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Hoffentlich wird es mein Kind nicht sehr viel schlechter haben

Aus Ausgabe
07+08 / Juli+August 2026
Lesedauer: 3 min

Hoffentlich wird es mein Kind nicht sehr viel schlechter haben

Unseren Kolumnisten plagen Zukunftsängste: In welcher Welt wird sein Sohn einst leben? Und, hilft vorlesen, während die Welt untergeht?
Text: Lukas Linder

Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Mein Kind soll es einmal besser haben. Wir alle kennen diesen Satz. Es ist der Wunsch aller einigermassen vernünftigen Eltern. Was aber ist, wenn die Eltern es bereits ziemlich gut hatten? Wenn sie, so wie ich, in den sorglosen Neunzigern aufgewachsen sind und die einzige Gefahr für sie darin bestand, einen Hirnschaden zu bekommen, weil sie zu viel «Bravo Hits 19» hörten?

Die Musik ist seither besser, aber alles andere schlimmer geworden. Der Fortschritt macht grad Pause. Und der elterliche Wunsch muss umformuliert werden: Hoffentlich wird es mein Kind nicht sehr viel schlechter haben.

Mein Sohn wird bald merken, wie unsicher die Welt ist, in der er lebt. Er wird Fragen stellen. Was werde ich ihm dann antworten? Pech gehabt?

Damit wir uns richtig verstehen: Ich rede hier nicht von Skifahren und der skandalösen Verteuerung von Tagespässen in Wintersportgebieten. Ich bin ziemlich optimistisch, dass unsere Kinder auch ohne das Vergnügen, in halsbrecherischer Manier einen Schneehang herunterzudonnern, ein durchaus passables Leben haben können.

Die Covid-Pandemie als Zäsur

Nein. Ich rede von Bildung. Von Gesundheit. Von Sicherheit und Wohlstand. Bei unserem Sohn stand schon die Geburt unter einem schlechten Stern. Er ist während der Pandemie auf die Welt gekommen. Zwar hat er davon nicht viel mitbekommen, aber die Welt befand sich damals im Ausnahmezustand und manche, darunter seine Eltern, haben sich bis heute nicht ganz davon erholt.

Man spricht nur über diese merkwürdige Zeit, wenn mal wieder rauskommt, dass ein Hockeytrainer sein Impfzertifikat gefälscht hat. Und doch kommt es mir so vor, als hätte sich der Lauf der Welt seither nicht mehr so richtig eingerenkt. Als wären wir entgleist und führen einfach weiter, ohne es wahrhaben zu wollen.

Gleichzeitig hat die künstliche Intelligenz seither eine enorme Entwicklung durchlaufen, was wiederum viel Unsicherheit produziert. «Was willst du später einmal werden?», fragen wir manchmal unseren Sohn.

«Pilot!» – «Woher hast du das Kerosin?»

«Koch!» – «Geht doch keiner mehr ins Restaurant. Bei den Preisen?»

«Sachbearbeiter im Personalwesen.» – «Das soll wohl ein Scherz sein?»

«Künstler!» – «Arrrg!»

Vorlesen während die Welt untergeht

Das ist auch so eine Ungerechtigkeit. Meine eigenen Eltern waren Büezer, die hart dafür gearbeitet haben, dass sich ihr Sohn den Luxus eines Künstlerlebens leisten konnte. Ich arbeite zwar auch hart, doch suche ich in meiner Tantiemenabrechnung vergeblich nach Anzeichen von Freiheit oder gar Luxus. Ich kompensiere den Mangel, indem ich meinem Sohn stundenlang vorlese, Geschichten für ihn erfinde und allgemein viel Zeit mit ihm verbringe. Zeit statt Geld. Nun ist dies, entgegen dem Sprichwort, eben nicht dasselbe. Und so frage ich mich, wann der Schwindel auffliegt.

Mein Blick geht von «Pu, dem Bären» zum Tablet mit den erschreckenden News des Tages. Ich erschauere und ich denke: Ich muss etwas tun. Mein Gott. Was soll ich nur tun?

Bislang hat sich mein Sohn nicht beklagt. Klar: Er ist sechs und interessiert sich im Moment für das Leben der Saurier. Die Gegenwart ist nicht so sein Ding und die Zukunft existiert nur im Hinblick auf seinen nächsten Geburtstag. Aber er wird älter werden und eines Tages wird er merken, wie unsicher die Welt ist, in der er lebt. Und er wird Vergleiche anstellen. Vergleiche zu früher. Vergleiche zu mir.

Er wird Fragen stellen. Was werde ich ihm dann antworten? Pech gehabt? Es stimmt. Es gibt viele Dinge, die wir nicht beeinflussen können. Und natürlich geht es nicht um Skipässe und Ferien in Luxusresorts. Natürlich sind Zeit und Liebe und Verständnis so viel wichtiger. Das sage ich mir immer wieder. Ich sage es mir jeden Tag. Vorlesen, während die Welt untergeht! Aber dann schweife ich ab und mein Blick geht von «Pu, dem Bären» zum Tablet mit den erschreckenden News des Tages. Ich erschauere und ich denke: Ich muss etwas tun. Mein Gott. Was soll ich nur tun?