorbei, wir kehren zurück zu unseren nomadischen Wurzeln», sagte er bei der Buchveröffentlichung. Mobilität sei die wertvollste Fähigkeit. «Es gab noch nie einen besseren Zeitpunkt in der Geschichte, um jung, qualifiziert und mobil zu sein. Fast jedes Land will dich haben», sagt Khanna. Deshalb plädiert er dafür, sich nicht für einen Ort zu entscheiden, sondern sicherzustellen, dass man Zugang zu so vielen begehrten Orten wie möglich hat.
Was können Eltern tun, um Kinder grosszuziehen, die die von ihm beschriebene Mobilität leben? Er ermutige seine Kinder dazu, «weltgewandt» zu sein – also kulturelles Bewusstsein und Scharfsinn zu entwickeln. Dann gebe es natürlich das Reisen, durch das man Selbstvertrauen für Mobilität in der realen Welt gewinnt. Khanna weiss natürlich auch, dass das nicht jedem Menschen auf der Welt möglich ist. Wenn Khanna aus Singapur umziehen müsste, würde er nach Zürich kommen. «Es ist eine alpine Oase mit ausreichend Stabilität, Geld und Süsswasser», sagt er.
Die Bedeutung von Gefühlen – und der Spagat für Eltern
Kaum jemand weiss so gut, was der Klimawandel mit der Erde machen wird, wie Kate Marvel. Die gelernte Astrophysikerin arbeitet heute als Klimawissenschaftlerin für die NASA und an der Columbia University und forscht mit grossen Klimamodellen. In ihrem Buch «Human Nature» schreibt sie über den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Gefühlen – und wie sie damit als Wissenschaftlerin und Mutter umgeht.
Sie sieht in ihrer täglichen Arbeit, dass ihre Kinder ihr Leben lang mit den Auswirkungen des Klimawandels leben müssen. «Aber sie werden auch Teil der Generation sein müssen, die die Erwärmung der Erde aufhält», sagt Marvel. Die Kinder von heute würden schliesslich in praktisch jedem Berufsfeld mit dem Klimawandel zu tun haben – egal ob sie nun auf Baustellen, bei der Feuerwehr oder im Cockpit eines Flugzeugs arbeiten.
«Es gehört für mich zur Erziehung eines Kindes dazu, ihm zu helfen, seine Verantwortung gegenüber allen und allem, mit denen es den Planeten teilt, zu verstehen.» Man könne, so sieht es Marvel, auch schon mit Primarschulkindern über Probleme und mögliche Lösungen sprechen. Denn wo es Lösungen gibt, da sinkt die Gefahr, dass sich Angst machender Fatalismus einstelle.
Marvel hat ein ganzes Buch über Gefühle und deren Bedeutung für die Forschung geschrieben. Und doch will sie auf ein zentrales Gefühl beim Blick auf den Klimawandel bewusst nicht setzen: «Wir brauchen keine Hoffnung, was die Zukunft der Erde angeht, wir haben etwas viel Besseres: Wissen.»
Für Eltern ist es ein Spagat: Sie müssen ihren Kindern ein Gefühl von Sicherheit vermitteln und sie gleichzeitig befähigen, in einer sich verändernden Welt zunehmend flexibel zu werden. Sicherheit entsteht weniger durch Geografie als durch Gemeinschaft, Anpassungsfähigkeit und Erwachsene, die Zuversicht vorleben – im Privaten genauso wie an Schulen.
Eltern können dabei Handlungsfähigkeit, Gemeinschaft und Sinn vermitteln. Und Kinder brauchen die Erfahrung, dass Erwachsene wissen, wie man mit Veränderungen umgeht. Die Flucht in ein scheinbar sicheres Land wird genauso wenig helfen wie der Bunker unter dem Zuhause.









