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«Meine Frau ist am Limit»

Aus Ausgabe
06 / Juni 2026
Lesedauer: 6 min
Ein Vater meldet sich beim Elternnotruf, weil er nicht weiss, wie er mit der Sorge um seine Frau und seine Kinder umgehen soll.
Aufgezeichnet von Deborah Forster

Bild: Getty Images

Vater: Guten Tag. Ich weiss nicht mehr weiter. Es geht um meine Frau und meine Kinder. Ich mache mir grosse Sorgen um sie.

Beraterin: Danke, dass Sie sich bei uns melden. Worum geht es?

Vater: Meine Frau ist am Limit. Wir haben vier Kinder, sie ist zu Hause, ich arbeite Vollzeit. Das war unser Plan. Ich verdiene auch mehr – also schien es logisch. Aber sie ist so erschöpft und oft sehr gereizt. Sie hat keine Freude mehr, auch nicht am Muttersein. Und das spüren die Kinder. Vor allem unsere Jüngste, sie ist fünf. Meine Frau ist manchmal grob, vor allem zu ihr.

Ich will die Ehe nicht aufgeben, ich liebe meine Frau. Was die Kinder aber erleben, gibt mir ein schlechtes Gefühl.

Vater

Beraterin: Sie schildern eine belastende Situation. Gleichzeitig spüre ich, wie viel Ihnen an Ihrer Familie liegt – an Ihren Kindern, an Ihrer Frau. Wie lange ist die Situation schon so?

Vater: Schon länger. Aber es wird immer schlimmer. Die Kinder brauchen ihre Mutter noch sehr, besonders die Jüngste. Genau das macht es so schwer auszuhalten. Ich habe versucht, mit meiner Frau zu reden. Ich habe vorgeschlagen, dass wir uns Unterstützung holen. Ich hätte sogar mein Pensum reduziert, damit sie wieder arbeiten könnte. Ich bin sicher, dass ihr das guttun würde.

Beraterin: Sie haben also schon sehr konkrete Lösungen angeboten. Was passiert denn, wenn Sie ihr Ihre Beobachtungen und Ihre Sorge mitteilen?

Vater: Sie wird wütend und sagt, dass ich übertreibe. Oder sie meint, dass ich keine Ahnung habe, wie es ihr gehe. Manchmal sagt sie auch gar nichts. Ich habe selbst schon die Familienberatung aufgesucht, ich habe Tipps erhalten. Gerne würde ich diese umsetzen, aber ich merke – ich kann die Situation nicht allein verändern.

Beraterin: Das, was Sie beschreiben, ist eine klassische Dynamik. Mir ist wichtig, das klar zu benennen: Ihre Frau steckt in einer tiefen Erschöpfung, möglicherweise in einer Depression, auch wenn sie das selbst nicht so sieht. So interpretiere ich Ihre Schilderung. Und Sie übernehmen immer mehr Verantwortung: Sie suchen Beratung, denken über Lösungen nach, sorgen sich um die Kinder. Das ist aufreibend. Gleichzeitig verändert es wenig an dem, was wirklich nötig wäre.

Vater: Genau. Ich weiss nicht mehr, was ich tun soll. Ich will diese Ehe nicht aufgeben. Ich liebe meine Frau. Aber was die Kinder in der letzten Zeit erleben – da kann ich nicht einfach zuschauen. Das gibt mir ein schlechtes Gefühl.

Beraterin: Sie benennen gerade etwas sehr Wichtiges – eine innere Zerrissenheit. Auf der einen Seite Ihre Bindung zu ihr, Ihr Wunsch, die Familie zu erhalten. Auf der anderen Seite der Schutz Ihrer Kinder. Das ist ein Widerspruch, den Sie nicht einfach auflösen können. Und diese Zerrissenheit darf nicht dazu führen, dass Sie das Wohlergehen Ihrer Kinder der Paarbeziehung unterordnen.

Vater: Es ist schmerzhaft, das so zu hören. Aber ich glaube, Sie haben recht.

Zeigen Sie Präsenz, bieten Sie Entlastung an und spiegeln Sie Ihrer Frau vorwurfsfrei: Ich mache mir Sorgen um dich.

Beraterin

Beraterin: Darf ich Sie noch etwas fragen? Wie geht es Ihnen selbst in all dem?

Vater: Das fragt mich selten jemand. Ich funktioniere einfach. Ich mache weiter, weil ich es tun muss. Aber ehrlich gesagt – ich bin auch erschöpft. Und manchmal wütend. Dann schäme ich mich dafür.

Beraterin: Das ist wichtig, dass Sie das sagen. Erschöpfung und Wut sind keine Schwäche – sie zeigen, dass Sie schon sehr lange sehr viel tragen. Scham ist oft eine Begleiterscheinung, wenn man meint, bestimmte Gefühle nicht haben zu dürfen. Wichtig ist: Nicht nur Ihre Familie, sondern auch Sie selbst benötigen Unterstützung.

Vater: Aber was kann ich denn nun konkret tun?

Beraterin: Stärken Sie Ihre Präsenz bei den Kindern, insbesondere bei der Jüngsten. Dabei geht es nicht um Kontrolle, sondern darum, dass die Kinder eine verlässliche und stabile erwachsene Bezugsperson brauchen. Wäre eine Reduzierung Ihres Arbeitspensums denkbar, selbst wenn Ihre Frau nicht arbeitet? So könnten Sie mehr Verantwortung für die Kinder übernehmen – und gleichzeitig Ihre Frau entlasten, indem Sie ihr einen Tag Erholung ermöglichen.

Vater: Das habe ich mir tatsächlich auch schon überlegt. Es würde zwar finanziell enger, aber ich wäre bereit, dies für einen beschränkten Zeitraum zu organisieren.

Beraterin: Entlastung scheint mir ein wichtiges Stichwort. Das kann auch bedeuten, die vier Kinder mal an einem Wochenende zu betreuen und Ihrer Frau so ein paar freie Tage zu ermöglichen.

Vater: Das ist eine gute Idee. Ich wünschte mir, ich hätte das alles früher erkannt. Ich war einfach auch zu wenig da.

Wichtig ist, dass auch Sie sich nun Unterstützung für sich organisieren. Sie können Ihren Kindern nur dann ein guter Vater sein, wenn Sie selbst nicht unter Wasser sind.

Beraterin

Beraterin: Ich verstehe Ihre Gefühle. Aber Sie können auch jetzt noch einiges tun: Präsenz zeigen, Grenzen benennen, Entlastung anbieten und Ihrer Frau vorwurfsfrei spiegeln: Ich mache mir Sorgen um dich. Ich will, dass es dir besser geht. Bitte lass dir helfen. Sie können ihr von diesem Telefonat erzählen und sie darauf hinweisen, dass auch sie dieses Beratungsangebot nutzen kann. Ich kann mir gut vorstellen, dass durch Ihre liebevolle Zuwendung ihre Bereitschaft wächst, sich Hilfe zu holen. Und es wäre tatsächlich wichtig, dass Ihre Frau Unterstützung erhält.

Vater: Und wenn sie weiterhin Nein zu allem sagt?

Beraterin: Das würde die nächste grosse Herausforderung für Sie bedeuten, denn Sie müssten sich die nächsten Schritte überlegen. So weit ist es aber noch nicht. Wichtig ist, dass auch Sie sich nun Unterstützung für sich organisieren. Sie können Ihren Kindern nur dann ein guter Vater sein, wenn Sie selbst nicht unter Wasser sind.

Vater: Ich hatte Angst, das alles so klar auszusprechen. Sie haben mir Mut gemacht, meine nächsten Schritte anzugehen.

Beraterin: Ich finde es mutig, dass Sie angerufen haben. Ich wünsche Ihnen und der ganzen Familie alles Gute!

Dieses Protokoll ist die stark verkürzte und auf das Wesentliche reduzierte Aufzeichnung eines längeren Beratungsgesprächs. Wir möchten damit einerseits Einblick geben in unsere Arbeit und andererseits den Leserinnen und Lesern Denkanstösse für ähnliche Fragestellungen vermitteln.
Yvonne Müller, Co-Leiterin Elternnotruf

Elternnotruf

Bei Themen rund um den Familien- und Erziehungsalltag ist der Verein Elternnotruf seit über 40 Jahren für Eltern, Angehörige und Fachpersonen eine wichtige Anlaufstelle – sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Die Beratungen finden telefonisch, per Mail, Chat oder vor Ort statt.
www.elternnotruf.ch
Telefon: 0848 35 45 55 (zum Festnetztarif)