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«Meine Mitschülerin meint, ich denke schlecht über sie»

Lesedauer: 5 min

«Meine Mitschülerin meint, ich denke schlecht über sie»

Die 13-jährige Sophia wurde bei einem Gespräch über eine Mitschülerin heimlich belauscht – und schon machen Gerüchte die Runde. Jugendcoach Sarah Zanoni zeigt, wie sie das Missverständnis klären kann.
Text: Sarah Zanoni

Bild: Getty Images

«Frag doch mal Sarah!»

In der Schule habe ich mit einer neuen Mitschülerin über eine andere Kollegin, Emma, geredet. Die Neue wollte wissen, ob ich Emma mag. Da erzählte ich ihr, dass ich mit Emma im Chor singe, wo Emma immer ganz anders ist als in der Klasse. Im Chor ist Emma nämlich total offen, lustig und eine super Kollegin - wir haben jedes Mal extrem viel Spass miteinander. Aber in der Schule verhält sie sich ganz anders: Da ist sie immer mit anderen Mädchen zusammen und mir gegenüber distanziert.

Das Problem ist jetzt, dass dieses Gespräch heimlich von anderen Mädchen mitgehört wurde. Diese haben sofort alles Emma gepetzt. Emma ist am nächsten Tag zu mir gekommen und hat mich gefragt, warum ich solche Dinge über sie erzählte. Sie war total sauer! Was soll ich nur tun? Ich möchte nicht, dass sie meint, ich denke schlecht über sie. Ich mag sie und möchte, dass wir uns weiterhin gut verstehen.
Sophia, 13

Liebe Sophia
Dir ist etwas passiert, was du so nicht wolltest. Aus einer ehrlichen Antwort auf die Frage deiner neuen Mitschülerin ist ein richtiges Missverständnis entstanden.

Jedes Mal, wenn eine Information herumerzählt wird, verändert sie sich ein bisschen.

Missverständnisse können uns im Leben immer wieder passieren. Und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen. Was hier zum Tragen kommt, ist die Tatsache, dass andere Mädchen mitgehört und die Geschichte dann in ihrer eigenen Version weitererzählt haben. Jedes Mal, wenn eine Information herumerzählt wird, verändert sie sich ein bisschen. Das ist völlig normal und hat damit zu tun, dass jeder die Geschichte mit anderen Augen sieht und anderen Ohren hört, als derjenige, der sie zuerst erzählt hat.

Wie ein übles Gerücht entsteht

Aber wenn die Erzählerinnen dies auch noch mit der Absicht tun, dich schlecht dastehen zu lassen, dann kann daraus ein übles Gerücht entstehen. Je mehr eine Originalgeschichte verändert weitererzählt wird, desto weniger hat das Ergebnis mit der Wahrheit zu tun.

Kennst du das Spiel, das manchmal in der Primarschule gespielt wird? Man sitzt oder steht dabei in einem Kreis. Das Kind, das beginnt, muss ein Wort ins Ohr des Kindes neben ihm flüstern, so dass niemand sonst es mithören kann. Das zweite Kind flüstert das Wort weiter ins Ohr des nächsten. Und so weiter – bis am Schluss das letzte Kind laut ausspricht, was es gehört hat. Fast immer hat sich das Anfangswort total verändert und das, was am Ende herauskommt, klingt absolut falsch oder lustig.
Dieses Spiel zeigt sehr deutlich auf, wie Gerüchte entstehen können.

Dass deine Kollegin Emma enttäuscht und verletzt darüber ist, was sie da vernommen hat, ist verständlich. Sie muss ja davon ausgehen, dass du über sie gelästert hast. Und dass gefällt wohl niemandem.

Missverständnis klären

Nun ist es an dir, liebe Sophia, die Situation zu klären. Dazu solltest du den nächsten Schritt machen, auch wenn es etwas Mut von dir verlangt. Aber immerhin war Emma so fair, dich auf die Sache anzusprechen und sich nicht einfach von dir abzuwenden. Ich hoffe, dass es für dich ebenfalls möglich ist, nun auf sie zuzugehen. Es geht darum, dass du mit Emma dieses Missverständnis klären kannst.

Ich spreche von einem Missverständnis, da du ja nicht schlecht über sie geredet hast. Ich gehe davon aus, dass du deine Meinung auch Emma direkt gesagt hättest, wenn sie dich gefragt hätte. Das bedeutet: du hast nicht über sie gelästert. Wenn ich dich richtig verstanden habe, magst du Emma. Du kannst aber nicht ganz nachvollziehen, weshalb sie in der Schule anders (also distanzierter) zu dir ist, als wenn ihr zusammen im Chor seid, wo du sie als nette Kollegin kennengelernt hast. Mehr war da nicht, was du gesagt hast. Also hast du keinen Fehler gemacht.

Es lässt sich nicht voraussagen, wie Emma reagieren wird. Aber ich hoffe, dass sie deinen Mut, deine Ehrlichkeit und deine Kollegialität zu schätzen weiss.

Wer einen Fehler gemacht hat und sich eigentlich bei dir und Emma entschuldigen müsste, sind die anderen Mädchen, die heimlich gelauscht und dann Emma darüber berichtet haben – in ihrer eigenen Version.

In welcher Form du das Missverständnis nun auflösen möchtest, kannst du natürlich selbst bestimmen. Möchtest du sie einfach ansprechen, wenn du sie das nächste Mal siehst? Hier würde ich bedenken, dass ihr vielleicht nicht ungestört sprechen könnt und andere Mädchen sich einmischen könnten. Das wäre ungünstig. Es ist jetzt wichtig, dass ihr euch ohne äussere Einflüsse austauschen könnt.

Ehrlichkeit und Kollegialität sind wichtig

Mein Vorschlag: Schreib sie doch per Handy an, ob ihr irgendwann alleine reden oder telefonieren könnt. Per Telefon kann ein solches Gespräch manchmal genauso gut funktionieren, da du dir einen Zettel bereit legen kannst mit den wichtigsten Punkten, die du ihr sagen möchtest.

Ich empfehle dir, Emma ganz ehrlich zu erklären, wie es dazu gekommen ist und was du wirklich über sie gesagt hattest. Entschuldige dich dafür, falls es sie kränken sollte, denn das war ja nie deine Absicht gewesen. Wichtig finde ich, dass du ihr sagst, wie gern du sie magst und dass du die Zeit mit ihr im Chor jeweils total schön findest.

Leider lässt sich nicht voraussagen, wie Emma darauf reagieren wird. Aber ich hoffe für dich, dass sie deinen Mut, deine Ehrlichkeit und deine Kollegialität zu schätzen weiss. Vielleicht sieht sie die anderen Mädchen danach auch mit anderen Augen. Und ihr werdet womöglich noch richtige Freundinnen. Oder aber sie wendet sich von dir ab, was mir leidtun würde. Aber dann weisst du wenigstens, woran du bei ihr bist.

Frag doch mal Sarah

In unserer Rubrik «Frag doch mal Sarah» beantwortet Jugendcoach Sarah Zanoni Fragen von Kindern und Jugendlichen.
Hast du auch eine Frage, die du ihr gerne stellen würdest? Dann sende eine E-Mail an online@fritzundfraenzi.ch oder kontaktiere uns auf unseren Social-Media-Kanälen.