«Jedes Kind will sich ­entwickeln – und somit lernen»

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Kinder folgen keinem Lehrplan, sondern ihrem eigenen Tempo, ist Kinderarzt und Buchautor Remo Largo überzeugt. Seine Devise: Lernfreude und Selbstvertrauen stärken statt Druck aufsetzen.
Interview: Evelin Hartmann

Bilder: Tanja Demarmels / 13 Photo

Herr Largo, Kinder treten hierzulande in der Regel mit sechs Jahren vom Kindergarten in die Schule ein. Ein Meilenstein für die ganze Familie.

Das erlebe ich genauso. Für Eltern und Kinder fängt mit dem Schuleintritt der Ernst des Lebens an. Die Eltern sind gespannt, wie sich ihr Kind in der Schule behaupten wird. Die Kinder freuen sich, endlich in die Schule gehen zu dürfen. Sie wollen lesen und rechnen lernen. Sie strahlen die Lehrerin an, obwohl sie diese überhaupt noch nicht kennen. Sie wollen von ihr angenommen und beim Lernen unterstützt werden.

Die Unterschiede in der Entwicklung umfassen beim Schulstart mindestens drei Jahre. Bis zur Oberstufe nehmen sie nochmals deutlich zu.

In Ihren Büchern betonen Sie immer wieder die extremen Unterschiede in der Entwicklung der Kinder, bereits in den ersten Lebensjahren, aber auch im Schulalter. Sie sprechen dabei von einer interindividuellen Variabilität.

Wenn eine Lehrerin eine erste Primarklasse mit zwanzig sechsjährigen Kindern vor sich hat, unterscheiden sich die Kinder in ihrem Entwicklungsalter um mindestens drei Jahre. So steht beispielsweise ein Bub, nennen wir ihn Marcel, auf dem Entwicklungsstand eines Siebeneinhalbjährigen und kann bereits lesen, während die gleichaltrige Laura mit ihrem Entwicklungsalter von viereinhalb Jahren noch weit davon entfernt ist. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Kinder auch in ihrem chronologischen Alter bis zu einem Jahr unterscheiden können.

Das heisst, das älteste Kind der Klasse hat Ende ­August Geburtstag, also zu Beginn des Schuljahrs, das jüngste im darauffolgenden Juni – am Ende des Schuljahrs. Gleichen sich Marcel und Laura im Laufe der Schulzeit einander nicht an?

Im Gegenteil. Bis zur Oberstufe nehmen die Unterschiede noch einmal deutlich zu. Mit 13 Jahren variiert das Entwicklungsalter von 10 bis 16 Jahren zwischen den am weitesten entwickelten Kindern einer Klasse und jenen, die sich am langsamsten entwickeln.

Remo Largo über kindliche Entwicklung
Remo H. Largo leitete 30 Jahre die Abteilung Wachstum und Entwicklung am Zürcher Kinderspital. Seine Bücher «Babyjahre», «Kinderjahre» und «Schülerjahre» sind Standardwerke und Longseller. Remo Largo verstarb am 11. November 2020 und hinterliess drei Töchter und vier Enkelkinder.

Eltern wundern sich auch immer wieder, wie ­unterschiedlich Begabungen nicht nur unter ­Geschwistern, sondern selbst bei ein und demselben Kind ausgeprägt sein können. So ist die kleine Anna schon sehr gut im Lesen, aber noch schwach im ­Rechnen. Wie lässt sich das erklären?

Das rührt von der Vielfalt im Kind selbst her, der sogenannten intraindividuellen Variabilität. Diese Vielfalt führt dazu, dass jedes Kind, aber auch jeder Erwachsene sein ihm eigenes Begabungsprofil hat. So kann ein Erstklässler bereits gut lesen, rechnen kann er aber noch kaum. Für die Eltern und vor allem für die Lehrer bedeutet dies, dass sie sich auf jedes Kind je nach Kompetenz und Lernsituation individuell einstellen müssen. Was im Schulgesetz des Kantons Zürich ausdrücklich verlangt wird. Das ist, zusammen mit den zahlreichen Unterschieden zwischen den Kindern, eine grosse päda­gogische Herausforderung.

Wie kann eine Lehrperson dem gerecht werden?

Nicht indem sie sich am Lehrplan und damit am Durchschnitt einer Klasse orientiert und dabei hofft, dass sie Laura auf das Niveau der Sechsjährigen hieven kann, ohne dabei Marcel zu langweilen – so, wie es leider noch viel zu häufig praktiziert wird. Das kann aus entwicklungsbiologischen Gründen nicht funktionieren.

Was sind die Folgen einer solchen «Gleichmacherei»?

Der Durchschnitt, sagen wir etwa zwei Drittel der Schüler, kommt im Unterricht gut mit, ist motiviert, kann die Anforderungen erfüllen und hat Erfolg beim Lernen. Ein Sechstel ist gelangweilt und fühlt sich unterfordert. Vielleicht passen sich diese Kinder an und verhalten sich ruhig, vielleicht sind sie aber auch frustriert und werden verhaltensauffällig. Und dann gibt es noch ein letztes Sechstel, das vom Unterrichtsstoff überfordert wird. Bei ihm bleibt der Lernerfolg aus, was sich negativ auf die Lernmotivation und das Selbstwertgefühl auswirkt. Ob Unter- oder Überforderungen, die Kinder verlieren die Freude an der Schule.

Die pädagogische Herausforderung für Lehrpersonen besteht darin, jenes Niveau an Anforderungen herauszufinden, bei dem das Kind anbeisst.

Was bis hin zu einer Lernverweigerung führen kann?

Im schlechtesten Fall: ja.

Wie können Lehrerinnen und Lehrer es besser machen?

Indem sie jedem Kind Aufgaben geben, die es aufgrund seines Entwicklungsstandes auch lösen kann. Grundsätzlich gilt: Jedes Kind will sich entwickeln – und somit lernen. Aber auf seine Weise und in seinem Tempo. Die Lernmotivation bleibt dann erhalten und das Selbstwert­gefühl wird gestärkt, wenn schulische Anforderungen und Fähigkeiten des Kindes so weit übereinstimmen, dass das Kind in seinen Lernbemühungen zumeist erfolgreich ist. Die pädagogische Herausforderung für Lehrpersonen besteht darin, jenes Niveau an Anforderungen herauszufinden, bei dem das Kind «anbeisst».

Keine leichte Aufgabe bei zwanzig und mehr Schülern in einer Klasse ...

Finden Sie? Lehrer haben mir immer bestätigt, dass diese Form des individuellen Lernens nicht nur den Kindern, sondern auch ihnen selbst das Leben leichter macht: Die Kinder sind motivierter, aufmerksamer und arbeiten letztendlich besser mit. Ein individualisierter Unterricht gibt dem Lehrer eine Bestätigung, da er das Kind besser erfassen und begleiten kann – eine grosse Befriedigung.

40 Prozent der Fertigkeiten und des Wissens eigenen sich Kinder von Mitschülern an.

Ich kenne Primarschulen in Deutschland, in denen die Klassenverbände aufgelöst wurden und die Schüler nur noch in Jahrgängen zusammengefasst unterrichtet werden. Jedes Kind arbeitet allein oder zu zweit an seinen Aufgaben. Neue Lerninhalte vermittelt die Lehrerin in Kleingruppen.

Solche Positivbeispiele gibt es auch hier, an privaten wie an öffentlichen Schulen. Es hat sich auch gezeigt, dass etwa 40 Prozent der Fertigkeiten und des Wissens, die sich die Kinder aneignen, nicht von der Lehrerin stammen, sondern von den Mitschülern, meist den älteren, was sich wieder positiv auf die Sozial­entwicklung aller Schüler auswirkt.

Dabei berichten viele Lehrer, dass es nicht selten die Eltern sind, die ein rasches Vorankommen im Lehrplan fordern.

Leider. Dahinter steckt ein hoher gesellschaftlicher Druck. Die Angst, dass wir möglicherweise den Gipfel des Wohlstands erreicht haben, greift immer mehr um sich. Nachdem es jahrzehntelang wirtschaftlich immer aufwärtsgegangen ist, könnte es nun abwärtsgehen. Die Eltern wollen mit allen Mitteln der Förderung sicherstellen, dass ihren Kindern der soziale Status erhalten bleibt. Diese existenzielle Angst übertragen die Eltern als Druck auf die Kinder: Je erfolgreicher die Schulkarriere, desto besser stehen die Chancen für mein Kind.

Evelin Hartmann spricht mit Remo Largo über kindliche Entwicklung
Evelin Hartmann, stellvertretende Chefredaktorin von Fritz+Fränzi, im Gespräch mit Remo Largo. (Bild: Nik Niethammer)

Daher boomen Frühförderkurse für Babys sowie Kleinkinder, aber auch Nachhilfelehrer sind sehr gut im Geschäft.

Was den Kindern überhaupt nichts bringt. Kinder wollen selbstbestimmt Erfahrungen machen, die ihrem Entwicklungsstand entsprechen. Es gibt Eltern, die ihrem zweijährigen Kind jeden Tag Tafeln mit Buchstaben vor das Gesicht halten in der Hoffnung, es würde früher lesen. Dieser Förderwahn hat nichts mit dem Kind und seinem Lernverhalten zu tun. Im Gegenteil, er kann dazu führen, dass beim Kind Lernmotivation und Selbstwertgefühl abnehmen und damit seine Entwicklung beeinträchtigt wird.

Somit bringt es auch nichts, sich vor dem ersten ­Schultag mit seinem Kind schon mal Buchstaben und Zahlen anzuschauen?

Wenn das Kind spontan noch kein Interesse dafür zeigt, werden die Eltern es nur unnötig verunsichern. Mir ist keine Studie bekannt, die überzeugend zeigen würde, dass vermehrtes Üben die Entwicklung eines Kindes beschleunigen kann.

Eltern sollten ihrem Kind immer den Rücken stärken, gerade wenn es in der Schule nicht gut läuft.

Und wenn das Interesse vom Kind ausgeht?

Dann sollen die Eltern das Kind unterstützen. Es gibt drei- bis vierjährige Kinder, die sich das Lesen praktisch selber beibringen. Das Lernbedürfnis eines Kindes abzuwürgen, ist genauso falsch, wie ein schwächeres Kind zu überfordern.

Wenn Pushen nichts bringt: Wie können sich Eltern besser verhalten?

Eltern müssen selbst mit ihren Ängsten und Erwartungen umgehen lernen, indem sie diese hinterfragen. Sie dürfen sich auf etwas verlassen: Ihr Kind will sich entwickeln. Ich kenne kein Kind, behinderte Kinder eingeschlossen, das nicht neugierig ist und lernen will. Die Frage an uns ist vielmehr, ob wir als Eltern und Lehrer das Tempo in seiner Entwicklung akzeptieren oder nicht. Eine ganz wichtige Aufgabe der Eltern ist es, ihrem Kind immer den Rücken zu stärken, gerade dann, wenn es in der Schule nicht gut läuft: «Wir sind überzeugt, du kannst lernen, und wir finden, du gibst dir grosse Mühe.» Kritik oder gar Strafen sind Gift für das Kind. Es wird verunsichert und fühlt sich alleingelassen, schlimmstenfalls abgelehnt.

Und wenn ein Kind in der Schule unterfordert scheint?

Ebenso wie bei einer Überforderung können die Eltern dies in einem Gespräch mit der Lehrerin thematisieren. Inwiefern diese darauf eingeht, hängt von der Lehrkraft ab. Eltern können aber auch selbst dafür sorgen, dass sich ihr Kind mehr gefordert fühlt. In Bezug aufs Lesen ist das beispielsweise sehr einfach: Man nimmt das Kind in eine Bibliothek mit, schaut gemeinsam das Angebot an und lässt das Kind wählen, welches Buch es nach Hause nehmen möchte.

Was ist der wichtigste Beitrag, den Eltern und Lehrer an die Entwicklung eines Kindes leisten können?

Eine gute Beziehung, geprägt durch Kontinuität, Verlässlichkeit und Vertrauen, ist die Grundvoraussetzung dafür, dass ein Kind überhaupt lernen kann. Und die Gewissheit zu vermitteln: «Wir trauen dir etwas zu, du kannst lernen und du kannst etwas bewirken.» Ein festes Gefühl von Selbstwert und Selbstwirksamkeit entstehen zu lassen, ist genauso wichtig wie das Vermitteln von Fertigkeiten und Wissen. Nur so werden Kinder zu jungen Erwachsenen, die an sich glauben und überzeugt sind, dass sie in dieser Welt bestehen werden.