«Ich habe Angst, meinen Eltern schlechte Noten zu beichten»
«Frag doch mal Sarah!»
Meine Eltern legen sehr viel Wert auf gute Noten. Wenn ich mal eine Prüfung versemmelt habe, traue ich mich kaum, es ihnen zu sagen. Und weil ich jetzt in der sechsten Klasse bin, geht es um den Übertritt in die Oberstufe. Sie sagen mir fast jeden Tag, dass ich einfach mehr und besser lernen müsse. Aber es klappt einfach nicht.
Simon, 12
Lieber Simon
Was du mir beschreibst, ist die Angst, deine Eltern zu enttäuschen. Und diese Angst ist leider überhaupt nicht hilfreich. Das kann sogar so weit gehen, dass du schon während des Lernens nicht richtig bei der Sache bist. Dein Gehirn ist abgelenkt mit der Sorge, dass es diesmal wieder nicht klappen wird und deine Note zu schlecht ausfallen könnte. Solange du dich nicht unbelastet – also innerlich frei – auf deinen Schulstoff konzentrieren kannst, wird es schwierig.
So viele Kinder denken, sie seien die Note, die sie bekommen.
Was kannst du dagegen tun? Das Erste, worum du dich kümmern solltest, ist, deine Angst wegzubekommen. Aber dazu brauchst du deine Eltern. Es ist wichtig, dass sie verstehen, weshalb ihr Leistungsdruck genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie erreichen wollen. Mit Leistungsdruck entsteht nämlich sehr rasch Prüfungsangst. Und die Prüfungsangst führt zu schlechteren Noten. Denn unter Stress kannst du keine Top Leistung abliefern, sogar dann nicht, wenn du super vorbereitet bist. Ich hoffe, dass deine Eltern diesen Zusammenhang verstehen und in Zukunft neutraler auf deine Noten reagieren werden.
Deshalb: Bitte sprich mit ihnen und erkläre ihnen, dass du ja wirklich ebenso gerne gute Noten heimbringen möchtest. Aber dass du das nur wieder schaffst, wenn du spürst, dass sie absolut hinter dir stehen. Es ist wichtig, dass sie dich auf deinem Weg unterstützen und dich so akzeptieren, wie du bist. Egal mit welcher Note. Denn das, was zählt, bist du als Mensch.
So viele Kinder denken nämlich, sie seien quasi die Note, die sie bekommen. Und wenn die Note ungenügend ist, denken sie, sie selbst seien «nicht gut genug». Das stimmt aber auf keinen Fall! Du bist nämlich nicht die Note auf dem Blatt Papier, sondern du bist DU! Ich sage oft zu Schülern: «Du als Mensch bist eine 6. Die Note, die du bekommen hast, ist jedoch bloss eine Zahl auf einem Blatt Papier.»
Wie ganz viele andere Kinder leidest auch du darunter, dass deine Eltern negativ reagieren, wenn die Note nicht so gut war. Das tut weh, denn du hast ja nicht absichtlich den Test schlecht abgeliefert. Sondern wahrscheinlich hast du darauf gelernt und dein Bestes gegeben.
Lernen lernen
Mir fällt auf, dass viele Eltern und auch Lehrpersonen den Kindern sagen, dass sie einfach «mehr oder besser» lernen sollten. Und sie werden wütend, traurig oder vorwurfsvoll, wenn das Ergebnis dann nicht ihren Wünschen entspricht.
Leider ist es aber so, dass dieser Anspruch an die Schüler und Schülerinnen einen Haken hat: Wie man am besten lernen kann, wird den Kindern nämlich nicht gut genug beigebracht. Das ist gerade so, als ob man von einem Bauarbeiter verlangte, ein Haus zu bauen – ohne Werkzeuge. Da ist gleich jedem klar, dass sowas nicht funktionieren kann. Aber bei Kindern hofft man, dass sie sich in der Schule verbessern, wenn man dies von ihnen nur klar und streng genug verlangt.
Ich bin deshalb der Meinung, dass jede Schule das Fach «Lernen lernen» anbieten sollte, so wie es manche Schulen bereits (auf Projektebene) tun. Es gibt nämlich einige sehr wirksame und zugleich einfache Lernmethoden, die den Schülerinnen und Schülern Erfolgserlebnisse ermöglichen. Damit jedes Kind eine gefüllte Werkzeugkiste hat, die es befähigt, wirklich gut lernen zu können. Falls dies an deiner Schule nicht angeboten wird, könntest du Hilfe bei einem Lerncoach finden.
Und zum Schluss möchte ich dir, lieber Simon, versichern: Du wirst deinen Weg auf jeden Fall machen! Egal, ob du ins Gymnasium gehen oder die Realschule absolvieren wirst: Es gibt in der Schweiz viele verschiedene Wege, die zum Berufsziel führen. Manchmal braucht es den Weg über eine Lehre. Danach kann man die Berufsmatur absolvieren, um später zum Beispiel an einer Fachhochschule studieren zu können. Und via Passerelle ist es sogar möglich, an eine Universität zu kommen – falls man das denn auch wirklich will.
Das Wichtigste ist doch, dass jeder Mensch eine Tätigkeit findet, die ihm möglichst gut gefällt.
Frag doch mal Sarah
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